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Bräuche an Silvester

Warum nicht vom Tisch springen?

16.12.2011  15:43 Uhr

Von Ernst-Albert Meyer / Silvester ist die Hochzeit des Aberglaubens. In der Nacht zum neuen Jahr versuchen die Menschen seit jeher, böse Geister und anderes drohendes Unheil auf vielfältige Weise zu verjagen. Früher sprangen sie zum Beispiel um Punkt Mitternacht vom Tisch und sagten einen speziellen Spruch auf.

Woher stammt eigentlich der Name für den letzten Tag des Jahres? Silvester I. war Papst vom Jahr 314 bis zum 31. Dezember 335. Der Legende nach soll er den heidnischen Kaiser Konstantin I. vom Aussatz geheilt, dann zum Christentum bekehrt und getauft haben. Dafür bedankte sich der Monarch mit üppigen Schenkungen an die Kirche. Silvester wurde später heilig gesprochen, und da seiner am 31. Dezember gedacht wird, erhielt dieser Tag seinen Namen.

Reines Hemd an Neujahr

Die meisten Menschen machen es sich heute einfach: Sie wünschen anderen zum Jahreswechsel ein erfolgreiches, gesundes und glückliches neues Jahr und vertrauen darauf, dass es auch so kommt. Die Menschen früher hatten es weitaus schwieriger: Jeder, der auf ein gutes neues Jahr hoffte, musste erst etliche Aufgaben erledigen, zum Beispiel am Ende des alten Jahres unbedingt bestimmte Dinge »abgearbeitet« haben. Dazu gehörten: den Haushalt aufzuräumen, allen Schmutz im Haus penibel zu beseitigen und auch die Wäsche von der Leine zu nehmen. Keine Arbeit durfte unerledigt liegen bleiben, alle Schulden mussten beglichen und ausgeliehene Sachen ihrem Besitzer noch im alten Jahr zurückgeben werden.

Wer im neuen Jahr keine Erkältung bekommen wollte, konnte auf den Brauch zurückgreifen, sich am Neujahrstag »ein reines Hemd anzuziehen«. Als Methode für dauerhafte Gesundheit galt, sich am Neujahrstag in einer Schüssel zu waschen, in der einige Goldstücke lagen.

Auf Frohsinn und Heiterkeit im nächsten Jahr konnte nur derjenige hoffen, der zu Neujahr süße Speisen aß. Eine wichtige Regel für Handwerker lautete: Zu Neujahr für kurze Zeit ihr Handwerkszeug in die Hand zu nehmen – das versprach beruflichen Erfolg. Bauern, die eine reiche Ernte wünschten, füllten ihre Taschen vor dem obligatorischen Kirchgang zu Neujahr mit allen Getreidesorten und befingerten die Körner während des Gottesdienstes.

Schuppen in der Börse

Ebenso wie an Weihnachten sind auch heute noch für den Silvesterabend bestimmte Speisen und Getränke ein Muss. An erster Stelle gehört zu Silvester ein Fisch auf den Tisch, am besten ein Karpfen. Aber warum? Früher legten die Menschen gerne einige seiner Schuppen in ihre Geldbörsen, damit diese im neuen Jahr stets prall gefüllt sind.

Außerdem war Schweinefleisch an Silvester beliebt, denn damit sollte jedem Esser im nächsten Jahr das Glück treu bleiben. Deshalb schenken sich die Menschen auch heute noch zum Jahreswechsel kleine Schweinchen aus Marzipan, Metall oder Porzellan als Glücksbringer. Manche Hausfrau backt ein Schwein aus Kuchenteig und stellt es mit brennenden Kerzen auf den Tisch. Selbstverständlich darf der Kuchen verzehrt werden. Äpfel stehen brauchtumsmäßig dagegen nicht so hoch im Kurs: So glaubten die Hessen, dass zu Silvester verzehrte Äpfel böse Geschwüre verursachen.

Bei den Getränken ist der Silvester-Punsch Pflicht, um das neue Jahr zu begrüßen. Das Wort »Punsch« kommt aus dem Hindustanischen (Hindustan ist die alte Bezeichnung für In­dien) und bedeutet »fünf«. Deshalb musste ein guter Punsch früher aus fünf Zutaten bestehen: Arrak oder Rum, Wasser, Tee, Zucker und Zitronensaft.

Stich in die Bibel

Was bringt die Zukunft? Keiner weiß es, aber seit jeher versuchen die Menschen, mit Orakeln auf diese Frage eine Antwort zu finden. Früher galten die »zwölf Nächte« vom 25. Dezember bis zum 6. Januar als besonders schicksalsträchtig. Während dieser Zeit trieben viele böse Geister ihr Unwesen!

Silvester war daher der geeignete Tag, das Schicksal zu befragen: Fromme Leute stachen mit einer Nadel oder einem Messer seitlich in das Gesangbuch oder die Bibel und folgerten aus dem aufgeschlagenen Text auf Freud oder Leid, Glück oder Unglück im nächsten Jahr.

Die Tradition des Bleigießens ist noch heute beliebt. Streng durchgeführt musste früher flüssiges Blei durch einen alten, ererbten Schlüssel in eine Schüssel mit Wasser gegossen werden. Die Form der entstandenen Figuren soll dann verschlüsselte Hinweise auf die Zukunft geben, die der Betrachter enträtseln muss.

