PTA-Forum online
Angelikawurzel

Wikingerimport für den Magen

16.12.2013
Datenschutz

Von Ursula Sellerberg / Im 10. Jahrhundert brachten Wikinger die Angelikawurzel aus dem Norden in südlichere Gefilde. Schon bald wurde die Pflanze als Allheilmittel hoch gelobt: Paracelsus nannte sie die »höchste Arznei« gegen innere Infektionen. Heute wird die Angelikawurzel bei Verdauungsbeschwerden und Blähungen geschätzt.

Die Heimat von Angelica archangelica L. liegt im kalten Norden Europas: in Island, Grönland und den Färöer-Inseln. Von dort aus verbreitete sie sich zunächst über Schottland und England in den skandinavischen Ländern.

Den Namen »Engelswurzel« und die lateinische Entsprechung »Angelica« erhielt die Pflanze in der Zeit der ersten großen Pestwelle in der Mitte des 14. Jahrhunderts, als der Schwarze Tod so viele Menschen dahinraffte. Der Legende nach soll der Erzengel Michael den Menschen erschienen sein und ihnen die Wurzel als Arznei gegen die Pest gebracht haben. Vom Glauben an diese Legende zeugt noch heute der botanische Name der Pflanze. Angelica kommt aus dem Lateinischen: »Angelus« bedeutet Engel, »archangelus« Erzengel. Vom Einsatz der Angelikawurzel gegen die Pest leitet sich auch der volkstümliche Name »Pestwurz« ab. Im späteren Mittelalter wurde die Pflanze in Klostergärten kultiviert. Das aromatische Kraut galt als mystisches Mittel gegen Hexenzauber und wurde jungen Menschen zur Zerstreuung der Wolllust empfohlen.

Die Echte Engelswurz (Angelica archangelica L.) gehört zur Familie der Doldenblütler (Apiaceae). Sie bevorzugt halbschattige, feuchte bis nasse, nährstoffreiche Böden, ist daher vor allem auf feuchten Wiesen und flachen Mooren anzutreffen, an Gräben und in Erlenwäldern. Wild kommt die Pflanze an der Nord- und Ostseeküste bis in die nördlichen Regionen Lapplands, im Himalaya und in Nordamerika vor. Die zweijährige Pflanze wächst schnell und wird bis zu 2,5 Meter hoch. Im ersten Jahr bildet sie eine üppige Blatt­rosette. Im zweiten Jahr wächst daraus ein hohler, gerillter, oben verästelter Stängel empor, der am Grunde oft armdick ist. Die unteren Blätter sind sehr groß und werden nach oben hin kleiner. Ebenfalls im ersten Jahr bildet sich eine rübenförmige Wurzel. Erst im zweiten Jahr entsteht aus der Wurzel ein etwa 5 Zentimeter dicker Wurzelstock (Rhizom). Die Pflanze blüht nur ein einziges Mal, die Blüten stehen von Juni bis August in grünlich-weißen, halbkugeligen Dolden.

Aus den Blüten entwickeln sich die für die Familie der Doldenblütler typischen Spaltfrüchte, auch Doppelachänen genannt. Nach der Fruchtbildung stirbt die Pflanze ab. Der Kontakt mit der frischen Pflanze kann zu Hautreizungen mit Bläschenbildung bis hin zu »Brandwunden« führen.

Medizinisch verwendet werden Wurzel und Wurzelstock der mindestens zweijährigen Pflanze. Laut der Monografie »Angelikawurzel – Angelicae radix« des Europäischen Arzneibuchs (Ph. Eur. 6.0) ist die Droge das ganze oder geschnittene, sorgfältig getrocknete Rhizom und die Wurzel von Angelica archangelica L. (Archangelica officinalis Haffm.). Rhizom und Wurzel werden im Oktober ausgegraben. Die Droge stammt fast ausschließlich aus Kulturen in Polen, den Niederlanden und Deutschland (Thüringen). Sie riecht nach dem Trocknen stark würzig, ähnlich wie Magenbitter. Sie schmeckt anfangs süßlich aromatisch, später brennend und würzig-bitter.

Die Droge muss sorgfältig aufbewahrt werden, um einen Befall mit kleinen »Drogenkäfern« zu verhindern. Die europäische Angelikawurzel enthält andere Inhaltsstoffe und hat andere Wirkungen als die Angelikawurzel der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Die beiden Drogen können also nicht ausgetauscht werden.

In der Volksmedizin wird gelegentlich auch die ganze Pflanze verwendet (Angelicae herba), die Früchte oder das ätherische Öl (Oleum Angelicae). Vom breiten Einsatz der Wurzel in der Volksheilkunde zeugen ihre vielfältigen Namen wie Zahnwurz, Brustwurz, Heiligenbitter oder Giftwürze. Die Menschen in Süddeutschland nennen sie wegen ihrer Wirkung gegen Blähungen spöttisch auch »Engelspfurz«.

Aromatisches Bittermittel

Die Angelikawurzel enthält zwischen 0,35 und 1 Prozent ätherisches Öl (nach Ph.Eur. mindestens 0,2 Prozent), (Furano-)Cumarine und Bitterstoffe sowie Harze und Zucker. Sie ist ein aromatisches Bittermittel (Amarum aromaticum) und wirkt blähungstreibend (Karminativum). Die Inhaltsstoffe wirken entkrampfend und schmerzlindernd. Die Bitterstoffe und das ätherische Öl fördern die Sekretion von Magensäure und Pepsin. Sie steigern den Appetit und fördern die Verdauung. Das ätherische Öl sowie die Cumarinderivate regen bereits beim ersten Kontakt mit den Geschmacksknospen am Zungengrund die Bildung von Verdauungssäften in Mund und Magen an. Die vermehrte Produk­tion der Verdauungssäfte erfolgt also über den Umweg des Nervus vagus.

