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Beratung bei Diabetes

Das Apothekenteam kann viel bewegen

27.02.2008  10:06 Uhr

Beratung bei Diabetes

Das Apothekenteam kann viel bewegen

Anna Laven und Birgit Carl, Aachen

In den Industrienationen wächst die Zahl übergewichtiger Kinder und Jugendlicher. Eine Folge dieser Entwicklung: Immer jüngere Menschen erkranken an Diabetes mellitus Typ 2. Experten der Deutschen Diabetes-Gesellschaft gehen von derzeit insgesamt 5 bis 6 Millionen Diabetikern in Deutschland aus und vermuten eine Dunkelziffer von weiteren 2 bis 3 Millionen. Bei 90 Prozent liegt Typ-2-Diabetes vor. Erfüllen sich die Prognosen der Weltgesundheitsorganisation, wird die Zahl der Diabetiker zukünftig noch deutlich ansteigen. Zeit zu handeln – auch für PTA und Apotheker.

Die für Typ-1-Diabetes typischen Symptome wie Durst, Heißhunger, Harndrang und Gewichtsverlust fehlen bei Diabetes Typ 2. Deshalb werden die meisten Erkrankten zufällig bei einem Screening erkannt oder wenn sie beispielsweise wegen eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls in ein Krankenhaus eingeliefert und untersucht werden. Auch heute noch vergehen zwischen dem Beginn des Diabetes Typ 2 und der Diagnose durchschnittlich fünf bis acht Jahre. 

Das Heimtückische für den Betroffenen ist, dass in dieser »stummen« Zeit die Organe Schaden nehmen können. Bei vielen Betroffenen diagnostiziert der Arzt mit der Erkrankung schon die ersten Spätkomplikationen. Zwar hilft die frühzeitige Diagnose bei vielen chronischen Erkrankungen, Spätschäden zu vermeiden, auf Diabetes Typ 2 trifft dies jedoch in besonderem Maße zu: Den Erkrankten drohen Fußamputationen, Erblindung und die lebenslange Dialyse. Angesichts der Folgen eines unbehandelten Diabetes fordern Experten, alle Kinder und Jugendlichen mit starkem Übergewicht auf Diabetes zu testen. Bei der Früherkennung kann die Apotheke mit speziellen Aktionen entscheidend mithelfen.

Ab 40 zur Kontrolle

Viele Menschen kennen ihren Blutzuckerwert nicht. Experten empfehlen, ab dem 40. Lebensjahr ein- bis zweimal jährlich diesen Wert kontrollieren zu lassen. Liegen weitere Risikofaktoren wie Übergewicht oder Diabetes bei Blutsverwandten vor, sollten die Betroffenen bereits früher mit der Kontrolle beginnen. Für den Selbsttest eignen sich nicht nur freiverkäufliche Urin-Teststreifen. Inzwischen gehört auch die Bestimmung einzelner Blutwerte, unter anderem auch der Blutglucosewert, zum Serviceangebot vieler Apotheken.

Werte richtig einordnen 

Ergibt die Messung einen Blutzuckerwert von mehr als 200 mg/dl (11,1 mmol/l), sollten PTA oder Apotheker den umgehenden Arztbesuch empfehlen. Der Abstand zwischen einer Mahlzeit und der Messung spielt dabei keine Rolle. In einer solchen Situation erwarten manche Betroffenen eine Diagnose, doch diese fällt ausschließlich in die Kompetenz eines Arztes. 

Dem Arzt obliegt es dann, anhand der Plasmaglucosewerte eine Diagnose zu stellen. Bestätigt er den in der Apotheke gemessenen Wert, gilt laut der evidienzbasierten Leitlinie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG, www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ll , dann unter Punkt 057) Diabetes als diagnostiziert. Der Diabetes gilt ebenfalls als bestätigt, wenn zwei oder mehrere, zeitlich getrennte Messungen einen Nüchternplasmaglucosewert (Fastenperiode mindestens 8 Stunden) von jeweils über 126 mg/dl (7,0 mmol/l) ergeben. 

