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Kindergesundheitsstudie

Den Kindern das Kommando geben

14.12.2012  18:59 Uhr

Von Annette Behr, Berlin / Die meisten Grundschulkinder haben Spaß an der Bewegung im Freien. Außerdem essen sie lieber Obst und Gemüse als Süßigkeiten. Dies ist ein nicht nur für viele Eltern überraschendes Ergebnis der sogenannten Elefanten-Kinder­gesundheitsstudie 2011/2012. Zusammen mit Professor Dr. Dietrich Grönemeyer stellten das Institut PROSOZ und der Deutsche Kinder­schutz­bund am 21. November die Studienergebnisse in Berlin vor.

Stundenlanges Sitzen vor dem Fernseher oder dem Computer, dazwischen der hektische Blick auf das Smartphone und häufig noch ganz nebenbei der Griff in die Chipstüte oder zu Süßigkeiten, so erleben viele Eltern tagtäglich ihre Kinder. Für immer mehr Kinder und Jugendliche ist ein solches Verhalten der Einstieg in eine ungesunde Lebensführung inklusive Übergewicht. Schon heute ist in Deutschland jedes achte Kind zu dick.

Dass das Gesundheitsbewusstsein vor allem der Kinder im Grundschul­alter noch anders ist, zeigt die Befragung von 5000 Kindern zwischen 7 und 9 Jahren. Die im Klassen­verband anonym durchgeführte Befragung zu den Themen Gesundheit, Ernährung sowie Bewegung und Stress begann im Sommer 2011. Durchgeführt wurde die repräsentative »Elefanten-Kinder­gesund­heits­studie 2011/2012 – Große Ohren für kleine Leute« vom PROSOZ-Institut für Sozialforschung – PROKIDS in Kooperation mit dem Deutschen Kinderschutzbund (DKSB) und gestiftet vom Hersteller der Elefanten-Kinderschuhe.

Eines der Ergebnisse ist, dass Kinder im Grundschulalter sich aus eigenem Antrieb für ihre Gesundheit interessieren, mehr darüber wissen möchten, wie sie gesund bleiben und was sie dafür tun können. Ein Viertel der befragten Kinder fühlte sich in der Schule und in ihren Familien allerdings häufig überfordert. »Gestresste Kinder in der Schule sind meistens auch im Elternhaus gestresst«, stellte Professor Dr. Dietrich Grönemeyer klar und verwies darauf, dass auch zunehmend mehr Kinder am Burnout-Syndrom leiden. Der Mediziner und Buchautor ist Schirmherr der Studie und setzt sich seit langem für ein Umdenken an Schulen ein. »In diesem jungen Alter ist alles vorhanden, was zur Ausbildung eines gesunden Lebensstils erforderlich ist: Bewusstsein, Motivation und Wissensdurst. Nun sind wir Erwachsenen gefordert, diese Impulse zu verstärken, zu erhalten und weiterzuentwickeln«, meinte Grönemeyer.

Vorbilder

»Natürlich wirken auch die Eltern auf das Gesundheitsverhalten ein – allerdings weniger über das Bewusstsein der Kindern, sondern eher, indem sie die Rahmenbedingungen für einen gesunden Lebenswandel schaffen«, erklärte Anja Beisenkamp, Leiterin des PROKIDS-Instituts. Ein Frühstück sei dringende Voraussetzung für einen guten Start in den Tag, darüber gäbe es keine Diskussionen. »Allerdings frühstücken 30 Prozent der Kinder unregelmäßig oder sogar überhaupt nicht. Kinder mit diesen Essgewohnheiten werden in der Folge signifikant dicker, weil Heißhungerattacken an der Tagesordnung sind«, ergänzte Grönemeyer. Der Mediziner forderte daher regelmäßige gemein­same Frühstücke in den Schulen, mit und ohne Eltern. Nur so sei gesichert, dass Kinder – und teilweise auch ihre Eltern – lernen, sich ausgewogen und gesund zu ernähren. Für die meisten Kinder (62 Prozent der Befragten) nimmt die Ernährung eine Schlüsselfunktion für eine gute Lebensführung ein. Fast 90 Prozent stimmten der Aussage zu: »Ich finde wichtig, gesund zu essen«. Leider, so zeigt die Studie, erhalten die Kinder, die bereits ohne Frühstück das Haus verlassen, häufig auch keine warme Mahlzeit am Tag.

