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Interview

»Brücke zu anderen Menschen«

15.12.2014
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Von Diana Haß / Die Möglichkeiten, Fähigkeiten und Wissen im Alter freiwillig einzusetzen, sind vielfältig. Welche persönlichen positiven Effekte Engagement im Alter mit sich bringt, erläutert der Psychologe Dr. Jochen Ziegelmann vom Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) in Berlin.

Haß: Was bewirkt freiwilliges Engagement bei Senioren?

Ziegelmann: Wenn ältere Menschen inaktiv sind, kann dies zu einem Abbau ihrer körperlichen und geistigen Fähigkeiten führen. Wer sich beispielsweise traut, etwas Neues auszuprobieren, wird aktiver. Es ist zentral im Alter, dass man versucht, Fähigkeiten und auch die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben aufrecht zu erhalten. Das freiwil­lige Engagement wirkt als eine Brücke zu anderen Menschen.

Haß: Was motiviert ältere Menschen, sich einzubringen?

Ziegelmann: Ältere Menschen verfügen über einen reichen Erfahrungsschatz an Wissen und Kompetenzen. Neben dem Geselligkeitswunsch und dem Gestaltungs­willen ist es Menschen grundsätzlich wichtig, an nachfolgende Generationen etwas weiterzugeben. Wir bezeichnen das als Genera­tivität.

Haß: Wie finden Menschen die richtige Dosis für ihr Engagement?

Ziegelmann: Das ist individuell sehr unterschiedlich, und das muss und kann auch nur jeder für sich entscheiden. Auf jeden Fall ist es wichtig, die richtige Dosis zu finden. Dazu gehört auch, die eigenen Grenzen zu sehen und zu akzeptieren. Es ist außerdem zentral, dass soziale Netzwerke oder beispielsweise der Ehepartner oder die Familie durch ein Ehrenamt nicht vernachlässigt werden. Wenn eine zeit­liche Begrenzung des Engagements gegeben ist, beispielsweise bei einer Bürgerinitiative, die ihr Ziel erreicht hat, dann kann das persönliche Umfeld sehr wichtig sein, um neue Anregungen zu finden. Wichtig ist für Senioren auch, dass sie Rücktrittsmöglichkeiten haben von ihren Aufgaben, falls sich ihr Gesundheitszustand verschlechtern sollte.

Haß: Warum ist das Gefühl des Gebrauchtwerdens so wichtig?

Ziegelmann: Es geht in erster Linie um Wertschätzung. Darum, dass jemand anerkennt, dass ich ihm etwas Gutes tue. Menschen definieren sich unter anderem über Rollen. Wenn eine Rolle wegfällt, dann kann das lähmen und in eine Krise stürzen. Das gilt natürlich häufig beim Eintreten der Rente, wenn mit der Berufstätigkeit für viele eine wesentliche Rolle, über die sie sich definiert haben, wegfällt.

Haß: Zu welchen Aufgaben raten Sie Senioren?

Ziegelmann: Grundsätzlich können Senioren ja entscheiden, ob sie eine Betätigung wählen, in der sie bereits qualifiziert sind. Oder ob sie eine wählen, in der sie neue Qualifikationen erwerben müssen. Allerdings gibt es auch bei bekannten Aufgabengebieten – beispielsweise der eines langgedienten Schatzmeisters im Verein – Neuerungen. Die Älteren von heute sind diejenigen, die nicht mit den elektronischen Medien aufgewachsen sind. Sie müssen sich also oft zwangsläufig weiter qualifi­zieren, um ihr Ehrenamt auszuüben. So entstehen Transfereffekte.

Haß: Was bedeutet das?

Ziegelmann: Um beim Beispiel des Schatzmeisters zu bleiben: Wenn er einen PC nutzen kann, dann eröffnen sich ihm über das Ehrenamt hinaus neue Möglichkeiten. Er kann im Internet surfen, mailen, in Kontakt treten. Dadurch, dass er sich qualifiziert hat, kommt dies einerseits seinem Verein zugute. Andererseits gibt es auch in seinem Privatleben positive Effekte.

Haß: Ist freiwilliges Engagement notwendig für ein gesundes Altern?

Ziegelmann: Es führen viele Wege zum Glück. Nicht-Engagement ist auch in Ordnung. Es gibt beispielsweise Senioren, die bemängeln, sie würden ja gar nichts machen. Dabei pflegen sie einen Angehörigen oder unterstützen anderweitig im familiären Bereich. Auch diese innerfamiliären Hilfen sind gesamtgesellschaftlich gesehen sehr relevant. Auch Menschen, die sich nicht im Sportverein engagieren, in diesem aber beispielsweise als Tennisspieler aktiv sind, tragen zu einer aktiven Gesellschaft bei. So mag es sich beispielsweise für Menschen, die Jahrzehnte lang stark eingespannt waren, richtig anfühlen, im Alter andere Aktivitäten zu pflegen. Sich zu bewegen, sich Hobbies und Interessen zu widmen. /