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Pflanzen des Jahres 2011

Große und kleine Stars

16.12.2010
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Von Brigitte M. Gensthaler / Passionsblume, Rosmarin, Elsbeere, Moorlilie und Fetthenne haben eines gemeinsam: Sie gehören zu den »Pflanzen des Jahres 2011«. Verschiedene Organisationen wählen jedes Jahr Pflanzen aus, die sie in der Öffentlichkeit besonders bekannt machen möchten.

Unter den Stars sind bewährte Arznei- und Heilpflanzen, Bäume, Stauden, Orchideen, Wasserpflanzen, Obst- und Gemüsesorten sowie ganz »einfache« Blumen. PTA und Apotheker interessieren sicher die Arznei- und die Heilpflanze des Jahres am meisten. 2011 stehen zwei gute Bekannte im Rampenlicht: Passionsblume und Rosmarin.

Exot aus Amerika

Der »Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzen« an der Universität Würzburg wählt seit 1999 regelmäßig eine Arzneipflanze des Jahres. Für das Jahr 2011 fiel seine Wahl auf die Passionsblume (Passiflora incarnata).

Die mehrjährige holzige Kletterstaude stammt aus den tropischen Regenwäldern Amerikas. Seit dem 17. Jahrhundert begeistert die Rankpflanze auch Europäer. Das attraktive Gewächs erhielt den Gattungsnamen Passiflora, denn ihre charakteristischen Blüten und Blätter galten als Symbole für die Leidensgeschichte (Passion) Christi. Der Artname »incarnata« deutet auf die Menschwerdung Christi (Incarnation) hin.

Extrakte aus Passiflora-Kraut wirken beruhigend und angstlösend. Daher sind die Indikationen nervöse Unruhe, leichte Einschlafstörungen und nervös bedingte Magen-Darm-Beschwerden. Die empfohlene Tagesdosis der Einzeldroge beträgt 4 bis 8 g. Um den beruhigenden Effekt zu verstärken, wird Passiflora fast immer mit anderen Phytosedativa kombiniert, zum Beispiel mit Baldrian, Melisse und Hopfen. Die Experten des Würzburger Studienkreises beschreiben die Passionsblume als Beruhigungsmittel, das sich besonders gut tagsüber einsetzen lässt, weil es die »Alltagstauglichkeit« nicht beeinträchtigt.

Vermutlich geht die Hauptwirkung auf Flavonoide zurück, die vor allem in den Blättern enthalten sind. Polysaccharide, Glykoproteine, verschiedene Zucker und ein cyanogenes Glykosid gehören ebenfalls zum Spektrum der Inhaltsstoffe.

Weltweit kommen mehr als 400 Arten der Familie der Passifloraceae vor, manche sprechen sogar von bis zu 600 Arten. Die kletternden Stauden erklimmen in Nord- und Südamerika lianenartig Bäume und Büsche und bilden zum Teil bis zu 20 Meter lange Ranken. Passionsblumen wachsen in vielen tropischen und subtropischen Re­gionen, in Gärten und Plantagen. Etliche Arten bilden essbare Früchte (ovale Beeren mit vielen Samen). Für den internationalen Handel ist die Maracuja, die Frucht von Passiflora edulis, bedeutsam. Sie schmeckt roh, aber auch als Saft oder Likör.

Gewürz für Leib und Seele

Der im Mittelmeerraum heimische Rosmarin (Rosmarinus officinalis, Lamiaceae) ist die Heilpflanze des Jahres 2011. Ausgewählt hat sie der Verein NVH Theophrastus.

Der Name Rosmarin wird interpretiert als »Tau des Meeres«, was sich möglicherweise auf die blauen Blütchen bezieht. Andere Forscher übersetzen den Namen aus dem Griechischen mit »wohlriechender Strauch«. Tatsächlich duftet der immergrüne, bis zu einen Meter hohe Halbstrauch aromatisch-würzig. Die ledrigen Blätter, die fast wie Nadeln aussehen, enthalten bis zu 2,5 Prozent ätherisches Öl mit 1,8-Cineol, alpha-Pinen und Campher als Hauptkomponenten. Außerdem gehören Rosmarinsäure (Lamiaceen-Gerbstoff), Diterpen-Bitterstoffe, Flavonoide und Harze zu den Inhaltsstoffen.

Für die Wahl des Rosmarins war aber vor allem seine Anwendungsvielfalt ausschlaggebend. »Durch seine aktivierende und tonisierende Wirkung ist Rosmarin für eine immer älter werdende Bevölkerung ebenso hilfreich wie für jüngere Menschen mit Erschöpfungs- und Ermüdungszeichen«, so ein Jurymitglied.

Innerlich angewendet lindert die Droge als Karminativum und Stomachicum Verdauungsstörungen, zum Beispiel Blähungen, Völlegefühl und Magen-Darm-Krämpfe. Zusätzlich regt Rosmarin den ­Appetit an und fördert auf milde Weise die Bildung der Gallensäfte. Pfarrer Kneipp empfiehlt Rosmarinwein als Kreislauftonikum: Dazu lässt man 20 g Droge mit 1 Liter Wein mehrere Tage lang ziehen.

