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Auszeichnung

Pflanzen des Jahres

26.01.2010
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Auszeichnung

Pflanzen des Jahres

von Brigitte M. Gensthaler

Was verbindet Gewürznelke, Herbstzeitlose, Efeu, Vogelkirsche, Sibirische Schwertlilie und Frauenschuh? Sie alle wurden als »Pflanzen des Jahres 2010« gewählt. So ist beispielsweise die Gewürznelke die Heilpflanze, die Herbstzeitlose die Giftpflanze des Jahres. 

Seit Jahren wählen zahlreiche Organisationen bestimmte Pflanzen und Tiere aus, die sie für ein Jahr ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken wollen. Manche sind sehr selten oder im Bestand bedroht, andere weit verbreitet, und um einige ranken sich zahlreiche Legenden. Ein Blick auf einige dieser Berühmtheiten des neuen Jahres verdeutlicht dies.

Im Glühwein und bei Zahnschmerz

Den Gewürznelkenbaum (Syzygium aromaticum) kürte eine Jury des Vereins »NHV Theophrastus« zur Heilpflanze des Jahres 2010. Der etwa 15 Meter hohe, immergrüne Baum stammt aus Indonesien und wird heute auch auf Madagaskar, Sansibar und den Antillen kultiviert. Achtung: Der Baum gehört zur Familie der Myrtengewächse (Myrtaceae), nicht zu den Nelkengewächsen (Caryophyllaceae). 

Alle Pflanzenteile enthalten ätherisches Öl; Hauptkomponenten sind Eugenol, Eugenolacetat und Beta-Caryophyllen. Geerntet werden hauptsächlich die ungeöffneten Blütenknospen, da sie den höchsten Wirkstoffgehalt besitzen. Diese »Nelken« – abgeleitet vom althochdeutschen Wort für »Nägelchen« – sind als Gewürz sehr beliebt, beispielsweise als fester Bestandteil im Glühweingewürz. 

Das durch Destillation aus den Blütenknospen (Caryophylli flos) gewonnene ätherische Öl wird seit langem medizinisch eingesetzt. Meist gemischt mit anderen Drogenauszügen diente es als Aromaticum bei Magenschleimhautentzündungen und Blähungen. Bekannter ist jedoch seine Verwendung in der Zahnheilkunde und zur Mundpflege. Das ätherische Öl wirkt lokal schmerzstillend, entzündungshemmend und antibakteriell. 

Der Verein NHV verrät, wie man die Qualität von Gewürznelken im Haushalt testen kann. Man legt sie ins Wasser. Gehen sie unter oder schwimmen mit dem Stiel nach unten, ist dies ein Zeichen für gute Ware. Dann sei genügend ätherisches Öl enthalten, so die Experten. 

Efeu für Dichter und Brautleute

Die »Arzneipflanze des Jahres« kürt der Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde vom Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg. 2010 fiel seine Wahl auf den Efeu (Hedera helix).

Die Pflanze ist eng mit der europäischen Medizin- und Kulturgeschichte verbunden, wie die Wissenschaftler berichten. In der Antike nutzten die Ärzte Efeublätter und -früchte als Schmerzmittel oder in Salben verarbeitet bei Verbrennungen. Bei den Ägyptern war Efeu dem Gott Osiris geweiht, im antiken Griechenland dem Dionysos. Dichtern setzte man einen Kranz aus Efeu aufs Haupt. Dieser sollte die Musen günstig stimmen, denn Efeu war deren heilige Pflanze. Zudem galt Efeu als Symbol des ewigen Lebens, für Liebe und Treue. Brautpaare erhielten die Ranken als Sinnbild ihrer immerwährenden Verbundenheit.

In der modernen Phytotherapie haben definierte Extrakte aus den Blättern ihren festen Stellenwert bei akuten Katarrhen der Atemwege und chronisch-entzündlichen Bronchialerkrankungen, entweder als Einzelarzneimittel oder in Kombination mit anderen Heilpflanzen. Sie wirken schleimlösend, expektorierend und krampflösend. Bei Kindern mit Keuchhusten setzen manche Ärzte Efeuzubereitungen als Begleittherapeutika ein. Hauptinhaltsstoffe sind Triterpensaponine, Flavonoide und Kaffeesäurederivate. 

