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Ohrsteinchen

Dem Schwindel auf der Spur

04.01.2017  11:17 Uhr

Von Michael van den Heuvel / Ohrsteinchen erfüllen wichtige Aufgaben bei der Orientierung im Raum. Hat sich ihre Position durch Verletzungen oder Alterungsprozesse verändert, sind Schwindelattacken die Folge. Durch spezielle Bewegungen können Fachärzte den Betroffenen zwar rasch, jedoch nicht dauerhaft helfen.

Hals-Nasen-Ohrenärzte berichten, immer mehr ältere Menschen würden ihre Praxis wegen Schwindelattacken und Gleichgewichtsstörungen aufsuchen. Übelkeit und Erbrechen kommen in einigen Fällen hinzu. Manche Patienten klagen nach den Drehschwindel­attacken zudem über das Gefühl, wie »in Watte eingepackt zu sein«. Da ist es nicht verwunderlich, dass jeder dritte Senior über 65 mindestens einmal im Jahr stürzt, meist während der Bewegung. PTA und Apotheker sollten Betroffenen raten, den Facharzt aufzusuchen. Abwarten ist gefährlich. Untersuchungen zufolge fallen nach dem ersten Sturz etwa 70 Prozent erneut, falls prophylaktische oder therapeutische Maßnahmen unterbleiben.

Gutartige Erkrankung

Schwindelattacken, Gleichgewichtsstörungen und Übelkeit werden mitunter durch Ohrsteinchen, sogenannte Statolithen oder Otolithen, ausgelöst, die ihre Position geändert haben. Mediziner sprechen dann vom benignen (gutartigen) paroxysmalen (anfallsweisen) Lagerungsschwindel. Sie schätzen, dass rund 2,5 Prozent der Bevölkerung daran leiden. Statistisch ist der Lagerungsschwindel die häufigste Erkrankung des Gleichgewichtsorgans und einer der häufigsten Auslöser von Schwindelattacken.

Die Ohrsteinchen befinden sich im menschlichen Innenohr in einer organischen Matrix, in der sie durch Protein­fibrillen verankert werden. Die wenige Mikrometer großen Partikel sind sogenannte Biomineralien. Sie enthalten Calciumcarbonat und verschiedene Proteine. Ihr Aussehen gleicht Miniatur-Reiskörnern, deren Spitzen abgeplattet wurden (siehe auch Grafik).

Bei jedem Aufstehen oder Drehen bewegen sich die Kristalle und übertragen Sinnesreize auf Haarzellen. Das Gehirn wiederum verarbeitet diese Signale und die Orientierung im Raum gelingt perfekt.

Durch einen Unfall, einen Schlag auf den Kopf oder durch Erkrankungen des Innenohrs gelangen Ohrsteinchen aus ihrer ursprünglichen Position in die Bogengänge des Gleichgewichtsorgans. Dort bewegen sich die Kristalle dann bei jeder Kopfbewegung hin und her. Dabei lösen sie einen Sog aus und reizen Rezeptoren im Bogengang. Im Gehirn kommen dann falsche Signale an, die zu Schwindel führen.

Lagerungsschwindel

Wenn der Ohrenarzt feststellt, dass falsch positionierte Ohrsteinchen den Schwindel verursachen, führt er mit dem Patienten unterschiedliche Bewegungsabfolgen durch. Beim Hallpike-Stenger-Manöver sitzt der Patient aufrecht mit gestreckten Beinen auf der Untersuchungsliege. Dann dreht der Arzt dessen Kopf um 45 Grad zur betroffenen Seite und bringt den Patienten rasch in die Rückenlage, wobei der Kopf über das Ende der Liege herausragt. Eine Alternative ist das Dix-Hall­pike-Manöver. Hierbei dreht der Arzt den Kopf des Patienten ebenfalls um 45 Grad, aber zur Seite des nicht betroffenen Ohres. Danach legt er ihn auf die erkrankte Seite. Auch hier sollte der Kopf die Liege überragen. Als Beweis für den Lagerungsschwindel gilt, wenn der Patient durch die Lagerung schnelle, gerichtete Augenbewegungen ausführt. Dieser sogenannte Nystagmus ist charakteristisch für die besonders häufig auftretende, einseitige Erkrankung des hinteren Bogenganges.

