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Interview

Kunsttherapie bringt Licht ins Leben

16.12.2011
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Von Brigitte M. Gensthaler / Mit Pinsel und Farbe ausdrücken, was mit Worten nicht (mehr) möglich ist: Dies ist eine Aufgabe der Kunsttherapie mit Demenzkranken. Kunsttherapeutin Ulrike Knebel begleitet Menschen mit Demenz. Im Gespräch mit PTA-Forum erklärt sie, welche Entwicklungen das Malen ermöglicht.

PTA-Forum: Welche Ziele verfolgt die Kunsttherapie, speziell bei Menschen mit Demenz?

Knebel: Es gibt zwei Richtungen in der Kunsttherapie: eine, die persönliche Schwierigkeiten aufdecken soll, und die Ressourcen orientierte Therapie. Letztere möchte Fähigkeiten und Vorlieben des Klienten entdecken, um diese dann weiterzuentwickeln. Kunsttherapie ist weitgehend nonverbal.

Bei Menschen, die an Demenz erkrankt sind, geht es in erster Linie um deren Aktivierung und Vitalisierung. Meine Aufgabe als Kunsttherapeutin ist es, zu fördern, zu vertiefen und auszubauen, was da ist, und anzustoßen, was möglich ist. Das Ziel ist, die Wahrnehmung des Klienten zu aktivieren und zu erweitern, ihn in Bewegung zu halten und Entscheidungen treffen zu lassen. Wenn er sich am Ende über seine gelungene Arbeit freut und gerne sein Werk anschaut, habe ich das Ziel erreicht.

PTA-Forum: Kann Malen tatsächlich etwas anstoßen?

Knebel: Ja, manchmal erlebe ich, wie beim dementen Menschen das ganze alte Leben hochkommt: Erinnerungen, Einstellungen und Worte. Beim Malen erzählen viele von früher, von ihrer ­Familie, den Geschwistern und ihren Freunden. Auch wenn sie sonst kaum noch sprechen.

PTA-Forum: Manche Kritiker sagen, Kunsttherapie sei ein Luxuszeitvertreib. Was meinen Sie dazu?

Knebel: In den zehn Jahren, in denen ich in der Psychiatrie als Kunsttherapeutin gearbeitet habe, kamen sowohl Kassen- als auch Privatpatienten in den Genuss, sich in der Kunsttherapie kreativ ausdrücken zu können. Für viele Menschen ist diese Therapie eine wichtige und notwendige Begleitung. Fernsehen ist natürlich kostengüns­tiger, dabei bleibt jedoch der leben­dige Dialog aus. Luxus kommt von Licht, aber durch Kunst ein bisschen mehr Licht in das ­Leben eines dementen Menschen zu bringen, sollte kein Luxus sein.

PTA-Forum: Wie kann Kunst einen Dialog anstoßen, wenn Menschen kaum noch sprechen können?

Knebel: Es ist wichtig, dass die Menschen sich trauen, in fremder Umgebung aus sich herauszugehen. Psychisch Kranke leiden oft an einer trostlosen Vereinsamung, weil sie keine Kontakte aufbauen können. In der Kunsttherapie sitzen sie mit anderen zusammen und müssen sich Farben teilen. Dann reden sie plötzlich miteinander. Ich habe es oft erlebt, wie über die Kunst Gespräche entstehen. Das setzt etwas in Gang.

PTA-Forum: Sie betreuen auch einzelne Patienten. Wie läuft eine Maltherapiestunde ab?

Knebel: Zuerst bauen wir gemeinsam alles auf. Das ist eine gute Einstimmung. Wichtig für die Dementen ist, dass sie alles überschauen können und ihre Mal­utensilien am gewohnten Ort stehen. Alles Weitere läuft nach dem immer selben ruhigen Ritual ab. Wir suchen gemeinsam ein Thema aus, wählen das Papier und fixieren dies auf einer Unterlage. Dann entsteht eine Bleistiftskizze, und die Hintergrundfarbe wird dünn aufgetragen. Das reicht meist schon für eine Stunde. In den nächsten Sitzungen werden die Details ausgearbeitet. Zum Schluss erhält das Bild eine Signatur und das Tagesdatum, was zunehmend zur Hürde werden kann.

PTA-Forum: Gibt es auch künstlerische Fortschritte?

Knebel: Ja, mitunter ganz erstaunliche. Manche meiner Klienten malen anfangs mühsam und nur mit viel Hilfe einfache Striche. Sie halten nur kurze Zeit durch, aber dann werden die Sitzungen immer länger. Nach einigen Monaten entstehen hervorragende Bilder. Erstaunlich ist auch, dass die kognitive und die künstlerische Entwicklung stark auseinanderklaffen können. So kann beispielsweise die Gedächtnisleistung abnehmen und gleichzeitig das künstlerische Schaffen voranschreiten. Übrigens für mich eine interessante ­Beobachtung: Die dementen Menschen erkennen ihre Bilder, auch wenn wir in mehreren Sitzungen daran arbeiten.

PTA-Forum: Wie reagieren Patienten, vor allem solche mit leichter kognitiver Beeinträchtigung, auf das Angebot? Empfinden sie Malen nicht als Kinderkram?

Knebel: In der Klinik musste ich mich oft mit Worten auseinandersetzen wie: so ein Kinderkram. Oder: Ich bin doch nicht im Kindergarten. Aus dieser Abwertung spricht die Angst, eine ungewohnte Tätigkeit aufzunehmen. Wenn jemand sein ganzes Leben lang immer Leistung bringen musste, ist es nicht einfach, sich auf das absichtslose Spiel einzulassen. Im Laufe der Zeit habe ich mir gewisse Tricks ausgedacht, um den Menschen die Kunsttherapie nahe zu bringen.

