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Säure-Base-Haushalt

Essen wir uns sauer?

15.12.2014
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Von Inga Richter / Seit Jahrzehnten diskutieren Naturheilärzte und Schulmediziner, ob eine ernährungsbedingte Übersäuerung des Körpers für viele Gesundheitsprobleme der Zivilisations­gesell­schaften verantwortlich ist. Sich bei den kontroversen Meinungen ein eigenes Urteil zu bilden, fällt insbesondere Laien schwer.

Sobald wir eine Pizza oder einen Apfel essen, einen Saft oder eine Cola trinken, beginnen Enzyme bereits im Mund, das Nahrungsmittel oder das Getränk in einzelne Bestandteile zu zerlegen. Die weitere Verdauung findet jedoch im Magen statt, dem einzigen inneren Organ, in dem ein sehr saures Milieu herrscht. In nahezu allen anderen Körperflüssigkeiten, Geweben und Organen aber benötigen die Enzyme für ihre Stoffwechselvorgänge neutrale oder leicht basische Bedingungen. Nur in diesem Milieu wird Brauchbares zur Energiegewinnung oder den Aufbau von Körpersubstanz genutzt und nicht Verwertbares ausgeschieden. Soweit der allgemeine Kenntnisstand. Die Diskussionen um den Säure-Basenhaushalt drehen sich um die Frage, ob die unterschiedlichen säure- oder basenbildenden Eigenschaften von Nahrungsmittelbestandteilen jenes körpereigene Gleichgewicht aus dem Lot bringen können und falls ja, ob das die Ursache vieler der sogenannten Zivi­lisationserkrankungen sein könnte.

Spricht man von säurebildenden Lebensmitteln, meint dies mitnichten einen sauren Geschmack, so Dr. Herbert Renz-Polster, assoziierter wissenschaftlicher Mitarbeiter am Mannheimer Institut für Public Health (MIPH) der Universität Heidelberg: »Einige sauer schmeckende Lebensmittel wie Essig oder Zitrone wirken im Organismus basisch, während süß oder neutral schmeckende Lebensmittel wie Süßigkeiten, Brot oder Nudeln sauer wirken.« Die saure oder basische Wirkung eines Lebensmittels hänge davon ab, ob die Inhaltsstoffe Wasserstoffionen abgeben oder binden. Entscheidend dafür sind die enthaltenen Mineralstoffe. Säurebildend wirken beispielsweise Schwefel, Phosphor, Chlor und Iod, die hauptsächlich in tierischen Produkten vorkommen, sowie in Fertigprodukten und Fast Food. Pflanzliche Kost hingegen wirkt durch hohe Gehalte an Calcium, Magnesium, Eisen oder Kalium basenbildend. Der Körper braucht alle diese Mineralstoffe. Allerdings haben tatsächlich in den vergangenen 200 Jahren nach und nach mehr Nahrungsmittel unseren Speiseplan erobert, die unter die Kategorie der Säurebildner fallen. Unbestritten ist die Tatsache, dass diese Nahrungsmittel – im Übermaß genossen – nachweislich für eine Vielzahl der Wohlstandskrankheiten verantwortlich sind. Die Verfechter des Konzeptes der Säure-Basen­ernährung sind davon überzeugt, diese Flut an Säuren könne der Körper zwar eine Weile lang bewältigen, auf Dauer jedoch nicht. Zumal sich der Stoffwechsel im Alter verlangsame und somit auch die Regulationsmechanismen.

Naturheilkundler und naturheilkundlich orientierte Therapeuten vertreten daher die Auffassung, dass eine Übersäuerung des Körpers im Laufe der Zeit, also nicht von jetzt auf gleich, dazu führt, dass die Pufferkapazität des Blutes erschöpft wird. Insbesondere müsse der pH-Wert des Blutes in sehr engen Grenzen konstant gehalten werden. Weil dies für den gesamten Organismus überlebenswichtig sei, entziehe der Stoffwechsel den Geweben, den Knochen und Organen die basischen Mineralien wie Calcium und Magnesium, so die einhellige Meinung. Dieser Prozess führe zu einem chronischen Mineralstoffmangel, der sich nur durch eine komplette Umstellung der Ernährung beheben lasse.

