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Immunstimulanzien

Unterstützung für die Körperpolizei

11.01.2016  11:22 Uhr

Von Nicole Schuster / Echinacea, Ginseng und Co. sollen vor der nächsten Erkältung schützen. Die Wirkung der rezeptfreien Arzneimittel zur Immunstimulierung ist aber meist schwächer als erhofft. Um fit durch den Winter zu kommen, helfen auch Allgemein­maßnahmen.

Immunstimulanzien sind Mittel zur Anregung der körpereigenen Abwehrkräfte. Gemeinsam mit den Immunsuppressiva, die allerdings entgegengesetzt wirken, werden sie unter dem Begriff Immunmodulatoren zusam­mengefasst.

Ihr gemeinsamer Angriffspunkt, das Abwehrsystem, ist ein komplexes Gefüge, an dem verschiedene Stoffe und Zellen beteiligt sind. Grundsätzlich wird zwischen angeborenen und erworbenen Mechanismen unterschieden, zu denen jeweils zelluläre und humorale, also in Körperflüssig­keiten gelöste, Bestandteile gehören. Zum angeborenen Abwehrsystem zählen zudem verschiedene äußere Barrieren wie die Haut, die das Eindringen von Keimen verhindert, oder der sehr saure Magensaft, der viele Krankheitserreger abtötet.

An angeborenen Abwehrreaktionen sind auf Zellebene bestimmte weiße Blutkörperchen beteiligt: die Fresszellen oder Phagozyten. Sie nehmen andere Zellen, beispielsweise Bakterien, aber auch Gewebeteile auf und verdauen sie. Charakteristische Eiweiße der aufgenommenen – oder wie die Immunologen sagen – der phagozytierten Zellen präsentieren die Fresszellen dann auf ihrer Zelloberfläche. Die auf diese Weise dargebotenen Antigene spielen als Auslöser für die erworbene Immunantwort eine Rolle. Zur angeborenen Abwehr gehört ebenfalls das Enzym Lysozym, das zu den antimikrobiellen Peptiden gezählt wird. Es greift die Zellwand von Bakterien an. Interferone wiederum bekämpfen vor allem Viren.

Während das angeborene Abwehr­system unmittelbar auf Fremdstoffe reagiert, braucht das erworbene Immunsystem erst eine gewisse Anlaufphase, um eine auf den jeweiligen Erreger abgestimmte Immunantwort zu entwickeln. Hierzu gehören unter anderem T-Lymphozyten, die nach Kontakt mit den auf der Oberfläche von Phagozyten präsentierten Antigenen aktiv werden. Es bilden sich spezia­lisierte T-Killerzellen, die infizierte Körperzellen abtöten. T-Helferzellen wiederum aktivieren unter anderem B-Lymphozyten, die sich zu Plasmazellen entwickeln und spezifische Antikörper herstellen. Die Antikörper binden nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip an die Antigene der Erreger und machen sie unschädlich.

Nachdem die Infektion erfolgreich bekämpft worden ist, bleiben sogenannte Gedächtniszellen zurück. Bei einem erneuten Angriff aktiviert der Körper die Gedächtniszellen und kann die Ausbreitung der Erreger schneller als beim ersten Mal eindämmen.

Der Körper steuert die Immun­prozesse durch regulatorisch wirkende Proteine, die Zytokine. Sie regen bestimmte Immunzellen zu Wachstum und Reifung an, bremsen aber auch überschießende Abwehrreaktionen.

Zu den therapeutisch eingesetzten Immunstimulanzien gehören verschiedene Phytopharmaka. Für Extrakte, zum Beispiel aus dem Sonnenhut (Echinacea pallida oder Echinacea purpurea), dem Ginseng (Panax ginseng) oder der Taigawurzel (Eleutherococcus senticosus), ist die Studienlage allerdings oft wenig aussagekräftig beziehungsweise die durchgeführten Untersuchungen bescheinigen den Extrakten nur eine geringe Wirkung.

