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Interview

Entzündungsfaktoren triggern Juckreizattacken

27.02.2008  09:47 Uhr

Interview

Entzündungsfaktoren triggern Juckreizattacken

PTA-Forum / In der akuten Phase der Erkrankung plagt Neurodermitis-Patienten quälender Juckreiz. Da ist die Gefahr groß, ein im Internet als Wundermittel angepriesenes Präparat zu bestellen und auszuprobieren. PTA-Forum befragte Professorin Dr. Sonja Ständer, Oberärztin an der Klinik und Poliklinik für Hautkrankheiten am Universitätsklinikum Münster und Mitglied des Arbeitskreises Pruritusforschung, nach sinnvollen Behandlungsmöglichkeiten.

PTA-Forum:Welche Erfahrung machen Sie in der Klinik? Ist die Neurodermitis auf dem Vormarsch?
Ständer: Seit einigen Jahren beobachten wir eine Zunahme der schweren Neurodermitis-Fälle. Dies zeigt sich auch in aktuellen Untersuchungen zur Prävalenz und Altersverteilung der Erkrankung. 

PTA-Forum:Wie viele Kinder sind derzeit erkrankt und wann treten die ersten Symptome auf?
Ständer: Kinder sind sehr häufig betroffen. Studien zeigen, dass bei 38 Prozent die Neurodermitis bereits nach dem dritten Lebensmonat beginnt und dass 95 Prozent bereits vor dem fünften Lebensjahr an Neurodermitis leiden.

PTA-Forum:Können Eltern, die selbst Neurodermitiker sind, der Erkrankung ihrer Kinder vorbeugen?
Ständer: Wenn Eltern von Neurodermitis betroffen sind, ist es wahrscheinlich, dass sie die Veranlagung an ihre Kinder vererben. Doch nicht in jedem Fall bricht die Neurodermitis dann bei den Kindern aus. Eine Möglichkeit, den Ausbruch zu verzögern, ist eine Stillzeit über sechs Monate. 

PTA-Forum:Da die Erkrankung schubartig verläuft und die Auslöser für die akuten Phasen individuell sehr unterschiedlich sind, geben Sie Ihren Patienten allgemeine Ratschläge, wie sie die auslösenden Faktoren meiden können?
Ständer: Prinzipiell wird der Ausbruch der Neurodermitis bei Kindern und Erwachsenen auch durch externe Faktoren gefördert. Dazu gehört das Austrocknen der Haut, das heißt der verminderte Fettgehalt durch das Benutzen von Seifen statt Syndets, häufiges und langes Duschen und Baden, nicht ausreichendes Rückfetten. Des Weiteren gelten überhitzte Räume, Hautinfekte und Stress als Auslöser der Neurodermitis. Durch Vermeidung solcher Risikofaktoren lässt sich ein Ausbruch verzögern, doch leider nicht immer ganz verhindern, da die Hautphysiologie ebenfalls eine Rolle spielt.

PTA-Forum:Wie unterscheidet sich die Haut der Neurodermitiker von der Haut gesunder Menschen?
Ständer: Die Haut hat eine weniger widerstandsfähige Hautbarriere, denn bestimmte Fette sind vermindert. Gerne vergleicht man die oberste Hautschicht, die Epidermis, mit einer Ziegelmauer, die durch Mörtel zusammengehalten wird. Dieser Mörtel, die Lipide, fehlen oder sind bei Neurodermitikern vermindert. Neueste genetische Untersuchungen konnten zeigen, dass Filaggrin bei den Patienten mutiert ist. Filaggrin ist ein Protein, das unter anderem dafür sorgt, dass sich die Keratinozyten zu widerstandsfähigen »Ziegelsteinen« entwickeln. Fehlt das Protein, bildet sich die Hautbarriere nur fehlerhaft aus. Das ist ein weiterer Faktor für die Entstehung der oberflächlichen Schuppung und Hautdefekten. Zusätzlich konnte bei den Patienten mit Neurodermitis gezeigt werden, dass Entzündungsfaktoren, beispielsweise Interleukine, die Erkrankung mitverursachen. Diese Entzündung wird vom Immunsystem her fehlerhaft gesteuert. 

