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Osteoporose

Wenn der Knochen brüchig wird

14.12.2012  19:07 Uhr

Von Marion Hofmann-Aßmus / Unter Osteoporose leiden etwa sieben Millionen Deutsche. Daher wird sie zu Recht als Volkskrankheit bezeichnet. Sie betrifft nicht nur Frauen, sondern auch Männer, allerdings etwa zehn Jahre später. Mit körperlicher Aktivität, ausgewogener Ernährung sowie medikamentöser Therapie lässt sich das Knochenbruchrisiko verringern.

Knochen sind keineswegs so statisch, wie es auf den ersten Blick scheint. Als lebendiges Gewebe unterliegen sie einem ständigen Auf- und Abbau. Innerhalb von etwa sieben Jahren bauen sich Knochen einmal komplett um. Bei Kindern und jungen Menschen bis zum Alter von etwa 35 Jahren überwiegt der Aufbau, die Knochenmasse nimmt zu. Mit dem Alter kommt es zu einem langsamen Abbau, der jährlich zwischen 0,5 und 1 Prozent liegt. Osteoporose liegt dann vor, wenn dieser Abbau übermäßig schnell und auf Kosten von Knochensubstanz und -struktur erfolgt. Der Verlust an Knochenmasse beträgt dann bis zu 6 Prozent pro Jahr.

Eine wichtige Rolle beim Auf- und Abbau der Knochengrundsubstanz spielen spezielle, im Knochen vorkommende Zellen, die Osteo­blasten und ihre Gegenspieler die Osteo­klasten: Osteoblasten bauen die Knochen­substanz auf, Osteoklasten bauen sie ab. Sind sie gleichermaßen aktiv, arbeiten sie quasi Hand in Hand an der Erneuerung der Knochen. Bei Osteoporose ist der Knochen­stoffwechsel jedoch gestört. Vereinfacht gesagt, bauen die Osteoklasten den Knochen dann schneller ab, als die Osteoblasten ihn wieder aufbauen können. Der Knochen verliert seine Festigkeit und bereits leichte Stürze führen zu schwer­wiegenden Knochenbrüchen.

Verschiedene Hormone wirken steuernd auf den Knochenstoffwechsel ein: So sorgen Vitamin D und das Schild­drüsenhormon Calcitonin dafür, dass Cal­cium eingelagert wird, welches zusammen mit Phosphatverbindungen für die Stabilität des Knochens sorgt. Für die Herauslösung von Calcium ist hingegen das Parathormon aus der ­Nebenschilddrüse verantwortlich. Diese Hormone werden wiederum durch Estrogene und Testosteron sowie weitere Faktoren beeinflusst. Beide Geschlechts­hormone fördern den Knochenaufbau.

Estrogenmangel gilt als eine wichtige Ursache für den Knochenabbau. Daher erkrankt hierzulande etwa jede dritte Frau nach den Wechseljahren an Osteoporose, wenn der »Schutz« der Estrogene nachlässt. Der krankhafte Knochenabbau ist jedoch keine zwangsläufige Folge der Wechseljahre. Meist wirken bei der Krankheitsentstehung verschiedene Faktoren zusammen. Dazu zählt beispiels­weise eine erbliche Veranlagung, denn in manchen Fami­lien tritt Osteoporose gehäuft auf. Die postklimakterische sowie die Alters­osteoporose bezeichnen Mediziner als »primäre« Osteoporose.

Die »sekundäre« Osteoporose ist beispielsweise Folge verschiedener hormoneller Erkrankungen wie einer Schilddrüsenüberfunktion, eines Mangels an Wachstumshormonen oder an Sexual­hormonen. Verschiedene chronische Krankheiten erhöhen das Risiko ebenfalls. Dazu zählen Diabetes mellitus Typ 1, chronisch entzündliche Krankheiten wie rheumatoide Arthritis, Asthma, Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa sowie Nierenfunktionsstörungen und Krebserkrankungen wie das multiple Myelom. Auch Magersucht oder Lactoseunverträglichkeit gehen mit einem erhöhten Risiko einher.

Außerdem begünstigen manche Medikamente bei längerer Einnahme die Entstehung des Knochenschwunds, zum Beispiel Antiepileptika, Anti­depressiva, orale Glucocorticoide, Anti­koagulanzien, Aromatasehemmer, Protonenpumpenhemmer sowie Glitazone (nur bei Frauen).

Gefahr: Stürze und Brüche

Osteoporose ist eine tückische Krankheit, denn der Knochenschwund verursacht keine Schmerzen und auch andere »Warnhinweise« fehlen. Häufig wird die Diagnose daher erst gestellt, nachdem ein erster Bruch aufgetreten ist. PTA und Apotheker sollten Menschen mit erhöhtem Risiko für Knochenbrüche daher schon vor einer Fraktur raten, eine mögliche Osteoporose abklären zu lassen (siehe Kasten).