Für Mensch und Tier giftig

Die »Giftpflanze des Jahres« wird vom Botanischen Sondergarten Wandsbek bei Hamburg bekannt gegeben. Diese Auszeichnung erhielt 2010 die Herbstzeitlose (Colchicum autumnale L.), die in Medizin und Pharmazie gut bekannt ist. Colchicum autumnale enthält in allen Pflanzenteilen das Alkaloid Colchicin, das zur Behandlung des akuten Gichtanfalls eingesetzt wird. Da Colchicin hoch giftig ist, ist das Medikament heute Mittel der zweiten Wahl. Die tödliche Dosis für einen Erwachsenen liegt bei 20 mg; als medizinisch eingesetzte Tageshöchstdosis gelten 6 bis 8 mg! 

Immer wieder kommt es zu Vergiftungen, wenn Menschen beim Bärlauch-Sammeln im Frühjahr dessen aromatisch riechende Blätter mit den geruchlosen Blättern von Herbstzeitloser oder Maiglöckchen verwechseln. Die zarten lila-rosa-farbenen Blüten der Pflanze sprießen erst im Herbst aus der Erde. Bereits 50 g Colchicum-Blätter können tödlich wirken. Die Herbstzeitlose ist auch für viele Tiere giftig. 

Der Legende nach leitet sich der Name Colchicum von der Landschaft Colchis am Schwarzen Meer ab, wo die sagenhafte Giftmischerin Medea gelebt haben soll. Als ein Tropfen ihres Zaubertranks auf die Erde fiel, spross daraus die Herbstzeitlose, so die Sage. Heute schmücken viele Sorten der aparten Pflanze Parks und Gärten.

Medizinisch hat der »Baum des Jahres« heute keine Bedeutung mehr, er ist jedoch sehr dekorativ: Im Frühjahr erfreut die Vogelkirsche (Prunus avium) Wanderer mit ihren strahlend weißen Blüten und im Herbst mit den feurig-roten Blättern. Wilde Bäume kommen vor allem an Waldrändern und in der freien Landschaft vor, berichtet die Stiftung »Menschen für Bäume«. Imker schätzen die Vogelkirsche, denn sie blüht besonders früh und dient Bienen, Hummeln und anderen Insekten als eine erste Nektarquelle.

Die Vogelkirsche ist die »Mutter« aller Süßkirschen, denn die Kirschbäume im Obstbau werden grundsätzlich durch Veredelung erzeugt. Dabei werden qualitativ hochwertige Obstbaumzweige auf den Stamm der Vogelkirsche gepfropft. Die getrockneten Kerne, in Kissen abgefüllt und in der Mikrowelle erhitzt, schätzen viele Menschen bei schmerzenden Gelenken und kalten Füßen.

Zwei Blütenschönheiten

Eine spektakuläre Pflanze wählte der Arbeitskreis Heimische Orchideen (AHO) zur »Orchidee des Jahres« 2010: den Frauenschuh. Der Gelbe Frauenschuh (Cypripedium calceolus) wächst vor allem in lichten Wäldern und auf kalkhaltigen Böden und ist europaweit geschützt. Die Pflanze wird bis zu 60 cm hoch und blüht im Mai und Juni – mit den größten Einzelblüten aller heimischen Orchideen. Der »Schuh«, das pantoffelförmige Blüten-Vorderteil, ist eine Kesselfalle. Ein dünner Ölfilm an den Rändern sorgt dafür, dass Insekten kaum Halt finden und ins Innere abgleiten. Der Weg nach draußen führt an der Blütennarbe vorbei, sodass sie beim Vorbeikrabbeln die Pflanze bestäuben.

Nicht minder attraktiv ist die »Blume des Jahres«. Mit der Sibirischen Schwertlilie (Iris sibirica) haben die Stiftung Naturschutz Hamburg und die Stiftung Loki Schmid eine der seltensten Blütenpflanzen der Feuchtlebensräume ausgewählt. Sie besiedelt vor allem feuchte Streuwiesen und Niedermoore sowie Teichufer. Im Mai und Juni trägt die Sibirische Schwertlilie auf einem bis zu 1 m hohen Stängel eine bis drei filigrane blauviolette Blüten. Sie gilt in weiten Teilen Mitteleuropas als gefährdet. 

Schwertlilien gehörten ab dem frühen Mittelalter zur Grundausstattung von Kloster- und Burggärten. Es gibt zahlreiche Gartenzüchtungen. Einzelne blau blühende Schwertlilien in der freien Natur sind daher oft keine Wildpflanzen, sondern Gartenflüchtlinge.

Übrigens: Viele weitere Informationen zu Gewürznelken, Efeu und Herbstzeitlose als Arzneipflanzen finden Sie hier.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
bm.gensthaler(at)t-online.de