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Pflanzen des Jahres 2015

Zwischen Offizin und Küche

15.12.2014
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Von Michael van den Heuvel / Seit einigen Jahren wählen Verbände und Stiftungen verschiedene Arten zu »Pflanzen des Jahres«. Möglicherweise könnten Kunden demnächst verstärkt nach der Heil- oder Arzneipflanze 2015 fragen. Dann ist fundierte Beratung gefragt, denn häufig wissen Kunden nicht, was sie beispielsweise bei Johanniskrautpräparaten beachten müssen.

»Arzneipflanze des Jahres 2015« ist das Echte Johanniskraut (Hypericum perforatum L.). Das hat der Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde an der Universität Würzburg bekannt gegeben. Die Pflanze erhielt ihren Namen, weil sie etwa ab dem 24. Juni, dem Johannistag, blüht. »Es gibt interessante neue Forschungs­arbeiten zu dem sehr komplexen Thema Echtes Johanniskraut«, so Dr. Johannes Gottfried Mayer von der Universität Würzburg. Hypericum perforatum- Trockenextrakte helfen nicht nur gegen Angstzustände und nervöse Unruhe. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) spricht dem Hauptinhaltsstoff Hyper­forin einen Effekt bei leichten Depressionen zu. Indem Hyperforin die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin hemmt, erhöht es die Konzentra­tion dieser beiden Neurotransmitter an den Synapsen. Gleichzeitig steigt der Spiegel an Gamma-Aminobuttersäure (GABA), Dopamin und L-Glutamat.

Im Beratungsgespräch sollten PTA und Apotheker beachten, dass Johanniskrautpräparate bei hellhäutigen Menschen eine Photosensibilitätsreaktion auslösen können, falls sie höhere Dosen einnehmen. Darüber hinaus induzieren Johanniskrautextrakte in der Leber den Subtyp 3A4 des Cytochroms P450. Über dieses System werden zahlreiche Arzneistoffe metabolisiert. Daher verstoffwechselt der Körper nach Einnahme eines Johanniskrautpräparats verschiedene Pharmaka zu rasch. So besteht die Gefahr, dass beispielsweise Kontrazeptiva den gewünschten Effekt verlieren. Deshalb sollten Patientinnen andere Möglichkeiten zur Verhütung anwenden. Auch die Wirkspiegel von HIV-Proteaseinhibitoren, Clarithromycin sowie einigen Immunsuppressiva werden so erniedrigt, dass sie im Extremfall wirkungslos werden. Auf diese Zusammenhänge sollte das Apothekenteam bei der Abgabe der entsprechenden Phytopharmaka achten.

Wie wichtig eine fundierte Beratung in der Apotheke ist, hat auch der Gesetzgeber erkannt. Daher sind hoch dosierte Johanniskrautmittel seit 2003 apothekenpflichtig. Die Verordnung über apothekenpflichtige und freiverkäufliche Arzneimittel (AMVerkRV) nennt als Ausnahmen Präparate mit einer Tagesdosis bis zu 1 g Drogenäquivalent und bis zu 1 mg Hyperforin sowie als Tee, Frischpflanzensaft oder ölige Zubereitungen zur äußerlichen Anwendung. Präparate für die Indikation »mittelschwere Depression« sind seit 2009 verschreibungspflichtig. »Wahrscheinlich wird das Johanniskraut noch weiter von sich reden machen«, sagt Mayer. Spezielle Extrakte daraus würden gegen die Alzheimer-Krankheit und gegen Tumoren getestet. Da der Inhaltsstoff Hypericin sich an krebsartigen Zellen sammelt, wird es als Indikator und Photosensibilisator eingesetzt. Mayer: »Bei der Bestrahlung mit einem bestimmten Lichtspektrum bildet es aggressive Sauerstoffradikale, die Krebszellen abtöten können.« Abschließende Daten liegen dazu noch nicht vor.

