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Markteinführung

Doppel zum Jahresbeginn

04.01.2017  11:17 Uhr

Von Sven Siebenand / Die ersten beiden neuen Arzneistoffe des Jahres 2017 heißen Nabilon und Venetoclax. Venetoclax ist zugelassen zur Therapie von Patienten mit chronischer lymphatischer Leukämie. Der zweite Neuling, ein synthetisches Cannabinoid, ergänzt die Behandlungsoptionen bei Krebs­patienten mit Chemotherapie-bedingter Übelkeit und Erbrechen.

Das Nabilon-haltige Präparat Canemes® 1 mg Kapseln von AOP Orphan Pharmaceuticals sollen jene Krebspa­tienten erhalten, denen andere anti­emetische Medikamente nicht ausreichend helfen. Nabilon ist ein sehr starkes ­Antiemetikum, laut Fachinforma­tion ist der genaue Wirkmechanismus jedoch bislang nicht voll geklärt. Für die Verordnung von Canemes müssen Ärzte ein BtM-Rezept benutzen.

Die normale Dosierung bei Erwachsenen liegt bei zweimal täglich ein bis zwei Kapseln. Um Nebenwirkungen zu minimieren, sollte der Arzt den Arzneistoff zu Beginn niedrig dosieren und die Dosis bei Bedarf steigern. Die erste Gabe sollten die Patienten am Abend vor der Chemotherapie einnehmen, die zweite ein bis drei Stunden vor deren Beginn, allerdings nie mehr als insgesamt 6 mg in drei geteilten Dosierungen. Die Krebspatienten können Canemes während des gesamten Chemotherapie-Zyklus erhalten und – falls erforderlich – noch zwei Tage nach dessen Beendigung.

Der Hersteller empfiehlt, den neuen Arzneistoff nicht bei Kindern und Jugendlichen anzuwenden, auch nicht bei Patienten mit schwerer Leberfunktionsstörung. Bei Patienten mit schwerer Nierenfunktionsstörung ist Vorsicht angebracht. Schwangere sollten das neue Präparat nur bei zwingender Notwendigkeit einnehmen und Stillende sollten vor Behandlungsbeginn abstillen.

Schläfrigkeit, Kopfschmerzen, Konzentrations-, Schlaf- und Sehstörungen, Schwindel, Hypotonie sowie Mundtrockenheit zählen zu den häufigen Nebenwirkungen von Nabilon. Selbst in therapeutischer Dosierung ist die Substanz ein potenzielles Suchtmittel. Verschreibungen sollten sich daher auf die notwendige Dauer während der Chemotherapie beschränken. Wie stark Nabilon physisch abhängig macht, ist nicht bekannt. In klinischen Studien zeigten Patienten, die bis zu fünf Tage den Wirkstoff einnahmen, nach Absetzen jedoch keine Entzugserscheinungen.

In Sachen Wechselwirkungen ist zu beachten, dass Diazepam, Alkohol oder Codein die hemmende Wirkung des Nabilon auf das zentrale Nervensystem verstärken. Weitere Interaktionen wurden mit vielen anderen Arzneistoffen beobachtet. Dazu enthält die Fachinformation eine ausführliche Auflistung.

Neues Leukämie-Medikament

Die chronisch lymphatische Leukämie (CLL) ist eine Krebserkrankung des Knochenmarks und Bluts, bei der Lymphozyten kanzerös werden und sich übermäßig vermehren. Typischerweise schreitet die CLL langsam fort. In Deutschland macht sie jedes Jahr etwa 5000 der neu diagnostizierten Leukämie­fälle aus.

Der neue Wirkstoff Venetoclax (Venclyxto® 10, 50 und 100 mg Filmtabletten, AbbVie) erhielt eine bedingte Zulassung. Diese wird einem Medikament dann erteilt, wenn ein hoher medizinischer Bedarf vorliegt. Zudem muss der Nutzen seiner sofortigen Verfügbarkeit für die Patienten die Risiken einer noch nicht vollständig vorliegenden Dokumentation überwiegen. Eine weitere Bedingung ist, dass der Hersteller entsprechend umfassende Daten nachreichen muss.

Venclyxto sollen Patienten mit oder ohne bestimmte genetische Veränderungen, die 17p-Deletion oder TP53-Mutation genannt werden, erhalten. Das Medikament ist somit für Patienten gedacht, denen Hemmstoffe des B-Zell-Rezeptor-­Signalwegs nicht helfen können oder nicht geholfen haben. Außerdem soll Venetoclax bei CLL-Patienten ohne die genannten Veränderungen eingesetzt werden, die zu den Therapieversagern sowohl unter einer Chemo-Immuntherapie als auch unter einem Hemmer des B-Zell-Rezeptor- Signalwegs zählten. Bei beiden Patientengruppen ist Venclyxto als Monotherapeutikum vorgesehen.

