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Markteinführung

Trio zum Jahresende

11.01.2016
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Von Sven Siebenand / Mit dem Mukoviszidose-Medikament Orkambi®, dem Leukämie-Präparat Blincyto® und dem Hautkrebsmittel Cotellic® kamen Mitte Dezember der 33., 34. und 35. neue Wirkstoff des Jahres 2015 neu in den Handel.

Cystische Fibrose (CF), die sogenannte Mukoviszidose, ist eine seltene, genetisch bedingte Krankheit, die die Lebenserwartung der Betroffenen stark verkürzt. Ursache ist ein defektes oder fehlendes CFTR (Cystic Fibrosis Transmembrane Conductance Regulator)-Protein als Folge von Mutationen im CFTR-Gen. Bislang kennen Wissenschaftler etwa 2000 Mutationen im CFTR-Gen.

Nur diejenigen Kinder erkranken an CF, die von beiden Eltern ein defektes CFTR-Gen geerbt haben. Aufgrund des defekten oder fehlenden CFTR-Proteins ist der Salz- und Wasseraustausch in den Zellen einer Reihe von Organen mangelhaft. In der Lunge sammelt sich abnorm dicker, klebriger Schleim, der chronische Lungeninfektionen verursachen kann und die Lunge fortschreitend schädigt, was schließlich zum Tod führt.

Das neue Präparat Orkambi® 200 mg/125 mg Filmtabletten von Vertex Pharmaceuticals ist bei Patienten ab einem Alter von zwölf Jahren zugelassen, die zwei Kopien der F508del-Mutation aufweisen. Diese Mutation führt dazu, dass Reifung und Transport des CFTR-Proteins innerhalb der Zelle gestört ist, wodurch wenig bis gar kein CFTR-Protein an die Zelloberfläche gelangt. Diese Patienten können mit einem einfachen Gentest leicht identi­fiziert werden. Die Filmtabletten enthalten zwei Wirkstoffe: Das bereits seit einigen Jahren verfügbare Ivacaftor (125 mg) und den Neuling Lumacaftor (200 mg). Diese beiden Substanzen in einem Präparat zu kombinieren ist sinnvoll, da sie sich in ihrer Wirkung ergänzen: Lumacaftor erhöht die Anzahl reifer F508del-CFTR-Proteine auf der Zelloberfläche, unter anderem indem es am Transportdefekt ansetzt, und Ivacaftor verbessert die Funktion des CFTR-Proteins, nachdem es die Zell­oberfläche erreicht hat. Die Patienten sollen alle zwölf Stunden zwei Tabletten Orkambi zusammen mit einer fetthaltigen Speise einnehmen. Wichtig: Sie dürfen die Tabletten weder kauen, noch zerbrechen, noch auflösen. Bei Patienten mit mäßig oder stark eingeschränkter Leberfunktion sollte der Arzt die Dosis von Orkambi reduzieren und bei Patienten mit stark eingeschränkter Nierenfunktion das neue Präparat nur mit Vorsicht einsetzen.

Nimmt der Patient bereits einen starken CYP3A4-Hemmer ein, sollte der Arzt die Dosis in der ersten Behandlungswoche auf eine Tablette täglich reduzieren, danach aber die Therapie mit zwei Tabletten fortsetzen. In der Fachinformation rät der Hersteller ferner davon ab, das Präparat mit starken CYP3A4-Induktoren wie Johanniskraut zu kombinieren. Da Lumacaftor selbst ein starker CYP3A4-Induktor ist, kann Orkambi den Wirkspiegel von Arzneimitteln, die Substrat dieses Enzyms sind, verringern und damit auch deren therapeutische Wirkung.

Vorsichtshalber sollten Schwangere das neue Medikament nicht erhalten, es sei denn, der klinische Zustand der Mutter erfordert dies unbedingt. Bei Stillenden ist zu entscheiden, ob die Frau das Stillen beendet oder auf die Behandlung mit Orkambi verzichtet beziehungsweise die Therapie unterbricht.

Sehr häufige Nebenwirkungen waren in Studien zum Beispiel verstopfte Nase und Atemnot, Kopfschmerzen und Schwindel, Durchfall und Übelkeit sowie Bauchschmerzen.

Neues Leukämie-Mittel

Die akute lymphatische Leukämie (ALL) ist eine aggressive Krebserkrankung von Blut und Knochenmark. Die Krankheit entwickelt sich, wenn in der DNA einer Knochenmarkzelle Mutationen oder Störungen auftreten, sodass die Zelle kontinuierlich wächst und sich ständig teilt. Bei Patienten mit ALL verdrängen abnorme weiße Blutzellen das normale Blut bildende Knochenmark. Als erste Symptome können häufige Infektionen, Blutarmut, Schwächegefühl und erhöhte Blutungsneigung auf ALL hinweisen.

Blincyto® 38,5 µg Pulver für ein Konzentrat und Lösung zur Herstellung einer Infusions­lösung von Amgen enthält den neuen Antikörper Blinatumomab. Diesen dürfen Ärzte einer bestimmten ALL-Patientengrup­pe verordnen: Das sind Erwachsene mit Philadelphia-Chromosom negativer, rezidi­vierter oder refraktärer B-Vorläufer ALL. An dieser Form erkranken EU-weit Schätzun­gen zufolge circa 900 Patienten pro Jahr.

