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Ernährung

Neue Harnsteine verhindern

14.12.2012  19:08 Uhr

Von Andrea Pütz / Falsche Ernährung spielt eine bedeutende Rolle bei der Entstehung von Harnsteinen. Eine Umstellung der Ernährung kann daher die Therapie unterstützen und das Rezidivrisiko senken.

Immer mehr Menschen sind von Harnsteinleiden (Urolithiasis) betroffen, die sich meist durch äußerst schmerzhafte Koliken bemerkbar machen. In den letzten zwei bis drei Jahrzehnten hat die Erkrankungsrate dramatisch zugenommen. Auch hier gilt das metabolische Syndrom als Risiko­faktor Nummer 1.

Da Übergewicht, Bewegungsmangel und Fehlernährung die Hauptauslöser sind, ist nicht auszuschließen, dass in Zukunft immer häufiger Kinder und Jugendliche zu den Patienten zählen. In den aktuellen Therapie­leitlinien ist daher die Ernährungs­umstellung ein wichtiger Baustein, um die Bildung neuer Steine zu vermeiden.

Die Zusammensetzung ist entscheidend

Eine gute Nachricht für alle Harnstein-Geplagten: Wer langfristig die Ernährung umstellt, kann sein Rezidiv-Risiko von 50 bis 70 Prozent auf unter 5 Prozent senken. Dazu müssen sie allerdings die Zusammensetzung der Harnsteine kennen, um dann die Ernäh­rung darauf abzustimmen. Der Arzt kann die Zusammensetzung durch eine Blut­unter­suchung und mithilfe der Infrarotspektroskopie ermitteln. In 70 bis 75 Prozent der Fälle bestehen die Harnsteine aus Calciumoxalat, in etwa 10 Prozent aus Harnsäure, allerdings nimmt dieser Anteil zu. Beide Stein­arten lassen sich sehr gut mit einer Diät verhindern. Etwa 5 Prozent entfallen auf Calciumphosphat-Steine, die maßgeblich durch Harnwegsinfekte oder Stoffwechselstörungen bedingt sind. Die Cystin-Steine kommen mit unter 1 Prozent eher selten vor. In diesem Fall führt eine angeborene Stoffwechselstörung zu einer erhöhten Ausscheidung der Aminosäure Cystein im Urin.

Hydrogencarbonat in Heil-und Mineralwässern

Nur wer den Harn ausreichend verdünnt, kann verhindern, dass neue Steine auskristallisieren. So ist die wichtigste Prophylaxe-Maßnahme, die Substanzen auszuschwemmen, die zur Steinbildung führen. Patienten mit Cystin-Steinen wird empfohlen, zur Harnverdünnung täglich 3,5 bis 4 Liter Flüssigkeit zu trinken. Bei den übrigen Steinarten reichen 2,5 bis 3 Liter. Diese Mengen gelten allerdings nur bei Patienten mit funktionstüchtigen Nieren, da sich sonst zuviel Flüssigkeit im Körper ansammeln würde. Als Getränk besonders geeignet sind Hydrogencarbonat-reiche Mineral- und Heilwässer mit einem HCO3-Gehalt von über 1300 mg pro Liter. Durch ihre natürlich puffernde Wirkung helfen diese Wässer, Harnsäure- und Calciumoxalat-Steinen vorzubeugen. Auch verdünnte Orangen- oder Grapefruitsäfte sollten regelmäßig den Trinkplan bereichern. Die in den Säften enthaltene Zitronensäure hemmt vor allem die Bildung von Cal­ciumoxalat-Steinen. Nieren-, Blasen-, Früchte- und Kräutertees, Kaffee in moderaten Mengen sowie Apfelsaft- und Traubenschorlen bringen Abwechslung in den Trinkalltag. Preiselbeer- und Cranberry-Säfte unterstützen die Prophylaxe, wenn die Harnsteine infektbedingt entstanden sind.

