PTA-Forum online
Verhütung

Eine Pille verändert die Gesellschaft

16.12.2013  16:39 Uhr

Von Edith Schettler / Für Frauen in den Industrieländern ist die Familien­planung mithilfe hormoneller Verhütung selbst­verständlich. Das war jedoch nicht immer so: Für die Generation ihrer Großmütter kam die Markteinführung der ersten Antibabypille in den 1960er-Jahren einer Revolution gleich. Die Ver­änderungen, die die »Pille« in der Gesellschaft hervorrufen sollte, waren damals bei Weitem nicht absehbar.

Als Vater der Pille gilt der Österreicher Ludwig Haberlandt (1885–1932), Professor der Physiologie in Innsbruck. Bereits im Jahr 1921 hatte er erste Ideen zur Anwendung hormoneller Kontrazeptiva veröffentlicht. Im Tierversuch an Ratten hatte Haberlandt beobachtet, dass während der Trächtigkeit keine neuen Eizellen heranreiften. Das brachte ihn auf den Gedanken, Frauen durch die Gabe von Ovarialextrakten vorüber­gehend unfruchtbar zu machen.

Frühe Forschung

Als Haberlandt in den darauf folgenden Jahren seine Erkenntnisse auf Fach­tagungen vorstellte, wurde er sowohl von der Ärzteschaft als auch von Staat und Kirche angefeindet und des Verbrechens gegen das ungeborene Leben bezichtigt. Das politische Umfeld der 30er-Jahre verhinderte die Weiterentwicklung seiner Forschungen. Außerdem war es Haberlandt unmöglich, einen Hersteller für sein Kontrazeptivum zu finden. Durch seinen frühen Freitod im Alter von 47 Jahren und die Wirren des Zweiten Weltkriegs gerieten die Forschungsergebnisse Haberlandts vorübergehend in Vergessenheit.

Die Existenz und Bedeutung der Sexual­hormone entdeckten in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts Biochemiker, allen voran der deutsche Chemiker und Biologe Adolf Butenandt (1903–1995) und der kroatisch-schweizerische Chemiker Leopold Ruzicka (1887–1976). Die Forscher erkannten die wichtige Rolle der Estrogene Estron, Estriol und Estradiol sowie des Gestagens Progesteron für die Entwicklung und Funktion der weiblichen Geschlechtsorgane sowie für die Ausbildung des typisch weiblichen Körperbaus. Die Androgene Testosteron und Androstendion erfüllen diese Aufgaben beim Mann.

Nun waren Mediziner in der Lage, den komplexen hormonellen Prozess der Fortpflanzung zu erklären. Die weiblichen Sexualhormone steuern den Zyklus der Frau. Die Follikel im Eierstock produzieren Estrogene, die den Aufbau der Gebärmutterschleimhaut stimulieren. Wenn der Estrogen-Blutspiegel um den 14. Tag des Zyklus ein Maximum erreicht hat, beginnt die Hypophyse, das Luteinisierende Hormon (LH) in größeren Mengen auszuschütten. Dieses Hormon wiederum löst den Eisprung aus.

Sobald der Follikel aus seiner Hülle freigesetzt ist, bildet sich diese zum Gelbkörper um und produziert das Hormon Progesteron. Dieses Gestagen sorgt für den Umbau der Gebärmutterschleimhaut und bereitet diese auf eine Schwangerschaft vor. Neu gebildete Blutgefäße erhöhen die Durch­blutung, und es wird vermehrt Glykogen eingelagert. Bleibt die Befruchtung der Eizelle aus, bildet sich der Gelbkörper zurück, die Progesteronproduktion sinkt und die Durchblutung der Gebärmutterschleimhaut wird gedrosselt. Der Uterus stößt die wenig durch­­blutete Schleimhaut ab, die Menstrual­blutung setzt ein, und der Kreislauf beginnt von Neuem.

Bei einer Schwangerschaft hingegen produzieren zunächst der Gelbkörper und vom dritten Schwangerschaftsmonat an die Plazenta, weiter größere Mengen Progesteron, das die Schwangerschaft aufrecht erhält und einen erneuten Eisprung unterdrückt.

Moralischer Deckmantel

Nachdem diese Zusammenhänge geklärt waren, erkannten Forscher in den 1940er-Jahren, dass der Eisprung durch die Gabe von Estrogenen und Progesteron unterdrückt werden kann. Diese künstliche Unfruchtbarkeit ist rever­sibel, sie verschwindet also nach Absetzen der Hormone wieder. Dennoch dauerte es bis in die 1950er-Jahre, ehe die Wissenschaftler ernsthaft über den Einsatz der Hormone zur Empfängnisverhütung nachdachten – hauptsächlich weil die Geburtenzahlen Mitte der 1950er- bis Mitte der 1960er-Jahre während des sogenannten Baby-Booms stark anstiegen. Hinzu kam, dass sich in den Entwicklungsländern eine dramatische Bevölkerungsexplosion abzeichnete, die zur Verelendung ganzer Völker und zur Zerstörung ihres Lebensraumes führte.

