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Fettverdauung

Festtagsbraten ohne Nachspiel

17.12.2010  15:31 Uhr

Von Maria Pues / Festtagsbraten, Weihnachtsgans und Tiramisu – in den Feiertagen muten viele Menschen ihrem Verdauungssystem allerhand zu. Welche Mittel helfen, wenn Magen und Darm mit den kalorien- und fetthaltigen Speisen überfordert sind?

Vornehme Zurückhaltung würde das Verdauungssystem zwar gar nicht erst überstrapazieren – doch ist der gute Vorsatz meist schnell vergessen, wenn einem in der Weihnachtszeit auf Schritt und Tritt verheißungsvolle Aromen in die Nase steigen. Die entsprechenden Rezeptoren sorgen bereits dafür, dass der Fluss der Verdauungssäfte in Gang kommt. Der zweite wichtige Prozess beginnt beim Kauen. Schon der erste Bissen im Mund regt die Bildung von Enzymen an, mit denen die Nahrung im gesamten Gastro-Intestinal-Trakt nach und nach versetzt wird. Was im Einzelnen mit dem leckeren Weihnachts-essen passiert, hängt auch von seiner Zusammensetzung ab. Hier geht es vor allem um das Fett – oder besser: um die Fette, um Trigyceride, das Cholesterol oder Fettsäuren verschiedener Kettenlänge.

Bevor der Körper Fette resorbieren kann, muss er sie erst im Verdauungstrakt aufbereiten. Dieser Vorgang beginnt bereits im Mund. Wichtiger sind jedoch die Bewegungen des Magens, durch die Fette und Magenlipasen miteinander vermengt werden. So werden etwa 10 bis 15 Prozent der Triglyceride aus dem Nahrungsfett gespalten, sodass Fettsäuren und Monoglyceride entstehen. Die Peristaltik des Darms setzt diesen Prozess fort. Von dort aus steuert das Hormon Cholecystokinin zwei Organe: die Bauchspeicheldrüse, die sofort Pankreaslipasen ausschüttet, und die Gallenblase, die sich daraufhin entleert. Die Gallenflüssigkeit erfüllt dabei die entscheidende Rolle eines Emulgators. Sie bildet mit den Fetten Mizellen. Dadurch wird die Oberfläche des Fettes und die Angriffsfläche für die Lipasen größer. Die Mizellen ermöglichen außerdem, dass die Monoglyceride und freien Fettsäuren in die Dünndarmzellen aufgenommen werden. Dort werden sie wieder rekonstruiert und erhalten eine Hülle aus Phospholipiden, sodass Chylomikronen entstehen. Diese runden Lipoproteinpartikel gelangen nun über die Lymphe ins Blut.

Zurück zur Gans: Ihr Ruf ist schlechter, als aus Nährwerttabellen hervorgeht. Zwar werden noch so geschickte Verkäufer eine (Weihnachts)-Gans nie als fettarm verkaufen können. Doch vielen Liebhabern dieses Geflügels sind die zwei Vorteile des Gänsefetts unbekannt. Erstens befindet es sich zum größten Teil in der Haut beziehungsweise direkt darunter. Wer also Fett sparen möchte oder es nicht gut verträgt, kann die Haut einfach auf dem Teller liegen lassen. Zweitens besteht das Fett der Gans zu zwei Dritteln aus ungesättigten Fettsäuren (siehe Tabelle).

Fettzusammensetzung der Gänseprodukte Gans mit Haut Gänsekeule Gänsebrust
Gesamtfett 31,00 g 18,07 g 7,10 g
gesättigte Fettsäuren 9,11 g 5,31 g 2,09 g
einfach ungesättigte Fettsäuren 16,37 g 9,54 g 3,76
mehrfach ungesättigte Fettsäuren 3,34 g 1,95 g 0,76 g
Cholesterol 86 mg 86 mg 86 mg
(jeweils auf eine 100-g-Portion bezogen)

Wer bei der Auswahl und Zubereitung der Beilagen sowie beim Dessert Fett spart, hat sich alles in allem gar nicht so schlecht ernährt. Zum Beispiel enthält Rotkraut, wenn es traditionell mit Gänseschmalz zubereitet wird, auch einiges an – entbehrlichen – Fetten. Aber die gebräuchliche Beilage zur Weihnachtsgans ist außerdem reich an Ballaststoffen. Das ist zwar grundsätzlich positiv zu bewerten, doch wer sie nicht gewohnt ist, reagiert mit Völlegefühl und heftigen, quälenden Blähungen.

Enzyme oder Artischockenextrakt

Welchen Rat können PTA oder Apotheker Menschen geben, die sich das ganze Jahr über gesund ernährt haben und am Jahresende beim gemeinsamen Essen mit der Familie nicht »Nein, danke« sagen möchten? Manche vertragen fetthaltigere Mahlzeiten so schlecht, dass sie schon vor dem letzten Gang wissen: Bald stellt sich das Gefühl ein, es läge ein Backstein im Magen. In diesen Fällen helfen verschiedene Arzneimittel. Ein Mangel an Fett spaltenden Enzymen lässt sich durch entsprechende Präparate (wie Kreon®, Nortase®, Pankreoflat®) beheben. Diese enthalten magensaftresistente Arzneiformen, da der saure Magensaft die Enzyme zersetzen würde, bevor sie im Dünndarm wirken können. Sinnvollerweise nimmt man sie zu Beginn einer Mahlzeit ein.