Die Einnahme von Präparaten mit Sonnenhut zur Abwehr von Erkältungen ist in Nordamerika und in vielen europäischen Ländern verbreitet. Sowohl die Experten der Kommission E als auch des europäischen Dachverbands der nationalen Gesellschaften für Phytotherapie, die European Scientific Cooperative on Phytotherapy (ESCOP) empfehlen das Kraut des Purpursonnenhuts zur adjuvanten Therapie und Prophylaxe bei wiederkehrenden Infektionen der oberen Atemwege im Rahmen einer Erkältung.

»In-vitro-Studien haben gezeigt, dass die Extrakte unter anderem die Aktivität von Makrophagen steigern«, erläutert Professor Dr. Manfred Lutz vom Institut für Virologie und Immunbio­logie an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg. »Eine Erhöhung der Fressaktivität bleibt gegen Viren als Erreger von Erkältungen allerdings wirkungslos.« Eine bereits 2006 durchgeführte und 2014 in aktualisierter Form veröffentlichte Studie der Cochrane Collaboration stellte nur einen allenfalls leichten, aber nicht statistisch signi­fikanten präventiven Nutzen von Sonnenhut gegen Erkältungen fest. Die Autoren wiesen jedoch darauf hin, dass Vergleiche schwierig seien, da in den ausgewerteten 24 Studien Zubereitungen aus unterschiedlichen Pflanzenteilen zum Einsatz kamen, die sich zudem hinsichtlich Herstellungsweise, Dosierung oder Darreichungsform unterschieden.

Immunstimulierende Effekte werden auch Ginseng-Extrakten zugeschrieben. Die Ergebnisse aus Tier­versuchen und Untersuchungen mit menschlichem Zellgewebe deuten an, dass Panax ginseng möglicherweise eine schon bestehende Grippeinfek­tion im Verlauf abschwächen und vielleicht sogar den Krankheitsausbruch verhindern kann. Inwieweit diese Wirkungen auch im menschlichen Organismus auftreten, müssen klinische Studien erst noch zeigen.

Dopingmittel fürs Immunsystem?

Die Taigawurzel ist Bestandteil der russischen Volksmedizin. Sie soll ähnlich wie Panax ginseng wirken und wird daher auch Sibirischer Ginseng genannt. Die Pflanze erlangte bei den olympischen Spielen 1984 in München zweifelhaften Ruhm als natürliches Dopingmittel, da sie die Leistungsfähigkeit verbessert. In-vitro- und In-vivo-Untersuchungen zeigten, dass Taigawurzel-Extrakt unter anderem die Fressakti­vität von Immunzellen erhöht und die Vermehrung von T- und B-Lympho­zyten anregt. Klinisch konnte die Zunahme von Abwehrzellen bestätigt werden. In Zellkulturen ergaben sich zudem anti­virale Potenziale. Doch trotz solcher Studienergebnisse sollte niemand von pflanzlichen Immunstimulanzien Wunder erwarten.

»Selbst wenn sie im Menschen oft nur wie ein Placebo wirken, können dadurch die Selbstheilungskräfte des Patienten aktiviert werden und es kann auf diese Weise ein nicht zu unterschätzender Effekt erzielt werden«, sagt Lutz. Insgesamt hält der Experte jedoch einen prophylaktischen Einsatz aus naturwissenschaftlicher Sicht nicht für sinnvoll.

Damit die Präparate nicht mehr schaden als nutzen, sollten sich die Patienten genau an die Gebrauchsempfehlung halten und die maximale Anwendungsdauer nicht überschreiten. Auch bei pflanzlichen Arzneimitteln gilt es, Risiken und Nebenwirkungen zu beachten. So sollten Menschen, die al­lergisch auf Korbblütler wie Kamille oder Arnika reagieren, auf Zubereitungen mit ­Echinacea-Extrakt verzichten. Wer regelmäßig andere Medikamente anwendet, sollte die Einnahme vorab mit seinem Arzt besprechen, um Wechselwirkungen zu vermeiden. Echinacea-Extrakte hemmen zudem den Abbau von Coffein. »Möglicherweise ließe sich von der damit verbundenen Aktivierung des Stoffwechsels und somit auch der Lymphzirkulation eine Stimulierung des Immunsystems ableiten«, überlegt Lutz.

