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Urtikaria

Qualen durch juckende Quaddeln

16.12.2011
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Von Ute Koch / Viele Menschen glauben fälschlicherweise, ­Urtikaria sei eine allergische Erkrankung. Das trifft jedoch nur auf circa 10 Prozent der Fälle zu. Die juckenden Quaddeln plagen etwa 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal im Leben, Kinder und Jugendliche viel häufiger als Erwachsene.

Die Hautreaktionen ähneln denen nach Berührung einer Brennnessel. Dies bringen der deutsche Begriff Nesselsucht und das lateinische Wort Urticaria (Urtica = Brennnessel) zum Ausdruck. Typischerweise bildet sich ganz plötzlich und schubartig ein großflächiger Hautausschlag mit juckenden Quaddeln, die meist innerhalb weniger Stunden wieder folgenlos verschwinden.

Eine Quaddel definieren Dermatologen als plötzlich auftretende und meist nur Minuten bis wenige Stunden anhaltende, flache Erhebung der Haut. Verursacht wird sie durch Wasseransammlungen (Ödeme) unter der Hautoberfläche. Das Farbspektrum reicht von rötlich bis weiß, die Ausdehnung von stecknadelkopf- bis münzgroß – im Extremfall sogar handflächengroß. In der Regel jucken die Quaddeln stark, sodass sie die Betroffenen extrem quälen, insbesondere wenn sie ihnen nachts den Schlaf rauben. Der Urtikaria zugeordnet werden auch Schwellungen in tieferen Schichten der Haut- oder Schleimhaut, genannt Angioödeme. Diese betreffen überwiegend das Gesicht, das sie oft regelrecht entstellen, sowie die Hände und Füße.

Suche nach Auslösern

Die Hautkrankheit klassifizieren Mediziner nach verschiedenen Aspekten, unter anderem nach ihrer Dauer: Klingt die Urtikaria innerhalb von sechs Wochen ab, liegt eine akute Form vor, dauert sie länger, eine chronische. Darüber hinaus ist die Dreiteilung in spontane Urtikaria, physikalische Urtikaria und andere Formen der Urtikaria üblich. Doch nicht jedes Krankheitsbild lässt sich eindeutig einer dieser drei Formen zuordnen, manchmal liegen mehrere Urtikariaformen gleichzeitig vor.

Die Palette der möglichen Auslöser ist vielfältig und die Suche danach oft langwierig oder bleibt gänzlich ohne Erfolg. Hinzu kommt die ähnlich mühsame Suche nach Faktoren, die das Krankheitsgeschehen verstärken. Hat der Betroffene Auslöser und/oder Verstärker identifiziert und kann er diese meiden, ist er einen wesentlichen Schritt weitergekommen.

Bei der häufigsten Urtikariaform, der spontanen Urtikaria, treten die Hautreaktionen in der Regel völlig unerwartet und am gesamten Körper (generalisiert) auf. Zumeist sind Juckreiz und Quaddeln auf nur wenige Tage bis Wochen begrenzt. Lediglich in 10 Prozent der Fälle wird die Erkrankung chronisch, sodass die Beschwerden die Betroffenen teilweise sogar täglich ­quälen. Häufige Auslöser sind Infekte, zum Beispiel der Atemwege, Nahrungsmittel und deren Zusatzstoffe sowie Arzneimittel, beispielsweise nicht-steroidale Antirheumatika, Penicilline und Betablocker.

Bei der physikalischen Urtikaria rufen – wie es der Name schon sagt – physikalische Reize wie Licht, Kälte oder Wärme Quaddeln und Juckreiz hervor. Die Hautreaktionen bleiben in der Regel auf das Areal beschränkt, auf das der Auslöser einwirkte. Die häufigste Form ist die Urticaria factitia, die durch Reiben oder Kratzen der Haut entsteht, bei manchen Patienten sogar nur durch den Kontakt mit rauer Kleidung. Besonders problematisch ist hierbei der Juckreiz, weil Kratzen die Hautreaktionen noch verstärkt. Als Folge geraten die Betrof­fenen in einen unerträglichen Teufelskreis.

Faktor Temperatur

Bei manchen Patienten löst allein schon eine erhöhte Körpertemperatur die Probleme aus, beispielsweise ausgelöst durch ein heißes Bad, körperliche Anstrengung, zu warme Kleidung, scharf gewürzte Speisen oder Stress. Daher heißt die Krankheit auch Schwitz- oder Anstrengungs-Urtikaria mit dem Fachbegriff cholinerge Urtikaria.

Die Quaddeln sind so groß wie Stecknadelköpfe und entstehen ebenso wie der Juckreiz binnen 2 bis 20 Minuten nach der Temperaturerhöhung. Sobald der Körper abgekühlt ist, bilden sich die Symptome innerhalb weniger Minuten wieder zurück. Unter cholinerger Urtikaria leiden mehr Männer als Frauen und zwar überwiegend zwischen dem 15. und dem 25. Lebensjahr. In den meisten Fällen verläuft diese Form der Nesselsucht jedoch so leicht, dass sie die Betroffenen kaum stört und deshalb nicht zum Arzt führt. Interessanterweise ist jeder zweite Betroffene Atopiker und leidet gleichzeitig an Heuschnupfen, Asthma bronchiale oder Neurodermitis.

Histamin als Hauptakteur

Eine zentrale Rolle in der Pathophysiologie spielt das Histamin – unabhängig von der Urtikariaform. Werden die Mastzellen stimuliert, zerfallen (degranulieren) sie und setzen große Mengen Histamin sowie anderer hochaktiver Entzündungsmediatoren, zum Beispiel Leukotriene, frei. Diese erhöhen die Permeabilität der Blutgefäße, was zum Austritt von Flüssigkeit aus dem Gefäßinneren in das umliegende Gewebe führt. Quaddeln und Schwellungen sind die Folge.

