PTA-Forum online
Edelsteintherapie

Steine als Heilmittel

04.01.2017  11:17 Uhr

Von Carina Steyer / Seit Jahrhunderten sprechen Menschen Edelsteinen besondere Heilkräfte zu. Diese Vorstellungen beruhen auf subjektiven Empfindungen oder Erlebnissen. Obwohl die gepriesenen Effekte wissenschaftlich nicht nachweisbar sind, hält sich der Glaube an die therapeutische Wirkung von Edelsteinen bis heute.

Mineralogen fassen unter dem Begriff Edelstein alle Minerale, Gesteine und organische Materialien wie Bernstein zusammen, die ansprechend aussehen. Besonders schöne Exemplare werden geschliffen und zusammen mit Edelmetallen zu Schmuckstücken verarbeitet, die ausschließlich der Zierde dienen. Für die Anhänger der Edelstein­therapie ist ein Edelstein jedoch kein Schmuckstück, sondern ein wertvolles therapeutisches Hilfsmittel, das zahlreiche Erkrankungen heilen oder auch verhindern soll.

Zurück geht die Edelsteintherapie auf die Mystikerin und Äbtissin Hildegard von Bingen (1089–1179). Im 12. Jahrhundert verfasste sie die ersten Abhandlungen über die Wirkung bestimmter Edelsteine auf den mensch­lichen Körper und beschrieb ihren Einsatz bei Krankheiten. Je wertvoller die Steine waren, umso wirksamer sollten sie sein. So hat beispielsweise laut Überlieferung der Sonnenkönig Ludwig der XIV. pulverisiertes Gold und Perlen eingenommen, um seine körperliche Verfassung zu stärken.

Obwohl aus Expertensicht die damals verwendeten Begriffe für Krankheiten und Heilmittel sich nicht in die heutige Zeit übertragen lassen, und die Behandlungsmethoden eindeutig dem Denken und Wissen des Mittelalters entstammen, hat der Glaube an die Heilwirkung von Edelsteinen überlebt. Mitverantwortlich für diese Entwicklung ist der Arzt Gottfried Hertzka, der in den 1970er-Jahren aus den Aufzeichnungen der Hildegard von Bingen die Hildegard-Medizin entwickelte und darin auch der Edelsteintherapie einen Platz einräumte. Bis heute praktizieren Therapeuten in Naturheilzentren diese Methoden.

Aber nicht nur die Hildegard-Medizin hält die Hoffnung auf heilende Steine am Leben. Viele Menschen hoffen auf sanfte Heilmethoden ohne Nebenwirkungen und glauben gerne an Übersinnliches, auch wenn die Heilwirkungen der wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten. Wer einen angeblich heilenden Edelstein sucht, findet ihn in Esoterikläden und Onlineshops und vielen Drogeriemärkten. So bieten beispielsweise Geschäfte für Babykleidung und -ausstattung Bernsteinketten an, die angeblich das Zahnen unterstützen. Außerdem finden sich in jedem Buchladen zahlreiche Ratgeber, die bei der Auswahl der richtigen Steine helfen. In speziellen Seminaren erörtern Edelsteintherapeuten die zugrundeliegende Problematik persönlich mit den Teilnehmern. Anschließend pendeln sie entweder die notwendigen Steine aus, lassen den Klienten mit geschlossenen Augen den richtigen Stein wählen oder orientieren sich nach dem von Hildegard von Bingen empfohlenen Anwendungsgebiet eines Steins.

Angebliche Heilwirkung

Nach Auffassung der Edelsteintherapeuten existiert für jedes Problem der passende Stein. Allerdings sind sich die Therapeuten untereinander nicht einig, wie umfassend die Wirkung eines Edelsteins sein kann. Einige glauben, dass ein bestimmter Stein Verhaltens- oder Persönlichkeitsveränderungen erleichtert und die Heilung und Vorsorge von Krankheiten unterstützt. Extreme Vertreter sind hingegen davon überzeugt, dass Krankheiten allein durch die Anwendung von Steinen geheilt werden können. So verwundert es nicht, dass die Angaben zur Wirkung einzelner Steine von Buchautor zu Buchautor, von Therapeut zu Therapeut sehr variieren. Der Achat beispielsweise soll nicht nur gegen Aggressivi­tät, sondern auch bei Epilepsie und Zeckenbissen helfen. Der für zahnende Babys empfohlene Bernstein soll außerdem die Symptomatik von Haut­erkrankungen, Asthma, Schleimhautentzündungen, Blasenreizungen, Menstruationsbeschwerden, Grippe und Diabetes abschwächen sowie bei kalten Händen und Füßen helfen. Nebenbei soll er die Stimmung aufhellen, Antriebslosigkeit und Depressionen mildern, das Selbstbewusstsein stärken, Stottern vermindern, die Kreativität fördern und aus dem Träger einen aufgeschlossenen, spontanen sowie bodenständigen und traditionsbewussten Menschen machen.

Die Wirkung der Edelsteine soll auf ihrer besonderen Energie beruhen. Sie sollen Schwingungen abgeben, die auf den menschlichen Körper einwirken und Störfelder beseitigen, die als Ursache von Krankheiten gesehen werden. Die individuelle Schwingungsfrequenz der einzelnen Steine würde durch Farbe, Muster, Größe, Form, Wachstumsstruktur sowie Einschlüsse bestimmt und ließe sich durch Pendel, Ruten oder die Lecher-Antenne, eine Art moderne Wünschelrute, erfassen.