Würzig und heilsam

Neben der »Arzneipflanze des Jahres« gibt es auch eine »Heilpflanze des Jahres«. Die Wahl des Vereins zur Förderung der naturgemäßen Heilweise nach Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus e. V. (NHV Theophrastus), fiel auf die bekannte Küchenzwiebel (Allium cepa L.). Sie gehört zur Gattung der Lauchgewächse. Aus einer anfangs flachen Scheibe entwickelt sich im zweiten Jahr die Zwiebelknolle, die einen bis zu 120 cm langen, blattlosen Schaft austreibt, an dessen Ende eine kugelförmige Dolde mit bis zu 100 weißen Einzelblüten sitzt. Die Pflanze ist mehr als nur ein beliebtes Nahrungsmittel. »Wir wollen mit der Wahl den heilenden Aspekt der Zwiebel wieder mehr hervorheben«, sagt Christina Schäfer, Vorsitzende der Jury. Laut NHV Theophrastus hilft Allium cepa unter anderem bei Appetitlosigkeit und soll altersbedingten Gefäßveränderungen vorbeugen. Für Tränen beim Aufschneiden der Knollen sorgt die schwefelhaltige Aminosäure Isoalliin. Beim Zerschneiden von Zwiebeln entsteht aus diesem Molekül über mehrere Zwischenstufen das reizende Propanthial-S-oxid. Homöopathen nutzen diesen Effekt gemäß Samuel Hahnemanns Lehre. Sie empfehlen Allium cepa Patienten mit akutem Schnupfen, Nasen- oder Augenausfluss. Auch bei Infektionen im Hals- und Brustbereich, bei Darmproblemen oder Phantomschmerzen hat sich das Homöopathikum bewährt.

Noch ein Blick auf die Schulmedizin: Zwiebeln werden auch in der Leitlinie »Therapie pathologischer Narben (hyper­trophe Narben und Keloide)« erwähnt. Hier formulieren die Experten: »Die Anwendung von Extractum cepae (Zwiebelextrakt) enthaltenden Kombinationspräparaten kann zur postoperativen Prophylaxe einer De-novo-Entstehung von hypertrophen Narben oder Keloiden sowie zur Rezidiv­prophylaxe nach operativer Therapie einer hypertrophen Narbe/eines Keloids erwogen werden.«

Scharfe Schoten

Auch das »Gemüse des Jahres 2015/2016« ist für PTA und Apotheker interessant. Der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt hat Chili und Paprika (Capsicum) in den Mittelpunkt seiner Öffentlichkeitsarbeit gestellt. Alle Chili- und Paprikaarten gehören zu den Nachtschattengewächsen (Solana­ceae). Die krautartigen Pflanzen wirken vor der Blüte recht unscheinbar. In Blättern und Stängeln lassen sich mehrere Alkaloide in unterschiedlichen Konzentrationen nachweisen, allen voran das Solanin, aber auch andere inter­essante Inhaltsstoffe. Gemüsepaprika und Chilis sind durch enthaltene Carotinoide kräftig orange oder rot gefärbt. Der ungarische Chemiker Albert von Szent-Györgyi Nagyrápolt isolierte erstmals Ascorbinsäure aus Paprika und veröffentlichte dazu biochemische Untersuchungen. Für seine Arbeiten erhielt Szent-Györgyi im Jahr 1937 den Nobelpreis für Medizin.

Chilis sind auch heute noch nicht aus der Pharmazie wegzudenken. Das für die Schärfe der Schoten verantwort­liche Capsaicin hemmt in topischen Zubereitungen die Wiederaufnahme des Botenstoffs Substanz P. Dadurch fördern die Cremes, Salben oder Pflaster die Durchblutung. Von diesem Effekt profitieren Patienten mit Gelenkschmerzen, rheumatischen Beschwerden und neuropathischen Schmerzen. Eine Metaanalyse hat gezeigt, dass Capsaicin gegenüber Placebo chronische Schmerzen neuropathischer und muskulärer Ursache signifikant senkt. Der Wirkstoff hilft auch Patienten mit quälendem Juckreiz. Wichtig ist, die Therapie langsam einzuschleichen, da die Haut anfangs heftig brennt oder juckt. Die Wirkung hingegen setzt nach mehreren Tagen ein (siehe dazu auch Beitrag Schmerzmittel: Koanalgetika gegen Nervenschmerzen).