Bei Nüchternwerten zwischen 100 und 125 mg/dl (5,6 - 6,9 mmol/l) führt der Arzt einen Oralen Glucosetoleranztest (OGTT) durch. Liegen die Werte nach zwei Stunden über 200 mg/dl (11,1 mmol/l), gilt Diabetes als sicher. Eine gestörte Glucosetoleranz liegt vor bei Werten zwischen 140 mg/dl (7,8 mmol/l) und 200mg/dl (11,1 mmol/l).

Liegt der Messwert im Normbereich, kann das Apothekenteam das persönliche Risiko eines Kunden checken. Mittels eines Fragebogens lässt sich das Risiko, in den nächsten zehn Jahren an Diabetes zu erkranken, ermitteln. Diesen FINDRISK-Test hat das Deutsche Diabetes-Forschungsinstitut Düsseldorf erarbeitet. Jeder Interessierte kann den Fragebogen unter www.diabetes-risiko.de/risikotest.html als PDF-Datei herunterladen. 

Handeln von Anfang an

Bei nur leicht erhöhten Werten reagieren vor allem ältere Kunden zu sorglos. Nicht selten äußern sie in der Apotheke: »Ich habe nur einen leichten Alterszucker. Da kann man nichts machen.« Doch genau dann müssen PTA oder Apotheker sie einfühlsam davon überzeugen, dass ihre Einstellung falsch ist. Das ist eine schwierige Aufgabe. Wie kann man einen Menschen dazu motivieren, seinen Lebensstil zu ändern, sich mehr zu bewegen und – falls nötig – das Gewicht zu reduzieren, wenn er keine Beschwerden hat? Dennoch lohnt sich die Mühe, denn das Ziel ist, die Spätkomplikationen eines Diabetes möglichst lange hinauszuzögern oder ganz zu verhindern. Ein Vorschlag für das Beratungsgespräch:

»Ich kann verstehen, dass es für Sie nicht leicht ist, jetzt mit einer Veränderung anzufangen. Gleichzeitig haben Sie jede Menge Möglichkeiten, auch die nächsten Jahrzehnte gut und weitestgehend gesund zu leben. Wichtig ist, dass Sie jetzt handeln. Wenn die Warnleuchte ›Ölstand‹ in Ihrem Auto blinkt, dann kontrollieren Sie ja auch ganz selbstverständlich das Öl. Dasselbe gilt für Ihren Diabetes: Ihre Warnlampe blinkt, jetzt sollten Sie so schnell wie möglich richtig reagieren und Ihren Körper schützen.« 

Vermeidbare Veränderungen

Gelingt es PTA oder Apotheker, den Patienten zu mehr Bewegung und zur Ernährungsumstellung zu motivieren, sollten sie ihm auch anschließend weiterhelfen können. Dazu bieten sich Kooperationen mit Ärzten und Ökotrophologen, Sportvereinen oder Sportstudios in der Nachbarschaft an. Manche Apotheken organisieren sogar eigene Bewegungs- und Ernährungsberatungsgruppen. 

Im Gespräch dürfen PTA oder Apotheker nicht vergessen, den Patienten über die möglichen Spätkomplikationen des Typ 2 Diabetes zu informieren. So wirken sich ständig erhöhte Zuckerwerte auf die Gefäße des Diabetikers aus. Verändern sich kleinste Gefäße, sprechen Fachleute von einer Mikroangiopathie, bei großen Gefäßen von einer Makroangiopathie. Die betroffenen Körperbereiche werden schlechter durchblutet, und es kann zu Schäden kommen, da in das Gebiet kein Sauerstoff mehr gelangt und keine Schadstoffe abtransportiert werden. 

Geschädigt werden vor allem die Nieren (Nephropathie) und die Augen (Retinopathie). Versagen die Nieren, ist der Diabetiker lebenslang auf die Dialyse angewiesen. Ist der Augenhintergrund mit den vielen kleinen Gefäßen betroffen, droht die Erblindung. 

Außerdem erhöht Diabetes deutlich das Risiko eines Herzinfarkts durch Verengung der Herzkranzgefäße oder eines Schlaganfalls durch Schäden an den hirnversorgenden Blutgefäßen. 