Gewusst wie und wo

Die Informationszentrale Nummer eins über das, was gesund ist und gut tut, ist bei den meisten Kindern (72 Prozent) die Mutter. Von Ärzten bekommen immerhin 62 Prozent und von ihren Lehrern 60 Prozent ihre Informationen. Doch es gibt noch weitere Informa­tionsquellen: Freunde, das Fernsehen und die Werbung üben einen eher negativen Einfluss aus. Die Befragung zeigte, dass das Gesundheitsbewusstsein der Kinder, die ihr Wissen über Gesundheit aus den Medien beziehen, niedriger ist und sie sich ungesünder verhalten. »Leider beziehen viel zu viele Kinder ihr vermeintliches Wissen über Gesundheit aus der Werbung«, kommentierte auch Grönemeyer diese besorgniserregende Entwicklung. Hier müsste bereits in der Grundschule gegengesteuert werden, befanden die Referenten.

»Die Aussagen der Kinder unterstreichen die Notwendigkeit eines regelmäßigen Gesundheits­unterrichts«, sagte Friedhelm Güthoff vom DKSB und stellte entsprechende Forderungen an die Schulen. Bisher spielten diese auf dem Weg zu einem gesunden Lebensstil nur eine unter­geordnete Rolle. »Wenn es um Gesundheit geht, dürfen die Schulen sich nicht auf reine Wissens­vermittlung beschränken. Sie müssen Kindern Erfahrungen bieten, damit sie gesundheits­förderliches Verhalten ausprobieren und einüben. Ein gemeinsames, regelmäßiges Frühstück oder Kochen wäre ein guter Anfang«, forderte Güthoff. Die Politik müsse dafür die entsprechenden personellen und räumlichen Voraussetzungen schaffen.

»Das Bewusstsein der Kinder ist da«, stellte Grönemeyer optimistisch resümierend fest. Schließlich hat er Erfahrung, denn er kocht zwei- bis dreimal wöchentlich mit Kindern an Schulen. Mangelndes Interesse sei nicht das Problem, betonte der Mediziner leidenschaftlich. »Wir wissen allerdings aus anderen Untersuchungen, dass sich das Ernährungsverhalten bei einem beträchtlichen Teil der Kinder später sehr negativ entwickelt«. Die 13- bis 17-Jäh­rigen verbringen täglich drei bis fünf Stunden vor Computer oder Handy. Rund 70 Prozent dieser Altersgruppe klagt über Rücken- und/oder Kopfschmerzen.

Täglich Schulsport

»Deshalb müssen wir uns fragen: Warum geht das Gesundheitsbewusstsein, das bei 7- bis 9-Jährigen schon ausgebildet ist, offenbar später bei vielen Kindern verloren? Und warum werden so viele Kinder übergewichtig? Was können wir tun, damit die kindliche Motivation, der Spaß und die Freude an einem gesunden Lebensstil erhalten bleiben?«, fragte er provokant motivierend. Aufgrund der vorliegenden Ergebnisse forderte Grönemeyer die Politik und die Institution Schule zum Umdenken auf, gerade die Gymnasial­lehrer. Mehr Bewegungseinheiten, eine Stunde Sport täglich, sowie Ausruhphasen und ein Unterrichtsfach Gesundheit seien ein Muss. Er forderte ein Gesundheits­system, das sich auch für die Seele des Menschen interessiert.

Material für den Unterricht

In einem nächsten Schritt werden das PROKIDS-Institut, der DKSB und Grönemeyer auf der Basis der Elefanten-Kindergesundheitsstudie und ähnlicher Befragungen gemeinsam Unterrichts­materialien zum Thema Gesundheit entwickeln. Das Material soll in Schulklassen wissenschaftlich auf seine Wirksamkeit überprüft und dann bundesweit den Grundschulen kostenlos zur Verfügung gestellt werden, so Sonja Schröder-Galla, Sprecherin der Stiftung Elefanten Kinderschuhe.

Die Podiumsteilnehmer forderten weiter, Schulen müssten ein Ort werden, wo Spannungen ab- nicht aufgebaut werden. Dazu müsse es einen Wechsel zwischen Konzentration auf Lerninhalte und spielerisch entlastenden Elementen geben. Die Kooperation zwischen Eltern, Schule und Hilfs­einrichtungen müsse verstärkt und gefördert werden. Grönemeyer sieht es als besonders wichtig an, die Selbstwirksamkeits-Erfahrung von Kindern zu verstärken. Das Erleben »ich kann etwas« sei für Kinder extrem motivierend und förderlich, meinte der Vater dreier Kinder. Ginge es nach ihm, würde er gerne häufiger den Kindern das Kommando geben, wie es sein Bruder Herbert in dem Lied »Kinder an die Macht« lautstark forderte. /