Äußerlich wird das ätherische Öl in Salben, Linimenten, Badezusätzen und Ölen zur unterstützenden Behandlung bei Muskel- und Gelenkrheumatismus eingesetzt. Es regt die Hautdurchblutung an und hilft bei Gelenk- und Muskelschmerzen, auch nach dem Sport. Ein Rosmarinbad regt den Kreislauf an und erhöht zu niedrigen Blutdruck. Aromatherapeuten schätzen Rosmarin, weil er ausgleichend wirken und die Konzentration fördern soll.

Sehr beliebt ist die Pflanze in der Mittelmeerküche. Die derben »Nadeln« würzen Fleisch und Geflügel und harmonieren perfekt mit mediterranen Zutaten wie Tomaten, Olivenöl und Knoblauch. Rosmarin-Kartoffeln sind eine exzellente Beilage zu zahlreichen Gerichten. Experimentierfreudige Köche aromatisieren sogar ein Dessert aus Frischkäse, Aprikosen und Honig mit Rosmarin.

Größtes Rosengewächs

Einer der seltensten Bäume Deutschlands ist der »Baum des Jahres 2011«. Die Elsbeere (Sorbus torminalis) aus der Familie der Rosaceae, auch »Schöne Else« genannt, wurde vom Kuratorium der Dr.-Silvius-Wodarz-Stiftung ausgewählt.

Der Baum mit dem edlen Holz wird bis zu 300 Jahre alt und bis zu 30 Meter hoch; damit ist er das größte Rosengewächs. Die Borke ähnelt einem Birnbaum, doch die Blätter sind nicht oval wie bei der Birne, sondern ungleichmäßig gelappt und erinnern entfernt an Ahornblätter. Die kleinen dunkelroten Beeren wurden früher tradi­tionell bei Bauchschmerzen, Ruhr und anderen Magen-Darm-Krankheiten eingesetzt, berichtet die Stiftung. Daher ist der Baum auch unter dem Namen »Ruhrbaum« oder »Ruhrbirne« bekannt. Die Früchte ­reifen von Juli bis September, sind reich an Vitamin C und schmecken daher süßlich-sauer.

Knochenbrecher oder -heiler

Ein schönes, aber giftiges Gewächs ist die Moorlilie (Narthecium ossifragum), die die Stiftung Naturschutz Hamburg und die ­Loki-Schmidt-Stiftung zur Blume des Jahres gekürt haben. Die Pflanze wächst bevorzugt auf feuchten bis nassen, nährstoffarmen, sauren Moorböden. Da sie bundesweit bedroht ist, wurde sie in Deutschland nach der Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt. Die Moorlilie gehört zu den Charakterpflanzen der nordwestdeutschen Heideflora. Mit ihrer Wahl möchte die Stiftung nicht nur auf die Pflanze selbst, sondern auch auf ihren ebenfalls bedrohten Lebensraum, das Moor, aufmerksam machen.

Die Moorlilie – die botanisch keine Lilie ist – wird 10 bis 30 cm hoch und hat schmale, schwertförmige grundständige Blätter. Im Juli und August bildet sie eine dicke Traube von Blüten, die stark nelkenartig duften. Die sechs Kronblätter sind außen grün und innen leuchtend gelb gefärbt, die Staubgefäße manchmal beinahe orange. Auf den stabförmigen Blütenstand deutet der wissenschaftliche Name Narthecium ossifragum hin; er leitet sich vom Griechischen »narthex« für Stab ab. Der Artname »ossifragum« kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Knochen brechen.

Die Moorlilie wird auch Beinbrech genannt, da sie früher für Knochenbrüche der Weidetiere verantwortlich gemacht wurde. Fast das Gegenteil behaupten andere Quellen: Mit einer Salbe aus Beinbrech sollen Knochenbrüche geheilt worden sein. Erwiesenermaßen schadet der Verzehr der Moorlilie Schafen, denn ein Saponin in den Blättern beeinträchtigt die Leberfunktion der Tiere.

Robuster Spätblüher

Im Unterschied zu Elsbeere und Moorlilie ist die Fetthenne (Sedum), die Staudengärtner zur »Staude des Jahres 2011« gewählt haben, gar nicht selten. Die vielfältige Gattung ist absolut robust, winterhart und anspruchslos. Dazu gehören Boden­decker wie der Mauerpfeffer, der nur 5 cm hoch wird, und hochwüchsige Arten wie Sedum spectabile, die bis zu 60 cm groß wird. Die meisten Arten haben dickflei­schige Blätter.

Fetthennen lieben die Sonne und blühen jeweils gelb, rosa, weiß oder rostrot. Bienen und auch Vögeln liefert die spätblühende Staude im Herbst wertvolles Futter. Gärtner erfreuen sich an den letzten Blüten und im Winter an ihren reif- oder schneebedeckten Stängeln.

Die Pflanze ist leicht zu vermehren: Schneidet man die dicken Stängel für die Vase ab, bilden sie im Wasser meist Wurzeln oder neue Triebe, die man dann auspflanzen kann. /

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