Indem der Edelsteintherapeut im Gegenzug die Frequenz des kranken oder gesunden menschlichen Körpers bestimmt, könne er einen Stein finden, der die Abweichung ausgleicht und Kranke somit heilt. Darüber hinaus sollen sich Edelsteine dazu eignen, das Wachstum von Pflanzen zu verbessern, Wasser zu reinigen und sogar Batterien aufzuladen.

Wer auf die Heilkraft eines Steins hofft, trägt ihn als Kette um den Hals, steckt ihn in die Hosentasche, legt ihn auf bestimmte Körperpunkte, die als Energiezentren gelten, oder betrachtet ihn einfach nur. Auch das Betreten von Steinkreisen soll eine Wirkung erzielen.

Forschungsprojekt

Bereits in den 1980er-Jahren haben sich im Stuttgarter Raum an der Edelsteintherapie Interessierte zusammen­geschlossen, um die unterschiedlichen Aussagen, Wirkungen und Empfehlungen über Heilsteine zu ordnen. Ein Ergebnis dieser Arbeit war die Gründung des Vereins Steinheilkunde e.V. in den 1990er-Jahren, der die Arbeit der Gruppe überregional fortsetzte und das Forschungsprojekt Steinheilkunde einrichtete. Das Ziel des Vereins besteht darin, die Prinzipien der Steinheilkunde und die Wirksamkeit von Heilsteinen systematisch zu erforschen. Da das Gebiet der Edelsteintherapie so weitläufig ist und viele Anwender die Steine zur Selbstbehandlung nutzen, veröffentlicht der Steinheilkunde e.V. auf seiner Website auch zahlreiche Warnhinweise (siehe Kasten).

Sicherheitstipps

  • Edelsteine sollten niemals in pulverisierter Form eingenommen werden, da dies zu Vergiftungen führen kann. Auch bei der Zubereitung von Edelsteinwasser ist Vorsicht geboten, da einige Steine bei Wasser­kontakt Giftstoffe freisetzen.
  • Solekuren und die Einnahme von Salz können bei Überdosierung oder Dauergebrauch durch den starken Flüssigkeitsverlust negative gesundheitliche Folgen haben.
  • Bei Edelsteinmassagen sollte im Bereich von Gelenken und Knochen nur wenig Druck ausgeübt werden. Die Wirbelsäule sollte ganz ausgespart werden.
  • Oft werden Steine erwärmt, da die Wirkung einer Hot Stone Massage intensiver sein soll. Dabei muss unbedingt auf die Temperatur der Steine geachtet werden, um Verbrennungen zu vermeiden. Zunächst werden die Steine auf 50 bis 60 Grad Celsius erwärmt, müssen aber vor dem Hautkontakt auf mindestens 40 Grad Celsius abkühlen. Das anfängliche Aufheizen führt lediglich dazu, dass der Stein die Wärme länger speichert und abgibt.
  • Einige Steine sind so giftig, dass der Hautkontakt nicht empfohlen wird. Laut Chemikalienverordnung müssen diese Steine mit einem Sicherheitsdatenblatt gekennzeichnet werden.
  • Obwohl Hildegard von Bingen ausdrücklich dazu rät, bewusstseins­getrübten Personen Edelsteine direkt in den Mund zu legen, wird dringend davon abgeraten. Die Gefahr des Verschluckens ist äußerst groß. Dasselbe gilt für Kleinkinder, die niemals mit kleinen Steinen spielen sollten. Und auch vor dem Schlafengehen sollte man sich keine Steine in den Mund legen.

Sicherheitshinweise des Steinheilkunde e.V.

Dreimal jährlich werden im Forschungsprojekt des Vereins Edelsteine untersucht. Dann erhalten etwa 150 Studienteilnehmer einen unbekannten Edelstein, sichtgeschützt eingenäht in einem Baumwollsack, und dokumentieren vier Wochen lang ihre Empfindungen, Beobachtungen oder Veränderungen. Anschließend werden die Ergebnisse ausgewertet, um aus den Angaben der Studienteilnehmer Gesetzmäßigkeiten und Grundprinzipien zu erkennen. Auf diese Weise untersucht der Verein bisher unbeschriebene Steine und legt deren angebliche Heilwirkung fest.

Gerichtsurteil

Aus wissenschaftlicher Sicht beruhen positive Veränderungen durch Heilsteine auf den Erwartungen des Anwenders und werden als Placebo-Effekt eingestuft. Mit der Wirkung der Edelsteintherapie befasste sich vor einigen Jahren auch das Landgericht Hamburg. In einem Urteil vom 21. August 2008 befand das Gericht, dass das Bewerben von Heilsteinen oder Steinen mit heilender Wirkung wettbewerbswidrig ist. Auch der Hinweis auf den fehlenden naturwissenschaftlichen Nachweis hebe den Eindruck der gesundheitsförderlichen Wirkung der Steine nicht auf, so das Urteil.

Solange Steine lediglich unterstützend wirken sollen, sei es für Persönlichkeitsänderungen oder bei der Behandlung von Krankheiten, kommen sie einem Glücksbringer gleich. Dann sind negative Auswirkungen auf den Träger nicht zu befürchten. Sobald sich jedoch die Grenzen verschieben und Kranke ausschließlich auf die Heilkraft der Steine vertrauen, besteht die Gefahr, dass sie notwendige Behandlungen versäumen und ihre Krankheit sich verschlimmert. /