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Arzneimitteltherapie

Neue Arzneistoffe im Dezember 2010

16.12.2010  19:42 Uhr

Von Sven Siebenand / Zum Jahresende sprudelte die Arzneistoff-Pipeline der Pharmaunternehmen noch mal kräftig. Gleich fünf neue Substanzen kamen auf den deutschen Markt. Zu den Neulingen zählen ein Psychopharmakon, ein Osteoporosemittel, ein Antialler­gikum, ein Antiarrhythmikum und ein Mittel zur Behandlung hereditärer Angioödeme.

Seit Mitte Dezember ist mit dem Arzneistoff Asenapin (Sycrest® Sublingualtabletten, Lundbeck) eine weitere Therapieoption für Patienten mit bipolarer Störung auf dem Markt erhältlich. Bei diesen wechseln sich Phasen extremer Hochstimmung mit Phasen normaler oder deprimierter Stimmung ab. Die Tabletten stehen in den Dosierungen 5 und 10 mg zur Verfügung. Das Arzneimittel erhielt die Zulassung zur Behandlung mäßiger bis schwerer manischer Episoden (extreme, anomale Hochstimmung) bei Erwachsenen mit bipolarer Störung.

Die Patienten müssen das verschreibungspflichtige Neuroleptikum in der Regel zweimal täglich, morgens und abends, einnehmen. Verordnet der Arzt ihnen ausschließlich Asenapin, erhalten sie zweimal täglich die 10-mg-Tabletten, kombiniert er den Wirkstoff mit weiteren Neuroleptika, sollen sie zweimal täglich 5 mg Wirkstoff einnehmen. Im Bedarfsfall kann der Arzt die Dosis auch auf zweimal täglich 10 mg erhöhen.

Psychopharmakon zergeht im Mund

PTA und Apotheker sollten die Patienten bei der Abgabe von Sycrest® darauf hinweisen, dass sie die Sublingualtabletten erst unmittelbar vor der Einnahme aus der Blisterpackung entnehmen und nur mit trockenen Händen anfassen. Sie sollten die Tablette sofort unter die Zunge legen, bis sie sich vollständig aufgelöst hat. Die Bioverfügbarkeit von Asenapin im Magen-Darmtrakt ist so gering, dass die Tablette weder zerkaut noch geschluckt werden darf. Um die optimale Resorption des Arzneistoffs zu gewährleisten, sollte der Pa­tient zehn Minuten, nachdem die Tablette sich aufgelöst hat, weder essen noch trinken. Muss er außer Sycrest® regelmäßig andere Arzneimittel einnehmen, können PTA oder Apotheker ihm empfehlen, immer als letztes die Asenapin-Tabletten unter die Zunge zu legen.

Asenapin zählt zu den atypischen Neuroleptika. Der genaue Wirkmechanismus ist noch nicht aufgeklärt. Vermutlich spielt für die Wirkung die Blockade bestimmter Dopamin- und Serotoninrezeptoren (D2 und 5-HT2A) eine entscheidende Rolle. Da die beiden Neurotransmitter Dopamin und Serotonin an Bipolarstörungen beteiligt sind, unterstützt Asenapin die Normalisierung der Gehirnaktivität und verringert so die Symptome der Krankheit.

Die in Studien am häufigsten beobachteten Nebenwirkungen des neuen Psychopharmakons sind Angststörungen und Schläfrigkeit. Appetitsteigerung, Gewichtszunahme, Geschmacksstörung und Schwindelgefühle zählten zu den häufigen unerwünschten Arzneimittelwirkungen. In der Fachinformation nennt der Hersteller eine Reihe von Warnhinweisen und Vorsichtsmaßnahmen: Unter anderem sollte der Arzneistoff bei Epileptikern nur mit Vorsicht angewendet werden. Wegen der Gefahr einer Hypotonie gilt Gleiches auch für Ältere und Patienten mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung.

Da Asenapin auf das zentrale Nervensystem wirkt, ist bei der gleichzeitigen Anwendung von anderen zentral wirksamen Arzneimitteln Vorsicht geboten. Außerdem sollten die Patienten auf Alkohol verzichten. Ferner kann Asenapin die Wirkung bestimmter Antihypertonika verstärken und von Levodopa und Dopamin-Agonisten abschwächen.

Osteoporosemittel schützt Wirbel

Mit Bazedoxifen (Conbriza® 20 mg Film­tabletten, Pfizer) kam Mitte Dezember ein weiteres Medikament zur Behandlung der Osteoporose bei Frauen nach der Menopause auf den deutschen Markt. Zugelassen ist es für Frauen mit einem hohen Risiko für Knochenbrüche. Da Estrogen den Knochenabbau verlangsamt, steigt das Osteoporose-Risiko bei Frauen nach der Menopause. Bazedoxifen ist wie Raloxifen und Tamoxifen ein selektiver Estrogen-Rezeptor-Modulator, ein sogenannter SERM. In bestimmten Körpergeweben wirken diese als Agonisten am Estrogenrezeptor. Daher wirkt Bazedoxifen auf Knochen genauso wie Estrogen. In Studien verringerte die neue Substanz Wirbelbrüche signifikant, schützte jedoch nicht vor Hüftfrakturen.

