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Katzenbart

Aquaretikum aus Südostasien

16.12.2010  19:45 Uhr

Von Monika Schulte-Löbbert / Den Bewohnern der tropischen Gebiete Asiens ist der echte Katzenbart traditionell als Heilpflanze bekannt. In Europa wurde die Droge erst im 20. Jahrhundert gehandelt, fast immer unter der Bezeichnung »Indischer Nierentee«. Heute ist Katzenbart in einigen Blasen- und Nierentherapeutika enthalten.

Der echte Katzenbart oder Orthosiphon aristatus gehört zur Familie der Lippenblütler (Lamiaceae). Er stammt aus dem tropischen Asien und ist in den Buschwäldern Ostindiens, Indochinas und Indonesiens und außerdem in Australien weit verbreitet. Auf Java und Sumatra wird Katzenbart kultiviert und die Droge von dort auch importiert.

Die krautige Pflanze wird bis zu 60 Zentimeter hoch. Mit ihrem für Lippenblütler typischen vierkantigen Stängel ähnelt sie äußerlich der Pfefferminze. Die zugespitzten, grob gezähnten Blätter sind wie bei den Mentha-Arten kreuzgegenständig angeordnet. Die Oberseite der Blätter ist sattgrün, ihre Unterseite hell-graugrün mit kräftig hervortretenden Blattnerven und kleinen Drüsenpunkten. Die Blüten stehen zu sechst, seltener zu zehnt in endständigen Quirlen.

Ihren Namen verdankt die Pflanze den vier auffallend langen, blauvioletten Staubblättern, die ebenso wie der lange Griffel aus den hellvioletten Lippenblüten herausragen. »Katzenbart« ist die Übersetzung des indonesischen Namens »Kumis-kuting«, den die holländischen Kolonialherren in »Koemis Koetjing« umformulierten. Der französische Name »mouche de chat« wie auch der englische »long-stamened orthosiphon« beziehen sich ebenfalls auf diese botanische Besonderheit. Der wissenschaftliche Bezeichnung »Orthosiphon aristatus« setzt sich aus einem griechischen und einem lateinischen Anteil zusammen: »Orthosiphon« leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet »aufrecht stehendes Rohr«, das lateinische »aristatus« heißt übersetzt »mit Ähren versehen« und beschreibt die ährenartige Blüte. Die volkstümlichen Namen »Javatee« oder »Indischer Nierentee« erinnern an die Herkunft der Pflanze. Unter diesen Namen wird die Droge auch heute noch gehandelt.

Weg in Europas Arzneischatz

In Südostasien schätzen die Bewohner den Katzenbart seit Jahrhunderten als Mittel gegen Blasen- und Nierenleiden. Gelegentlich setzen sie ihn auch bei Pa­tienten mit Gallensteinen, Gicht, Rheumatismus und Diabetes ein. Nachdem Briten und Niederländer in ihren ostindischen Kolonien auf die Wirkung der Pflanze aufmerksam wurden, importierten sie den Katzenbart nach Europa. Erstmalig beschrieb der britische Botaniker George Bentham (1800 bis 1884) Orthosiphon in dem 1830 erschienenen Edwards’s Botanical Register, einer Art Gartenmagazin für exotische Pflanzen. George Bentham wurde später Präsident der Linnéschen Gesellschaft in London. Sein offizielles botanisches Autorenkürzel lautet »Benth«.

Erst zu Anfang des 20. Jahrhunderts untersuchten Wissenschaftler die einzelnen Wirkkomponenten der Pflanze und führten sie in die europäische Medizin ein. Seit 1905 ist sie zum Beispiel Bestandteil der niederländischen Pharmakopöe. In einer deutschen Publikation wurde der Katzenbart im Jahr 1927 zum ersten Mal erwähnt, als der Wissenschaftler August Gürber vom pharmakologischen Institut in Marburg die Wirkung des indischen Nierentees Koemis Koetjing in der Deutschen medizinischen Wochenschrift beschrieb. Dort heißt es unter anderem: »Nach Berichten indischer und europäischer Aerzte ist die Bezeichnung für die Droge ›Nierentee‹ voll berechtigt, was auch durch die Heilung einer schwer nierenkranken Frau unter meiner Beobachtung bestätigt wird.« Weiter schreibt er: »Versuche an mir selbst und an Medizinalpraktikanten haben einerseits die absolute Harmlosigkeit des Mittels dargetan, andererseits gezeigt, dass Koemis Koetjing ein exquisites Diuretikum ist mit einer Wirkung, die insofern über die unserer sonstigen Diuretika hinausgeht, als durch den Nierentee die Harnmenge weit über das Angebot an harnbarem Wasser getrieben und mit der Steigerung der Harnflut auch die Kochsalzausscheidung gefördert wird.«

Langjährige Erfahrung

Das Europäische Arzneibuch führt als Droge die zerkleinerten, getrockneten Laubblätter und Stängelspitzen von Orthosiphon stamineus Benth. (O. aristatus; O. spicatus). Der am 1. Januar 2010 in Kraft getretene Nachtrag Ph.Eur. 6.4 ergänzt die Monographie »Orthosiphonblätter – Orthosiphonis folium« durch Aufnahme der Abbildungen wichtiger anatomischer Merkmale der gepulverten Droge, was die Identifizierung unter dem Mikroskop sehr erleichtert. Die Droge stammt aus Indonesien. Dort werden die Blätter kurz vor der Blütezeit geerntet und im Schatten bei ausreichender Luftzirkulation getrocknet. Die Droge riecht schwach aromatisch, schmeckt etwas salzig und leicht bitter.