Alkoholika wie Bier sind zur »Verdünnung« des Harns ungeeignet, da sie indirekt sogar noch die Bildung von Steinen fördern. Sie regen die Flüssigkeits- und Elektrolyt-Ausscheidung an, sodass sich der Harn konzentriert und sich eher Steine bilden. Zudem erhöhen die enthaltenen Purine, die im Körper zu Harnsäure abgebaut abgebaut werden, das Kristallisationsrisiko. Möchten sich Patienten mit Harnsteinen zu gegebenem Anlass ein wenig Alkohol gönnen, sollten sie prophylaktisch und »begleitend« ausreichend Wasser trinken.

Tierische Eiweiße einschränken

Generell steigert der Verzehr von tierischem Eiweiß die Ausscheidung von Calcium in den Urin und senkt dessen pH-Wert. Dies und der gleichzeitige Anstieg der Harnsäure durch die Purine fördern die Bildung sowohl von Harnsäure- als auch von Calciumoxalat-Steinen. So sollten Betroffene täglich nicht mehr als 0,8 g Eiweiß pro kg Körpergewicht, das heißt, etwa 120 g Fleisch und 30 g Wurst, zu sich nehmen. Doch auch Hülsenfrüchte und Sojaprodukte sind eiweißreich und lassen den Harnsäurewert ansteigen, sodass hier ebenfalls Maßhalten geboten ist. Grundsätzlich sollte die tägliche Zufuhr an Purinen nicht über 500 mg liegen. Besonders purinhaltig sind beispielsweise Innereien, fette Wurst- und Fleischsorten, Schalen- und Krustentiere sowie bestimmte Fischarten wie Hering und Sardellen. Praktisch purinfrei sind dagegen Eier sowie Milch und Milchprodukte. Eine überwiegend ovo-lakto-vegetabile Ernährung mit Betonung auf Gemüse, Obst und Getreideprodukte ist daher die optimale Empfehlung für die Patienten. Dadurch wird automatisch die Zufuhr an gesättigten Fettsäuren reduziert, die das Risiko der Urolithiasis ebenfalls erhöhen. Omega-3-Fettsäuren – wie sie in fettem Seefisch und Rapsöl- oder Leinöl enthalten sind – senken das Risiko, denn sie reduzieren die Bildung der Arachidonsäure, die die Calcium- und Oxalat-Ausscheidung im Urin fördert. So sollte fetter Seefisch wie Lachs, Hering und Makrele ein- bis zweimal die Woche auf dem Speiseplan der Patienten stehen.

Pluspunkte für die Ballaststoffe

Vor allem kurzkettige Kohlenhydrate, wie sie in Haushaltszucker, Süßigkeiten und hellen Getreide­produkten vorkommen, führen zu einem Anstieg der Calcium-Ausscheidung im Urin. Daher sollten Patienten mit hohen Calcium-Konzentrationen im Urin den Verzehr von Marmeladen, anderen süßen Brotaufstrichen und Limonaden einschränken. Ballaststoffe aus Vollkorngetreide sowie Obst und Gemüse hingegen reduzieren die Aufnahme von steinbildenden Substanzen wie Oxalat aus dem Darm. Bestimmte Ballaststoffe binden außerdem mehrwertige-Kationen wie Calcium-Ionen zu Komplexen, sodass diese vermindert resorbiert und als Folge auch weniger mit dem Urin aus­geschieden werden. Ballaststoffe sättigen zudem länger und bereichern noch zusätzlich die Mikroflora des Darms, da sie probiotischen Bakterien als Nahrung dienen. Eine intakte Darmflora stärkt die Darmbarriere und optimiert nach aktuellen Erkenntnissen sogar die Kalorienaufnahme.

Die Calciumzufuhr sollten diejenigen einschränken, deren Harnsteine dieses Mineral enthalten. Die von der DGE empfohlene Menge von 1000 mg am Tag sollte in diesem Fall nicht überschritten werden. Allerdings sollte auch niemand zu sehr am Calcium sparen, denn es ist für die Knochen unverzichtbar. Darüber hinaus wird bei geringer Calciumzufuhr vermehrt Oxalsäure im Darm resorbiert und über den Urin ausgeschieden. So sollten auch Patienten mit Calcium-haltigen Harnsteinen auf eine ausreichend hohe Calciumzufuhr achten.

