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Kuhpockenvirus

Haustiere übertragen Erreger

11.01.2016  11:22 Uhr

Von Carina Steyer / Die Menschenpocken gelten weltweit als ­ausgerottet. Ihre nahen Verwandten, die Kuhpocken, vermehren sich dagegen bestens in Nagetieren. In den letzten Jahren ­beobachten Wissenschaftler eine Zunahme der Kuhpockenvirus-Infektionen bei Ratten und auch bei Katzen, die das Virus immer häufiger auf den Menschen übertragen.

Bis zu ihrer gezielten Ausrottung in den 1970er-Jahren gehörten Menschen­pocken zu den gefürchtetsten Infektionen weltweit. Sie waren leicht von Mensch zu Mensch übertragbar, die Erkrankung forderte viele Tote und war die Infektion überstanden, hinterließ sie meist häßliche Pockennarben. Verursacher der Menschenpocken ist das Variola-Virus, das mit einigen anderen Viren zur Gruppe der Orthopocken-Viren zählt.

Glücklicherweise besteht unter Orthopocken-Viren eine starke Kreuzreaktion, sodass weniger gefährliche Arten für die Immunisierung eingesetzt werden konnten. Nach ersten Immunisierungsversuchen gelang dem englischen Landarzt Edward Jenner (1749–1823) der Durchbruch: Jenner testete Ende des 18. Jahrhunderts Vaccinia-Viren aus den Pocken von Kühen erfolgreich an Kindern. Doch erst im Jahr 1980 konnte die Weltgesundheitsorganisation die Welt für pockenfrei erklären und aufgrund der hohen Durchimpfungsrate gerieten die Pocken in Vergessenheit.

Zoonose-Erreger

Anders als das Variola-Virus, dessen einziger Wirt der Mensch ist, nutzen die anderen Viren aus der Gruppe der Orthopocken Tiere als Reservoir und können vom Tier auf den Menschen übertragen werden. Dass dies in den letzten Jahren wieder verstärkt der Fall ist, hängt vermutlich mit der geringen Immunität eines Großteils der jeweiligen Bevölkerung zusammen: Durch die Aufhebung der Impfpflicht sind viele Menschen nicht mehr gegen Pockenviren immun. In Deutschland sowie weiteren europäischen Ländern registrieren Experten vor allem die Zunahme der In­fektionen mit dem Kuhpockenvirus.

Während Kuhpocken früher lokal begrenzt am Euter von Kühen auftraten, sind heute verstärkt Katzen, Ratten und zahlreiche Zootiere infiziert. Als Erregerreservoir der Kuhpocken­viren gelten kleine, freilebende Nagetiere wie Ratten, Mäuse und Wühlmäuse. Einer Studie der Veterinärmedizinischen Universität Wien zufolge ist eine von sechs wild lebenden Mäusen Träger des Kuhpockenvirus. Katzen infizieren sich bei der Mäusejagd. Ratten, die als Haustiere oder als Tierfutter gehalten werden, haben sich vermutlich in der Zuchtstation über infizierte wild­lebende Nagetiere mit dem Virus infiziert. Bei Zootieren ist die Infektion auf Futtertiere oder den Kontakt zu frei­lebenden Nagetieren zurückzuführen.

Katzen gehören zu den beliebtesten Haustieren und leben oft in engem Kontakt mit Menschen. So ist es nicht verwunderlich, dass in den meisten Fällen Katzen das Virus auf Menschen übertragen. In den Jahren 2008 und 2009 waren allerdings Ratten in Heimtierhaltung immer häufiger die Infek­tionsquelle.

Infektion beim Menschen

Durch direkten Kontakt mit einem infizierten Tier sind die Hände besonders häufig betroffen. So verteilen die Betroffenen die Viren dann unbeabsichtigt auf andere Körperstellen. Beim Menschen führt das Kuhpockenvirus erst sieben bis zwölf Tage nach der Infektion zunächst zu Papeln auf der Haut. Später entwickeln sich die Papeln zu schmerzhaften Pusteln und schließlich bilden sich schwarze Krusten. Zusätzlich treten Übelkeit, Muskelschmerzen sowie grippeähnliche Symptome auf. Darüber hinaus entzünden sich die regionalen Lymphknoten und schwellen an.

Bei sonst gesunden Menschen heilt eine Kuhpockenvirus-Infektion meist komplikationslos aus. Nach sechs bis acht Wochen trocknen die Pusteln aus, die Krusten fallen ab, hinterlassen jedoch häufig Narben, die vor allem im Gesicht eine chirurgische Korrektur notwendig machen können.