Bei Blinatumomab handelt es sich um einen sogenannten bispezifischen Antikörper (bi-specific T-cell engager, BiTE®). Diese Antikörper werden so entwickelt, dass sie sozusagen als Brücke zwischen Krebszellen und T-Zellen fungieren. T-Zellen gehören zu den weißen Blutzellen und können andere Zellen, die der Körper als Bedrohung erkennt, abtöten. Die Antikörper-Brücke ermöglicht es der T-Zelle, Proteine und Enzyme direkt in die Krebszelle einzuschleusen. Diese lösen dort daraufhin eine Apoptose aus, das heißt bewirken den einen programmierten Tod der Tumorzelle. Der neue bispezifische Antikörper Blinatumomab bindet zum einen an CD19 auf der Oberfläche von Krebs­zellen und zum anderen an CD3 auf der Oberfläche von T-Zellen. Der Antikörper bringt also die T-Zellen so nah an die Krebszellen heran, dass sie in diese ihre Gifte injizieren und deren Tod auslösen können.

Blinatumomab wird in Behandlungszyklen als Dauerinfusion verabreicht. Ein einzelner Behandlungszyklus umfasst vier Wochen, auf den jeweils ein zweiwöchiges behandlungsfreies Intervall folgt. Vor Beginn jedes Zyklus sollten die Patienten intravenös 20 mg Dexamethason erhalten. Auch empfiehlt der Hersteller die Gabe von Antipyretika während der ersten 48 Stunden jedes Zyklus. Bei schweren Nebenwirkungen muss die Behandlung mit dem Antikörper vorübergehend oder dauerhaft ausgesetzt werden. Nicht untersucht wurde Blinatumomab bei Patienten mit schwerer Leber- oder Nierenfunktionsstörung.

Kontraindiziert ist der neue Wirkstoff bei Stillenden. Auch Schwangere sollten ihn nicht erhalten, es sei denn, der mögliche Nutzen überwiegt das potenzielle Risiko für den Fetus. Frauen im gebärfähigen Alter müssen während und bis zu mindestens 48 Stunden nach der Infusion von Blinatumomab zuverlässig verhüten.

Zu den sehr häufigen unerwünschten Wirkungen zählen infusionsbedingte Reaktionen, Infektionen, Fieber, Kopfschmerzen, periphere Ödeme, Übelkeit, Bauchschmerzen, Hypokali­ämie, Verstopfung, Anämie, Husten, Durchfall, Neutropenie, Schlaflosigkeit, Fatigue und Schüttelfrost.

Abschließend ein Hinweis zur Lagerung: Blincyto ist bei 2 bis 8 Grad Cel­sius im Kühlschrank zu lagern.

Neues Hautkrebsmittel

Mit dem in Cotellic® 20 mg Filmtabletten von Roche enthaltenen Wirkstoff Cobimetinib steht Ärzten eine neue Substanz zur Behandlung von Patienten mit Hautkrebs zur Verfügung. Cotellic wird in Kombination mit dem seit Längerem verfügbaren Wirkstoff Vemurafenib (Zelboraf®) zur Therapie Erwachsener mit einem Melanom, das nicht-resezierbar ist oder bereits Me­tastasen gebildet hat und eine BRAF-V600-Mutation aufweist.

Beide Substanzen greifen in den sogenannten RAS/RAF/MEK/ERK-Signal­weg ein, der beim Melanom eine wichtige Rolle spielt, allerdings an verschie­denen Stellen: Vemurafenib ist ein ­sogenannter RAF-Kinase-Inhibitor, Cobimetinib blockiert dagegen die Enzyme MEK-1 und -2. Wie Studienergebnisse zeigen, bringt die Blockade des genannten Signalwegs an zwei unterschiedlichen Stellen Vorteile für die Therapie.

Die Patienten nehmen Cotellic als ganze Tablette mit oder ohne Nahrung in einem Behandlungszyklus von 28 Tagen ein: An den Tagen 1 bis 21 beträgt die empfohlene Dosis einmal täglich drei Tabletten zu je 20 mg. Danach folgt eine Behandlungspause bis zum Tag 28.

Bei Auftreten bestimmter Nebenwirkungen muss der Arzt die Behandlung unterbrechen, die Dosis reduzieren oder das Präparat ganz absetzen. Mit Vorsicht verordnen sollte er das neue Arzneimittel Patienten mit schwerer Nierenfunktionsstörung sowie mäßiger oder starker Leberfunk­tionsstörung.

Cobimetinib darf nicht mit starken CYP3A4-Hemmern kombiniert werden. Auch bei gleichzeitiger Gabe von mäßigen CYP3A4-Inhibitoren ist Vorsicht geboten. Zudem rät der Hersteller von mäßigen oder starken CYP3A4-Induktoren in der Begleitmedikation ab.

Als sehr häufige Nebenwirkungen unter der Behandlung mit Cobimetinib und Vemurafenib traten unter anderem Anämie, Bluthochdruck, Blutungen, Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Lichtempfindlichkeit und Ausschlag auf, außerdem stiegen die Leberwerte an. Bemerkt der Patient, dass sich während der Therapie sein Sehvermögen verschlechtert, sollte er einen Augenarzt aufsuchen und sich auf eine seröse Retinopathie, eine Flüssigkeitsansammlung unter den Netzhautschichten, untersuchen lassen. Auch diese zählt zu den sehr häufigen Nebenwirkungen.

Schwangere sollten laut Fachinformation kein Cobimetinib erhalten, es sei denn, der Arzt hält die Anwendung nach gründlicher Abwägung des Nutzens für die Mutter und der Risiken für den Fetus für notwendig. Bei Stillenden ist zu entscheiden, ob das Stillen oder die Behandlung mit Cotellic abzubrechen ist. Frauen im gebärfähigen Alter sollten während der Behandlung und mindestens drei Monate nach Therapieende zwei wirksame Methoden der Empfängnisverhütung anwenden. /

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