Arbeitet die Gallenblase nicht ausreichend, kommen andere Arzneimittel in Betracht. Üblicherweise produziert die Leber am Tag bis zu knapp dreiviertel Liter Gallenflüssigkeit. Bis diese benötigt wird, speichert der Körper sie in der Gallenblase. Je länger die Flüssigkeit dort aufbewahrt wird, umso dickflüssiger wird sie. Bei entsprechender Veranlagung bilden sich Gallengrieß oder Gallensteine. Solange diese eine bestimmte Größe nicht überschreiten und keine Beschwerden verursachen, gibt es keinen Grund, sie zu operieren. Erst wenn sie Koliken auslösen, entfernt der Chirurg sie mitsamt der Gallenblase, um so neuen Steinen gleich vorzubeugen.

Phytopharmaka empfehlen

Sollen Gallenfluss und damit die Fettverdauung unterstützt werden, helfen Artischockenextrakte. Zur Extraktherstellung werden übrigens nicht die Blütenstände verwendet, sondern die Blattrosette, die die Pflanze bereits im ersten Jahr ausbildet. Die Blüte treibt sie meist erst im zweiten Jahr. Die Extrakte wirken aufgrund der enthaltenen Bitterstoffe, die sowohl die Bildung von Gallenflüssigkeit anregen (choleretische Wirkung), als auch die Entleerung der Gallenblase fördern (cholekinetische Wirkung). Arzneimittel mit Artischockenblätterextrakten (wie Cholagogum Nattermann® Artischocke Kapseln, Hepar-SL® forte) nehmen Patienten am besten vor beziehungsweise zwischen den Mahlzeiten.

Wer unter Gallensteinen leidet, sollte zuerst mit seinem Arzt Rücksprache nehmen, da durch Präparate mit Artischockenextrakt auch Steine und Grieß in Bewegung geraten könnten. Vorsicht ist auch geboten bei Patienten, die gerinnungshemmende Mittel vom Cumarintyp (Phenprocoumon, Warfarin) einnehmen. Von der Einnahme abzuraten ist Patienten mit einer Allergie gegen Korbblütler.

Weniger bekannt, aber ebenfalls bewährt haben sich Ingwer (frisch als Gewürz oder Tee sowie in Kapselform), verschiedene Gelbwurzarten, Galgant, Pfefferminze (als Tee oder in Kapselform) sowie Schafgarbe, Tausendgüldenkraut und Wermutkraut (als Tee und in Fertigarzneimitteln). Bei Patienten mit Gallensteinen ist auch hier Vorsicht geboten. Eine Mischung verschiedener Pflanzenextrakte von der Bitteren Schleifenblume über Kamille und Kümmel bis zum Süßholz ist in Iberogast® Tropfen enthalten. Das Phytopharmakon eignet sich bei flauem Gefühl im Magen ebenso wie bei Völlegefühl.

An Homöopathika denken

Auch Homöopathen kennen einige Arzneimittel gegen die häufigsten Beschwerden nach schwer verdaulichen Speisen. Von den Einzelmitteln eignet sich zum Beispiel Nux vomica in den Potenzen D6 oder D12, von den Komplexmitteln unter anderem Gastroplant® mit Tausendgüldenkraut, Pascoventral® oder Pascopankreat®, unter anderem mit Wermutextrakt und verschiedenen Verdauungsenzymen.

Gegen Blähungen helfen Dimeticon- und Simeticon-haltige Arzneimittel (wie Lefax®, Sab simplex®), die man zu den Mahlzeiten oder auch bei Bedarf einnehmen kann. Umfassender wirken sie, wenn sie gleichzeitig Enzyme enthalten (wie Enzym Lefax®, Meteozym®). Gegen diffuses Magengrummeln helfen außerdem Tees und Zubereitungen mit Anis, Fenchel und Kümmel.

Eine »Schnapsidee«

Vom »Verdauungsschnaps« raten Experten allerdings ab. Die Magenpassagezeit einer fettreichen Speise beschleunigen kann dieser ohnehin nicht – eher im Gegenteil. Diese dauert nun einmal fünf bis acht Stunden. Zudem muss die Leber dann noch zusätzlich den konzentrierten Alkohol abbauen, den Menschen mit Gallenproblemen sowieso meist nicht gut vertragen. Manchmal spürt man den »Schwips« erst mit zeitlicher Verzögerung, da die Weihnachtsgans den Alkoholabbau bremst.

Etwas altmodisch, doch nicht weniger wohltuend ist eine kleine »Runde um den Häuserblock«. An den Weihnachtstagen herrscht auf den Straßen oft eine ungewohnte Stille, sodass die Spaziergänger nicht nur die festlich beleuchtete Nachbarschaft genießen können – sondern sie werden gleichzeitig ein paar Festtagskalorien wieder los.

Und noch ein kleiner Trost zu Weihnachten: Dick wird man nicht zwischen Weihnachten und Neujahr, sondern zwischen Neujahr und Weihnachten. /

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