Auch eine Nussschale diente als Orakel, vorausgesetzt, man hatte starke Nerven. Die Schalen wurden mit einem Wachslicht versehen und die »Boote« in einer Wasserschüssel schwimmen gelassen – aus dem Zusammentreffen oder Sich-Meiden der Schalen schloss man auf Sympathie oder Antipathie zwischen den Anwesenden. Erlosch das Wachslicht, galt dies als böses Omen: Es bedeutete den nahen Tod der betreffenden Person.

Ein Topforakel ist aus der Gegend von Brünn, der zweitgrößten Stadt des heutigen Tschechiens, überliefert: Die Gastgeber versteckten verschiedene Gegenstände unter Töpfen. Dann wurden die Gäste einzeln hereingerufen und durften drei Töpfe hochheben. Deckte der Teilnehmer mehrere Male denselben Gegenstand auf, zum Beispiel Geld oder Brot, galt dies als ­gutes Zeichen für Reichtum oder Speis und Trank im Überfluss. Aber Vorsicht vor dem Kamm! Wer den aufde­ckte, musste mit dem Schlimmsten rechnen.

Um etwas über das Wetter des nächsten Jahres zu erfahren, haben die Menschen in einigen Landstrichen mit einem Messer in ein frisches Brot gestochen. Nach einiger Zeit zogen sie das Messer heraus und sagten anhand der Feuchtigkeit an der Klinge das Wetter voraus.

In einigen Regionen Belgiens ist folgender Brauch üblich: Das Kind der Familie, welches am Silvestermorgen zuletzt aus dem Bett steigt, heißt einen Tag lang Silvester und muss seine ganzen Spielsachen den übrigen Kindern überlassen.

Mädchen, die eine ihnen übertragene Arbeit nicht bis zum Jahresende erledigt hatten, liefen Gefahr, wegen ihrer Faulheit und Unpünktlichkeit von bösen Geistern verfolgt zu werden.

Heiratsprognose im Stall

Woanders sollten sich in der Silvesternacht ledige Mädchen in den Hühnerstall begeben und abwarten, wer zuerst gackert: eine der Hennen oder der Hahn. Ist es der Hahn, wird das Mädchen im nächsten Jahr einen Ehemann finden.

Ebenso wie heute trafen sich auch früher zum Silvesterabend Familien oder Freunde, um gemeinsam zu essen und den Jahreswechsel zu feiern. Punkt Mitternacht beglückwünschte man sich und in den Städten begaben sich die Menschen lärmend auf die Straßen und riefen sich ein »Prosit Neujahr« zu.

Doch es geht auch anders: Im Erzgebirge gab es den Brauch, dass die Festgäste alle auf Tische und Stühle stiegen, bevor die Kirchenglocken das Ende des alten Jahres verkündeten – und beim letzten Glockenschlag herabsprangen. Dabei hatte jeder die folgenden Worte zu sprechen: »Grüß dich Gott, du neues Jahr! Viel Segen, Fried und Glück, das bringst du doch wohl mit.«

Nur die wenigsten, die heute zu Silvester Feuerwerkskörper zünden, denken vermutlich daran, dass sie damit eine uralte Tradition fortsetzen. Denn durch Lärm und laute Umzüge wollten die Menschen schon früher die bösen Geister vertreiben, die besonders zu Silvester und Neujahr ihr Unwesen treiben sollen.

Viele verbringen heute den Neujahrstag in Ruhe, schlafen aus oder »kurieren« ihren Kater. Auch das war früher anders: Der erste Tag des neuen Jahres war voller Aktivitäten, um Dämonen zu verjagen. Zu diesen lauten Bräuchen gehörte das Neujahrswerfen, bei dem man alte Töpfe, Teller und Gläser vor der Tür der Nachbarn zerschlug.

Hauptsache laut

Auch das Neujahrsschießen war in vielen Gegenden Tradition: Die Bauern schossen in die Obstbäume oder über die Viehställe, um eine reiche Ernte herbeizuführen oder das Vieh vor Krankheit zu schützen.

Heidnischen Ursprungs ist der Brauch des »Durchprügelns«, um symbolisch den Winter auszutreiben. In den Dörfern Niederösterreichs wurde dazu dem ungeschicktesten Knecht ein Strohkranz auf den Kopf gesetzt und ein Strohbündel in die Hand gedrückt. Dann jagten ihn die Bewohner des ­Bauernhofes mit einer Peitsche aus Stroh aus dem Haus. Nun musste der Knecht so lange in der Kälte stehen, bis eine Magd, meist die jüngste, sich seiner erbarmte und ihn wieder ins warme Haus brachte. Meist erhielt der durchgeprügelte Knecht den Namen Silvester. Mancherorts wurde der Knecht durch eine Strohpuppe ersetzt, die von der Dorfjugend am anderen Morgen verhöhnt und anschließend feierlich verbrannt wurde.

Folgender Brauch hat sich bis heute erhalten: Um das ganze Jahr vom Bösen verschont zu bleiben, schreibt man am Neujahrstag oder am 6. Januar, zum Tag der Heiligen Drei Könige, mit geweihter Kreide die Namen der Heiligen Drei Könige C(aspar) + M(elchior) + B(althasar) über die Türen. /

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