Ursache für Kopfschmerzen und Arthritis

Mehr noch: Viele Befürworter der Theorie gehen davon aus, dass die aus Säuren und basischen Mineralien entstehenden Salze in so großen Mengen anfallen, dass sie nicht mehr abtransportiert werden können, sondern sich als sogenannte Schlacken in sämtlichen Körpergeweben ablagern – mit verheerenden Folgen. Je nach Informationsplattform resultieren daraus zunächst unspezifische Beschwerden wie Müdigkeit, Kopfschmerzen, Infektanfälligkeit oder Schlaflosigkeit. Der Mineralienentzug aus den Knochen soll zu Osteoporose führen, aus den Zähnen zu Zahnschäden und aus den Haarwurzeln zu Haarausfall, die Haut erkrankt an Psoriasis oder Neurodermitis. In den Gelen­ken sollen die Schlacken auf Dauer Arthritis und Arthrose verursachen, für Nieren-, Gallen- oder Blasensteine verantwortlich sein und in den Blutgefäßen für Arteriosklerose inklusive der daraus resultierenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes und die Entstehung von Tumoren werden mit chronischer Übersäuerung in Zusammenhang gebracht. Wissenschaftler halten die Theorie einer Übersäuerung und einer Ablagerung von Schlacken im Körper jedoch für fragwürdig.

Pufferkapazität des Blutes ausreichend

»Ein gesunder Mensch hat etwa zwanzigmal so viele freie Basenmoleküle im Körper wie freie Säuremoleküle und damit einen gewaltigen Puffer, der ihn vor einer Übersäuerung schützt«, meint dagegen Renz-Polster. Daher sei der Körper bestens gewappnet, die tagtäglich durch den Stoffwechsel entstehenden Säuren zu neutralisieren und damit zu bewältigen. Die dabei entstehenden Gase werden über die Lunge abgeatment oder über die Haut ausgeschwitzt, flüssige oder feste Bestandteile über die Nieren oder den Darm ausgeschieden. Der Mediziner ist davon überzeugt, dass selbst viele säurebildende Nahrungsmittel keine Übersäuerung hervorrufen. Die kurzzeitig verminderte Pufferkapazität würde rasch wieder ausgeglichen: »Es wundert also nicht, dass Ärzte immer wieder feststellen, dass die Pufferkapazität auch bei solchen Menschen noch erhalten ist, die an angeblich durch Übersäuerung bedingten Krankheiten wie Rheuma oder Hautkrankheiten leiden.« Unterstrichen wird seine Meinung durch eine Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, in der es heißt: »Eine Übersäuerung des Körpers ist beim Gesunden nicht zu befürchten, da Puffersysteme den Säure-Basen-Spiegel im Blut und Gewebe konstant halten. Zu einer metabolischen Azidose kann es zum Beispiel bei einer Stoffwechselentgleisung beim Diabetes mellitus kommen.«

Zwar beschäftigen sich viele Forschergruppen mit dieser Thematik, doch sie formulieren ihre Studienergebnisse stets in der Möglichkeitsform. Der Nachweis konkreter Effekte einer womöglichen Übersäuerung auf den Körper fehlt bislang. Zu diesem Schluss kam jedenfalls das Institut für Allgemeinmedizin Frankfurt im Jahr 2013, als es den Nutzen von »Säure-Basen-Analysen« als Individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) bewerten sollte. »Trotz intensiver Literaturrecherche konnte keine wissenschaftliche Evidenz für einen Zusammenhang einer Übersäuerung im Sinne der Orthomolekularen Medizin und dem Auftreten von Erkrankungen wie Arteriosklerose, Tumoren, Arthrose oder Osteoporose gefunden werden«, steht in dem Gutachten. Wissenschaftliche Belege für protektive oder therapeutische Wirkungen von basischen Diäten, Basenpulvern, speziellen Massagen oder basischen Pflegeprodukten bei den genannten Krankheiten fehlten ebenfalls. Das Gutachten verweist zwar auf kleinere Interventionsstudien, die gezeigt haben, dass die Gabe alkalischer Substanzen bei Osteoporosepatienten im Urin bestimmte Marker für den Knochenabbau verringerten. Doch hinreichend bestätigt wurde dies bis dato nicht. Allerdings wäre eindeutig beschrieben worden, wie positiv sich eine obst- und gemüsereiche Kost auf das Ausmaß von Arteriosklerose und Osteoporose auswirkt.