Generell gilt diese Empfehlung für Frauen ab 70 und Männer ab 80 Jahren sowie für Männer und Frauen, die sich ohne massive äußere Krafteinwirkung bereits einen oder gar mehrere Knochen oder Wirbelkörper gebrochen haben. Denn schon der erste, durch Osteoporose verursachte Knochenbruch verdoppelt das Risiko für eine weitere Fraktur.

Wie Experten auf dem Welt-Osteoporose-Tag am 20. Oktober 2012 betonten, wird jede zweite Frau und jeder fünfte Mann ab dem Alter von 50 Jahren einen Knochenbruch erleiden. Die Zahl der durch Osteoporose bedingten Frakturen soll bereits heute jährlich mehrere 100 000 betragen. Etwa 160 000 Menschen brechen sich pro Jahr den Schenkelhals. Fachleute gehen davon aus, dass sich diese Zahl mit der zunehmenden Lebenserwartung in den kommenden Jahren verdoppeln wird.

Insbesondere ältere Menschen leiden massiv unter den Folgen einer Fraktur, häufig unter chronischen Schmerzen und langfristigen Behinderungen, die nicht selten eine Pflegebedürftigkeit nach sich ziehen. Rund 40 Prozent der Betroffenen können nach einer Fraktur nicht mehr selbst­ständig gehen und 60 Prozent benötigen ein Jahr später immer noch Unterstützung. Die einge­schränkte Mobilität verschlechtert ihre Lebensqualität dramatisch. Mancher Sturz oder Knochen­bruch führt letztlich aufgrund einer Folgeerkrankung wie einer Lungenentzündung und/oder Lungenembolie zum Tod. Laut Expertenangaben sterben innerhalb ­eines Jahres etwa 20 Prozent der Patienten mit einer Hüftfraktur.

Knochendichtemessung

Ob ein Knochenschwund vorliegt, lässt sich mit Hilfe einer Knochendichtemessung an der Lendenwirbelsäule und dem Oberschenkelknochen abklären. Dabei wird der sogenannte T-Wert ermittelt, der über das Risiko für einen Knochenbruch Auskunft gibt. Je niedriger der T-Wert ausfällt, umso höher ist das Frakturrisiko. Unter den verschiedenen Verfahren gilt die Duale Röntgen-­Absorptiometrie (DXA: Dual-X-Ray-Absorptiometrie) als Goldstandard. Aufgrund ihrer hohen Genauigkeit und der geringen Strahlenbelastung wird sie von den deutschen Fachgesellschaften empfohlen. Die gesetz­lichen Krankenkassen übernehmen die Knochendichtemessung nur, wenn sich bereits ein Knochenbruch ohne ersichtlichen Grund ereignete und ein Verdacht auf Osteoporose besteht.

Am häufigsten brechen bei Osteoporose-Patienten Wirbel beziehungsweise Wirbelkörper, gefolgt von Frakturen von Oberschenkel(-hals), Handgelenk, Oberarmkopf sowie Becken. Diese Frakturen sind Warnsignale und machen eine Knochendichtemessung dringend erforderlich.

Auf dem diesjährigen Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfall­chirurgie im Oktober wurde berichtet, dass hierzulande über 80 Prozent der Patienten mit einer Fraktur niemals das Angebot zu einer Osteoporoseuntersuchung und einer Osteoporosebehandlung erhielten. Und dies, obwohl wirksame Maßnahmen das Frakturrisiko um 30 bis 70 Prozent reduzieren können. Durch ihre fachkundige Beratung können PTA und Apotheker hier wertvolle Arbeit leisten.

Risikofaktoren meiden

Bei der Behandlung und auch der Vorbeugung von Osteoporose spielen die Ernährung, der Lebens­stil und die körperliche Aktivität eine wichtige Rolle. Niemand muss untätig zusehen, bis sich ein (weiterer) Knochenbruch ereignet. Im Gegenteil: Wer sich fit hält, verringert damit sein Sturzrisiko deutlich. Auch ältere Menschen können Frakturen verhindern, indem sie ihre Muskelkraft und Ko­ordination durch regel­mäßige Bewegung stärken. Ratsam ist, zweimal wöchentlich eine Stunde lang ein Muskelaufbautraining mit 60 bis 80 Prozent der Maximalkraft zu absolvieren. Wie Studien bele­gen, stimuliert ein gezieltes Krafttraining den Knochenaufbau und verbessert die Knochendichte. Außerdem hilft ein spezielles Gleichgewichts- und Koordinationstraining, das Sturzrisiko im Alter zu verringern.

Alkohol nur in Maßen – das gilt nicht nur für Osteoporose-Patienten. Alkoholmissbrauch wirkt sich auch bei jüngeren Menschen toxisch auf die Knochendichte aus. Dies ergab eine aktuelle Studie, die zudem zeigte, dass sich das Gleichgewicht zwischen Knochenab- und -aufbau nach einer acht­wöchigen Alkoholabstinenz wieder einstellt.

