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Plausibilitätsprüfung

Kopfspiritus gegen Haarausfall

Nicht immer gelingt es, dass in einer Individualrezeptur alle Wirkstoffe gelöst werden können. Dann ergibt sich die Frage: Ist es unter Haltbarkeits- und Wirksamkeitsaspekten vertretbar, eine Suspension abzugeben? In diesen Fällen gehört zum Plausibilitätscheck auch die Überlegung, ein anderes Salz eines Wirkstoffs einzusetzen oder den Lösungsmittelanteil zu erhöhen.
Andreas Melhorn
11.01.2016  11:22 Uhr

Führt die Löslichkeit von Rezeptursubstanzen in der Praxis zu Problemen, reicht es manchmal aus, bei gießfähig herzustellenden Rezepturarzneimitteln die Anmerkung »Vor Gebrauch schütteln« auf das Abgabebehältnis zu schreiben. Voraussetzung ist, dass die Suspension stabil ist und die Wirkstoffe auch in ungelöstem Zustand ihre Wirkung entfalten. Als sie die Rezepturverordnung (siehe Abbildung) entgegennimmt, erahnt die PTA schon vor der Plausibilitätsprüfung Probleme mit der Löslichkeit der beiden Arzneistoffe.

 

Einsatzgebiet und Wirkung

Da die Patientin es eilig hatte, wurde im Gespräch nicht geklärt, gegen welche Beschwerden sie die Lösung einsetzen soll. Bei ihrer Recherche zur mög­lichen Indikation findet die PTA auf der Website des DAC/NRF den Rezepturhinweis »Estrogene zur Anwendung auf der Kopfhaut«.

In diesen Lösungen werden Estrogene bei Haarausfall eingesetzt. Sie vermindern die Zahl der Haare, die sich in der Ruhephase (Telogenphase) des Haarzyklus befinden, und können so die Haardichte erhöhen. Außerdem liest sie dort nach, dass die Konzentration an Estradiolbenzoat in der verordneten Lösung zwar hoch ist, aber nicht die Richtkonzentration von 0,05 Prozent überschreitet.

 

Das Betamethason gehört zu den stark wirksamen Glucocorticoiden, also zur Klasse III der 4-stufigen Einteilung. Es kann auf der Haut angewendet werden, um Entzündungsreaktionen zu vermindern. Als Richtkonzentration ist ein Bereich von 0,025 bis 0,1 Prozent angegeben. Die Recherche der PTA ergibt also, dass die verschriebene Menge plausibel ist.

 

Aus Neugier und weil der Nachmittag in der Apotheke ausnahmsweise ruhig verläuft, forscht die PTA noch ein wenig weiter mit dem Ziel, das erahnte Einsatzgebiet der vorliegenden Wirkstoffkombination bestätigt zu finden. Nach kurzer Recherche entdeckt sie ein Fertigarzneimittel mit Estradiol und dem Glucocorticoid Flupredniden-21-acetat in verdünntem Isopropanol. Das Arzneimittel wird bei Frauen gegen Entzündungen der Kopfhaut eingesetzt und kann die Haardichte erhöhen. Damit sieht die PTA das vermutete Einsatzgebiet als bestätigt an. Das Fertigarzneimittel wird ebenfalls einmal täglich eingesetzt, was der Gebrauchsanweisung auf dem Rezept entspricht. Auch diese ist also plausibel.

 

Stabilität der Lösung

Estradiolbenzoat ist in Lösung selbst bei höheren Temperaturen sowohl in sauren als auch in basischen pH-Bereichen stabil. Laut der »Tabellen für die Rezeptur« des DAC/NRF zählt der Wirkstoff zu den Phenolen. Eine besondere Eigenschaft dieser Wirkstoffklasse ist, dass sie mit anderen Stoffen zahlreiche Unverträglichkeiten zeigen. In den Tabellen findet die PTA allerdings den Hinweis, dass dies bei Estradiolbenzoat »galenisch nicht relevant« ist.