Giftig, schön, nahrhaft

Hamburg hat sich ganz speziellen Gewächsen verschrieben. Seit nunmehr zehn Jahren ruft der Botanische Sondergarten Wandsbek Interessierte auf, die »Giftpflanze des Jahres« zu wählen. Die Wahl war bis Dezember möglich. »Diese Aktion unterscheidet sich von der Vielzahl an Tieren, Pflanzen und Lebensräumen, die jährlich als Natur des Jahres ausgerufen werden darin, dass die Pflanzen nicht unbedingt in ihrer Existenz gefährdet sind«, so die Organisatoren. »Pflanzen mit einer giftigen Wirkung auf Menschen und Tiere werden in vielen Gärten und Wohnungen als Zierpflanzen kultiviert, ohne Kenntnis der besonderen Eigenschaften.« Das Wahlergebnis stand zum Redaktionsschluss noch nicht fest. Die Organisatoren der Wahl hatten die Kartoffel, den Schneeball, den Rittersporn und den Oleander nominiert.

»Natur des Jahres 2015« aus dem Backofen

Zutaten (für vier Personen): 4 Gemüsepaprika, 500 Gramm Kartoffeln, 2 Tassen Basmatireis, 2 gehackte Zwiebeln, 1 Knoblauchzehe, 1 Messerspitze Chilipulver, 1 Teelöffel edelsüßes Paprikapulver und Salz, Olivenöl, 500 ml Gemüsebrühe, 5 kleingehackte Tomaten

Zubereitung: Garen Sie 500 Gramm geschälte, kleingeschnittene und gesalzene Kartoffeln circa 15 Minuten im Dampf. Mischen Sie zwei Tassen gedünsteten Basmatireis mit etwas Olivenöl, zwei gehackten Zwiebeln, einer Knoblauchzehe, einer Messerspitze Chilipulver, einem Teelöffel edelsüßem Paprikapulver und Salz. Füllen Sie damit vier Gemüsepaprika und setzen Sie diese in einen feuerfesten Bräter mit Deckel. Hinzu kommen die Kartoffeln, Gemüsebrühe und die kleingehackten Tomaten. Im Backofen bei 180 Grad Umluft 60 Minuten schmoren. Guten Appetit!

Die Kartoffel (Solanum tuberosum) gehört zu den Nachtschattengewächsen. Ihre grünen Pflanzenteile enthalten verschiedene Alkaloide, vor allem Solanin. Bei den modernen Zuchtsorten ist der Alkaloidgehalt deutlich niedriger als bei alten Sorten.

Der Schneeball (Viburnum sp.) wird den Moschuskrautgewächsen (Adoxaceae) zugeordnet. Chemiker wiesen in der Rinde, in den Blättern und in unreifen Früchten das Glykosid Viburnin nach. Homöo­pathen schätzen Viburnum opulus als Mittel bei Regelbeschwerden, schmerzhaften Muskelkrämpfen und bei Endometriose.

Die etwa 300 bis 350 Rittersporn-Arten (Delphinium sp.) enthalten verschiedene polycyclische Diterpenoidalkaloide. Diese Substanzen wirken als Neurotoxine beziehungsweise neuromuskuläre Gifte.

Der Oleander (Nerium oleander), ein Vertreter der Hundsgiftgewächse (Apocynaceae), enthält die beiden Glykoside Oleandrin und Neandrin. Die Aufnahme von Pflanzenteilen des Oleanders führt zu gastrointestinalen und kardialen Beschwerden. Homöopathen verordnen Nerium Oleander Patienten mit nässenden Ekzemen der Kopfhaut sowie bei schuppenden Hautausschlägen mit Schorf, Nässen und Juckreiz.

Schmuckstück aus dem Moor

Abschließend noch ein Blick auf Zierpflanzen. Die Loki-Schmidt-Stiftung hat den Gewöhnlichen Teufelsabbiss (Succisa pratensis) zur Blume des Jahres 2015 gekürt. Ihr ungewöhnlicher Name geht auf das Rhizom zurück, das langsam abstirbt. Zu früheren Zeiten dachten Menschen, der Teufel habe vom Rhizom ein Stück abgebissen. Heute steht Succisa pratensis auf der Roten Liste gefährdeter Arten. Die Pflanze bevorzugt Moor-Magerwiesen als natürlichen Lebensraum. Sie wird etwa 30 bis 50 cm hoch und blüht zwischen Juli und September blauviolett.

Die Volksmedizin empfahl die getrockneten Rhizome gegen Magen-Darm-Beschwerden, Steinleiden, Krämpfe und Leibschmerzen. Heute hat Succisa pratensis keine große Bedeutung mehr, ist aber gelegentlich noch in sogenannten Blutreinigungstees enthalten. Homöopathen setzen Succisa pratensis bei Ekzemen und Geschwüren ein. /