PTA-Forum: Wie lange kann ein Demenzpatient malen? Erkennen schwer Kranke noch Pinsel und Leinwand?

Knebel: Jeder kann so lange arbeiten, solange er zum Therapeuten eine Beziehung aufbaut. Wenn ich den Menschen lange kenne, verstehe ich, was er meint, wenn er zum Bespiel einen Löffel statt Pinsel verlangt. Der Kunsttherapeut muss sich sehr stark auf die Fähigkeiten des Klienten einstellen und das Malangebot daran anpassen. Ich erlebe mitunter, dass zwölf Farbnäpfchen in einem Farbkasten schon zu viel sind. Dann suche ich neue Wege. Es gibt zum Beispiel sehr gute Farben in größeren Tiegeln. Oder ich stelle dem Malenden nur die momentan benötigte Farbe hin.

Manchmal ist auch die Art der Farbe wichtig. In Pflanzenfarben steckt anderes Leben als in Acrylfarben. Pflanzenfarben wirken intensiver auf Menschen und regen stärker an.

PTA-Forum: Sie haben lange mit psychisch Kranken gearbeitet und sich dann auf Demenzpatienten spezialisiert. Wo liegen Unterschiede?

Knebel: Auf der psychiatrischen Station fand die Kunsttherapie als Gruppentherapie statt. Es waren Patienten aller Alterstufen und mit allen psychiatrischen Krankheitsbildern dabei. Von Anbeginn haben mich die Menschen mit einer Demenzerkrankung besonders berührt. Ich erlebte mit, wie sehr verloren sie sich auf einer Station mit fremden Menschen, fremden Räumen, fremder Organisation fühlten. Mit ihrer eigenen Verwirrung sind sie in der Fremde ausgeliefert und desorientiert.

Menschen mit Demenz brauchen sehr viel Zuwendung, Aufmerksamkeit und besondere Hilfe, damit sie in der Gruppe bleiben können. Sie brauchen viel Ruhe, das ist das A und O. Und Ordnung: Immer muss alles an der gleichen Stelle stehen. Dies schafft Klarheit. Als Therapeutin muss ich das alles im Blick haben.

PTA-Forum: Sie haben sich umfassend weitergebildet für ihre Arbeit mit psychisch kranken und dementen Pa­tienten. Können auch pflegende Angehörige zu Hause mit ihren Schützlingen malen?

Knebel: Ja natürlich. Jede Aktivierung tut gut und ist besser, als immer nur fernzusehen. Aber viele Angehörige sind durch den Pflegealltag sehr gefordert. Für künstlerische Arbeit braucht man nicht nur Fachwissen, sondern auch Gelassenheit.

Hinzu kommt, dass manche Klienten nur mit mir, nicht mit ihrer Familie oder einem Assistenten malen. Ich erlebe immer wieder, dass bestimmte Personen mit bestimmten Rollen verbunden werden. Meine Arbeit erfordert viel Geduld, denn wir arbeiten immer so lange an einem Bild, bis der Klient ­zufrieden ist. Als ausgebildete Kunsttherapeutin kann ich lenkend eingreifen. Letztlich soll etwas entstehen, was ihn erfreut, was ihm gefällt und worauf er stolz ist. Im Alltag von Demenzpa­tienten geschieht so wenig, worauf sie stolz sein können.

PTA-Forum: Wie finden ein Patient oder seine Angehörigen einen Kunsttherapeuten oder eine -therapeutin?

Knebel: Adressen finden Interessierte an den Ausbildungsinstituten oder beim Deutschen Fachverband für Kunst- und Gestaltungstherapie e.V. (DFKGT), sicher auch bei der Alzheimer-Gesellschaft.

PTA-Forum: Bezahlt die Krankenkasse die Therapiestunden?

Knebel: Leider nicht! Da ist noch sehr viel Verbands- und Öffentlichkeits­arbeit notwendig.

PTA-Forum: Ihr stärkstes Argument für die Kunsttherapie?

Knebel: Demenz ist eine schreckliche Krankheit. Die Menschen verlieren sich, und viele verzweifeln daran. Doch alle haben Antennen, die Leben spüren. Sie sind empfänglich für alles, was die Sinne ergreift. Für mich lohnt es sich, immer wieder nachzuforschen, wo ich die Seele berühren kann und wie ich Saiten zum Schwingen bringe. Die Kunsttherapie kann wie ein Schlüssel zu einer Schatzkiste sein. Viele Menschen wissen gar nicht, dass sie malen können. Und dann entdecken wir erstaunliche Begabungen. Oft läuft im Kopf und im Herzen noch so viel ab, was die Menschen verbal nicht mehr ausdrücken können. Aber in der Kunst.

PTA-Forum: Ihr schönstes Erlebnis in einer Therapiestunde?

Knebel: In vielen Stunden habe ich schöne Begebenheiten erlebt. Gelungen ist eine Stunde, wenn ich erreichen kann, dass der Patient, der zu Beginn müde, lustlos und blass war, am Ende gut durchblutete Wangen hat und sich auf die nächste Stunde freut. Doch vielleicht war folgendes Erlebnis der schönste Moment: Ich erinnere mich noch wie heute, wie sehr sich ein äl­terer dementer Mann gefreut hat, als ich zum ersten Mal sein gemaltes Bild gerahmt habe! Diese Wertschätzung hat seine Stimmung augenblicklich ­gehoben. /

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