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Seltene Erkrankungen

Morbus Fabry

16.12.2011  15:03 Uhr

Von Iris Priebe / So ganz genau kennt niemand die Zahl der Morbus-Fabry-Kranken. Nach offiziellen Angaben leiden hierzulande 700 Menschen an dieser Erbkrankheit, die vor allem Männer betrifft. Im Frühstadium übersäen blaue Knötchen ihre Haut, später erkranken Nieren, Lunge oder Gehirn. Ursache ist ein Mangel an α-Galactosidase.

Völlig unabhängig voneinander beschrieben zwei Hautärzte das Krankheitsbild im Jahr 1898: der Deutsche Dr. Johannes Fabry und sein britischer Kollege Dr. William Anderson. Beide Ärzte berichteten in Fachmagazinen über Patienten, bei denen bereits im Kindesalter merkwürdige blau-schwarze Hautknötchen aufgetreten waren, die die Ärzte keinem bekannten Krankheitsbild zuordnen konnten. Erst später erhielt die Erkrankung zu Ehren ihrer Entdecker den Namen Morbus Fabry oder Fabry-Anderson-Krankheit.

Epidemiologischen Untersuchungen zufolge tritt die Krankheit ausgesprochen selten auf. Je nach Quelle variieren die Daten stark: Die Spanne reicht von 0,0025 Prozent bis 0,03 Prozent, das heißt 1 Morbus-Fabry-Kranker unter 40 000 Gesunden beziehungsweise 1 Kranker unter 3100 Gesunden. Wahrscheinlich bleibt eine erhebliche Anzahl von Patienten ein Leben lang unerkannt, und ihren Tod führen Ärzte nicht auf Morbus Fabry, sondern auf eine andere Erkrankung zurück.

Was Ende des 19. Jahrhunderts den beiden Dermatologen auffiel, ist das offensichtlichste Merkmal der Krankheit: die sogenannten Angiokeratome. Das sind gutartige Blutwarzen, die ihren Namen aufgrund ihrer warzenähnlichen Oberflächenstruktur erhielten. Sie entstehen, wenn sich Kapillaren (griech. angio = Gefäß) in der Haut erweitern und sich die Hornhaut (griech. kéras = Horn) direkt darüber ungewöhnlich stark verdickt.

Diese Hautveränderungen bilden sich ganz plötzlich zwischen dem fünften und zehnten Lebensjahr vor allem bei Jungen. Meist stehen die kleinen Knötchen einzeln, doch manchmal auch so dicht, dass sie wie größere Flecke aussehen. Ihre Farbe ist stets dunkelrot, dunkelblau bis schwarz.

Mit der Zeit entstehen immer neue Angiokeratome an anderen Körperstellen, sodass sie schließlich große Partien überziehen. Besonders stark befallen ist der untere Teil des Rumpfes, die Umgebung des Nabels, die Hüften, das Gesäß, die Leisten, die Genitalien und die Oberschenkel. Nur selten treten sie auf Armen oder Beinen auf, an Gesicht, Händen und Füßen fast nie.

Doch Vorsicht vor Fehldiagnosen: Angiokeratome alleine sind kein ausreichender Beweis für Morbus Fabry. Die charakteristischen Knötchen können auch auf andere Krankheiten hinweisen. Sogar bei gesunden Menschen bilden sich diese harmlosen Hautveränderungen.

Morbus Fabry zählt zu den Stoffwechselkrankheiten. Die Beschwerden werden durch einen partiellen Mangel oder den totalen Ausfall des Enzyms α-Galactosidase verursacht. Dieses Enzym befindet sich in den Lysosomen nahezu aller Zellen des menschlichen Körpers. In diesen abgeschlossenen Vesikeln voller Verdauungsenzyme spaltet die α-Galactosidase das Monosaccharid Galactose von Mehrfachzuckern oder Fettmolekülen ab.

Bildet der Organismus nicht genug Enzym oder fehlt es ganz, lagern sich die fettartigen Subs­trate in den Lysozymen ab. Dieser »Abfall« an Stoffwechselprodukten beeinträchtigt zunehmend die Funktion der Organe und Blutgefäße.

Männer schwerer betroffen

Wissenschaftler haben inzwischen das Gen entdeckt, dessen Mutation für Morbus Fabry verantwortlich ist. Die α-Galactosidase wird von dem sogenannten GLA-Gen codiert, das auf dem X-Geschlechtschromosom sitzt. Daher erkranken Männer immer schwer, Frauen gar nicht oder deutlich leichter. Der Grund: Frauen haben neben dem mutierten stets ein zweites, gesundes ­X-Chromosom. Außerdem setzt der Krankheitsbeginn bei Frauen später ein als bei Männern. Männliche Patienten entwickeln schon ab dem Kindesalter die für Morbus Fabry typischen Symptome, Frauen erst in einem Alter von 40 bis 50 Jahren.

Die Lokalisation des Gendefektes erklärt auch die Vererbung: Söhne von kranken Männern sind immer gesund, denn die Väter vererben ihren männlichen Nachkommen stets das gesunde Y-Chromosom. Die Töchter kranker Männer werden zu 100 Prozent Trägerinnen der Genveränderung. Ob sie allerdings selbst erkranken und falls ja, wie stark, lässt sich nicht voraussagen. Die Kinder dieser Frauen erben den Gendefekt mit einer 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit.

Schmerzen fehlgedeutet

Weil so wenige Menschen an Morbus Fabry erkranken und ihre Beschwerden sehr unterschiedlich sind, wird die Krankheit fast nie im Kindesalter diagnostiziert. Meist sind die Betroffenen schon erwachsen und litten bereits mehrere Jahre an unspezifischen Symptomen, bis ein Arzt die Zusammenhänge endlich richtig deutet.