Nicht nur die Diagnose, auch die Therapie besteht aus komplexen Bewegungsabfolgen. So führen HNO-Ärzte das sogenannte Epley-Manöver durch, um Ohrsteinchen mit Hilfe der Schwerkraft aus dem Bogengang zu entfernen und in eine weniger störende Position zu bringen. Dabei dreht der Facharzt den Kopf des Patienten nacheinander mehrfach um 90 Grad und um verschiedene Achsen. Mehrere Studien haben die Wirksamkeit dieser Maßnahme belegt: Sie führt in 95 Prozent aller Fälle zum Erfolg. Die Hälfte der Patienten ist bereits nach einer Anwendung beschwerdefrei. Allerdings liegt die Rate der Rückfälle bei 50 Prozent. Daher empfehlen Ärzte den Patienten, das spezielle Manöver dreimal täglich durchzuführen. Nach entsprechender Einweisung beherrschen sie das Epley-Manöver auch selbst.

Patienten mit ausgeprägter Angst oder Übelkeit empfehlen die Autoren der Leitlinie »Schwindel-Therapie« die Einnahme eines Antivertiginosums (siehe Tabelle).

Arzneimittelgruppe: Substanzbeispiel Dosis Wirkmechanismus
Anticholinergika: Scopolamin Transdermal 0,5-1,0 mg / 72 Stunden Muskarin-Antagonist
Antihistaminika: Dimenhydrinat Dragees (50 mg) alle 4 bis 6 Stunden oder tgl. 1 bis 2 Suppositorien (150 mg) oder tgl 1 bis 3 Ampullen (100 mg) Histamin-H1-Antagonist
Benzodiazepine: Diazepam Clonazepam Tabletten (5 oder 10 mg) alle 4 bis 6 Stunden oder Injektionslösung 10 mg i.m. Tabletten (0,5 mg) alle 4 bis 6 Stunden GABAA-Agonist

Alterungsprozesse

Die biochemischen Eigenschaften der Ohrsteinchen erklären auch, warum Schwindelattacken bei älteren Menschen häufiger auftreten. Professor Dr. Rüdiger Kniep vom Max-Planck-Institut für chemische Physik aus Dresden hat gezeigt, dass das Calciumcarbonat der Ohrsteinchen mit der Zeit zerfällt. Dann können die Proteinfibrillen die kleinen Körnchen nicht mehr festhalten. Die Forscher vermuten, dass sich der pH-Wert der Flüssigkeit im Innenohr mit den Jahren zum sauren Bereich hin ändert, denn Calciumcarbonat ist säureempfindlich.

Zudem stehen ototoxische Arzneimittel wie Aminoglykosid-Antibiotika (Streptomycin, Amikacin, Gentamicin, Kanamycin), Nikotin, einzelne Diuretika (Etacrynsäure, Furosemid, besonders in Kombination mit Aminoglykosiden), Cis­platin, Chloroquin, Mefloquin und Chininderivate im Verdacht, das Milieu zu verändern. Kniep hofft, in ferner Zukunft beschädigte Kristalle chemisch reparieren zu können. /

Ein Erfolgsrezept der Evolution

Pflanzen, Fische und Säugetiere orientieren sich nach dem gleichen Prinzip im Raum. Das Messverfahren der kleinen Körnchen wurde über Jahrmillionen hinweg verfeinert, aber nicht grundlegend verändert. Um die Wachstumsrichtung von Spross und Wurzeln zu bestimmen, setzen Pflanzen Amyloplasten ein, das sind Organellen mit Stärkekörnchen. Fische orientieren sich mit drei Otolithen auf jeder Seite, die je nach Art mehrere Zentimeter groß werden. Dieses Prinzip ist bei den meisten Säugetieren weiter perfektioniert, beispielsweise mit Miniatursteinchen.