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Hyperakusis

Qualvoll gut hören

09.01.2018
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Von Michael van den Heuvel / Für Patienten mit starker Überempfindlichkeit gegen Schall sind bereits leise Geräusche schmerzhaft. Hier handelt es sich nicht um ein eigenständiges Leiden, sondern um die Folge unterschiedlicher Grunderkrankungen. Diagnose und Therapie erfordern von allen Beteiligten viel Geduld.

Helmut Z. empfindet leise Geräusche wie entferntes Hundegebell oder ein klingelndes Handy als extrem schmerzhaft. Sogar sein Körper reagiert auf akustische Signale, die andere Menschen nur am Rande wahrnehmen. Der Patient berichtet je nach Lautstärke von Unruhe, Schweißausbrüchen oder Herzrasen. Beschwerden, die für ein krankhaft überempfindliches Gehör sprechen. Bei dieser sogenannten Hyper­akusis geraten Mechanismen der Wahrnehmung außer Takt. Das kann unterschiedliche Gründe haben.

Die Ohren sind eigentlich dafür ausgelegt, Geräusche unterschiedlichster Lautstärke wahrzunehmen. Beim Hörvorgang werden aus Schallwellen Nervenimpulse, die das Gehirn verarbeitet. Das geht so: Geräusche gelangen über die trichterförmige Ohrmuschel und über den äußeren Gehörgang an das Trommelfell. Diese Membran beginnt zu schwingen. Sie überträgt die Bewegung an die Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel im luft­gefüllten Mittelohr. Am ovalen Fenster gelangen mechanische Impulse schließlich in das Innenohr. Dort befindet sich die flüssigkeitsgefüllte Schnecke oder Cochlea mit speziellen Haarzellen. Erst jetzt wandeln sich Wellen in elektrische Impulse um. Über den Hörnerv geht es weiter zum Hörzentrum des Gehirns, wo die Eindrücke verarbeitet werden.

Eine Besonderheit des Ohres ist der Stapedius-Reflex. Bei hohem Schalldruck löst das Gehirn unwillkürlich einen Muskel im Mittelohr aus, so dass nur noch ein Teil des Schalldrucks an das Innenohr übertragen und ein weiterer Teil zurück an das Trommelfell reflektiert wird. Damit gelingt es, einen vergleichsweise großen Bereich an Lautstärken abzudecken. Die Hörschwelle, bei der ein Mensch Töne in ruhiger Umgebung noch erfasst, schwankt zwischen 0 und 10 Dezibel bei einer Frequenz von 1000 Hertz. Als »Unbehaglichkeitsschwelle« definieren Ärzte bei gesunden Menschen etwa 80 bis 85 Dezibel. Diese Werte sind bei Menschen mit Geräuschempfindlichkeit deutlich herabgesetzt.

Tabelle: Geräusche und ihre Lautstärke

Geräusch Lautstärke
Blätterrauschen im Wald 10 dB
Gespräch in normaler Lautstärke 40–50 dB
Fernseher in Zimmerlautstärke 60 dB
Verkehrslärm einer dicht befahrenen Straße 80–90 dB
langfristiger Gehörschaden ab 85 dB
Presslufthammer 100 dB
kurzfristiger Gehörschaden ab 120 dB

Deuten Beschwerden auf eine Überempfindlichkeit hin, führen HNO-Ärzte einen speziellen Hörtest durch, ein Audio­gramm, das die Unbehaglichkeitsschwelle misst. Dabei variiert die Lautstärke und die Frequenz. Patienten geben ihr subjektives Empfinden an. Diese Werte lassen sich mit Daten gesunder Menschen vergleichen.

Es gibt allerdings mehrere Arten von Überempfindlichkeit. Beim Recruitment gelingt es dem Ohr nicht mehr, die Lautstärke auszugleichen. Das ist bei Innenohrschwerhörigkeit der Fall. Durch Störungen der Schallverarbeitung tritt das paradoxe Phänomen auf, dass Patienten leise Geräusche nicht verstehen, während geringfügig lau­tere Töne Schmerzen bereiten. In der Regel verschwindet das Recruitment durch körpereigene Kompensationsmechanismen. Sollten Betroffene aber versuchen, Geräusche zu vermeiden, sind sie möglicherweise auf dem Weg in eine Phonophobie.

Patienten mit Phonophobien hören in vielen Fällen normal. Sie reagieren auf bestimmte Geräusche, die sie mit negativen Erfahrungen in Verbindung bringen, extrem empfindlich. Das können für Lehrer Kinderstimmen oder für Büroangestellte Computergeräusche sein. Die Überempfindlichkeit hängt in diesen Fällen nicht von der Lautstärke oder von der Frequenz ab, sondern von der Situation. Das objektiv normal laute Geräusch steht mit Angst, Scham oder Hilflosigkeit in Verbindung. Im Extremfall kann sich die Symptomatik zu einer allgemeinen Phobie ausweiten. Zur Behandlung setzen Ärzte auf Psychotherapien, Psychopharmaka und Entspannungsverfahren.