Da der Calciumbedarf von Osteo­porose-Patienten erhöht ist, müssen sie dafür sorgen, dass dieser maßgeb­liche Bestandteil des Knochens ausreichend zur Verfügung steht. Das kann entweder durch die Ernährung erfolgen – Calcium ist vor allem in Milch und Milchprodukten enthalten – oder durch Nahrungsergänzungsmittel, sofern die empfohlene Menge von 1000 mg pro Tag sonst nicht erreicht wird. Insgesamt sollte die täglich aufgenommene Calciummenge 1500 mg nicht überschreiten.

Calcium ohne Vitamin D zuzuführen, ist allerdings relativ nutzlos. Denn um das Calcium in die Knochen einbauen zu können, benötigt der Körper Vitamin D. Den größten Teil an Vitamin D stellt er mit Hilfe von Sonnenstrahlen in der Haut her. Nur ein geringer Anteil wird über Nahrungsmittel, vor allem Fisch, aufgenommen. Laut Unter­suchungen sind in Deutschland insbesondere die Älteren mit Vitamin D unterversorgt, dies betrifft­­ 94 Prozent der männlichen und 97 Prozent der weiblichen Senioren. Sowohl zur Prophylaxe als auch begleitend zur medikamentösen Therapie sollten ältere Menschen darauf achten, dass sie neben dem Calcium von Vitamin D 800 bis 2000 Internationale Einheiten pro Tag zu sich nehmen.

Die gängigen Medikamente wirken auf zweierlei Weise: Entweder verhindern sie den Knochenabbau oder sie fördern den Knochenaufbau. Den Knochen­abbau bremsen Bisphosphonate, Selektive Estrogen-Rezeptor-Modulatoren (SERM) und der Antikörper Denosumab. Bisphosphonate wie Alendronat, Ibandronat, Risedronat und Zoledronsäure reichern sich nach der oralen oder intra­venösen Gabe in den Knochen an, wo sie die Knochenstruktur verstärken. Außerdem hemmen sie die knochenabbauenden Osteoklasten und bewirken deren Zerstörung. Dadurch liegen die Osteoblasten im Übergewicht vor und der Knochenaufbau überwiegt.

Knochenbruch-Risiko erhöht?

Der Dachverband Osteologie (DVO) hat in seinen Leitlinien definiert, bei welchen Menschen das Risiko für Frakturen erhöht ist. Er empfiehlt folgenden Personen eine Osteoporose-­Abklärung:

Frauen ab 50 und

Männern ab 60 Jahren:

  • unter niedrig dosierter Einnahme cortisonhaltiger Tabletten
  • mit Wachstumshormon-Mangel bei Erkrankung der Hirnanhangsdrüse
  • Frauen mit Diabetes mellitus Typ 2, die Glitazone einnehmen

Frauen ab 60 und

Männern ab 70 Jahren:

  • mit Untergewicht (BMI < 20)
  • mit Nikotinkonsum
  • nach Bruch von Fuß, Arm, Bein, Rippen oder Becken
  • bei Oberschenkelhalsbruch von Mutter oder Vater
  • mit mehr als zwei Stürzen im Jahr ohne äußeren Anlass
  • mit rheumatoider Arthritis
  • mit eingeschränkter Gehfähigkeit (< 100 m)
  • nach einer weitgehenden oder kompletten Entfernung des Magens
  • mit Epilepsie
  • mit Diabetes mellitus Typ 1
  • mit Überfunktion der Schilddrüse
  • bei Einnahme von Schlafmitteln oder Antidepressiva (wegen erhöhter Sturzgefahr)
  • die mit Aromatasehemmern nach Brustkrebs behandelt werden
  • unter antihormoneller Behandlung wegen Prostata-Karzinoms

Weiterhin Personen, die bestimmte Medikamente einnehmen müssen oder unter folgenden Krankheiten leiden:

  • länger als drei Monate hochdosiert cortisonhaltige Tabletten
  • Überfunktion der Nebenniere
  • Überfunktion der Nebenschilddrüse

Quelle: Osteoporose Leitlinie 2009 Patienten-Version (einsehbar unter: www.dv-osteologie.org)

Der Antikörper Denosumab wirkt ebenfalls auf die Osteoklasten ein, indem er indirekt die Aktivierung und das Überleben von Osteoklasten verhindert. SERM, zum Beispiel das Raloxifen, wirken auf die Knochen ähnlich wie die körpereigenen Estrogene.

Den Aufbau fördern

Den Knochenaufbau stimulieren das Parathormon beziehungsweise das Parathormon-Fragment Teriparatid, indem sie die Calciumkonzentration im Blut erhöhen. Auch Strontiumranelat kräftigt den Knochenbau. Das in Strontiumranelat enthaltene Strontium, wird in den Knochen eingebaut, erhöht dessen Dichte und vermindert so das Risiko für Knochenbrüche. Bei einer Kontraindikation für die genannten Arzneimittel gegen Osteoporose behandeln Ärzte Frauen nach der Menopause auch mit Estrogenen.

In den Leitlinien werden bei frakturbedingten Schmerzen nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) und Opiate empfohlen sowie Paracetamol und Metamizol (letztere mit geringerem Empfehlungsgrad). /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

hofmann_assmus(at)t-online.de