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Historisches

Die Krankheit der Armen

14.12.2012  19:00 Uhr

Von Ernst-Albert Meyer / Lange Zeit galt Lepra beziehungsweise der Aussatz als unheilbar. Deshalb beschränkten sich die Aktivitäten vor allem auf die karitative Betreuung der Aussätzigen. Zwar beschäftigten sich die Ärzte vergangener Zeiten intensiv mit dieser Infektionskrankheit, sie stellten jedoch obskure Theorien auf und praktizierten einige skurrile Behandlungsmethoden.

Im 11. Jahrhundert unterschieden die Vertreter der Medizinschule von Salerno vier Arten von Lepra: die »allopicia«, die vom Blut verursacht wurde, die »leonina«, die von der Galle ausging, die »tyria«, die aus zu viel Phlegma (Schleim) entstand und die von der schwarzen Galle ausgelöste »elefantia«.

Als Symptome nannten sie damals die Schwel­lungen der Extremitäten und die Geschwulst­bildungen. Erst später erkannten sie, dass sich aufgrund der Erkrankung auch Knoten unter der Haut bildeten, aus der offene Geschwüre ent­standen. Den Aussätzigen fielen Finger und Zehen, aber auch Hände und Füße ab. Das Gesicht der Kranken nahm eine kupferrote Farbe an. Die Nase schwoll an, ihr Blick wurde als wild beschrie­ben. Der Atem stank und die Stimme war heiser.

Vorbildliches Krankenhaus

Im Jahr 1136 gründeten der byzantinische Kaiser Johannes II. Komnenos (1087 bis 1143) und seine Gemahlin Irene das Kloster Pantokrator in Verbin­dung mit einem Krankenhaus. Die Stiftungs­urkunde erlaubt einen genauen Einblick in die mustergültige Organisation und den Betrieb dieses Krankenhauses. Die 50 Betten des Hospitals waren auf mehrere Abteilungen aufgeteilt: zehn Betten hatte die chirurgische und acht Betten die innere Abteilung, in der auch Augenkrankheiten behandelt wurden. Es gab zwei Abteilungen mit je zehn Betten für chronische Krankheiten und eine Abteilung mit zwölf Betten für Entbindungen. Jede Abteilung besaß ein Reservebett für Notfälle. Außerdem verfügte das Krankenhaus über eine Ambulanz.

Auch die Ausstattung mit Fachpersonal war vorbildlich: zwei Chef­ärzte, 14 Ärzte (davon zwei Oberärzte), eine Ärztin, acht Assistenten oder Feldscher, ein Bruchschneider, fünf Apotheker und eine Hebamme. Der Dienstablauf und die medizinische Betreuung der Kranken erinnern an ein modernes Krankenhaus. Noch eine Besonderheit dieses Hospitals: Ein Asyl für Patienten war angeschlossen, die an der »Heiligen Krankheit«, der Lepra, litten.

Wer in der alten medizinischen Literatur nach Therapien gegen den Aussatz sucht, dessen Ausbeute ist mager. Das liegt vor allem daran, dass die Lepra zu den unheilbaren Krankheiten zählte, deren Behandlung als hoffnungslos galt.

Therapieversuche

Der römische Historiker, Schriftsteller und Staats­mann Cato (234 bis 149 v. Chr.) empfahl Kohl (Brassica) gegen Geschwüre, Geschwülste und Aussatz. Nach seiner Einschätzung ist Kohl ein Universalmittel, »…der allem Gemüse voransteht.« Die heilkundige Nonne Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) nannte den Nussbaum (Juglans regia) als Mittel gegen Hautausschläge und -entzündungen. Im Mittelalter schätzten die Menschen die Blätter und Nüsse des Baumes in Form von Salben und Umschlägen zur Behandlung von Abszessen, Geschwüren und Entzündungen. Das lag sicher an den enthaltenen Gerbstoffen mit ihren adstringierenden und desinfizierenden Eigenschaften. Weiterhin erwähnte Hildegard die Klette (Arctium lappa) – pulverisiert und lokal angewendet – gegen grindige und aussätzige Hauterkrankungen.

