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Zahnschmerzen

Hausmittel sind einen Versuch wert

Zahnschmerzen können zahlreiche Ursachen haben. Grundsätzlich sollten sie vom Zahnarzt abgeklärt werden. Aber nicht immer hat dieser gleich einen Termin frei. Da ist es gut zu wissen, wie der Patient sich zunächst selbst helfen kann.
Ulrike Viegener
16.12.2013  16:39 Uhr

Meist geht es kurz vor dem Wochen­ende los, bevorzugt am Freitagnachmittag. Die Zahnarztpraxen sind zu, die Schmerzen kaum auszuhalten. Sich zu konzentrieren ist völlig unmöglich, an Schlafen gar nicht zu denken. Nach kurzer Zeit geht man sprichwörtlich auf dem Zahnfleisch.

Betroffene erleben Zahnschmerzen meist als äußerst quälend. Die Lokali­sation führt dazu, dass sich die Schmerzen schlecht ausblenden lassen. Oft entstehen Dauerschmerzen, deren Intensität nicht nachlässt. Da die Gründe für Zahnschmerzen sehr unterschiedlich und mehr oder weniger gravierend sind, ist es wichtig, die Ursache vom Zahnarzt abklären zu lassen. Das gilt auch dann, wenn stärkere Schmerzen erst einmal von selbst wieder verschwinden.

 

Am häufigsten verursachen Karies, Zahnwurzelentzündungen, Abszesse und Parodontitis die Schmerzen. Auch defekte Inlays, Kronen und Implantate kommen als Auslöser infrage. Zähneknirschen kann ebenfalls zu starken Zahnschmerzen führen. Beim Knirschen wirken enorme Kräfte auf Zähne und Kiefer ein, die Schäden anrichten können. Bei Kindern sind durchbrechende Zähne eine häufige Schmerz­ursache, aber auch bei Erwachsenen können – eventuell gar nicht bekannte – Zahnanlagen Probleme bereiten.

 

Zahn- statt Herzschmerz

Des Übels Wurzel liegt manchmal aber auch ganz woanders. So macht sich – in seltenen Fällen – ein Herzinfarkt ausschließlich durch Zahnschmerzen bemerkbar. Dieses Phänomen wird Buddenbrook-Syndrom genannt, weil Thomas Mann in seinem berühmten Familienroman einen solchen Fall beschrieben hat. Obwohl der alte Konsul Buddenbrook sich wegen starker Zahnschmerzen alle Zähne ziehen ließ, verschwanden die Schmerzen nicht, und kurz darauf verstarb er an einem Herzinfarkt. An die Möglichkeit, dass sich ein Herzinfarkt auf diese Weise maskieren kann, sollten vor allem Patienten mit nachweislich verengten Herzkranzgefäßen denken.

 

Auch eine Gürtelrose (Herpes zoster) kann hinter Zahnschmerzen stecken, dann wenn das Varizella-zoster-Virus einen Gesichtsnerv befällt. Speziell der Trigeminus, der fünfte Gesichtsnerv, steht in enger Verbindung mit den Zähnen, Ausläufer des Trigeminus innervieren die Zahnwurzeln aller 32 Zähne. Deshalb kann jede Form der Trigeminusneuralgie von Zahnschmerzen begleitet sein.

 

Als weiterer Grund für Zahnschmerzen kommt eine Sinusitis infrage, wenn sich die Entzündung in der Nasen­nebenhöhle bis in die Zahnwurzeln ausbreitet. Auch bei einer Mittel­ohr­entzündung oder anderen Erkrankungen der Ohren strahlen die Schmerzen häufig bis in den Kiefer und die Zähne aus.

 

Karies und Co.

In den meisten Fällen jedoch sind Zahnschmerzen wirklich Zahnschmerzen, und in vielen Fällen ist – durch Bakte­rien verursachte – Karies schuld daran. Vor allem das Bakterium Streptokokkus mutans siedelt sich in Plaques auf der Zahnoberfläche an. Die Bakterien ernähren sich von Zucker, wobei als Stoffwechselprodukt Säure entsteht, die den Zahnschmelz angreift.

 

Obwohl der aus Apatitkristallen bestehende Zahnschmelz härter ist als Stahl – dem zerstörerischen Werk der Säure hält er nicht stand. Mit der Zeit entstehen Schlupflöcher, durch die Bakterien ins Innere des Zahnes vordringen können. Dabei fressen sie sich zunächst durch das Dentin (Zahnbein). Danach steht einer Invasion der Pulpa (Zahnmark) nichts mehr im Wege, die von der Krone bis in die Wurzelspitze reicht.