Tinnitus und Hörsturz

Für die Hyperakusis ist eine Überempfindlichkeit im Bereich unter 70 bis 80 Dezibel im gesamten Frequenz­spek­trum unserer Hörwahrnehmung typisch. Sie führt zu messbaren Abwehrreaktionen, wie Änderungen des Blutdrucks sowie der Pulsfrequenz. ­Andere Patienten klagen über Unruhe, Mundtrockenheit oder Schweißausbruch. Betroffene versuchen, ihr Gehör zu schützen, falls das störende Geräusch anhält. Die Hyperakusis gilt als wichtigste Form einer Geräuschüberempfindlichkeit. Wissenschaftler vermuten, dass auch Tinnitus häufig dazu führt. Es gibt zwar keine genauen ­Daten, doch bei stationären Patienten mit Tinnitus litt fast jeder dritte gleichzeitig an einer Geräuschüberempfindlichkeit.

Im Mittelpunkt des Tinnitus stehen veränderte Aktivitäten bestimmter Gehirn­areale. Zu den Auslösern zählen nicht nur laute Geräusche oder Stress, sondern auch bestimmte Medika­mente. Besonders gut untersucht wurden die schädigenden Eigenschaften mancher Aminoglykoside, Chinin-Alkaloide, platinhaltiger Zytostatika, Schleifendiuretika oder NSAID.

»Eine spezifische Arzneimitteltherapie mit nachgewiesener Wirksamkeit zur Behandlung des chronischen Tinnitus steht nicht zur Verfügung«, heißt es in der Leitlinie. »Hingegen können therapierbare Komorbiditäten (zum Beispiel eine Depression) spezifisch mit Arzneimitteln behandelt werden.«

Krankhafte Prozesse im Mittelohr werden ebenfalls mit einer Hyperakusis in Verbindung gebracht. Experten nennen Entzündungen, Tumoren, Schäden an Nerven oder knöcherne Umbau­prozesse. Sie führen dazu, dass der Stapediusreflex nicht mehr richtig funktioniert. Häufig sind chirurgische Eingriffe erforderlich, um das Problem zu beheben.

Auch im Innenohr stecken krank­hafte Vorgänge hinter einer Geräusch­überempfindlichkeit. Lärm in Form ­eines akuten Traumas oder einer chronischen Exposition schädigt die empfindlichen Sinneszellen. Und beim Hörsturz entsteht ohne klare Ursachen ein plötzlicher, oft einseitiger Hörverlust. Oft ist damit eine Hyperakusis verbunden. Aus ärztlicher Sicht gestaltet sich die Behandlung schwierig. Es gibt kaum hochwertige Studien zum Mehrwert von Arzneistoffen. Die Leitlinien raten eher zu Glukokortikoiden, während Vasodilatatoren und Rheologika an Bedeutung verlieren. In vielen Fällen bessern sich die Beschwerden aber auch spontan ohne weitere Intervention. Davon lassen sich Beschwerden wie Morbus Menière klar abgrenzen. Aus bislang ungeklärten Gründen füllen sich die Kammern und Kanäle im Innenohr zu stark mit Flüssigkeit. Der Druck lastet auf dem Gleichgewichtsorgan und der Hörschnecke. Deshalb leiden die Betroffenen unter Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, Hörverlust, Tinnitus und Geräuschüberempfindlichkeit.

Im einfachsten Fall bessern sich die Symptome durch das sogenannte Valsalva-Manöver: Patienten atmen kräftig aus. Sie halten sich für 10 Sekunden ihre Nase und ihren Mund zu. Gleichzeitig spannen sie die Atem- und Bauchmuskulatur an. Über die Eustachische Röhre folgt so ein Druckausgleich zwischen dem Mittelohr und dem Nasen-Rachen-Raum.

Bei schwereren Befindlichkeitsstörungen nennt die Leitlinie Gentamicin aufgrund seiner otoxischen Eigenschaften. Das Antibiotikum zerstört Sinneshärchen unwiederbringlich, was bei Morbus Menière durchaus erwünscht ist. Steroide und hochdosiertes, langfristig verabreichtes Betahistin sollen positive Effekte zeigen. Hier ist die Datenlage aber weitaus schlechter.

Geräuschkulisse gegen Symptome

Neben Therapien, die sich an der jeweiligen Grunderkrankung orientieren, setzen Ohrenärzte auf Rauschgeneratoren. Diese »Noiser« werden wie ein Hörgerät getragen. Sie erzeugen eine steuerbare, zunächst sehr leise Geräuschkulisse, um die Lärmempfindlichkeit herabzusetzen. Entsprechende Geräte kommen ursprünglich aus der Tinnitustherapie.

Außerdem müssen Patienten Vermeidungsstrategien abbauen. Dabei ist es wichtig, andere Fachärzte wie Psychiater mit einzubinden. Eine Medikation gegen Depression oder Angst kann in manchen Fällen Sinn machen, sollte aber in Absprache mit HNO-Ärzten erfolgen. /