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Die Linde

Heiliger Baum der Germanen

16.12.2011  14:43 Uhr

Von Monika Schulte-Löbbert / Kein anderer Baum spielte im Leben der Menschen eine größere Rolle als die Linde: In ihrem Schatten wurde gefeiert und getanzt, aber auch Recht gesprochen. Gedichte, Lieder und Ortsnamen zeugen von ihrer Bedeutung. Heute sind Lindenblüten ein Hausmittel bei Erkältungskrankheiten.

Die Linden bilden mit ihren ungefähr 40 Arten eine große Pflanzengattung innerhalb der Familie der Malvengewächse, der Malvaceae. Sie kommen hauptsächlich in gemäßigten bis subtropischen Gebieten vor. In Mitteleuropa sind nur wenige Arten heimisch, hauptsächlich die Sommerlinde (Tilia platyphyllos) und die Winter- oder Steinlinde (Tilia cordata). Beide Arten wachsen bevorzugt in mittleren Gebirgslagen.

Die sommergrünen Laubbäume sind hierzulande als Park- oder Alleenbäume beliebt. Je nach Art erreichen sie Wuchshöhen von bis zu 40 Metern und entwickeln im Laufe der Jahre mächtige, oft unregelmäßig gestaltete Kronen. Junge Bäume richten ihre Äste steil nach oben, erst bei älteren Bäumen neigen sich diese teilweise nach unten oder zur Seite. Die Rinde ist zunächst auffallend glatt und grau, mit zunehmendem Alter wird sie braun­grau, und es entstehen längs verlaufende Furchen.

Die gestielten schräg herzförmigen Laubblätter enden in einer kurzen, aber deutlich erkennbaren Spitze. Ihr Rand ist regelmäßig gesägt. Je nach Art ist die Blattoberseite dunkelgrün glänzend wie bei der Winterlinde oder behaart wie bei der Sommerlinde. Außerdem unterscheiden sich diese beiden Arten auf der Blattunterseite: Bei der Winterlinde befinden sich in den Achseln der Blattnerven rostbraune, bei der Sommerlinde weiße Haarbüschel, botanisch Domatien.

Süßer Blütenduft

Die Sommerlinde blüht im Juni, die Winterlinde etwas später im Juli. Zur Blütezeit verströmen alle Linden einen typischen intensiven und betörenden Duft, der zahlreiche Insekten anlockt. Der Nektar duftet besonders abends und nachts nach Honig. Ein Baum kann bis zu 60 000 Blüten tragen und ist damit eine wichtige Pollenquelle für die Bienen.

Die Blüten hängen in Trugdolden, die bei der Sommerlinde meist aus zwei bis fünf und bei der Winterlinde aus bis zu zwölf Einzelblüten mit zahlreichen Staubgefäßen bestehen. Ihre Blütenstandsachse ist mit einem auffälligen, weißlich-grünen Hochblatt verwachsen, das den Früchten später als Segel dient.

Aus den Blüten entwickelt sich im September der Fruchtstand, dessen Stiel mit dem flügelartigen Hochblatt verwachsen bleibt. Winterlinden bilden glatte, Sommerlinden deutlich gerippte kugelige Nüsse. Die Fruchtstände werden durch den Wind verbreitet, hängen aber oft noch bis zum Spätwinter an den kahlen Bäumen.

Manche Linden erreichen das beachtliche Alter von bis zu 1000 Jahren. Laut Volksmund kommen Linden dreihundert Jahre, stehen dreihundert Jahre und gehen dreihundert Jahre. Selbst uralte, oft hohle Bäume besitzen noch eine erstaunliche Vitalität. Das Geheimnis ihres langen Lebens sind neue Innenwurzeln, die von dem greisen Stamm aus in den Boden wachsen und sich dort verankern. Dann entsteht eine neue Krone, wenn der alte Baum abstirbt. Das heißt, die Linde verjüngt sich quasi von innen heraus. Der wahrscheinlich älteste Baum Deutschlands ist eine Sommerlinde, die als Naturdenkmal in Schenklengsfeld bei Bad Hersfeld steht (Foto siehe Seite 16).