Mit Bakterientoxinen gegen Infekte?

Auch verschiedene Bakterienlysate sollen immunstimulierend wirken. Bakte­rienlysate sind Toxine oder Toxingemische von krankheitserzeugenden Bak­terien, zum Beispiel Escherichia coli, Haemophilus influenzae oder Klebsiella pneumoniae. Studien deuten an, dass sich durch die Einnahme bestimmter Bakterienlysate bei Kindern die Rate an wiederkehrenden Atemwegsinfekten verringern lässt. Übersichtsarbeiten bestätigen für bestimmte Präparate eine, wenn auch geringe, Wirkung bei akuten Atemwegserkrankungen. Doch es ist eine gewisse Vorsicht angebracht, da auch zum Teil schwere allergische Reaktionen beschrieben wurden.

Dies berührt ein grundsätzliches Problem aller Immunstimulanzien: Würden sie tatsächlich eine starke Immunantwort auslösen, müsste sich diese gegen spezifische Strukturen richten. Bei der vorbeugenden Einnahme kämen hier im gesunden Organismus nur körper­eigene Strukturen als Ziel infrage. Mögliche Folgen wären Autoimmunerkrankungen und Allergien. Starke Immunreaktionen bei Gesunden zu erzeugen, ist also keineswegs wünschenswert.

Bei Menschen mit supprimiertem Immunsystem, deren Abwehrkräfte unbedingt angekurbelt werden sollten, sind freiverkäufliche Präparate mit ihrem geringen Effekt nicht ausreichend. Ihnen verschreibt der Arzt stark wirk­same Arzneimittel wie Interferone.

Hygiene, frische Luft und ausgewogene Ernährung

Um gut für die nächste Erkältungs­welle gewappnet zu sein, helfen zahlreiche Allgemeinmaßnahmen. Dazu gehört, den Körper mit allen notwendigen Vitaminen und Mineralstoffen zu versorgen. Das lässt sich in der Regel mit einer ausgewogenen Ernährung erreichen; eine Supplementierung ist nur in bestimmten Fällen angezeigt. Das gilt auch für Vitamin C. Ein Mangel macht zwar anfälliger für Infektionen. Es zeigte sich aber auch, dass die zusätz­liche Einnahme die Krankheitsdauer allenfalls gering­fügig verkürzen kann, sich jedoch nicht auf Häufigkeit und Schwere der Infektion auswirkt. Die prophylak­tische Einnahme könnte höchstens bestimmten Personengruppen nützen wie Leistungssportlern, stark Gestressten oder Mangel­ernährten. Supplemente mit Zink sollen präventiv wirken beziehungsweise die Erkältungsdauer verkürzen.

Gründliches Händewaschen nach möglichem Kontakt mit Viren ist als Vorbeugemaßnahme einfach, aber höchst effektiv. Auch warme Kleidung schützt vorm Krankwerden. Kalte Füße führen reflektorisch dazu, dass sich Blutgefäße zusammenziehen, auch im oberen Respirationstrakt. Die daraus resultierende schlechtere Durchblutung bewirkt, dass weniger Immunzellen vordringen können und Krankheitserreger ein leichteres Spiel haben.

Dass Kälte grundsätzlich krank macht, ist hingegen ein Ammenmärchen, wie Lutz weiß: »Krank macht nicht Kälte, sondern im Gegenteil die warme Heizungsluft, die die Schleimhäute austrocknet und so das Eindringen von Viren begünstigt.« Wer fit bleiben will, sollte also auch regelmäßig lüften, sich an der frischen Luft bewegen, genug trinken und Dauerstress vermeiden. Denn der unterdrückt bekanntlich das Immunsystem und genau das soll ja verhindert werden. /