Juckreiz entsteht durch das Histamin selbst. Zusätzlich aktiviert Histamin Nervenfasern, wodurch diese Neuropeptide wie die Substanz P freisetzen. Die Neuropeptide verursachen nicht nur zusätzlichen Juckreiz, sondern stimulieren auch die Mastzellen zur weiteren Histaminausschüttung. Ein Teufelskreis ist entstanden.

Juckreiz verführt dazu, sofort zu kratzen. Das verschafft jedoch nur kurzzeitig Linderung und fügt der Haut zusätzlichen Schaden zu. Länger wirksam und hautschonender ist das Kühlen der juckenden Areale, beispielsweise mit Kühlpacks oder -gelen. Wer diese statt im normalen Kühlfach im Tiefkühlfach lagert, muss das Kühlpack vor Gebrauch in ein Tuch wickeln, um Kälteschäden der Haut zu vermeiden. Jucken größere Hautareale, kann eine kalte Dusche helfen. Doch Vorsicht: Bei Patienten mit Kälteurtikaria ist gerade die Akutbehandlung mit Kälte kontraindiziert.

Bei einigen Urtikariaformen hat es sich bewährt, den Körper Schritt für Schritt an den Auslöser zu gewöhnen, zum Beispiel bei der Kälteurtikaria durch regelmäßige kalte Bäder. Diesen Trainingseffekt umschreibt der englische Begriff Hardening (Abhärten) gut. Manche Patienten mit cholinerger Urtikaria nutzen die Refraktärzeit aus, um für eine gewisse Phase von Quaddeln verschont zu bleiben. Das ist die Zeit, in der die Mastzellen kein Histamin freisetzen können. Nach erfolgter Entleerung dauert es, bis sie wieder neues Histamin bilden.

Geeignete Dermatika

Zur Juckreizlinderung eignen sich Zubereitungen unter anderem mit Menthol oder Polidocanol, je nach Verfügbarkeit in Form von Fertigpräparaten oder als Rezeptur, zum Beispiel Menthol 0,25 Prozent in Unguentum emulsificans aquosum. Polidocanol (wie in Anaesthesulf® Lotio), auch unter dem Namen Macrogollaurylether bekannt, soll weniger sensibilisierend wirken als andere synthetische Lokalanästhetika, beispielsweise Benzocain. Aufgrund seiner Emulgator­eigenschaften ist Polidocanol für Rezepturen (maximal 10 Prozent etwa in DAC-Basiscreme) gut geeignet.

Zubereitungen mit Glucocorticoiden stillen zwar prinzipiell Juckreiz sehr gut, gehören bei Urtikaria jedoch nicht zu den Mitteln der ersten Wahl. Hauptgrund ist der späte Wirkeintritt. So sind die juckenden Quaddeln häufig schon wieder verschwunden, wenn das Kortison zu wirken beginnt.

Orale H1-Antihistaminika

H1-Antihistaminika blockieren die H1-Rezeptoren in den Geweben, sodass von den Mastzellen freigesetztes Histamin nicht oder nur bedingt an seinen Rezeptoren andocken kann. Dadurch lindern diese Arzneistoffe Symptome wie Quaddeln, Juckreiz und Schwellungen oder unterbinden diese völlig. Orale rezeptfreie H1-Antihistaminika wirken innerhalb von 20 Minuten bis zu einer Stunde und darüber hinaus lang anhaltend.

Rezeptfreie Mittel der Wahl sind Vertreter der zweiten Generation mit den Arzneistoffen Cetirizin (wie in Cetirizin-ratiopharm®) und Loratadin (wie in Lisino®). Die Patienten müssen beide Wirkstoffe nur einmal täglich einnehmen. Auch machen sie nicht müde, wie dies von älteren H1-Antihistaminika bekannt ist. Allerdings kann der sedierende Effekt der ersten Vertreter dieser Wirkstoffgruppe auch von Vorteil sein, wenn es darum geht, Juckreiz in der Nacht zu lindern und das Durchschlafen zu fördern. Ein Beispiel dafür ist das verschreibungspflichtige Ketotifen (wie in Zaditen®).

Bei der Auswahl des geeigneten H1-Antihistaminikums ist zu beachten, dass ein Arzneistoff nicht jedem Pa­tienten hilft. Manchmal muss er verschiedene Präparate ausprobieren. Topische H1-Antihistaminika, die sich zur Therapie von leichtem Juckreiz eignen, sind Dimentiden (wie in Fenistil® Gel) und Chlorphenoxamin (wie in Systral® Creme).

Tipps für Patienten

Die Urtikaria ist zumeist harmlos, kann aber wegen des quälenden Juckreizes die Lebensqualität der Betroffenen extrem beeinträchtigen. Bei wiederholtem Auftreten sollten PTA oder Apotheker zum Arztbesuch raten. Um dem Arzt die Suche nach den Auslösern und der geeigneten Therapie zu erleichtern, sollte der Patient oder ein Angehöriger möglichst einmal den Hautausschlag fotografieren und die Fotos in die Sprechstunde mitbringen. Es ist kaum damit zu rechnen, dass der Patient die Quaddeln dem Arzt zeigen kann. Sinnvoll ist auch ein Tagebuch, indem der Patient unter anderem die Dauer und das Ausmaß des Ausschlages, verzehrte Nahrungsmittel sowie angewendete Arzneimittel notiert hat.

Fundierte und ausführliche Informationen hierzu und zu zahlreichen anderen Aspekten der Urtikaria liefert die Website www.urtikaria.net. Hier können Betroffene auch ein Tagebuch als pdf-Datei herunterladen. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

ute.koch(at)berlin.de