In Einzelfällen führte die Infektion zu schwersten Hornhautentzündungen am Auge. Besonders gefährdet sind Menschen mit eingeschränkter Immu­nität, zum Beispiel Säuglinge, Menschen mit atopischer Disposition oder Patienten während einer Behandlung mit Immunsuppressiva. Bei einem Erkrankten aus einer der genannten Gruppen kann die Infektion mit Kuh­pockenviren sogar tödlich enden.

Sinnvolle Prophylaxe

Mit Kuhpockenviren infizieren sich die meisten Menschen durch direkten Kontakt mit infektiösem Gewebe oder infizierten Sekreten erkrankter Tiere. Derzeit gibt es in Deutschland einen bekannten Fall, bei dem sich die Büromitarbeiterin eines Reptilienzoos ohne direkten Tierkontakt mit dem Kuh­pockenvirus infiziert haben soll.

Wer sich vor der Infektion mit Kuhpockenviren schützen möchte, sollte seine Freigänger-Katze regelmäßig auf Hautveränderungen untersuchen. Bei Katzen zeigt sich die Virusinfektion als erstes durch eine bisswundenartige Verletzung an Kopf, Hals oder Vorderfuß. Etwa ein bis zwei Wochen später entstehen weitere rötliche Hautveränderungen, aus denen sich schließlich etwa ein Zentimeter große Papeln entwickeln. Im weiteren Verlauf verkrusten die Papeln und fallen nach zwei bis drei Wochen ab. In Einzelfällen können Fieber, Atemprobleme oder eine Bindehautentzündung hinzukommen. Die meisten Katzen überstehen die Infek­tion komplikationslos.

Auf veränderte Haut achten

Bei Ratten ist vor allem nach dem Kauf Vorsicht geboten. Als Vorbeugemaßnahme empfiehlt das Robert-Koch-Institut, den engen Kontakt zu potenziell infizierten Nagetieren zu meiden. Ratten mit einer Kuhpockenvirus-Infektion entwickeln an den Beinen, am Schwanz und am Kopf verschorfte Hautläsionen, manchmal auch Atemprobleme und eine Konjunktivitis. Die meisten Ratten versterben an der Infektion.

Sollten Tierbesitzer die beschriebenen Hautveränderungen an ihrem Haustier entdecken, empfiehlt das Robert-Koch-Institut, die Hautstellen abzudecken und mit dem Tier einen Tierarzt aufzusuchen. Nach jedem ungeschützten Kontakt mit Sekreten, Läsionen, Krusten oder kontaminierten Flächen sollten sie die Hände gründlich desinfizieren, Käfige und Katzentoiletten mit Handschuhen, Mundschutz und Schutzbrille reinigen sowie kontaminierte Wäsche mit einem Vollwaschmittel bei mindestens 60 °C waschen. Infektiöser Abfall sollte in einem dichten Kunststoffsack über den Hausmüll entsorgt werden.

Die Übertragung von Mensch zu Mensch ist äußerst selten, aber theoretisch möglich. Um eine solche Infektion auszuschließen, werden die Hautläsionen des Erkrankten mit einem Wundverband abgedeckt. Dieser schützt auch gleichzeitig vor einer Weiter­verteilung der Viren auf andere Körper­regionen. Für die häusliche Wundversorgung empfehlen Experten, Handschuhe zu tragen und nach ungeschütztem Kontakt mit Pockenmaterial die Hände gründlich zu desinfizieren.

Gefahr schwer vorhersagbar

Noch können sich Virologen die molekularen Vorgänge nicht erklären, die dafür verantwortlich sind, dass die ­Viren den Menschen als Wirt erobert haben. Auch sind sie den artspezi­fischen Unterschieden in der Pathogenität der Kuhpockenviren auf der Spur. Die derzeitigen Fallzahlen zeigen, dass die Zahl der Kuh­pockenvirus-Infektio­nen steigt, seltene Übertragungswege häufiger auftreten und Kuhpockenviren äußerst stabil sind. In abgefallenen Hautkrusten können sie monatelang überleben und auch tiefgekühlte Futterratten bleiben noch infektiös.

Bezogen auf das Menschenpockenvirus vermuten Wissenschaftler, dass es nicht von Beginn an für den Menschen hochpathogen war. Vielmehr scheint es sich erst später auf den Menschen als einzigen Wirt spezialisiert zu haben. Daher besteht die Möglichkeit, dass auch aus den derzeit existierenden Kuh­pockenviren eine für den Menschen hochpathogene und leichter übertragbare Variante entstehen könnte. Doch das ist aktuell reine Spekula­tion. Wie wahrscheinlich eine solche Entwicklung ist, können Wissenschaftler im Moment nur schwer vorhersagen. /