In der Regel müssen die Patientinnen den verschreibungspflichtigen Wirkstoff einmal täglich einnehmen, egal zu welcher Tageszeit, ob mit oder ohne Mahlzeit. Die häufigsten Nebenwirkungen unter Bazedoxifen waren Hitzewallungen und Muskelkrämpfe. Oft kam es zu Mundtrockenheit, Urtikaria, Ödemen und Schläfrigkeit. Kontraindiziert ist Bazedoxifen bei Frauen mit ungeklärten Gebärmutterblutungen. Tabu ist der neue Wirkstoff ebenfalls für Frauen mit bestehenden oder früheren venösen thromboembolischen Erkrankungen wie tiefe Venenthrombosen, Lungenembolie oder einem Blutgerinnsel am Augenhintergrund. In der Fachinformation nennt der Hersteller als Risikofaktoren: fortgeschrittenes Alter, Adipositas, Immobilisierung, Operation, schweres Trauma und maligne Erkrankungen. Das erklärt, warum Patientinnen das Arzneimittel vor und während längerer Immobilisierung, etwa nach einer Operation oder bei längerer Bettruhe, absetzen und die Therapie erst nach vollständiger Wiederherstellung der Mobilität fortsetzen sollen. PTA oder Apotheker sollten Patientinnen, die eine längere Flugreise planen, raten, regelmäßig aufzustehen und umherzugehen. Last, but not least sollte der Arzt Patientinnen mit schweren Nierenproblemen Bazedoxifen nur mit Vorsicht verordnen, bei Frauen mit Leberproblemen ist der Arzneistoff sogar kontraindiziert.

Antiallergikum bremst Heuschnupfen

Mitte Dezember kam mit Bilastin (Bitosen® 20 mg Tabletten, Berlin-Chemie Menarini) ein weiteres, verschreibungspflichtiges H1-Antihistaminikum auf den Markt. Seine Einsatzgebiete sind die symptomatische Behandlung der allergischen Rhinokonjunktivitis und Urtikaria. Erwachsene und Kinder ab einem Alter von zwölf Jahren nehmen täglich einmal 20 mg. PTA und Apotheker können den Pa­tienten empfehlen, die Tablette nüchtern, das heißt eine Stunde vor oder zwei Stunden nach einer Mahlzeit einzunehmen.

Bei Patienten mit einer Nierenfunk­tionsstörung kann die gleichzeitige Einnahme von P-Glykoprotein-Hemmern wie Ketoconazol oder Erythromycin die Kon­zen­tration des Antiallergikums im Blut erhöhen und damit das Nebenwirkungsrisiko steigern. Daher sollte die gemeinsame Gabe vermieden werden. In der Fachinformation weist der Hersteller außerdem darauf hin, dass die Einnahme des Antihistaminikums mit Grapefruitsaft (und möglicherweise auch mit anderen Fruchtsäften) die Bioverfügbarkeit des Wirkstoffs reduziert.

Die in Studien häufig beobachteten Nebenwirkungen von Bilastin sind für Antihistaminika typisch: Somnolenz und Ermüdung. Auch zu Kopfschmerzen und Schwindel kam es häufig. Schwangere sollten laut Fachinformation sicherheitshalber das Medikament nicht einnehmen.

Antiarrhythmikum taktet Vorhöfe

Auch die Gruppe der Antiarrhythmika ist um einen Vertreter reicher. Anfang Dezember kam die Substanz Vernakalant (Brinavess® 20 mg/ml Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, MSD Sharp & Dohme) auf den Markt. Das Präparat stellt bei erwachsenen Patienten mit Vorhofflimmern rasch wieder einen normalen Herzrhythmus her. Der Rhythmus gerät aus dem Takt, wenn die Vorhöfe des Herzens sehr schnell und unregelmäßig schlagen. Vernakalant muss intravenös infundiert werden. Vernakalant dürfen nur die Patienten erhalten, die noch nicht operiert wurden und deren Vorhofflimmern maximal sieben Tage besteht oder bei denen be­reits ein herzchirurgischer Eingriff vorgenommen wurde und deren Vorhofflimmern maximal drei Tage anhielt. Die Dosis richtet sich nach dem Körpergewicht des Patienten. Als empfohlene Initialdosis erhalten diese 3 mg Wirkstoff pro Kilogramm Körpergewicht als zehnminütige intravenöse Infusion. Hat sich der Herzrhythmus innerhalb einer Viertelstunde noch nicht normalisiert, kann der Arzt eine zweite Infusion mit 2 mg Wirkstoff je Kilogramm Körpergewicht vornehmen. Die Gesamtdosis für 24 Stunden beträgt maximal 5 mg/kg KG.

