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Gicht

Das verflixte Zipperlein

16.12.2013  16:39 Uhr

Von Ernst-Albert Meyer / Wie alte Quellen belegen, plagt die Gicht die Menschen schon seit der Antike. So suchten sie fortwährend nach Mitteln, um ihre starken Schmerzen während einer Gicht­attacke zu lindern. Zum großen Heer der Gichtgeplagten zählen viele bekannte Persönlichkeiten. Einige Berichte zeugen noch heute von ihren schrecklichen Qualen.

Erste erhaltene Schriften, die sich mit der Gicht beschäftigen, sind Lehrsätze des berühmten griechischen Arztes Hippokrates (um 460 v. Chr. bis um 380 v. Chr.). Er nannte die Erkrankung »Podagra«, da der typische sehr schmerzhafte Gichtanfall meist im Grundgelenk der großen Zehe (altgriechisch = Podagra) auftritt. Hippokrates war ein guter Beobachter. So erkannte er, dass die Gicht in Familien oft gehäuft auftritt. Neben der genetischen Veranlagung identifizierte er als weitere Risikofaktoren Untätigkeit und Maßlosigkeit im Essen und Trinken. Erstaunlicherweise unterschied Hippokrates in seiner »Abhandlung der Erkrankungen« schon zwischen der Gicht (Podagra) und anderen schmerzhaften und entzündlichen Gelenkerkrankungen, die er Arthritis nannte.

Hippokrates suchte die Ursache der Gicht in der Humoralpathologie, das heißt in einer Störung des Gleichgewichts der Körpersäfte. Nach damaliger Auffassung wird die im Kopfschwamm (Gehirn) gebildete Flüssigkeit über die Ausscheidungsorgane aus dem Körper entfernt. Anders bei der Gicht: Hier war Hippokrates davon überzeugt, dass sich die im Organismus befindliche Flüssigkeit an der Stelle des geringsten Widerstandes – der großen Zehe – staut. Diese Erklärung des geschätzten Arztes beeinflusste die Gichttherapie noch lange Zeit. Nachfolgende Kollegen verordneten gegen Podagra daher die üblichen Mittel: Aderlässe, Laxanzien, Medikamente pflanzlichen und tierischen Ursprungs, ohne damit eine Linderung der Gichtbeschwerden zu erreichen.

Modekrankheit am Kaiserhof

Nach einigen eher ruhigen Jahrhunderten wurde die Gicht im 5. Jahrhundert in Byzanz wieder hochaktuell und beschäftigte dort die Ärzte. Der Grund dafür: Extrem schmerzhafte Gichtanfälle quälten die meisten der zahlreichen Angestellten und Mitglieder des byzantinischen Kaiserhofs – als Folge ihres maßlosen Schlemmens und Trinkens sowie des Nichtstuns. Wahrscheinlich hat der byzantinische Arzt Jakob Psychrestos (gest. um 467) als erster die Herbstzeitlose (Colchicum autumnale) als Heilmittel gegen die Gicht eingesetzt. Aus heutiger Sicht ist es erstaunlich, mit welcher Treffsicherheit die Menschen in der Antike wirksame Heilpflanzen fanden. Im Rahmen der »Signaturenlehre« verwendeten Ärzte die Zwiebel der Herbstzeitlosen als Gichtmittel, da die Form der Zwiebel an die große Zehe erinnert.

Der byzantinische Arzt Alexander von Tralles (geb. um 525) ist der bedeutendste Autor der byzantinischen Medizin. In seinem zwölfbändigen Werk mit Namen »Therapeutika« widmete er der Gicht ein ganzes Kapitel. Er schrieb: »Bestimmte Personen nehmen die Herbstzeitlose als Heilmittelgetränk zu sich und behaupten, dass die Schmerzen sofort nachließen und sie gleichzeitig Stuhlgang hätten. Die Erleichterung sei derartig, dass sie alsbald wieder aufstehen wollten. Obwohl es sehr selten vorkommt, dass dieses Heilmittel die darin gesetzten Erwartungen enttäuscht, enthält es doch schädliche Bestandteile … Man achte darauf, dass die Patienten, die dieses Heilmittel eingenommen haben, sich darüber im klaren sind, dass ihr Magen verstimmt sein wird … Aus diesem Grunde ist es gut, dem Heiltrank Mittel beizumischen, die dem Schaden, den die Droge am Magen hervorruft, entgegenwirken.« Damit bezieht sich Tralles auf die unerwünschten Wirkungen des Alkaloids Colchicin, das in allen Teilen der Pflanze vokommt, und in therapeutischer Dosis die Schleimhäute des Magen-Darm-Trakts reizen sowie starke Durchfälle auslösen kann. Tralles war außerdem die Bedeutung der richtigen Ernährung bei der Therapie von Krankheiten bewusst, denn er schrieb: »Die Nahrung ist der erste und wichtigste Teil der Behandlung bei allen Krankheiten.«

