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Neue Arzneistoffe

Brentuximab Vedotin und Pixantron

14.12.2012
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Von Sven Siebenand / Anfang Dezember kamen zwei neue Arzneistoffe auf den deutschen Markt: Brentuximab Vedotin und Pixantron. Beides sind Krebsmedikamente, die bei bestimmten Lymphomen zum Einsatz kommen.

Lymphom ist ein Sammelbegriff für verschiedene Krebsarten, die ursprünglich von den lympha­tischen Organen wie Lymphknoten und Milz oder den lymphatischen Zellen (T- und B-Zellen) aus­gehen. Mediziner unterscheiden zwei Hauptkategorien von Lymphomen: Das Hodgkin-Lymphom – benannt nach dem Arzt Dr. Thomas Hodg­kin, der die Erkrankung als Erster beschrieb – und das Non-Hodgkin-Lymphom. Typisch für Hodgkin-Lymphome sind mehrkernige Riesentumorzellen, die sogenannten Hodgkin Reed-Sternberg-Zellen. Die große Zahl weiterer Lymphom-Unterarten wird mit dem Begriff Non-Hodgkin-Lymphome zusammengefasst.

Brentuximab Vedotin

Das erste neue Zytostatikum, Brentuximab Vedotin (Adcetris® 50 mg Pulver für ein Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, Takeda Pharma), ist für unterschiedliche Krebserkrankungen zugelassen. Zum einen wird es zur Behandlung von Erwachsenen mit Hodgkin-Lymphom ange­wendet, wenn die Krebszellen CD30-positiv sind, das heißt, wenn das Protein CD30 auf ihrer Oberfläche vorkommt. 

Bei diesen Patienten kann das neue Medi­kament in folgenden Fällen angewendet werden, wenn der Krebs wieder aufgetreten ist oder zuvor nicht auf eine Transplantation der körpereigenen blutbildenden Zellen (autologe Stammzelltransplantation) angesprochen hat oder nicht auf mindestens zwei voran­gegangene Therapien angesprochen hat und eine autologe Stammzelltransplantation oder eine Kombinationschemotherapie nicht als Behandlungsoption infrage kommt.

Brentuximab Vedotin wird auch für die Behandlung des systemischen anaplastischen großzelligen Lymphoms eingesetzt, wenn der Krebs wieder aufgetreten ist oder nicht auf andere Therapien angesprochen hat. Das anaplastische großzellige Lymphom ist ebenfalls ein CD 30-positiver Tumor. Insgesamt ist das Orphan Drug somit also eine neue Option für in der Regel mit anderen Zytostatikaregimen vorbehandelte Patienten, denen bislang keine Therapie zufriedenstellend half.

Der neue Arneistoff ist ein Konjugat aus Antikörper und Wirkstoff, das sich gezielt gegen CD30 richtet. Es besteht aus einem Anti-CD30-Antikörper und dem Zytostatikum Monomethyl-Auristatin E (MMAE), die über einen sogenannten Linker, miteinander verbunden sind. In der Blutbahn bleibt das Antikörper-Wirkstoff-Konjugat zunächst stabil. Erst nachdem es an CD30-positive Tumorzellen gebunden hat und und in die Zelle eingeschleust wurde, spalten Enzyme den Linker ab und setzen das Zytostatikum frei, das dann die Mikrotubuli der Tumorzelle zerstört. Dadurch wird die Zellteilung unterbunden, was schließlich den Tod der Krebszellen herbeiführt.

Die empfohlene Dosis beträgt 1,8 mg pro kg Körpergewicht. Die Patienten erhalten den Wirkstoff alle drei Wochen intravenös als 30-minütige Infusion. Während und nach der Infusion sollten die Patienten auf bestimmte Nebenwirkungen überwacht werden, und vor jeder Verabreichung von Brentuximab Vedotin sollte der Arzt ein großes Blutbild erstellen. Solange keine ernsthaften Nebenwirkungen auftreten und der Krankheitsprozess nicht fortschreitet, sollte die Behandlung fortgesetzt werden. Patienten, deren Erkrankung sich bessert oder stabilisiert, kann der Onkologe mit dem neuen Arzneistoff über einen Zeitraum von bis zu einem Jahr behandeln. Treten allerdings schwerwiegende Nebenwirkungen auf, muss der Arzt entscheiden, ob er die Behandlung unterbricht oder sogar abbricht. Bei bestimmten Nebenwirkungen gibt der Hersteller in der Fachinformation zusätzliche Dosierungsempfehlungen an.

Das neue Medikament kann eine Reihe von Nebenwirkungen hervorrufen. In Studien am häufigsten beobachtet wurden periphere sensorische Neuropathien (Nervenschädigungen in Händen und Füßen), Müdigkeit, Übelkeit, Durchfall, Neutropenie (Verminderung der neutrophilen Granulozyten im Blut), Erbrechen, Fieber und Infektionen. Zu den schwerwiegenden Nebenwirkungen zählen unter anderem die Thrombozytopenie (niedrige Thrombozytenzahl), das Tumorlyse-Syndrom (eine möglicherweise tödliche Komplikation, die durch den Abbau von Tumorzellen bedingt ist) und das Stevens-Johnson-Syndrom (eine lebensbedrohliche allergische Reaktion, von der Haut und Schleimhäute betroffen sind). Auch erhöhte Blutzuckerwerte und eine demyelinisierende Polyneuropathie (eine neurologische Störung, die durch eine langsam fortschreitende Schwäche und Gefühlsverlust in Armen und Beinen gekennzeichnet ist) sind möglich.