Auch für den zweiten Wirkstoff, das Betamethasonvalerat, sind keine Inkompatibilitäten genannt und ein pH-Bereich von 2 bis 5 angegeben. Der pH-Wert der verordneten Lösung wird neutral sein, denn sie enthält keine pH-Korrigenzien und keiner der beiden Wirkstoffe reagiert von sich aus sauer. Die PTA überlegt, ob es sinnvoll ist, einen Puffer zuzusetzen. Als sie auf der Webseite des DAC/NRF nach entsprechenden Beispielen sucht, entdeckt sie im Rezepturenfinder einen Haarspiritus mit Betamethason und Minoxidil. Weil das Minoxidil basisch reagiert, wird dort vorgeschlagen, das Corticoid gegen das ähnlich stark wirksame, aber stabilere Betamethasondipropionat auszutauschen. Damit die Wirkstärke der Lösung dennoch gleich bleibt, müsste dessen Konzentration allerdings auf 0,05 Prozent gesenkt werden. Das wäre auch im vorliegenden Fall eine Möglichkeit. Laut Recherche liegt der pH-Bereich für Betamethasondipropionat bei pH 4 bis 8, was der Lösung entsprechen würde. Für das spätere Gespräch notiert die PTA, dem Arzt vorzuschlagen, das Glucocorticoid auszutauschen.

Löslichkeiten

Weil sie bereits Probleme mit der Löslichkeit der Wirkstoffe erahnt, forscht sie nach vergleichbaren Rezepturen. Es wäre theoretisch auch möglich, eine Suspension anzufertigen. Schwimmen dann allerdings nur wenige Kristalle in der Lösung, kann dies zu Dosierungsungenauigkeiten führen, weil die Patientin bei der Anwendung der Lösung manchmal Kristalle aufträgt und manchmal nicht. Als wichtigeres Argument gegen eine Suspension spricht die Tatsache, dass ungelöste Wirkstoffanteile in Lösungen prinzipiell vermieden werden sollten, weil sonst während der Lagerung ein Kristallwachstum auftreten kann. Die PTA sollte den Haarspiritus also so herstellen, dass die Wirkstoffe komplett gelöst sind.

Bei ihrer Recherche nach der Menge des Lösungsmittels entdeckt die PTA im Rezepturenfinder des DAC/NRF eine Lösung mit 0,05 Prozent Betamethasondipropionat in 70%-igem Ethanol. Falls sie später ein anderes Salz des Corticoids einsetzt, entsteht wahrscheinlich eine klare Lösung. Das Valerat ist nach DAC/NRF in der entsprechenden Rezeptur auf jeden Fall löslich.

Bei dem verordneten Estrogen­derivat erwartet die PTA eher Probleme. Prinzipiell eignen sich laut Rezepturhinweis verschiedene Wirkstoffe: Estradiolbenzoat, Estradiolvalerat, Alfatradiol (17-α-Estradiol) und Estradiol-Hemihydrat (das Hemihydrat von 17-ß-Estradiol). Dort heißt es, dass 17-α- und 17-ß-Estradiol bezüglich des Haarwachstums gleich stark wirksam sind. Laut Rezepturhinweis löst sich das Estradiol-Hemihydrat besser als das problematische Estradiolbenzoat.

 

Jetzt muss sich die PTA zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden: Sie könnte den Ethanol-Gehalt der Lösung erhöhen oder das Estradiolbenzoat gegen das Hemihydrat austauschen. Da alkoholische Lösungen die Kopfhaut reizen können, sollte der Wasseranteil jedoch so hoch wie möglich sein. Daher erwägt sie folgende Vorgehensweise: Sie löst die Wirkstoffe zunächst in so viel 96%-igem Ethanol, wie die Lösung eigentlich enthalten soll, und gibt anschließend Wasser dazu, bis eine Trübung eintritt. Danach ergänzt sie mit dem hochkonzentrierten Ethanol bis zur Gesamtmenge von 100 Gramm.

 

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