Bäder in Ameisenwasser

Der Begriff »Gicht« hat erst im 9. Jahrhundert Eingang in die Alltagssprache gefunden. Er leitet sich vom französischen Wort »goutte« (Tropfen) ab und charakterisiert Krankheiten, die »von Säften herrühren, die langsam, Tropfen für Tropfen, in die verschiedenen Teile des Körpers fließen.« Neben vielen anderen Autoren des Mittelalters beschrieb auch die heilkundige Nonne Hildegard von Bingen (1098–1179) in ihrem Werk »Causae et curae« die Gicht. Sie bezeichnete die Erkrankung sogar als Seuche: »Menschen, die weiches, mit vielen Poren durchsetztes Fleisch haben und übermäßigem Genuß von schwerem Wein sehr ergeben sind, werden häufig von der Seuche heimgesucht, welche der ›Tropfen‹ (gutta) genannt wird.

Bei Leuten mit weichem Fleisch fallen nämlich infolge des unmäßigen Trinkens die schlechten Säfte, die in ihnen sind, plötzlich in eines ihrer Glieder und zerstören es wie Brandpfeile.« Hildegard empfahl Kranken, in einer Schüssel Petersilie und Gartenraute mit Olivenöl oder Bockstalg zu erwärmen. Diesen Auszug sollten sie so warm wie möglich auf die schmerzende Stelle legen und das Ganze mit einem Tuch abdecken. Bei schweren Fällen oder im fortgeschrittenen Zustand lautete Hildegards Rat: »Wenn ein Mensch so ›vergichtiget‹ ist, dass alle Glieder hinfällig werden und seine Zunge versagt, dann möge man Blätter des Aarongrases (wahrscheinlich Braune Haselwurz – Asarum europaeum) mit etwas Salz essen und die Gicht wird ihn verlassen.« Als weitere Mittel nannte die Nonne eine Salbe aus Wermut, Hirschtalg und Hirschmark. Etwas gewöhnungsbedürftig klingt folgendes Rezept: »… soll einen Ameisenhaufen mit samt den Ameisen in Wasser kochen; er soll sich daraus ein Bad bereiten für den ganzen Körper außer für den Kopf. Für diesen ist das Wasser zu stark, so dass er daran Schaden nehmen könnte. Häufige Bäder in solchem Wasser vertreiben die Gicht.« Zwar kannten die Ärzte im Mittelalter auch die Herbstzeitlose als Gicht-Therapeutikum, setzten diese aber aus Angst vor Vergiftungen kaum ein.

Symbol eines hohen Status

Der volkstümliche Begriff »Zipperlein« stammt von dem berühmten Arzt Paracelsus (1493–1541), abgeleitet vom mittelhochdeutschen Wort »zipfen«, was so viel wie »trippeln« oder »zappeln« bedeutet. Vom Zipperlein gepeinigt waren unter anderem Alexander der Große (356–323 v. Chr.), Kaiser Karl V. (1500–1558), sein Sohn Philipp II. von Spanien (1527–1598), Herzog Albrecht von Wallenstein (1583–1634), der »Sonnenkönig« Ludwig XIV. (1683–1715) und die Preußenkönige. Zu den weiteren bekannten Gicht-Patienten zählen der Maler Peter Paul Rubens, die Mathematiker Leibnitz und Newton, Martin Luther und auch Goethe, der wiederholt nach Karlsbad fuhr, weil er sich dort Linderung erhoffte. Die Gicht schien zu früheren Zeiten nur die Privilegierten und Wohlhabenden zu treffen, Menschen, die es sich leisten konnten, ausgiebig zu schlemmen: Adlige, Geistliche, reiche Bürger, Gelehrte und Künstler. Da die Mehrzahl der Kranken außerdem zu den Gelehrten und geis­tigen Größen ihrer Zeit gehörte, kam die Gicht in den Ruf einer »Berufskrankheit« der oberen Zehntausend. Das Ergebnis: Viele Patienten erfüllte mit Stolz, wenn sie an Gicht erkrankten. Die Krankheit zeigte allen deutlich: wer die Gicht hatte, gehörte zur Elite und war außerdem noch intelligent. Der eng­lische Arzt Thomas Sydenham (1624–1689) erlebte mit 30 Jahren seinen ersten Gichtanfall und starb an dieser Krankheit. Der berühmte Mediziner hat eine ausgezeichnete Schrift über die Gicht mit dem Namen »Tractatus de podagra et hydrope« hinterlassen, in der er schrieb: »Dummköpfe hat die Gicht niemals getroffen.«