Der Dost (Origanum vulgare) sollte nach Hildegard von Bingen bei Aussatz als Zusatz zu Bädern, als Einreibung oder Packung zur Anwendung kommen. Generell wurden die Aussätzigen häufig gebadet, ihre Wunden regelmäßig verbunden und die nässenden und eiternden Geschwüre mit aromatischen Salben bestrichen. Außerdem sollten getrocknete und pulverisierte Schlangen als Salbe verarbeitet den Ausschlag kurieren und die Erkrankten mussten sogar mit Schlangen gemästete Hühner oder auch Frösche essen. Oder sie tranken zerkleinerte und mit Alkohol versetzte Erdbeeren. Doch nichts half und rettete die Kranken davor, am lebendigen Leibe zu verfaulen.

Heilmittel Kastration

Eine »Behandlungsart« der Aussätzigen, die aber nicht häufig praktiziert wurde, war die Kastration. »Da die Konstitution des Leprösen schwermütig, heißblütig und gefühllos ist, wird diese Sinnlichkeit durch Beseitigung der Hoden gedämpft, welche durch ihre Wirkung und ihre Begierden die Lepra verschlimmerten«, so hieß es damals. Die Verfechter dieser Theorie glaubten, an Lepra erkrankte Männer durch diese Operation von einem außergewöhnlichen und unerträglichen Geschlechtstrieb zu befreien.

In seinem um 1200 entstandenen Versepos »Der arme Heinrich« erzählt der Autor Hartmann von Aue das Schicksal eines an Aussatz erkrankten Ritters. »Der Aussatz ergriff ihn / Als man diese schwere Züchtigung Gottes / an seinem Körper sah / wurde er allen zuwider. /« Von allen gemieden, reiste der Ritter in der Hoffnung auf Hilfe in die Zentren der damaligen Medizin nach Montpellier und Salerno. Ein Arzt aus Salerno empfahl ihm ein makabres Mittel: »Wenn Gott wollte der Arzt sein«, dann würde Heinrich das Blut aus dem Herzen einer Jungfrau retten. Die Frau müsste im heirats­fähigen Alter sein und sich freiwillig opfern. Heinrich fand eine Bauerntochter, die bereit war, für ihn zu sterben. Zusammen reisten sie zum Arzt nach Salerno. Doch als Heinrich die Jungfrau nackt und gefesselt auf dem Tisch des Arztes liegen sah, war der Ritter von der Schönheit der Bauerntochter so beeindruckt, dass er ihr Opfer zurückwies und seine Krankheit akzeptierte.

Für diese tugendhafte Entscheidung machte Gott ihn gesund und die beiden heirateten. Der Hintergrund dieses Epos ist eine magische Heilbehandlung, an deren Wirkung die Menschen damals glaubten: Mit dem Herzblut eines besonders vitalen und gesunden Lebewesens sollte dessen Lebenskraft auf den Kranken übergehen und so zur Heilung führen.

Der aussätzige König

Bei der Schilderung der Lepra weisen die Autoren meist auf einen prominenten Kranken hin: Auf den aussätzigen König Balduin IV, der im Jahr 1173 mit dreizehn Jahren die Herrschaft über das König­reich Jerusalem übernahm. Trotz seiner Krankheit und ungünstiger außenpolitischer Verhältnisse konnte Balduin seine Herrschaft festigen.

Im Jahr 1177 schlug er mit seinem Heer bei Montgisard den Angriff des Sultans Saladin zurück und trotzte auch weiterhin den ara­bischen Heerscharen. Doch unaufhaltsam wurde Balduin vom Aussatz zerfressen. Sein Gesicht hatte er mit Tüchern verhängt und seine Kleidung ließ er ständig mit Riech­wässern besprengten, um den entsetzlichen Gestank faulenden Fleisches ein wenig zu überdecken. Im Alter von 25 Jahren, im Jahr 1185, erlöste der Tod den König von seinen Qualen.

Noch ungelöste Rätsel

Die Lepra gibt den Geschichtsforschern und Medizinern bis heute einige Rätsel auf. So ist immer noch ungeklärt, auf welche Art und Weise diese ansteckende Krankheit von einem Individuum zum anderen übertragen wird. In Europa erreichte der Aussatz im 12. und 13. Jahrhundert zwar seinen Höhepunkt, aber niemals die epidemischen Ausmaße wie die nachfolgende Pest. Warum der Aussatz im 14. Jahrhundert in Europa langsam zurückging, liegt immer noch im Dunklen.