Der lateinische Name »Tilia« leitet sich vermutlich von dem griechischen »tilos« für Bast ab, da schon in der Antike die Menschen aus dem Gewebe unter der Borke, dem Bast, Flechtwerk und Stricke anfertigten. So soll auch der deutsche Name »Linde« von »Lein« abstammen, da die Bastfasern in gleicher Weise wie Lein verarbeitet wurden. Damit wird verständlich, warum der Volksmund die Linde auch als Bastbaum bezeichnet.

Bei den Germanen symbolisierte die Linde weibliche Eigenschaften, und sie stellten sie als heiligen Baum unter den Schutz der Liebesgöttin Freya. Wegen ihrer großen mythischen Bedeutung stand früher im Zentrum jedes Dorfes eine »Dorflinde«. Unter ihr wurden Feste gefeiert und getanzt, bei erfolgreicher Brautschau geheiratet.

Gerichtsstätte im Zentrum

Sie war nicht nur allgemeiner Versammlungsort, sondern auch der Ort, an dem Gericht gehalten wurde. Möglicherweise stammt der Begriff »subtil« aus diesem Zusammenhang, denn beim »judicum sub tilia«, dem Gericht unter den Linden, wurden vor allem kleinere Vergehen verhandelt und mit milden Strafen belegt. Noch Kurfürst August von Sachsen (1526 bis 1586) unterzeichnete seine Verordnungen mit »Gegeben unter der Linde«.

Wenn auch die meisten der alten Dorflinden einer autogerechten Dorfmitte weichen mussten, findet sich hier und da noch eine jahrhundertealte Linde, die als Naturdenkmal unter Schutz gestellt ist. Nicht nur Gasthäuser wie »Zur Linde« oder »Zum Lindenwirt« tragen den Baum in ihren Namen, sondern auch Vor- und Familiennamen und zahlreiche Orte. Der Name der Stadt Leipzig leitet sich zum Beispiel vom sorbischen Wort Lipsk ab und bedeutet Linden-Ort.

Im späten Mittelalter fand die Linde Eingang in Musik und Kunst. Walther von der Vogelweide besang um 1200 den Baum in seinem Liebeslied »Under der linden«. Im 19. Jahrhundert setzten Dichter und Komponisten der Romantik der Linde als Baum der Liebenden in ihren Werken ein Denkmal. »Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum, ich träumt in seinem Schatten so manchen süßen Traum« beginnt der Text eines bekannten Volksliedes vom Dichter Wilhelm Müller, das Franz Schubert 1822 vertonte.

Seit der Spätgotik verwenden Schnitzer Lindenholz für Altäre und Heiligenfiguren. So fertigte beispielsweise Veit Stoss die bis zu drei Meter hohen Figuren des Hochaltars der Krakauer Marien­kirche (Fertigstellung 1489) aus 500 Jahre alten Lindenstämmen, sodass das Holz der Altarfiguren jetzt bereits über 1000 Jahre alt ist. Noch heute wird das leicht zu bearbeitende Holz gerne in der Schnitzkunst und zur Spielzeugherstellung verwendet.

Bis weit ins 20. Jahrhundert entwickelte sich der Brauch, bei Kriegsende und nach überstandenen Epidemien Friedenslinden zu pflanzen. So soll die am 30. April 1990 gepflanzte Friedenslinde vor dem Reichstag in Berlin an die Wiedervereinigung Ost- und Westdeutschlands erinnern. Aus gleichem Anlass wurde 1991 eine Linde in der kleinen Ortschaft Niederdorla in Thüringen gepflanzt, wo der neue ­topographische Mittelpunkt Gesamtdeutschlands liegt. Auch die bekannte Straße »Unter den Linden« in Berlin wird von Silberlinden gesäumt. Diese Art stammt aus Süosteuropa und ist deutlich anspruchsloser als einheimische Linden.