Jedoch waren die meisten Menschen zu dieser Zeit noch nicht reif für einen offenen Umgang mit der hormonellen Empfängnisregelung. Wissenschaftler mussten häufig ihre Forschung zu diesem Thema verschleiern, da ihnen sonst, vor allem in katholischen Ländern sowie in den USA, Budget­kürzungen oder sogar Strafen drohten. Organisationen zur Familienplanung standen unter scharfer Beobachtung, und auch große Teile der Öffentlichkeit waren angesichts der neuen medizinischen Möglichkeiten verunsichert.

Nicht mehr aufzuhalten

Bereits im Jahr 1951 hatten Forscher der mexikanischen Pharmafirma Laboratorios Syntex S.A. mit Norethisteron das erste synthetische oral wirksame Gestagen produziert. Kurz darauf war der Chicagoer Firma G. D. Searl and Company Laboratories mit der Substanz Norethynodrel die Darstellung des zweiten Gestagens gelungen.

Ausgerechnet in den Vereinigten Staaten erfolgte nun der endgültige Durchbruch. Auf Anregung der Begründerin der American Birth Control ­League und Frauenrechtlerin Margaret Sanger (1879–1966) vertiefte der Biologe Gregory Pincus (1903–1967) in Boston seine Erkenntnisse über Progesteron. Dass das Hormon den Eisprung unterdrückt, war ihm bekannt. Nachdem erste Tierversuche Erfolg versprechend verliefen, wandte sich Pincus an den Gynäkologen John Rock (1890–1984), der die Methode ab 1954 klinisch testete.

Das von den Forschern eingesetzte Norethynodrel erwies sich als zuverlässiger Ovulationshemmer und führte in den Versuchs­reihen zu keinen beunruhigenden Neben­wirkungen. Nach Absetzen des Arzneistoffes stellte sich die Fruchtbarkeit der Frauen wieder ein. Diese posi­tive Wirkung betonten die Forscher in ihren Veröffentlichungen besonders und wiesen ihre Stu­dien als Untersuchungen zur Fertilitätsförderung aus. Von den empfängnisverhütenden Möglichkeiten redeten sie allenfalls indirekt. Trotz der Vorsicht der beiden Wissenschaftler wurde jedoch gerade dieser Aspekt von der Fachwelt und der Gesellschaft ausführlich und heftig diskutiert.

Nachdem ausgedehnte Versuche auf Puerto Rico die Unschädlichkeit der hormonellen Kontrazeption nachgewiesen hatten, wurde das erste Medikament zur »Zyklusregulation« am 23. Juni 1960 unter dem Namen Enovid in den USA offiziell zugelassen. Das erste deutsche hormonelle Kontra­zep­tivum brachte die Firma Schering im Jahr 1961 unter dem Namen Anovlar® mit 0,05 Milligramm Ethinylestradiol und 4 Milligramm Norethisteronacetat zum Preis von 8,60 D-Mark für 20 Dragees auf den Markt. Ärzte durften es zunächst nur verheirateten Frauen verschreiben, die schon Kinder hatten. Ab 1965 erhielten die Frauen in der DDR die offiziell so genannte »Wunsch­kind­pille« Ovosiston der Firma Jenapharm kostenfrei auf ärztliche Verordnung.

Die neue Rolle der Frau

Mitte der 1960er-Jahre nahm bereits jede sechste Frau unter 30 Jahren die Pille. Diese revolutionierte nicht nur die Familienplanung, sondern hatte auch unabsehbare Folgen für das Verhältnis der beiden Geschlechter zueinander. Frauen mussten keine Angst mehr haben, ungewollt schwanger zu werden, und konnten ihr Leben und ihre Karriere freier planen. Die Zahl berufstätiger Frauen stieg an, viele brachten ihr erstes Kind in späteren Lebensjahren zur Welt, und auch die Kinderzahl pro Familie schrumpfte. Mit dem »Pillen­knick« sank die Geburtenrate ab Mitte der 1960er-Jahre stark. Die Rollen­klischees gerieten ins Wanken, die Emanzipation der Frau erhielt entscheidende Impulse.

Alle diese Entwicklungen konnten die Väter der Pille nicht voraussehen. Trotz der zahlreichen Widerstände haben sie durch ihre Forschung den Boden für große Veränderungen bereitet. Die gesellschaftliche Anerkennung – auch durch eine offizielle Ehrung – blieb manchen verwehrt, beispielsweise Haberlandt. Butenandt und Ruzicka wurde für die Identifizierung der Hormone Estrogen, Progesteron und Androsteron hingegen der Nobelpreis für Chemie verliehen. Pincus und Rock erhielten für ihre Forschungen ebenfalls keine offiziellen Ehrungen. Ihnen ist jedoch der Dank vieler Frauen gewiss, die fortan selbst bestimmen konnten, wann sie schwanger werden wollten. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin
e_schettler(at)freenet.de