Manche Historiker meinen, dass eine Verbesserung der hygienischen Verhältnisse dazu geführt habe. Andere vermuten, dass das durch Pest und Cholera ausgelöste Massensterben auch die Lepra-Kranken getötet hätte. Aber das sind alles nur Spekulationen. Ein weiteres Rätsel der Lepra ist die außergewöhnlich lange Zeit zwischen der Infektion mit einem Erreger und dem Auftreten der ersten Krankheitszeichen. Experten sprechen hier von einigen Monaten bis zu 30 Jahren. Damit ist einleuchtend, dass diese sehr lange Inkubationszeit früher häufig zu Fehl­diagnosen geführt hat.

Lepra wird durch das Mycobacterium leprae verursacht und äußert sich als chronische Infektion der Haut, der peripheren Nerven und anderer Organe. Im Jahr 1873 entdeckte der norwegische Arzt Gerhard Armauer Hansen (1841 bis 1912) den Lepra-Erreger in Gewebezellen von sechs Lepra-Kranken.

Zu dieser Zeit war die Lepra fast vollständig aus Europa verschwunden, nur in Norwegen trat sie noch häufig auf. Bis heute ist es nicht gelungen, Mycobacterium leprae auf Nährböden zu züchten. Es existiert auch noch kein Impfstoff gegen diese Infektionskrankheit. Als Übertragungsart ist eine Tröpfcheninfektion wahrscheinlich, aber auch eine transkutane Übertragung scheint möglich zu sein.

Die aktuelle Situation

Eine effektive Therapie der Lepra wurde erst mit der Einführung der antibiotisch wirkenden Sulfon-Verbindung Dapson im Jahr 1947 möglich. Heute kommt eine mindestens zweijährige Kombi­nationstherapie mit Dapson, Rifampicin und Clofazimin zum Einsatz. Lepra gilt heute als Krankheit der Armen, denn es erkranken vor allem fehl- oder unterernährte Menschen, die in schlechten und unhygienischen Wohnverhältnissen leben müssen und deren Immunsystem geschwächt ist, wenn sie mit einer infizierten Person in Kontakt kommen.

Mediziner unterscheiden heute zwei Haupttypen der Lepra:

Die tuberkuloide Lepra (Nerven-Lepra) ist nur gering ansteckend. Diese Form mit ihren an Tuberkulose-Knötchen erinnernden kleinen Knoten schädigt die Haut und vor allem die Nerven. Innere Organe werden nicht befallen und auch Verstümmelungen bleiben aus.

Typischerweise werden vor allem die Hände und Füße gefühllos und es treten Schäden an der Hornhaut des Auges auf. Die Erkrankung verläuft meist nicht lebensbedrohlich.

Die lepromatöse Lepra (Knoten-Lepra) ist die schwerste Form der Krankheit. Sie ist durch starken Bakterienbefall gekennzeichnet, der das Immunsystem extrem schwächt. Es bilden sich Knoten und Beulen auf der Haut, die zu Nervenschäden führen. Später werden innere Organe wie Leber, Darm und Nieren in Mitleidenschaft gezogen.

Die häufig auftretenden Geschwüre werden nicht durch Mycobacterium leprae verursacht. Vielmehr kommt es durch die Gefühllosigkeit in den Gliedmaßen leicht zu Verletzungen und Infektionen, die nicht beachtet werden und aufgrund der geschwächten Immunabwehr zu Verstümmelungen und Gliedmaßen­verlust führen.

Weltweit werden aktuell pro Jahr 250 000 Neuinfektionen registriert und zwei bis vier Millionen Menschen weisen leprabedingte Behinderungen auf. 70 Prozent aller Lepra-Kranken leben in Indien, Indonesien, Brasilien und Myanmar (Burma). Die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) ist in mehr als 200 Projekten in über 20 Ländern aktiv.

Und zum Schluss eine aktuelle Nachricht: Am 21. Oktober 2012 sprach Papst Benedikt XVI. die deutsch-amerikanische Nonne Marianne Cope heilig (1838 bis 1918). Die Ordensfrau stellte ihr Leben ganz in den Dienst der Betreuung leprakranker Menschen auf Hawaii. /

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