Neben den Angiokeratomen klagen die Patienten im frühen Stadium über brennende Schmerzen an Händen und Füßen, die sich in andere Regionen ausweiten können. Oft begleitet ein Kribbeln oder Ameisenlaufen den Schmerz. Dieser Zustand kann anfallartig einige Minuten andauern, aber auch über Tage anhalten oder sogar chronifizieren. Manche Patienten oder auch Ärzte deuten die Schmerzen fälschlicherweise als Muskel- und Gelenkprobleme, als Fibromyalgie-Syndrom oder Rheuma. Verursacht werden sie jedoch durch die Fett-ablagerungen in den Nervenzellen.

Unspezifische Symptome

Bei nahezu allen Patienten trübt sich die Hornhaut der Augen charakte­ristisch. Weil ihr Sehen nicht beeinträchtigt ist, fällt dieses Symptom den Betroffenen kaum auf. Obwohl die Trübung nicht behandelt werden muss, ist sie ein erster Hinweis auf die Erkrankung, denn sie lässt sich schon bei Kindern beobachten.

Viele Betroffene haben Probleme mit der Verdauung, zum Beispiel quälen sie Bauchschmerzen nach dem Essen, Durchfall, Übelkeit oder Erbrechen. Die meisten Fabry-Patienten schwitzen nur sehr wenig oder gar nicht. Sie bekommen bei einer Infektion oder Überanstrengung leicht Fieberschübe, weil der Körper seine Temperatur nicht mehr richtig regulieren kann. Einige Patienten leiden an Lymphödemen, zunächst an Zehen und Fingern, später an Füßen und Händen oder sogar an Beinen und Armen.

Bei etwa 63 Prozent der Betroffenen nimmt im Verlauf der Erkrankung auch das Lungengewebe Schaden. Diese Patienten müssen oft husten und können nur noch geräuschvoll ein- und ausatmen. Manche erleiden Atemnotattacken. Die Lungenspiegelung und die Untersuchung des Lungensekrets ergeben, dass sich in den Bronchialzellen Speicherfette abgelagert haben.

Ohren und Nieren in Not

Recht typisch für Morbus Fabry sind Hörstörungen, beispielsweise Tinnitus, fortschreitender oder plötzlicher Hörverlust sowie Schwindel. Mit der Zeit beeinträchtigen die Fettablagerungen auch die Funktion der Nieren.

Als erstes Zeichen bildet sich beim Wasserlassen Schaum auf dem Urin, verursacht durch zu hohe Eiweißmengen. Neben dem zu hohen Proteingehalt ergibt die Urinuntersuchung in diesem Stadium der Erkrankung auch erhöhte Werte der roten Blutkörperchen. Tagsüber lagert das Gewebe in den Beinen Wasser ein, sodass die Patienten nachts immer wieder die Toilette aufsuchen müssen. Da die Beine im Bett hochlagern, wird das Wasser aus dem Körper geschwemmt. Außerdem machen den Patienten Muskelkrämpfe zu schaffen, weil auch der Salzhaushalt durcheinander gerät. Bei manchen steigt der Blutdruck, und sie klagen über häufige Kopfschmerzen. Im fortgeschrittenen Stadium kommt es aufgrund der unzureichenden Entgiftung zu Übelkeit und Brechreiz. Wenn die Nieren schließlich versagen, werden die Erkrankten dialysepflichtig.

Im weiteren Verlauf verstopfen Ablagerungen auch die Gefäße, die das Gehirn versorgen, sodass dieses schlechter durchblutet wird. Diesen Prozess bemerken Betroffene und auch die Angehörigen daran, dass die Patienten zunehmend unverständlich sprechen oder unter Taubheitsgefühlen sowie Lähmungserscheinungen leiden. Auch Schlaganfälle und Hirnblutungen können als Folgen auftreten.

Enzymersatz per Infusion

Früher waren die therapeutischen Möglichkeiten der Ärzte sehr eingeschränkt. Gegen die brennenden Schmerzen verordneten sie nicht-steroidale Antirheumatika, bei extremen Schmerzkrisen sogar Betäubungsmittel. Manche Patienten erhielten das Antidepressivum Amitriptylin oder Medikamente, die für die Indikation Epilepsie zugelassen sind, zum Beispiel Carbamazepin oder Gabapentin.

Seit Herbst 2001 haben zwei neue Arzneimittel die Therapie des Morbus Fabry revolutioniert: Fabrazyme® und Replagal®. Fabrazyme enthält Agalsidase beta und Replagal Agalsidase alfa – beides gentechnisch hergestellte Formen des Enzyms α-Galactosidase. Zugelassen sind beide Präparate für die langfristige Therapie bei Patienten mit gesicherter Fabry-Diagnose. Die synthetischen Enzyme ersetzen die fehlende α-Galactosidase. Sie bauen teilweise bereits abgelagerte Stoffwechselprodukte ab und verhindern neue Ablagerungen. Beide Arzneistoffe müssen infundiert werden: Replagal alle zwei Wochen intravenös über 40 Minuten, Fabrazyme über 4 Stunden.

Je früher Morbus-Fabry-Patienten eines der neuen Arzneimittel erhalten, umso eher lassen sich irreversible Schäden an den Organen verhindern beziehungsweise das Fortschreiten der Erkrankung aufhalten. In klinischen Studien zeigte sich, dass die Therapie die Schmerzen reduzierte, die Nierenfunktion stabilisierte, das Gehör verbesserte und die Lebensqualität deutlich steigerte. Ist die Erkrankung schon sehr weit fortgeschritten und hat beispielsweise Nieren, Herz und Gehirn stark geschädigt, können die neuen Arzneisubstanzen wenig ausrichten. /

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