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Interview

Forschung sollte man belohnen

27.02.2008  15:41 Uhr

Interview

Forschung sollte man belohnen 

Sabine Laerum, Frankfurt am Main

Dr. Marcus Mannel ist Facharzt für Allgemeinmedizin und Psychotherapeut an der Klinik für Allgemeinmedizin, Naturheilkunde und Psychosomatik an der Berliner Universitätsklinik Charité. Er kennt das Problem der Therapie von Depressionen bei Kindern und Jugendlichen und berichtet über seine Erfahrungen mit Johanniskrautextrakt.

PTA-Forum: Kindern und Jugendlichen werden in Deutschland, anders als in den USA, selten synthetische Antidepressiva verordnet. Warum?
Mannel: In den Staaten ist man offener, was daran liegen mag, dass dort für Kinder das Mittel Fluoxetin zugelassen ist. In Deutschland gilt das nicht. Verschreibt ein Arzt Trizyklika oder Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer trotzdem, ist das zwar als individueller Heilversuch erlaubt, aber der Arzt haftet. Bei Medikamenten für Kinder und Jugendliche ist diese Verschreibungspraxis häufig, weil kaum ein Präparat für sie zugelassen ist.

PTA-Forum: Sind Johanniskrautpräparate für Kinder zugelassen?
Mannel: Erst ab 12 Jahren. Weiter senkte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte die Altersgrenze nicht.

PTA-Forum: Warum nicht?
Mannel: Weil es bisher keine doppelblind-placebokontrollierten Studien an Kindern und Jugendlichen gibt. Diese sind aber die Voraussetzung für ein Zulassungsverfahren. Weil Studien mit Kindern heikel und teuer sind, fragen sich Pharmahersteller aber verständlicherweise, ob eine kostspieliges Zulassungsprojekt auch durch entsprechend steigende Verordnungen refinanziert würde. 

PTA-Forum: Wirken synthetische Medikamente besser als Johanniskraut?
Mannel: Studien über TCA besagen, dass sie bei Kindern eher nicht wirken, im Gegensatz zu SSRI, wie zum Beispiel Fluoxetin. Ob Johanniskraut im Vergleich dazu besser oder schlechter wirkt, ist unklar, weil es keine Studien mit Direktvergleich gibt. Zu Johanniskrautpräparaten existieren nur Anwendungsbeobachtungen und Pilotstudien.

PTA-Forum: Sie berichteten bereits mehrfach auf Kongressen von einer solchen Anwendungsbeobachtung an 102 Kindern unter 12 Jahren. Wie waren die Ergebnisse?
Mannel: Die Kinder wurden vier bis sechs Wochen lang mit 300 bis 1800 mg Hypericum-Extrakt LI160 behandelt. 72 Prozent der kleinen Probanden fühlten sich nach zwei Wochen gut oder sehr gut, nach vier Wochen waren es bereits 97 Prozent, nach sechs Wochen 100 Prozent. Antriebsarmut, Schlafstörungen, Erschöpfung, Niedergeschlagenheit und Lustlosigkeit waren deutlich gebessert. Reizbarkeit, Unruhe, Nervosität und Konzentrationsstörungen sprachen nicht ganz so erfolgreich an. 

PTA-Forum: Wie lange dauert eine Therapie mit Johanniskraut?
Mannel: Man sollte zunächst drei bis vier Wochen abwarten, um zu sehen, ob der Patient auf die Therapie anspricht. Dann behandelt man so lange, bis die depressive Episode abgeklungen ist. Sinnvoll ist es darüber hinaus, je nach Schweregrad der Erkrankung, das Präparat noch mindestens zwei bis drei Monate lang einzunehmen.

PTA-Forum: Brauchen depressive Kinder und Jugendliche begleitend zur medikamentösen Therapie eine psychotherapeutische Behandlung?
Mannel: Ja. Alle Studien zeigen, dass eine Kombination aus Pharmako- und Psychotherapie besser hilft als Monotherapien. 

PTA-Forum: Kann Johanniskraut vorbeugend eingenommen werden?
Mannel: Bei Kindern wäre ich vorsichtig. Man könnte das theoretisch zwar machen, weil Johanniskraut sehr gut verträglich ist, aber es gibt keine belastbaren Daten, weder bei Kindern noch bei Erwachsenen, ob eine vorbeugende Einnahme das Auftreten einer weiteren depressiven Episode verhindert.

PTA-Forum: Wie hoch sollte die Wirkstoffkonzentration sein? 
Mannel: Eine Tagesdosis von 600 bis 900mg Gesamt-Trockenextrakt sollte ausreichend wirksam sein. 

PTA-Forum: Gibt es große Unterschiede in der Qualität der Produkte?
Mannel: Die in der Apotheke erhältlichen Johanniskrautpräparate sind aus pharmazeutischer Sicht ähnlich zu bewerten. Ich persönlich würde aber zu Produkten von Herstellern raten, die viel in Forschung investieren. Das sind zum Beispiel diejenigen, deren Präparate für die Behandlung von leichten bis mittelschweren Depressionen überhaupt zugelassen sind. Das gelang ihnen nur, weil sie Aufwand und Kosten entsprechender Forschung nicht scheuten. Dieses Engagement sollte belohnt werden.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
Laerum(at)web.de