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Neuer Wirkstoff im Dezember

Lipidsenker bei Gendefekt

16.12.2013  16:39 Uhr

Von Sven Siebenand / Die familiäre Hypercholesterolämie führt schon bei jungen Menschen zu stark erhöhten Cholesterolwerten und zu Arteriosklerose. Das Risiko einer Herzerkrankung steigt. Mitte Dezember kam eine neue Therapieoption für Menschen mit genetisch bedingtem erhöhtem Cholesterolspiegel auf den deutschen Markt.

Den neuen Arzneistoff Lomitapid (Lojuxta® 5 mg, 10 mg und 20 mg Hartkapseln, Aegerion® Pharmaceuticals) dürfen Ärzte nur erwachsenen Patienten mit homozygoter familiärer Hypercholesterolämie verordnen. In diesem Fall hat der Patient von beiden Elternteilen ein verändertes Gen für den LDL-Rezeptor geerbt. Der Defekt des LDL-Rezeptor-Gens bewirkt, dass LDL-Cholesterol nicht oder nur teilweise aus dem Blut in die Zellen aufgenommen werden kann. Der verschreibungspflichtige Wirkstoff muss mit einer fettarmen Diät und anderen Arzneimitteln zur Senkung der Blutfette kombiniert werden. PTA und Apotheker sollten dem Patienten raten, Lomitapid spätabends auf nüchternen Magen einzunehmen, mindestens zwei Stunden nach dem Abendessen. Der Arzt beginnt die Therapie in der Regel mit 5 mg einmal täglich. Danach kann er die Dosis schrittweise bis zu einer Höchstdosis von 60 mg pro Tag erhöhen. Bei Patienten mit eingeschränkter Leberfunktion oder Dialyse-Patienten muss der Arzt die Dosis reduzieren. Dies gilt auch bei Patienten, die schwache CYP3A4-Hemmer einnehmen.

Lomitapid hemmt das mikrosomale Triglycerid-Transferprotein (MTP), das sich in Leber- und Darmzellen befindet. MTP ist unter anderem am Zusammenbau von Cholesterol und Triglyzeriden zu größeren Partikeln, den Lipoproteinen, beteiligt. Diese ermöglichen den Transport der wasserunlöslichen Fette im Blut. Da Lomitapid MTP hemmt, gelangen weniger Fette in den Blutkreislauf und der Cholesterolspiegel sinkt.

Schädigung der Leber

Das Problem dabei: Cholesterol verbleibt in der Leber und führt zu deren Verfettung. In Studien wurden bei den Teilnehmern dementsprechend auch stark erhöhte Leberenzymspiegel gemessen. Daher sollte der Arzt die Leberfunktion der Patienten regelmäßig überwachen. Als sehr häufige Nebenwirkung berichteten mehr als 90 Prozent der Patienten über gastrointestinale Probleme, hauptsächlich mit dem Darm, denn auch die Darmzellen enthalten MTP. Diarrhö trat bei 79 Prozent der Patienten auf, Übelkeit bei 65 Prozent, Sodbrennen bei 38 Prozent und Erbrechen bei 34 Prozent. Über Bauchschmerzen, Verstopfung und Flatulenz klagten mindestens 20 Prozent.

Schwangere dürfen kein Lomitapid erhalten ebenso wie Patienten mit mittelschwerer oder schwerer Beeinträchtigung der Leberfunktion oder ungeklärten, anomalen Leberfunk­tionswerten. Auch für Patienten mit signifikanten oder lang andauernden Darmproblemen ist der neue Arzneistoff nicht geeignet. Wichtig für die Beratung: Die Patienten dürfen Lomitapid nicht zusammen mit mehr als 40 mg Simvastatin pro Tag einnehmen. Darüber hinaus müssen alle Patienten, die Lomitapid und ein Arzneimittel aus der Gruppe der Statine erhalten, über das potenziell erhöhte Risiko einer Myopathie aufgeklärt werden. Sobald sie ungeklärte Muskelschmerzen, -empfindlichkeit oder -schwäche bemerken, müssen sie umgehend ihren Arzt aufsuchen.

Außerdem sollten Patienten Lomitapid nicht erhalten, die gleichzeitig starke oder mittelstarke CYP3A4-Hemmer einnehmen, da diese den Abbau von Lomitapid im Körper beeinträchtigen. Zu den CYP3A4-Inhibitoren zählen unter anderem Itraconazol, Fluconazol, Ketoconazol, Erythromycin, Clarithro­mycin, Telithromycin, HIV-Protease-­Hemmer, Diltiazem und Verapamil sowie das Antiarrhythmikum Dronedaron. Da auch Grapefruitsaft ein mittelstarker CYP3A4-Hemmer ist, sollten Lomitapid-Patienten darauf verzichten.

Bei gleichzeitiger Einnahme von Substanzen, die das CYP3A4-System ankurbeln, zum Beispiel Phenobarbital, Rifampicin, Carbamazepin, Pioglitazon, Glukokortikoide, Modafinil und Phenytoin, sind Wechselwirkungen möglich, die die Wirksamkeit von Lomitapid beeinträchtigen. Aus demselben Grund sollten die Patienten auch kein Johanniskraut-Präparate während der Lomitapid-Therapie einnehmen.

Aufgrund seines Wirkmechanismus im Dünndarm kann Lomitapid die Resorption fettlöslicher Nährstoffe senken. In der Fachinformation des neuen Präparates empfiehlt der Hersteller daher, die tägliche Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln mit 400 I. E. Vitamin E, mindestens 200 mg Linolsäure, 210 mg ALA (Delta-Aminolävulinsäure), 110 mg EPA (Eicosapentaensäure) und 80 mg DHA (Docosahexaensäure).

Eingeschränkte Zulassung

Der Ausschuss für Humanarzneimittel der europäischen Arzneimittelbehörde EMA hat sich zwar für eine Zulassung von Lomitapid ausgesprochen, jedoch mit der Einschränkung, dass der Langzeitnutzen für das Herz-Kreislauf-System noch bestätigt werden muss. Auch betonte das Gremium, der neue Wirkstoff führe bei den meisten Patienten zu Nebenwirkungen auf den Darm, sodass einige die Behandlung absetzten, außerdem seien die Langzeitfolgen erhöhter Leberenzymspiegel noch nicht bekannt. Daher erhielt Lomitapid nur eine Zulassung unter »außergewöhn­lichen Umständen«.

Der Hersteller von Lomitapid muss nun eine Langzeitstudie durchführen, um weitere Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit des neuen Arzneistoffs zu liefern, einschließlich seiner Nebenwirkungen auf Leber, Magen, Darm und das Herz-Kreislauf-System. In der Studie werden auch Daten erhoben, wie sich Lomitapid auf Schwangerschaften auswirkt und wie eng das medizinische Fachpersonal die Empfehlungen hinsichtlich Screening und Überwachung der Patienten vor und während der Behandlung einhält. Die EMA wird jedes Jahr alle eingehenden neuen Informa­tionen prüfen und dann gegebenenfalls Änderungen der Fachinformation anordnen. /

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