PTA-Forum:Welche Therapie ist Ihrer Ansicht nach am Erfolg versprechendsten? Welche Therapie eignet sich für welche Phase der Erkrankung?
Ständer: Aus den genannten Gründen ergibt sich die Notwendigkeit einer multimodalen Therapie. Das ist zum einen eine Basistherapie mit rückfettenden Cremes und Lotionen. Diese ist genauso wichtig wie der Einsatz von immunsupprimierenden Substanzen, zum Beispiel von topischen Steroiden, topischen Calcineurininhibitoren und die systemische Gabe von Cyclosporin A. 

Je nach der klinischen Schwere des Krankheitsbildes beziehungsweise dem vorhanden Juckreiz setzen wir die genannten Substanzen ein. Milde Ausprägungen behandeln wir mit topischen Steroiden gefolgt von topischen Calcineurininhibitoren wie Pimecrolimus oder Tacrolimus. In schwereren Fällen schließt sich statt der Calcineurininhibitoren eine UV-Therapie an. In schwersten Fällen greifen wir auf die innerliche Behandlung mit dem Immunsuppressivum Cyclosporin A zurück.

Der begleitende Juckreiz ist in vielen Fällen ein eigenes therapeutisches Problem. Die oben beschriebenen Therapien lindern alle auch den Juckreiz. In einigen Fällen reichen sie aber nicht aus beziehungsweise wirken zu verzögert, so dass wir zusätzlich auf Antihistaminika zurückgreifen. So ermöglichen beispielsweise sedierende Antihistaminika zur Nacht den Schlaf. Bei Juckreizattacken setzen wir Cremes und Lotionen ein, die den Juckreiz lindern, zum Beispiel die eigens für Neurodermitis entwickelte Physiogel® A.I. Creme oder Lotion.

PTA-Forum:Wann und wie können PTA und Apotheker die Therapie unterstützen?
Ständer: Sie können die Patienten unterstützen, indem sie diese auf die Notwendigkeit einer Basistherapie hinweisen, am besten mit medizinischen Produkten, die wenig oder keine Konservierungsstoffe und Emulgatoren enthalten. Auch können sie kurzzeitig juckreizlindernde Präparate wie Physiogel® A.I. Creme oder Lotion, Eucerin® Akutspray oder Dermasence Polaneth Lotion empfehlen. 

Präparate mit Harnstoff, Urea, sollten Kinder erst ab einem Alter von 8 oder 10 Jahren erhalten, da der Harnstoff bei kleinen Patienten häufig auf der Haut brennt und das hat außerdem zur Folge, dass sie andere topische Therapien nicht tolerieren. 

PTA-Forum:Woran forschen die Wissenschaftler aktuell? Gibt es für Neuroder-mitiker einen Hoffnungsschimmer auf Heilung?
Ständer: Sehr viele Universitäten weltweit forschen an den verschiedenen Faktoren, die Neurodermitis begünstigen beziehungsweise auslösen. Zum Beispiel forscht die Universitäts-Hautklinik Düsseldorf an einem neuen Entzündungsfaktor, dem Interleukin 31, der aus den Entzündungszellen ausgeschüttet wird und der besonders an der Juckreizentstehung beteiligt ist. Gelingt es, hier ein Medikament zu entwickeln, das gegen diesen Faktor gerichtet ist, wäre eine schnellere Juckreizlinderung denkbar.

Des Weiteren untersuchen Wissenschaftler insbesondere bei Kindern den Zusammenhang zwischen der Entstehung und Vermeidung von Nahrungsmittel-Allergien. Dazu wurden in den letzten Jahren in Deutschland einige epidemiologische Studien durchgeführt. Demnach ist das Aufwachsen auf dem Land und der Kontakt mit vielen Allergenen scheinbar besser für ein Kind und führt zu weniger Allergien, als wenn es in der Stadt groß wird.