Sind die Nerven geschädigt (Neuropathie), führt dies zu verminderter Schmerzwahrnehmung und zu einem gestörten Temperaturempfinden, vor allem an den Füßen (periphere Neuropathie). Verletzungen bemerken die Betroffenen nicht mehr, und bedingt durch die schlechte Durchblutung entstehen an den Füßen oft sehr schwer heilende Wunden, das diabetische Fußsyndrom. In manchen Fällen wird eine Amputation erforderlich. Im Magen-Darm-Trakt, am Herz- und Gefäß-System, an der Blase und den Geschlechtsorganen beeinträchtigen die Nervenschädigungen die Funktion der jeweiligen Organe. Folgen sind Verdauungsprobleme, Inkontinenz und Impotenz. Auch spüren Diabetiker einen Herzinfarkt nicht immer.

Überblick dank Gesundheitspass

Damit die beschriebenen Spätkomplikationen nicht eintreten, muss der Diabetes nicht nur frühzeitig erkannt, sondern anschließend auch gut therapiert werden. Um den Erfolg der Therapie zu kontrollieren, ist es unabdingbar, dass der Diabetiker die wichtigsten Parameter regelmäßig bestimmt oder bestimmen lässt. Als wichtige Hilfe für die Patienten hat die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) den Gesundheitspass Diabetes entwickelt. In diesem Pass können Arzt und auch der Patient fünf Jahre lang die wichtigsten Werte und Untersuchungsergebnisse dokumentieren und den Krankheitsverlauf verfolgen. Leider kennen und nutzen viele Patienten diese effektive Möglichkeit noch nicht. Hier können PTA oder Apotheker eine wichtige Funktion übernehmen und Diabetes-Patienten auf den Pass ansprechen. Der Pass ist einfach zu führen und gibt ihm einen Zeitplan für die wichtigs-ten Untersuchungen vor. 

Jedes Quartal wird das Körpergewicht, der Blutdruck, der Blutzuckerwert nüchtern und nach einer Mahlzeit, der HbA1c-Wert, schwere Unterzuckerungen, die Häufigkeit der Selbstkontrolle und die Ergebnisse der Beinuntersuchung festgehalten. Jedes Jahr ist eine Augenuntersuchung mit Augenhintergrunddiagnostik, die Kontrolle der Nieren mit einer Untersuchung auf Eiweiß im Urin (Mikroalbuminurie, Makroalbuminurie) und die Überprüfung der Nierenfiltrationsleistung (Kreatinin im Serum), eine körperliche Untersuchung gegebenenfalls mit Ultraschall oder EKG und die Untersuchung der Nerven auf eventuelle Schädigungen (periphere und autonome Neuropathie) nötig. Anhand der Ergebnisse entscheidet der Arzt, ob der Patient häufigere Kontrollen durchführen muss.

Mut machen mit positiven Sätzen

Da das menschliche Gehirn mit Bildern arbeitet, filtert es aus Sätzen die Verneinungen wie »nicht« oder »kein« heraus. Von der Aussage: »Mit guten Zuckerwerten werden Sie keinen Schlaganfall bekommen«, behält der Patient nur »Schlaganfall bekommen«. Dies macht ihm Angst, und aus der Psychologie ist bekannt, dass Menschen dazu neigen, alles was Angst verursacht, zu verdrängen. Im beschriebenen Beispiel wird sich der Patient mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr mit seinem Zucker »beschäftigen«. 

Positive Aussagen, die eine erstrebenswerte Zukunft darstellen, motivieren den Patienten hingegen. Dazu einige Beispiele: »Stellen Sie Ihren Zuckerwert gut ein, damit Sie auch noch in ein paar Jahren so flott auf den Beinen sind wie heute.« »Wenn Ihre Werte stimmen, dann schützen Sie Ihr Herz, und es leistet Ihnen noch viele Jahre gute Dienste.« »Gehen Sie regelmäßig zum Augenarzt, dann können Sie auch in Jahren noch so gut sehen wie jetzt.« Mit diesen oder ähnlichen Aussagen können PTA oder Apotheker die Patienten bestärken, mehr Verantwortung für den Verlauf ihrer Erkrankung zu übernehmen.

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