Sinn von Bluttests

Letztlich beurteilten die Experten Maßnahmen wie Bluttests oder solche am Unterhautbindegewebe als ungeeignet, eine Übersäuerung in und zwischen den Zellen zu diagnostizieren. Ebenfalls umstritten sind die zur Eigenprüfung empfohlenen Teststreifen zur Ermittlung des Urin-pH-Werts. Es ist schlichtweg unbewiesen, ob saurer Urin tatsächlich Zeichen einer Übersäuerung ist oder dafür, dass sich der Körper anfallender Säuren erfolgreich entledigt.Umgekehrt kann basischer Urin ein Hinweis sein, dass die Säuren im Gewebe zurückhalten würden. Fazit der Experten: »Daher kann nach der gegenwärtigen Datenlage keine Empfehlung für eine Säure-Basen-Analyse gegeben werden.«

»Auch die Evolutionsbiologie spricht gegen die Theorie der Übersäuerung als Erklärung für die heutigen Zivilisationskrankheiten«, meint Renz-Polster. Schließlich besiedele der Mensch alle Klimazonen der Erde mit unterschiedlichstem Nahrungsangebot und demnach unterschiedlichen Säuregehalten. Andererseits, räumt er ein, sei der Mythos des sauren Essens halb richtig.

Ob es nun Zufall ist oder nicht, bekanntermaßen gehört die ungesunde Frak­tion der Lebensmittel größtenteils zu den säurebildenden Nahrungsmitteln. Ob sich durch eine überwiegend auf Obst und Gemüse beruhende Ernährung sogenannte Schlacken aus dem Körper entfernen lassen, bleibt nach wie vor Glaubenssache. Zumindest solange die wissenschaftlichen Beweise ausbleiben. Doch: Viel Gemüse und Obst und relativ wenig Fleisch sowie regelmäßige Bewegung und ausreichend Entspannung nutzen der Gesundheit auf jeden Fall. /

Säurebildende LebensmittelBasenbildende Lebensmittel
 
  • Fleisch, Eier, Fisch, vor allem aus konventioneller Landwirtschaft beziehungsweise Aquakultur*
  • Milch- und Milchprodukte*
  • Getreideprodukte, vor allem aus Auszugsmehlen
  • Zucker, Süßungsmittel*
  • Fertigprodukte
  • Sauerkonserven
  • Nüsse*
  • Fertiggetränke
  • Kohlensäurehaltige Getränke, auch sprudelndes Mineralwasser
  • Kaffee
  • Alkohol
 
 
  • Obst (wenige Ausnahmen)
  • Gemüse (wenige Ausnahmen)
  • Pilze
  • Kräuter
  • Salate
  • Sprossen, Keime
  • Mineralwasser ohne Kohlensäure, Hydrogencarbonathaltiges Wasser (>1200 mg/l)
  • Kräutertees
 
*Bei vielen Lebensmitteln sind sich Experten uneinig. »Die Gültigkeit (Validität) dieser Tabellen wird kontrovers diskutiert, da sie auf die frühen (ungenauen) Untersuchungen von Ragnar Berg aus dem Jahre 1912 zurückgehen sollen.« (Institut für Allgemeinmedizin Frankfurt, 2013)