 

In die aus Bindegewebe bestehende Pulpa sind Blutgefäße und Nerven­fasern eingebettet. Die Nerven – Ausläufer des Trigeminus – treten unten an der Spitze in die Zahnwurzel ein, verlaufen in den Wurzeln bis zum Zahnhals und bilden dort feine Verästelungen. In der darüber liegenden Dentinschicht sind kleine Kanäle ausgespart, durch die feinste Nervenfasern bis an den Zahnschmelz ragen. Diese sensiblen Nervenfasern reagieren auf mechanische, thermische und chemikalische Reize und produzieren bei Störfällen ein Schmerzsignal, das über den Trigeminus ans Gehirn weitergeleitet wird.

 

Schmerzen bei süß und kalt

Das Tückische ist allerdings, dass sich Karies oft lange Zeit nicht bemerkbar macht. Schleichend entwickelt sich meist ausgehend von einem kleinen Defekt im Schmelz ein ausgedehnter kariöser Prozess. Typischerweise treten dann zunächst Schmerzen als Reak­tionen auf Süßigkeiten, kalte Getränke oder heißes Essen auf. Je nach Größe der Defekte kommt es zu Dauerschmerzen.

 

Gelangen Bakterien oder sogar Speisereste bis zur Pulpa, provozieren sie eine Entzündung, die sogenannte Pul­pitis. Weil das dabei anschwellende Gewebe im Zahninneren nicht ausweichen kann, sind Zahnwurzelentzündungen äußerst schmerzhaft. Das Pulpa­gewebe drückt massiv auf den benachbarten Nerven. Außerdem können die Bakterien den Nerven selbst schädigen. Beides löst heftige Dauerschmerzen aus, die mit einem Pochen als typischem Entzündungszeichen einher­gehen. Wenn der Zahnarzt die Pulpa eröffnet, lassen diese Schmerzen augenblicklich nach. Hören die Schmerzen spontan ohne ärztlichen Eingriff auf, ist der Nerv wahrscheinlich abgestorben.

 

Dicke und erwärmte Backe

In manchen Fällen zieht eine Pulpitis einen Abszess nach sich, wenn die Entzündung aus der Zahnwurzel auf das umgebende Weichgewebe oder – schlimmer noch – auf den Kieferknochen übergreift und dort eitrige Prozesse auslöst. Auch das tut höllisch weh, wobei die Backe meist dick anschwillt und überwärmt ist.

Weitere mögliche Ursachen für Zahnschmerzen sind Granulome. Ausgehend von chronischen Reizungen oder Entzündungen im Bereich der Zähne oder des Zahnfleischs bilden sich umkapselte Knötchen aus Entzündungszellen. Bevorzugt entstehen Granulome an der Wurzelspitze infolge einer Pulpitis. Die meisten Granulome verursachen Schmerzen, das Gewebe ist druckempfindlich, und es kommt zu Zahnfleischbluten.

 

Sitzen Zahnkronen falsch und drücken, können sie ebenfalls Granulome hervorrufen. Häufig bilden sie sich auch im Bereich entzündeter Zahn­fleisch­taschen. Gesundes Zahnfleisch umschließt den Zahn fest und ohne Zwischenräume. Bei Parodontose, einer schleichenden bakteriellen Entzündung des Zahnhalteapparats, zieht sich das Zahnfleisch zurück. Es entstehen Zahnfleischtaschen von mehreren Milli­metern Tiefe.

Vorbeugen ist besser als Bohren

Sorgfältiges Zähneputzen ist aufwendig, und vor allem Kinder haben oft keine Lust dazu. Aber die Mühe lohnt sich, denn sowohl Karies als auch Zahnfleischentzündungen lassen sich so wirkungsvoll vorbeugen. Hier die wichtigsten Zahnputz-Tipps auf einen Blick:

  • Mindestens zweimal täglich Zähne putzen.
  • Kurzkopfzahnbürsten verwenden, meist ist eine mittlere Borsten­stärke am besten geeignet.
  • Putzen mit System: Die Zahnbürste in Höhe des Zahnfleischrands leicht schräg auf den Zahn aufsetzen, dann mit kreisenden oder rüttelnden Bewegungen putzen und die Bürste nach oben ausstreichen. Mit dieser Technik Schritt für Schritt die Außen- und Innenflächen reinigen und anschließend die Kauflächen säubern.
  • Die Zahnzwischenräume mit Zahnseide oder Interdentalzahnbürsten reinigen, am besten einmal täglich abends.
  • Zahnbürste alle sechs bis acht Wochen wechseln.
  • Fluorid-haltige Zahnpasta stärkt den Zahnschmelz.
  • Zweimal im Jahr zur Vorsorge zum Zahnarzt gehen, wobei eventuell auch eine professionelle Zahnreinigung durchgeführt werden sollte.
  • Rauchen fördert Parodontose. Auch deshalb lohnt sich der Rauchstopp.

Entzündete Zahnfleischtaschen sind – auch ohne Granulom – meist sehr schmerzhaft. Werden sie nicht frühzeitig erkannt und durch den Zahnarzt ausgeräumt, können sich darin sehr harte Ablagerungen (Konkremente) bilden, die nur schwer zu entfernen sind.

