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Willibald Pschyrembel

Ein Mann, ein Buch

16.12.2013  16:39 Uhr

Von Ralf Daute / Am 1. Januar 1901 wurde in Berlin Willibald Pschyrembel geboren. Bis heute trägt das wichtigste medizinische Nachschlagewerk seinen Namen.

Er lebt in seinem Werk fort, diese Redewendung gilt mit Sicherheit für Willibald Pschyrembel. Sein Name ist untrennbar verbunden mit einem der wohl bedeutendsten medizinischen Nachschlagewerke: Der »Pschyrembel – Klinisches Wörterbuch« trägt seinen Namen zu Recht, da Willibald Pschyrembel dieses Lexikon von der 19. bis zur 254. Auflage editierte. Mit seinem knappen, verständlichen und präzisen Stil prägte er das Werk auf eine Weise, dass es zum Standardwörterbuch der Medizin wurde.

Zwar widmete Willibald Pschyrembel eine große Zeit seines Lebens diesem Wörterbuch, doch war er mehr als ein besessener Lexikograf. »Hinter seinem immensen Werk, das heute gleichsam losgelöst wie eine Institution wirkt, verbarg sich ein Mensch, dessen Lebenswerk im Zusammenfassen und Lehren, im Begeistern, Helfen und Heilen bestand«, schreibt der Mediziner Professor Joachim W. Dudenhausen, ein Verwandter und medizinischer Weggefährte Pschyrembels.

 

Geboren wurde Willibald Pschyrembel am 1. Januar 1901 in Berlin als Sohn des Kaufmanns Bruno »Przyrembel« (so die amtliche Schreibweise des Namens) sowie dessen Frau Cläre. Seine Kindheit und Jugend verbrachte Pschyrembel nach dem Wegzug der Familie aus Berlin in Lüdenscheid im Sauerland. Aus dieser Kreisstadt stammte seine Mutter. Zuletzt besuchte er dort das Realgymnasium, das er Ostern 1917 mit dem sogenannten »Einjährigen« abschloss, »um ins praktische Leben einzutreten«, wie es in seinem Abschlusszeugnis vermerkt ist.

 

Nach seinem Abitur im Jahr 1920 in Berlin, studierte Pschyrembel dort Natur­wissen­schaften an der Friedrich-Wilhelms-Universität und promovierte 1924 in Physik über die »Entwicklung der Elektrotechnik in Japan«.

Zweitstudium in Medizin

Nachdem er zunächst einige Jahre als Lektor gearbeitet hatte, entdeckte Willibald Pschyrembel die Medizin für sich. Auch in diesem Fach beendete er sein Studium erfolgreich und mit einem Doktortitel, diesmal mit dem Thema »Die Osteomyelitis der Patella«. Sein Doktorvater war der berühmte Chirurg Ferdinand Sauerbruch.

 

Pschyrembels Studienjahre müssen ein Traum gewesen sein, die rauschenden Zwanziger und dazu noch in einer Metropole wie Berlin. Er selbst erzählte einmal: »Wegen der Wohnungsnot verfügte der Berliner Magistrat, dass Besitzer von Luxusvillen am Stadtrand Zimmer an Studenten vermieten mussten. So wurde ich zum unfreiwilligen Mitbewohner einer großen Villa am Dämeritzersee und erhielt nicht selten Einladungen zu geselligen Abenden. Was war das für eine Stadt, dieses Berlin zur damaligen Zeit! Da ist es vorgekommen, dass an einem Abend zwei, drei, ja vier Nobelpreisträger in einem Raum anzutreffen waren.«

 

So traf der Student zum Beispiel Max Planck, dieser spielte in der Villa Klavier, Albert Einstein, dieser spielte Geige, Max von Laue und manchmal auch Walther Nernst.

 

Bei einer dieser Gesellschaften lernte Pschyrembel den Chirurgen August Bier kennen – und beeindruckte ihn mit seinem Wissen über den französischen Arzt Ambroise Paré, einen berühmten Mediziner des 16. Jahrhunderts. Eine folgenreiche Begegnung. Denn als Jahre später ein Verleger Bier um Rat fragte, wer das von Otto Dornblüth begründete »Klinische Wörterbuch« fortführen könne, empfahl dieser Willibald Pschyrembel.

50 Jahre lang

Von der 19. Auflage im Jahr 1932 an betreute Pschyrembel bis 1982, also ein halbes Jahrhundert lang, als alleiniger Redakteur das Lexikon und machte es zu dem, was es heute ist. Denn sein Ansatz war revolutionär.

 

»Alle Begriffe, ja selbst die schwierigsten Zusammenhänge müssen von jeder Schwesternschülerin verstanden werden«, so die Devise des neuen Herausgebers und vorbildlichen Wissensvermittlers. Dies äußerte sich auch in zahllosen Leitsätzen, die Eingang in die Medizingeschichte gefunden haben. Derjenige, der vermutlich zeitlos gültig ist, lautet: »Man muss viel wissen, um wenig zu tun.«

 

Parallel zu seiner Arbeit am »Klinischen Wörterbuch« machte Pschyrembel auch als Mediziner Karriere. Im Jahr 1936 wurde er Oberarzt einer Klinik im Berliner Stadtteil Neukölln und ein Jahr später Facharzt für Geburtshilfe und Frauenheilkunde. Während des Zweiten Weltkrieges war er als einziger operierender Frauenarzt der Klinik »unabkömmlich«, wurde also nicht eingezogen. Nach dem Krieg erhielt er den Ruf an das Krankenhaus in Berlin-Friedrichshain, damit er dort nach den Kriegszerstörungen eine Frauenklinik mit Geburtshilfe aufbaute.

 

»Jede seiner Visiten wurde zu einem Erlebnis; für seine Patientinnen durch sein warmherziges und taktvolles Wesen, für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch stets neue und anregende Gedanken, für seine Studenten und Schüler durch seine verständlichen und aufhellenden Erklärungen«, berichten ehemalige Kollegen, so Professor Burkhard Schneeweiß, ehemaliger Chefarzt der Kinderklinik »Martin-Luther-King« des Krankenhauses Berlin-Friedrichshain.

 

Die richtigen Fragen stellen

Neben seiner Tätigkeit im Krankenhaus wirkte Pschyrembel seit 1952 auch als Professor für Gynäkologie an der Humboldt-Universität. Sein Credo: »Hochschullehrer versuchen stets richtige Antworten zu geben, und dabei ist es viel wichtiger, dass sie die richtigen Fragen stellen.« 1959 heiratete er Ingrid Stiefel, eine Frauenärztin.

Im Alter zog sich Pschyrembel aus der Öffentlichkeit zurück, widmete sich allerdings weiterhin im Souterrain seines Hauses in Berlin-Charlottenburg mit Hingabe der Redaktion des »Klinischen Wörterbuchs«. Am 26. November 1987 starb er nach kurzer Krankheit im Alter von 86 Jahren. Erst in der letzten von ihm betreuten Ausgabe hatte er den Eintrag »Sterben« aufgenommen. Sein Grab befindet sich auf dem Waldfriedhof Heerstraße im Feld 11B. In der Frauenklinik Friedrichshain erinnert eine Gedenktafel an ihn. /

E-Mail-Adresse de Verfassers
ralf.daute(at)me.com

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