Weder in der Antike noch im Mittelalter wurden die Blüten als Heilmittel genutzt. Erstmalig beschreibt der Schweizer Mediziner Albrecht von Haller (1708 bis 1777) Lindenblüten als Mittel gegen Schwindel und Gicht. Der deutsche Gynäkologe und Urologe Johann Friedrich Osiander (1787 bis 1855) empfiehlt in seinem Buch »Volksarzneymittel« von 1826 Lindenblüten als Antiepileptikum und Mittel zur Anregung der Transpiration.

Hausmittel bei Erkältung

Nach Pfarrer Sebastian Kneipp (1821 bis 1897) wirkt Lindenblütentee »trefflich bei altem Husten, bei Verschleimungen der Lunge und der Luftröhre«. Heute ist der Teeaufguss aus Lindenblüten ein beliebtes Hausmittel, das traditionell zur Linderung von fiebrigen Erkältungskrankheiten und zum Schwitzen getrunken wird.

Die Droge »Lindenblüten – Tiliae flos« besteht aus den ganzen, getrockneten Blütenständen von Tilia cordata Miller (Winterlinde), Tilia platyphyllos Scop. (Sommerlinde) und deren Hybride Tilia x vulgaris Hayne (Holländische Linde) oder einer Mischung der genannten Arten. Nach dem Europäischen Arzneibuch (Ph.Eur. 6. Ausgabe, Grundwerk 2008) riecht die Droge schwach aromatisch und schmeckt schwach süßlich und schleimig. Lindenblüten werden zur Zeit ihrer vollen Blüte geerntet. Das Drogenmaterial stammt vorwiegend aus den Balkanländern, aus China und der Türkei.

Die Blüten enthalten neben Flavonoiden (etwa 1 Prozent) viel schleim­bildende Polysaccharide (10 Prozent), Catechingerbstoffe (2 Prozent), dimere Procyanidine und wenig ätherisches Öl (0,01 bis 0,02 Prozent) mit Linalool, ­Geraniol und Cineol.

Lindenblüten werden überwiegend als Tee getrunken. Für einen Teeaufguss werden zwei Gramm Droge (etwa ein gehäufter Teelöffel) mit einer Tasse kochendem Wasser übergossen und nach zehn Minuten abgeseiht. Den Tee sollten Erkältete zweimal täglich möglichst heiß trinken.

Die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamts bewertete die Droge positiv und empfahl sie bei Erkältungskrankheiten und trockenem Reizhusten. Wie andere Schleimdrogen mindern Lindenblüten Katarrhe der Atemwege. Eine schweißtreibende (dia­phoretische) Wirkung lässt sich durch die bisher identifizierten Inhaltsstoffe nicht erklären. Offenbar ist die Wärmezufuhr durch reichlich heißen Tee das eigentlich diaphoretische Wirkprinzip. Da weder Gegenanzeigen, Neben- und Wechselwirkungen mit anderen Mitteln bekannt sind, dürfen Schwangere und Stillende sowie Kleinkinder den Tee bedenkenlos trinken.

Lecker und praktisch

Einige Hersteller bieten Lindenblütentee auch in Filterbeuteln an, zum Beispiel als Lindenblüte Nr. 22 und Erkältungstee Nr. 4 von H&S. Für Kleinkinder ab dem ersten Jahr eignen sich der H&S Bio Kindertee »Atme gut« und »Wärme Dich« sowie der Bio Kinder-Kräutertee, die alle angenehm mild schmecken. Auch Sidroga® Lindenblütentee und Sidroga® Erkältungstee wirken schweiß­treibend und lindern Hustenreiz.

Die im Lindenblütentee enthaltenen Wirkstoffe machen ihn zu einem wohlschmeckenden Getränk, das auch bei Magenverstimmung und Nervosität helfen kann oder abends das Einschlafen erleichtert.

Eine Tasse Lindenblütentee an kalten Wintertagen – mit Lindenblütenhonig gesüßt – weckt Erinnerungen an liebevolles Umsorgtwerden aus Kindertagen. So begleitet die Linde bereits seit Jahrtausenden die Menschen durchs Leben. /

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