 

Nerven liegen blank

Durch den Rückzug des Zahnfleischs liegen die Zahnhälse und damit nervenführende Dentinkanalchen frei, was ebenfalls zu Schmerzen führt. Die Zähne reagieren dann überempfindlich auf süß oder sauer, kalt oder heiß mit einem stechenden Schmerz.

 

Auch Aphthen – kleine eitrige Defekte der Mundschleimhaut – sind sehr schmerzhaft. Wie ausgestanzt sehen diese winzigen runden Defekte aus, die in der Regel einen Durchmesser von 1 bis 5 Millimeter haben. Besonders bei Berührung beziehungsweise Kontakt mit Nahrungspartikeln machen sich Aphthen mit einem beißenden Schmerz bemerkbar. Bisher ist nicht bekannt, warum Aphthen entstehen. Eine Schwächung des Immunsystems könnte eine Rolle spielen, und manchmal sind wiederholt auftretende Aphthen das erste Anzeichen einer Allgemeinerkrankung. Mit Herpes – wie oft fälschlich angenommen – haben Aphten aber nichts zu tun.

 

Den Klassiker wählen

Bei den meisten Zahnschmerzen sind Entzündungen mit im Spiel. Deshalb eignen sich zur Therapie am besten Arzneimittel, die nicht nur Schmerzen lindern, sondern auch Entzündungen hemmen. Der Klassiker unter den synthetischen Schmerzmitteln, die bei Zahnschmerzen zum Einsatz kommen, ist Ibuprofen. Auch Zahnärzte verschreiben bei Zahnschmerzen in der Regel den Wirkstoff Ibuprofen, der in begrenzter Menge rezeptfrei erhältlich ist. Die zu den nicht-steroidalen Anti­rheumatika (NSAR) zählende Substanz wirkt bei Zahnschmerzen gut anal­getisch und hat zugleich einen anti­phlogistischen Effekt. Innerhalb der Stoffklasse der NSAR ist Ibuprofen zudem vergleichsweise gut verträglich.

 

Gewürznelke und Rosmarin

Doch manche Patienten möchten zunächst einmal ein bewährtes Hausmittel ausprobieren. Die Gewürznelke ist seit Jahrhunderten als Mittel gegen Zahnschmerzen bekannt. Beim Zerbeißen der Gewürznelke am besten in der Nähe des schmerzenden Zahns wird der Inhaltsstoff Eugenol freigesetzt, der betäubend, antientzündlich und antibakteriell wirksam ist. Wer Eugenol in höherer Konzentration einsetzen möchte, sollte Nelkenöl anwenden und mit dem Finger oder einem Wattestäbchen auf die schmerzende Stelle aufbringen. Allerdings sollte die Dosis nicht zu hoch sein, weil zuviel Eugenol den Zahnnerv schädigen kann.

Auch Rosmarin-Blätter enthalten analgetisch wirksame ätherische Öle mit einer antibakteriellen Komponente. Getrocknete Rosmarinblätter zu zerkauen, gilt ebenfalls als altbekanntes Hausmittel gegen Zahnschmerzen.

 

Salbei und Kamille

Zur Schmerzlinderung eignen sich außerdem Mundspülungen mit schwarzem oder grünem Tee. Bei Zahn­fleisch­entzündungen sind Mundspülungen mit Salbeitee empfehlenswert. Eine Wirksteigerung lässt sich eventuell durch Auftupfen von hochkonzentriertem Salbeisud direkt auf die Entzündung erzielen. Alternativ eignet sich auch Kamille. Der Patient kann den Mund damit spülen oder die Kamille in einem feuchten Mullpäckchen auf die schmerzende Stelle aufbringen. Neben Arnika und Myrrhe ist Kamille auch in NeyParadent® enthalten. Das sind liposome Mundtropfen, die sich vor allem bei Zahnfleischentzündungen bewährt haben.

 

Spülungen mit hochkonzentrierter lauwarmer Kochsalzlösung, die einige Minuten im Mund belassen werden soll, lindern ebenfalls Entzündungen im Mundraum. Spülungen mit hochkonzentriertem Alkohol dagegen wirken betäubend und töten Bakterien ab. Auch sehr heiße Fußbäder können wegen ihrer ableitenden Wirkung bei Zahnschmerzen helfen.

 

Homöopathen empfehlen zwei Präparate: das homöopathische Komplexpräparat Odonton-Echtroplex® bei entzündlichen Prozessen im Bereich der Zähne und Nasennebenhöhlen in der Dosierung von dreimal täglich 40 Tropfen. Bei Zahnoperationen empfehlen sie die Einnahme von Odonton einige Tage davor und einige Tage danach, wobei der Tag des Eingriffs ausgespart werden soll. Bei Aphthen, die sonst schwer zu behandeln sind, raten Homöopathen zu Borax-Globuli in nied­riger Potenz. /