In der Fachinformation weist der Hersteller außerdem darauf hin, dass Neutropenien durch die gleichzeitige Gabe von Brentuximab Vedotin mit starken CYP3A4-und P-Glykoprotein-Inhibitoren, etwa dem Pilzmittel Ketoconazol, zunehmen können. Außerdem darf der Arzt Brentuximab Vedotin nicht mit dem Zytostatikum Bleomycin kombinieren, da dies auf die Lunge toxisch wirken kann. Patienten mit eingeschränkter Nieren- und Leberfunktion sollte er sorgfältig überwachen. Frauen im gebärfähigen Alter sollen während und bis zu 30 Tage nach der Behandlung mit dem Antikörper-Wirkstoff-Konjugat mit zwei Methoden zuverlässig verhüten. Schwangere sollten den neuen Arzneistoff nicht erhalten, es sei denn, der potenzielle Nutzen für die Mutter ist deutlich größer als das mögliche Risiko für den Fötus. Bei Stillenden muss der Arzt entscheiden, ob sie das Stillen unterbrechen sollen oder ob er auf die Behandlung verzichtet beziehungsweise diese unterbricht. Bei dieser Entscheidung sollte der Arzt das potenzielle Risiko für das Kind und den Nutzen der Therapie für die Frau im Blick haben. Männern, die mit dem neuen Medikament behandelt werden, wird empfohlen, während der Behandlung und bis zu sechs Monate nach der letzten Dosis kein Kind zu zeugen.

Das neue Präparat hat die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA »unter Auflagen« zugelassen. Das heißt, dass weitere Nachweise für den Nutzen des Arzneimittels erwartet werden, insbesondere im Hinblick auf die Langzeit­wirkungen des Arzneimittels wie Ansprechdauer und Überlebenszeit. Die EMA wird jedes Jahr die verfügbaren neuen Informationen prüfen und danach den Hersteller veranlassen, gegebenenfalls die Fach- und Gebrauchs­information zu aktualisieren.

Pixantron

 

Mit Pixantron (Pixuvri® 29 mg Pulver für ein Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, CTI Life Sciences) kam Anfang Dezember ein zweites Mittel gegen Lymphome auf den deutschen Markt. Es wird als Monotherapeutikum zur Behandlung von Erwachsenen mit aggressivem Non-Hodgkin- B-Zell-Lymphom angewendet, das erneut aufgetreten ist oder auf andere Chemotherapien nicht angesprochen hat. Der Hersteller empfiehlt in der Fachinformation die Dosis von 50 mg pro m2 Körperoberfläche und zwar als mindestens 60-minütige intravenöse Infusion an den Tagen 1, 8 und 15 eines 28-Tage-Zyklus. Bis zu sechs Zyklen mit diesem Krebsmedikament sind möglich. Bei Patienten, die Nebenwirkungen entwickeln oder deren Blutspiegel an Neutrophilen und Blutplättchen sehr erniedrigt ist, muss der Arzt die Dosis gegebenenfalls reduzieren oder die Behandlung verschieben.

Das zytotoxische Pixantron ist verwandt mit anderen Onkologie-Wirkstoffen, den Anthrazyklinen (zum Beispiel Daunorubicin oder Doxorubicin) und dem Krebsmittel Mitoxantron. Von diesen unter­scheidet es sich allerdings in Wirkweise und Nebenwirkungen. Zum Beispiel ist es kein Hemmstoff des Enzyms Topoisomerase II. Pixantron alkyliert direkt DNA und führt zu Doppel­strangbrüchen. Es hindert die Zellen also daran, neue DNA-Kopien und Proteine herzustellen. Dies bedeutet, dass die Krebszellen des Lymphoms sich nicht mehr teilen können und schließlich absterben.

Sehr häufige Nebenwirkungen von Pixantron betreffen das Blutbild. So kann die Zahl der weißen und roten Blutkörperchen gefährlich tief sinken und auch die Zahl der Blutplättchen zu stark abfallen. Auch Übelkeit, Erbrechen, Verfärbung der Haut, Haarausfall und Schwäche kommen sehr häufig vor. Die Patienten sollten wissen, dass sich während der Therapie die Farbe des Urins ändert und dass sie sich nicht mit abgeschwächten Lebendviren impfen lassen dürfen.

Bestimmte Patienten dürfen das neue Krebsmittel gar nicht erhalten. Dazu zählen Betroffene mit schweren Leberproblemen sowie Patienten, deren Knochenmark ungewöhnlich wenige Blutzellen erzeugt.

Männer und Frauen müssen während und bis zu sechs Monate nach der Behandlung wirksam verhüten. Die Anwendung von Pixantron bei Schwangeren wird nicht empfohlen. Das Stillen sollten Frauen während der Therapie unterbrechen.

Wie Brentuximab Vedotin hat die EMA auch Pixantron »unter Auflagen« zugelassen. Die Agentur erwartet weitere Nachweise für den Nutzen des Arzneimittels, insbesondere den Nutzen bei Patienten, die bereits mit dem Krebsmedikament Rituximab behandelt wurden. Zu dieser besonderen Fragestellung wird der Hersteller eine Studie durchführen. Die EMA wird die neuen verfügbaren Informationen jährlich prüfen und den Hersteller veranlassen, gegebenenfalls die Fach- und Gebrauchsinformation zu aktualisieren. /

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