Orthosiphonblätter enthalten etwa 3 Prozent Kaliumsalze, eine relativ große Menge, und nur 0,02 bis 0,06 Prozent eines sehr komplexen ätherischen Öls. Für die Wirkung von Interesse sind die Flavonoide, vor allem höher methoxylierte lipophile Flavone wie Eupatorin und Sinensetin (nach Ph. Eur. mindestens 0,05 Prozent Sinensetin). Außerdem enthalten die Blätter die für Lamiaceen typischen Kaffeesäurederivate, besonders Rosmarinsäure und Dicaffeoyltartrat sowie Verbindungen mit neuartiger Struktur: die Orthosiphole A bis Y. Ferner kommen einige Triterpene und Saponine vor.

Die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes empfiehlt die Droge »Orthosiphonis folium (Orthosiphonblätter)« zur Durchspülung bei bakteriellen und entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege und bei Nierengrieß. Auch die ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapie) bewertete 1996 den Einsatz der Droge bei folgenden Indikationen positiv: Spülung des Harntraktes, besonders bei Entzündung und Harngrieß sowie zur Unterstützung in der Behandlung von bakteriellen Infektionen des Harntraktes. Wässrige Extrakte erwiesen sich im Tierversuch und teilweise beim Menschen als antimikrobiell, entzündungshemmend und deutlich harntreibend, vermutlich aufgrund der enthaltenen Terpene, Saponine und Flavonoide. Die methoxylierten Flavone, unter anderem das Sinensetin, hemmen die 5-Lipoxygenase, wodurch die antientzündlichen Effekte erklärt werden könnten. Rosmarinsäure und Kaffeesäure wirken bakteriostatisch.

Langjährige Erfahrung

Die aquaretische Wirkung von Zubereitungen aus Orthosiphonblättern ist ebenfalls experimentell sowie durch einige klinische Studien belegt. Diese wurden allerdings nicht nach den gültigen Kriterien für klinische Prüfungen von Arzneimittel durchgeführt, weshalb die Ergebnisse kritisch zu betrachten sind. Die langjährige Erfahrung bestätigt die harntreibende Wirkung jedoch eindeutig.

Zur Teebereitung werden zwei bis drei Gramm fein geschnittene Orthosiphonblätter mit etwa 150 ml siedendem Wasser übergossen und nach 10 bis 15 Minuten abgeseiht. Von dem Teeaufguss muss der Patient zwei- bis viermal täglich eine Tasse trinken. Die mittlere Tagesdosis beträgt acht bis zwölf Gramm Droge. Zusätzlich sollten Patienten mit Harnwegsinfekten mindestens 2 Liter trinken.

Neben der Teedroge stehen in der Apotheke Fertigarzneimittel zur Verfügung. Zu den Mono-Präparaten zählt zum Beispiel Repha Orphon® Indischer Tee. Patienten, die den Tee nicht mögen, können PTA oder Apotheker beispielsweise das Mono-­Präparat Ardeynephron® Hartkapseln, ­Diufluxx® mono, Carito® mono Kapseln oder Nephronorm® med Tabletten empfehlen. Bei der Abgabe müssen sie unbedingt darauf hinweisen, diese mit viel Flüssigkeit einzunehmen.

Geeignete Kombinationen

Sinnvoll ist auch die Kombination mit anderen harntreibenden Drogen. Die Kommission E empfiehlt die fixe Kombination aus Birkenblättern, Goldrute und Orthosiphonblättern, weil diese nicht nur diuretisch, sondern auch schwach spasmolytisch wirkt. Orthosiphonblätter sind auch Bestandteil des Blasen- und Nierentees NRF 9.1.

Zu den Kombinationspräparaten zählen fertig konfektionierte Teemischungen mit der Indikation Blasen- und Nierentee. Sie werden als praktische Filterbeutel, Granulate oder als Teeaufgusspulver angeboten, zum Beispiel Harntee-Steiner® oder Harntee 400 TAD® N.

Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln sind nicht bekannt. Da für Kinder unter zwölf Jahren, Schwangere und Stillende keine Untersuchungen vorliegen, sollten PTA oder Apotheker diesen Patienten keine Zubereitung mit Orthosiphon empfehlen. Bei Patienten mit Ödemen infolge eingeschränkter Herz- und Nierentätigkeit ist die Durchspülungstherapie mit Orthosiphonblättern kontraindiziert.

Grenzen der Selbstmedikation

Im Beratungsgespräch sollten PTA oder Apotheker sich beim Patienten unbedingt danach erkundigen, wie lange seine Blasenbeschwerden bereits andauern. Leidet er schon länger als fünf Tage darunter, muss er einen Arzt aufsuchen. Blutiger Urin, hohes Fieber oder Schmerzen in der Nierengegend weisen als Alarmsignale auf eine aufsteigende Infektion hin und müssen unbedingt vom Arzt behandelt werden. Nur eine diagnostizierte, unkomplizierte Zystitis (Blasenentzündung) ist ein Fall für die Selbstmedikation.

Am besten reagieren die Betroffenen bei den ersten Anzeichen einer Blasenentzündung wie Beschwerden beim Wasserlassen. Außer der großen Kanne mit Blasen- und Nierentee hilft auch Wärme sehr. Indem die pflanzlichen Aquaretika die Harnwege durchspülen, schwemmen sie pathogene Keime aus. Sie erhöhen die Harnausscheidung im Sinne einer Verdünnungsdiurese. Im Gegensatz zu den klassischen Diuretika greifen pflanzliche Aquaretika nicht in den Elektrolythaushalt ein. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

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