Das Antiarrhythmikum wirkt hauptsächlich auf die Vorhöfe und weniger auf die Herzkammern. Es normalisiert den Herzrhythmus, indem es bestimmte Ionenkanäle blockiert Das verhindert eine abnorme elektrische Aktivität, die schließlich zum Vorhofflimmern führen kann.

Alle Patienten müssen während und nach der Infusion überwacht werden. Sehr häufig treten unter Vernakalant Geschmacksstörungen und Niesen auf, häufig kommt es zu Schwindel und Kopfschmerz, Husten, Übelkeit und Erbrechen, Juckreiz, Müdigkeit und Blutdruckabfall. Patienten mit einer starken Verengung der Hauptschlagader, niedrigem systolischem Blutdruck, fortgeschrittener Herzinsuffi­zienz sowie sehr langsamem Pulsschlag dürfen kein Vernakalant erhalten. Ebenfalls kontraindiziert ist der neue Arzneistoff in den ersten vier Stunden, nachdem der Patient bestimmte andere Antiarrhythmika intravenös infundiert bekam. Patienten mit einem akuten Koronarsyndrom darf der Arzt Vernakalant erst nach 30 Tagen verordnen. Vorsicht ist geboten bei Stillenden, Schwangere dürfen laut Fachinformation den Arzneistoff gar nicht erhalten.

Mittel gegen seltenes Angioödem

Neuling Nummer fünf kommt bei der seltenen Erkrankung hereditäres Angioödem (HAE) zum Einsatz. Diese potenziell lebensbedrohliche Krankheit ist eine erbliche Form des Angioödems. Bei den Erkrankten bilden sich plötzlich Schwellungen im Gesicht, an Händen und Füßen, im Kehlkopfbereich sowie Bauchraum. Schätzungen zufolge ist HAE bei etwa 10 000 Menschen in Europa und den USA eindeutig diagnostiziert worden, die Dunkelziffer dürfte noch höher liegen.

Nachdem 2008 mit Icatibant (Firazyr®) bereits ein Mittel zur Behandlung dieser seltenen Erkrankung auf den Markt kam, gibt es mit Conestat alfa (Ruconest™ 2100 E Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung, Pharming Group N.V.) seit Anfang Dezember nun eine weitere Therapieoption für erwachsene Patienten mit einem HAE-Anfall. Die Erkrankten bilden nachweislich zu wenig C1-Esterase-Inhibitor. Dieses Protein steuert andere wichtige Proteine im Blut, die Infektionen bekämpfen oder Entzündungen hervorrufen. Bei Patienten mit einem C1-Esterase-Inhibitor-Mangel kann es zu den typischen Symptomen eines Angioödem- Anfalls kommen.

Conestat alfa ist eine Kopie des C1-Esterase-Inhibitor-Proteins und wirkt genauso wie das körpereigene Protein. Folglich lindert der neue Arzneistoff die Symptome des Patienten, wenn er bei einem Anfall injiziert wird. Allerdings darf nur medizinisches Fachpersonal den verschreibungspflichtigen Wirkstoff in die Vene spritzen. Die Dosis richtet sich nach dem Körpergewicht des Patienten. Im Normalfall reicht eine Injektion zur Anfallsbehandlung aus, eine zweite Injektion ist aber möglich, wenn sich der Zustand des Patienten nach der ersten Injektion nicht ausreichend bessert. Mehr als zwei Injektionen innerhalb von 24 Stunden sind jedoch nicht erlaubt.

Vor der erstmaligen Gabe von Conestat alfa – und nach zehn Behandlungen beziehungsweise mindestens einmal jährlich – muss der Arzt überprüfen, ob das Blut der Pa­tienten Antikörper gegen Kaninchenhautschuppen oder -fell enthält. Nur bei einem negativen Testergebnis darf er das Mittel applizieren. Der Grund dafür ist, dass Conestat alfa aus der Milch von Kaninchen extrahiert wird, denen Gene übertragen wurden, damit sie den C1-Esterase-Inhibitor bilden.

Die am häufigsten beobachtete Nebenwirkung von Conestat alfa waren Kopfschmerzen. Gelegentlich kam es zu Magen-Darm-Beschwerden, Urtikaria, Rachenreizung oder Schwindel. Bevor der Arzt das Mittel bei Schwangeren oder Stillenden anwendet, muss er sorgfältig Nutzen und mögliche Risiken abschätzen. Eine generelle Empfehlung gibt es nicht. /

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