PositivlisteNegativliste

Das Harnsteinrisiko senken:

• Hydrogencarbonat- und magnesium­reiche Mineralwässer Zitrussäfte sowie Früchte- und Kräutertees, Schorlen Magnesium- und ballaststoffreiche sowie basische Lebensmittel wie Getreide, Gemüse und Obst Normale Calciumzufuhr mit Milch und Milchprodukten, Gemüse und Mineralwasser moderater Ausdauersport Normalisierung des Gewichtes

Nur in Maßen:

• oxalathaltige Lebensmittel wie Rhabarber, Spinat, Mangold und Rote Bete, Schokolade und Nüsse purinhaltige Lebensmittel wie Innereien, fette Wurst- und Fleischsorten, Schalen- und Krustentiere, Hülsenfrüchte und Sojaprodukte Haushaltszucker, Süßigkeiten und helle Getreideprodukte Fertigprodukte wegen des hohen Gehalts an Kochsalz

Rhabarber, Spinat, Mangold und Rote Bete zählen zu den Lebensmitteln, die aufgrund ihrer sekun­dären Pflanzenstoffe über zahlreiche gesundheitsfördernde Eigenschaften verfügen. Da diese Lebensmittel auch viel Oxalsäure enthalten, sollten Patienten mit Cal­ciumoxalat-Steinen sie nur in kleinen Mengen verzehren. Schokolade, Kakaopulver und Nüsse sind ebenso oxalathaltig. In Maßen stellen sie aber keine Gefahr dar. Nüsse enthalten zudem auch Harnstein-schützende Inhaltsstoffe wie Magnesium.

Magnesium als Oxalat-Fänger

Magnesium hemmt die Bildung von Harnsteinen, indem es Oxalat zu einem Komplex bindet und so dessen Ausscheidung reduziert. Dies führt jedoch nicht zu neuen Kristallen, da Oxalat an Magne­sium wesentlich schwächer gebunden ist. Im Urin entzieht Magnesium den Calcium-Ionen sogar das Oxalat. Wer die steinhemmende Wirkung des Mineralstoffs nutzen möchte, sollte sich ovo-lakto-vegetabil beziehungsweise traditionell mediterran ernähren. Getreideprodukte wie Weizenkeime und Haferflocken, Nüsse in Maßen, einige Gemüsearten wie Kohlrabi und Grünkohl und Obstsorten wie Himbeeren, Kiwi und Bananen enthalten relativ viel Magnesium. Auch magnesium­reiche Mineral­wässer mit einem Gehalt von mindestens 50 mg, besser noch 100 mg Magnesium pro Liter unterstützen die Harnstein-prophylaktische Ernährung.

Besonders salzig bedeutet auch »steinig«

Kochsalzreiche Lebensmittel können nicht nur bei »sensitiven« Menschen den Blutdruck in die Höhe treiben. Auch Harnstein-Betroffenen kann zu viel Kochsalz schaden, denn es erhöht die Calcium-Ausscheidung im Urin und senkt dessen pH-Wert. Empfehlenswert sind selbst gemachte Speisen aus frischen oder tiefgekühlten Lebensmitteln, denn Konserven und Fertigprodukte enthalten relativ viel Salz. Frische Kräuter können den Würzeffekt von Kochsalz schmackhaft ersetzen.

Auch regelmäßige Bewegung und die Normalisierung des Gewichtes können das Risiko für Harn­steine senken. Um extreme Diätformen wie Atkins und Co. sollten Abnehmwillige jedoch einen großen Bogen machen, sie schaden mehr, als sie nützen. Der häufig stark erhöhte Eiweißanteil in diesen ­Diätformen kann zu einer vermehrten Bildung von Harnsteinen führen. Zudem kommt es durch die sehr niedrige Kalorienzufuhr nach Beenden der Diät zum bekannten Jo-Jo-Effekt. Das Körpergewicht steigt höher als zuvor. So ist eine dauerhafte Umstellung des ­Lebensstils wie so häufig das einzige »Mittel der Wahl«. /

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