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Arzneimitteltherapie

Neuer Arzneistoff im Dezember 2011

16.12.2011  15:23 Uhr

Von Sven Siebenand / Ablenkbar, emotional labil und impulsiv: So beschreiben Lehrer häufig Schüler mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS). Kurz vor Jahresende kam ein neuer Wirkstoff gegen das Zappelphilipp-Syndrom in Deutschland auf den Markt. Allerdings muss der Arzt sehr viel beachten, wenn er das Medikament verschreibt.

Seit Anfang Dezember sind Attentin® 5 mg Tabletten (Medice Arzneimittel) in Deutschland zur Behandlung von ­Jugendlichen und Kindern ab sechs ­Jahren mit ADHS zugelassen. Die Tabletten enthalten das Betäubungsmittel Dexamfetamin. In den USA ist Dextroamphetamin, der gleiche Wirkstoff, bereits unter dem Handelsnamen Dexe­drine® (Kapseln mit 5 mg oder 10 mg) zugelassen.

Ärzte dürfen das neue Arzneimittel hierzulande aber nur in speziellen Fällen verordnen: Die Kinder müssen bereits ausreichend lange mit Methylphenidat und Atomoxetin behandelt worden sein und selbst auf die maximal verträgliche Dosis nicht angesprochen haben. Für Erwachsene ist das Präparat ganz tabu; zur Anwendung ab 18 Jahren sind andere Präparate zugelassen. Neben der Pharmakotherapie ergänzen in der Regel psychologische, pädagogische sowie soziale Maßnahmen das therapeutische Gesamtkonzept.

Wie andere Amfetamine regt auch Dexamfetamin das Zentralnervensystem an, was sich positiv auf Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit auswirkt. Wahrscheinlich fördert Dexamfetamin in bestimmten Gehirnregionen die Freisetzung der Neurotransmitter wie Adrenalin. Auch die Blockade der Wiederaufnahme der Catecholamine wird als Wirkmechanismus diskutiert.

Vor Therapiebeginn müssen Ärzte die Herzfunktion der Patienten untersuchen und außerdem abklären, ob Familienmitglieder an Herzerkrankungen leiden, möglicherweise sogar plötzlich an Herzversagen gestorben sind. Oft wird im Vorfeld der Behandlung auch ein EEG angefertigt.

Notwendige Kontrollen

Während der Therapie mit dem Sympathomimetikum sollten regelmäßig Blutdruck und Puls sowie das Wachstum des Kindes oder Jugendlichen kontrolliert werden. Denn Dexamfetamin kann Blutdruck und Puls erhöhen sowie das Wachstum und den Appetit hemmen. Auch sollte der behandelnde Arzt immer im Auge behalten, ob der Pa­tient unter der Therapie eine psychia­trische Störung entwickelt oder sich eine bereits bestehende Störung verschlechtert.

Der Hersteller empfiehlt in der Fachinformation als Startdosis täglich 5 bis 10 mg. Falls erforderlich, kann der Arzt die Tagesdosis in wöchentlichen Schritten jeweils um 5 mg erhöhen. Die maximale Tagesdosis beträgt in der Regel 20 mg. In seltenen Fällen können bei älteren Kindern Dosen von 40 mg täglich für eine optimale Einstellung notwendig sein. Wann der Patient die Tabletten einnehmen soll, richtet sich danach, zu welcher Tageszeit die Symptome am ausgeprägtesten sind. PTA und Apotheker können dazu raten, sich an ein striktes Schema zu halten, und die Tabletten vorzugsweise zu oder direkt nach dem Essen einzunehmen.

Wichtige Therapiepausen

Da Dexamfetamin zur Abhängigkeit führen kann, muss der Arzt behandlungsfreie Zeitabschnitte (vorzugsweise in den Schulferien) einplanen. In dieser Zeit sollte er gemeinsam mit den Eltern das Verhalten des Patienten ohne medikamentöse Behandlung beurteilen und entscheiden, ob eine Fortführung der Therapie gerechtfertigt ist. Auf jeden Fall muss nach längerer Einnahme von Dexamfetamin das Ende der Therapie immer ausschleichend erfolgen. Abruptes Absetzen kann starke Müdigkeit und Depressionen verursachen. Wegen seines hohen Abhängigkeits- und Missbrauchspotenzials sollte der Arzt überwachen, ob der Patient das Mittel in der verordneten Dosis nimmt.

Die Liste der Kontraindikationen des neuen Arzneistoffs ist lang, obwohl die meisten bei Kindern nicht gegeben sein dürften. Nicht einnehmen sollen das neue Medikament zum Beispiel Schwangere und Stillende, Patienten mit Glaukom, Herz-Kreislauf- oder zerebrovaskulären Erkrankungen. Auch Patienten, die nicht-selektive, irreversible MAO-Hemmer nehmen, dürfen kein Dexamfetamin erhalten. Hier besteht die Gefahr einer hypertensiven Krise.

Ein Blick in die Fachinformation ist auch in Sachen Wechselwirkungen sehr aufschlussreich: So kann die gleichzeitige Anwendung von Betablockern den Blutdruck immens ansteigen lassen, da Dexamfetamin deren Wirkung hemmt. Andere Medikamente dagegen schwächen die Wirkung des ADHS-Mittels, zum Beispiel Lithium, Reserpin und Ascorbinsäure. Beispiele für Wirkverstärker des Dexamfetamins sind Disulfiram, Natriumbicarbonat und einige Thiazide. /

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