Mittel gegen die Pest

Monika Schulte-Löbbert / Damit sie sich nicht bei Pestkranken infizierten, trugen Pestärzte im Mittelalter getrocknete Angelikawurzeln mit sich oder nahmen sie ein, bevor sie einen Patienten besuchten. Auch diente die Wurzel den Ärzten als Schutzmittel in den Seuchenhäusern, um sich nicht mit der pestilenzialischen Luft anzustecken.

Im mittelalterlichen Südfrankreich brachte es ein Ganovenquartett zu großem Ruhm: Vier Männer raubten über viele Jahre an der Pest verstorbene Leichen aus, ohne sich selbst anzustecken. Die Räuber wappneten sich gegen die Infektion mit einem selbst entwickelten Vier-Räuber-Essig, der als wichtigsten Bestandteil Engelwurz enthielt. Ihr Kräuteressig wurde nach ihrer Festnahme und Hinrichtung schon bald in jeder Apotheke angeboten.

Darüber hinaus haben sich die Droge und ihre Extrakte bei leichten Magenkrämpfen und Blähungen bewährt. Angelikawurzel wirkt krampflösend auf die glatte Muskulatur des Verdauungstrakts. Sie regt die Bildung von Gallensäuren und Enzymen der Bauchspeicheldrüse an. Außerdem wirkt die Droge schleimlösend bei Husten und Bronchitis. Extrakte der Pflanze haben harn- und schweißtreibende Effekte. Der Spiritus Angelicae compositus wird äußerlich als Hautreizmittel bei Neuralgien und rheumatischen Beschwerden eingesetzt. Allerdings fehlt hierzu der wissenschaftliche Nachweis der Wirksamkeit.

Im Jahr 1990 bewertete die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes die Angelikawurzel positiv für die Anwendung bei Appetitlosigkeit, dyspeptischen Beschwerden wie leichten Magen-Darm-Krämpfen, Völlegefühl und Blähungen. Die Früchte und das Kraut wurden von der Kommission E hingegen negativ beurteilt, weil nicht genug Daten vorlagen und somit deren Wirksamkeit nicht ausreichend belegt sei.

Die empfohlene Tagesdosis besteht aus etwa 4,5 Gramm der Wurzeldroge. Das entspricht crica drei Teelöffeln. Ein Teeaufguss wird aus einem Teelöffel Angelikawurzel mit rund 150 Millilitern siedendem Wasser bereitet und nach zehn Minuten durch ein Teesieb abgeseiht. Wer die appetitanregende Wirkung eines Tees nutzen möchte, sollte eine halbe Stunde vor den Mahlzeiten jeweils eine mäßig warme Tasse Tee trinken. Für Fluidextrakte beträgt die Tageshöchstdosis 1,5 bis 3 Gramm, für die Tinktur 1,5 Gramm und für das ätherische Öl 10 bis 20 Tropfen.

Gegenanzeigen beachten

Manche Fertigarzneimittel enthalten unter anderem Extrakte aus der Angelikawurzel, zum Beispiel Abdomilon® N Sirup, Iberogast® oder Klosterfrau Melissengeist. Wechselwirkungen mit anderen Mitteln und Gegenanzeigen sind nicht bekannt. Da die Angelikawurzel wie alle Bitterstoffdrogen die Bildung von Magensäure anregt, sollten Menschen mit Magen- oder Darmgeschwüren die Droge nicht anwenden.

Die Angelikawurzel wird auch von den Herstellern einiger bekannter Magenbitter und Kräuterliköre geschätzt, beispielsweise Bénédictine, Chartreuse oder Cointreau. Die Liköre oder Schnäpse sollen bei leichten Verdauungsbeschwerden helfen.

Traditionelles Musikinstrument

Monika Schulte-Löbbert / Auch der Volksstamm der Samen schätzt die Engelwurz. Das Volk aus Lappland verwendet nicht nur die Wurzel als Arznei, sondern stellt aus den Stängeln ein Blasinstrument her, das in der sämischen Sprache »fadno« heißt. Das fadno, ein einfaches Rohrblattinstrument, wird aus dem Stängel herausgeschnitten und erzeugt einen weichen Klang. In der traditionellen Musik der Samen ist es das einzige Melodieinstrument, der Ton­umfang entspricht dem mittleren Bereich einer Klarinette. Für eine Orchester-Tournee eignet sich das fadno jedoch nicht: Seine Lebensdauer beträgt nur wenige Tage.

Eine Nebenwirkung der Angelikawurzel sollten die Anwender kennen: Die im ätherischen Öl enthaltenen Furanocumarine sind phototoxisch. Sie können in hohen Dosierungen die Haut reizen und allergische Reaktionen auslösen. Im Beratungsgespräch ist deshalb der Hinweis sinnvoll, bei der Einnahme höherer Dosen eines Engelwurz-Präparates pralles Sonnenlicht und Solariumbesuche zu meiden.

In der Vergangenheit wurde die Angelikawurzel beziehungsweise das ätherische Öl in extrem hohen Dosierungen als Abtreibungsmittel eingesetzt. In der Volksmedizin wird die Angelikawurzel heute noch unter anderem bei leichten Bauchkrämpfen kleiner Kinder eingesetzt, als schweißtreibendes Mittel bei Fieber und zum Lösen von Schleim. Äußerlich wird das ätherische Öl als Badezusatz verwendet, zum Beispiel gegen rheumatische Beschwerden. Für ein Vollbad werden 100 Gramm der Wurzel mit einem Liter Wasser eine Viertelstunde lang gekocht und dann abgeseiht. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin
ursula.sellerberg(at)yahoo.de