Schmerzhaftes Erbe

Sämtliche preußischen Könige und ihre Vorfahren – die brandenburgischen Kurfürsten – wurden vom Zipperlein gepeinigt, denn sie waren fast alle den irdischen Genüssen sehr zugetan. Heute gilt die Gicht als Erbkrankheit des Adelsgeschlechts der Hohenzollern. Die äußerst schmerzhaften Gichtanfälle beeinflussten auch die Handlungs­fähigkeit der gekrönten Häupter. Hier nur zwei Beispiele: Der »Soldatenkönig« Friedrich Wilhelm von Preußen (1688–1740) schuf den berühmten preußischen Militär- und Beamtenstaat und die gefürchtete preußische Armee. So diszipliniert er in Angelegenheiten des Staates war, so maßlos war Friedrich Wilhelm im Essen und Trinken. Ab dem Alter von 38 Jahren fesselten ihn die heftigen Gichtanfälle zeitweilig ans Bett oder den Rollstuhl. Im Jahr 1729, also mit 41 Jahren klagte er: »Denn sterben ist sanfft, aber dieses leiden unertreglich, aber viehisch …« Doch trotz häufiger Gichtattacken ergab er sich weiter dem Trunk und der Völlerei.

Gefürchteter Tyrann

So wog der nur 1,65 m große Mann schließlich fast 300 Pfund. Die ständigen Schmerzen verstärkten seine plötzlichen Wutanfälle. Von seiner entsetzlichen Prügelsucht blieben nur seine Offiziere und seine Frau verschont. Weil er keine Grenzen mehr kannte, machte er sich im Laufe der Zeit bei allen verhasst. In den letzten zehn Jahren regierte Friedrich Wilhelm im Rollstuhl oder ans Bett gefesselt. Im Jahr 1740 starb er im Alter von 51 Jahren. Sein Tod löste in Berlin viele Tränen aus, Freudentränen, denn endlich waren die Menschen von dem Tyrannen befreit. Sein Sohn Friedrich II. der Große (1712–1786), ein aufgeklärter Herrscher und genialer Feldherr, schrieb 1746 aus Bad Pyrmont im Alter von erst 34 Jahren: »Ich habe die Gicht gehabt; und das ist so sicher, dass ich jetzt noch einen geschwollenen Fuß habe.« Dennoch war Friedrich der Große weiterhin dem Essen und Trinken zugetan. Nach dem siebenjährigen Krieg berichtete er 1763 – gequält von vielen Gichtanfällen – der Königin: »Ich werde nicht mehr lange leben, ich gehe schlecht und kann gar keine Treppe mehr steigen.« Friedrich probierte viele Medikamente gegen die Gicht, aber ohne Erfolg. Zu den häufigen Gichtanfällen kamen asthmatische Beschwerden hinzu, sodass er 1786 starb.

Gichttherapie heute

Obwohl Forscher bereits im Jahr 1797 harnsaure Salze in den Gichtknoten entdeckt hatten, wurde die Gicht erst 50 Jahre später als Stoffwechselerkrankung eingestuft. Bis dahin glaubten die Mediziner an eine Störung der Körpersäfte. Heute gilt die Erkrankung als Folge einer Hyperurikämie, also erhöhter Serumharnsäurespiegel (> 6,4 mg/dl). Bei diesen Konzentrationen fallen in Geweben und Gelenken Urate aus und verursachen eine Entzündung. Beim akuten Gichtanfall verordnen Ärzte derzeit nicht-steroidale Antiphlogistika und Glucocorticoide. Arzneimittel aus der Herbstzeitlosen sind wegen der Nebenwirkungen nur noch Mittel der zweiten Wahl. /