Venetoclax hemmt das sogenannte B-Zell-Lymphom-2-Protein (BCL-2), das den Krebszellen beim Überleben hilft. Bei einigen Krebsarten ist BCL-2 übermäßig stark vorhanden. Die Hemmung dieses Proteins trägt dazu bei, dass Krebszellen absterben, sich ihre Zahl somit verringert und hierdurch die Erkrankung langsamer fortschreitet.

Vor der ersten Behandlung mit Venetoclax sollte der Arzt eine Blutuntersuchung anordnen, um unter anderem die Nierenfunktion des Patienten beurteilen zu können. Die übliche Anfangsdosis beträgt sieben Tage lang einmal täglich 20 mg. Diese Dosis muss der Arzt über einen Zeitraum von fünf Wochen schrittweise bis zur empfohlenen Tagesdosis von 400 mg erhöhen. Versäumt ein Patient die Einnahme der Filmtabletten, kann er diese noch innerhalb der nächsten acht Stunden einnehmen, anschließend nicht mehr. Grundsätzlich können PTA und Apotheker dazu raten, Venclyxto zusammen mit einer Mahlzeit zu schlucken.

Da unter Venetoclax die Möglichkeit des gefährlichen Tumorlyse-Syndroms besteht, sollten Patienten dahingehend beobachtet werden. Zudem sollten sie zwei Tage vor Therapiebeginn und während der gesamten Aufdosierungsphase täglich mindestens 1,5 bis 2 l Wasser trinken, um das Risiko dieser Nebenwirkung zu reduzieren. Die hohe Trinkmenge hilft, die Abbauprodukte der zerstörten Krebszellen über den Urin auszuscheiden.

In der Aufdosierungsphase dürfen Patienten nicht gleichzeitig starke CYP3A-Hemmer einnehmen, sicherheitshalber auch keine mittelstarken Inhibitoren. Erhalten die Patienten eine konstante Tagesdosis Venetoclax, sollte diese bei gleichzeitiger Einnahme von mittelstarken CYP3A-Hemmern um die Hälfte und bei starken CYP3A-Hemmern um 75 Prozent reduziert werden. Johanniskraut-Präparate sind während der Behandlung mit Venetoclax kontraindiziert, da sie die Wirksamkeit des Krebsmittels herabsetzen können. Das gilt auch für andere gleichzeitig gegebene starke oder mittelstarke CYP3A-Induktoren. Hinsichtlich möglicher Wechselwirkungen ist ebenfalls zu bedenken, dass Venetoclax nicht mit Gallensäuren-Komplexbildnern kombiniert werden sollte, da dadurch die Resorption des CLL-Wirkstoffs leiden könnte. Nehmen die Patienten gleichzeitig ein Statin ein, soll zudem die mit dem ­Lipidsenker verbundene Toxizität engmaschig überwacht werden.

Venclyxto sollen Ärzte Patienten mit schwerer Leberfunktionsstörung möglichst nicht verordnen und Patienten mit schwerer Nierenfunktions­störung nur dann, wenn der Nutzen die Risiken überwiegt und die Patienten engmaschig auf Nebenwirkungen überwacht werden. Frauen sollten während der Behandlung mit dem neuen Medikament und mindestens bis zu 30 Tage danach nicht schwanger werden. Da nicht bekannt ist, ob Venetoclax die Wirksamkeit hormoneller Kontrazeptiva verringert, sollten Frauen, die diese anwenden, zusätzlich eine Barrieremethode einsetzen. Stillende sollten während der Behandlung mit Venetoclax das Stillen unterbrechen.

Die häufigsten Nebenwirkungen unter Venclyxto waren in Studien Neutropenie, Anämie, Infektionen der oberen Atemwege, Fatigue, Hyperphosphatämie sowie gastrointestinale Beschwer­den. Die häufigsten schwerwiegenden Nebenwirkungen waren Lungenentzündung, febrile Neutro-­penie und Tumorlyse-Syndrom.

Möglicherweise darf Venetoclax ­zukünftig auch bei anderen Krebsarten zum Einsatz kommen, denn derzeit ­laufen bereits Studien bei anderen ­Tumoren. /