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Selbstmedikation bei Wunden

Kleine Verletzungen perfekt behandelt

27.02.2008  09:24 Uhr

Selbstmedikation bei

Kleine Verletzungen perfekt behandelt

Andrea Gerdemann, München

Laut Statistik verletzen sich Männer häufiger bei der Arbeit oder beim Sport, Frauen hingegen im Haus. Als Grund ihrer Verletzung nennen die meisten Unachtsamkeit oderMüdigkeit. Kinder sind besonders gefährdet, wenn sie spielen und herumtoben. In der Hektik stürzen sie und schlagen sich dabei die Knie oder Hände auf. Um Bagatellverletzungen richtig versorgen zu können, sollte der Erste-Hilfe-Kasten die geeigneten Verbandsmaterialien, Wunddesinfektionsmittel und -salben enthalten.

Schürf-, Riss-, Platz-, Stich- und Schnittwunden sind die häufigsten Hautverletzungen. Doch keine Wunde gleicht der anderen. Während Schürfwunden oft nur oberflächig sind, reichen Stichwunden meist in tiefere Gewebeschichten hinein. Es versteht sich von selbst, dass nur kleine, oberflächliche Wunden ein Fall für die Selbstmedikation sind. Etliche Verletzungen machen den sofortigen Arzt- oder Klinikbesuch erforderlich. Tiefe Stich- und Schnittwunden oder Verletzungen durch Fremdkörper muss der Arzt versorgen. Dies gilt auch für Biss- und Kratzwunden durch einen streunenden Hund oder Fuchs, da hier Tollwutgefahr besteht.

Platz-, Quetsch- und Risswunden erscheinen zwar harmlos, wenn sie nur gering bluten. Doch Vorsicht: Es können Blutgefäße zerrissen, aber nicht durchtrennt sein, und das birgt ein hohes Infektionsrisiko. Auch wenn Augen, Ohren, der Anal- oder Genitalbereich verletzt sind oder großflächigere Verbrennungen vorliegen, ist der Arztbesuch unumgänglich. Das Gleiche gilt für Patienten, die unter Diabetes mellitus leiden, Immunsuppressiva oder Antikoagulanzien einnehmen.

Noch ein Rat: Fremdkörper, die aus der Wunde herausragen, auf keinen Fall entfernen. Eventuell drückt der Fremdkörper ein größeres Blutgefäß ab und seine Entfernung könnte zu einer unstillbaren Blutung führen. Die Erstmaßnahme muss sich auf das Anlegen eines möglichst keimarmen Notverbandes beschränken. Eine Wundreinigung oder -desinfektion ist nicht indiziert.

Da oberflächliche Wunden bei Kindern oft verschmutzt sind, sollten die Eltern die Wunde immer gründlich mit viel sauberem, nicht zu kaltem Wasser ausspülen. Des Weiteren gibt es Wundreinigungstücher, die mit einem antimikrobiellen Wirkstoff (zum Beispiel Alkohol) getränkt sind. Die Wunde wird vorsichtig mit dem Tuch abgetupft. Bei Verwendung von Wundreinigungstüchern werden Reinigung der Wunde und anschließende Desinfektion in einem Schritt durchgeführt. Ansonsten stehen für die anschließende Wunddesinfektion verschiedene Antiseptika wie Octenidin, Benzalkoniumchlorid, Povidon-Iod und notfalls auch Alkohole zur Verfügung.

Bei Bagatellwunden reicht nach Reinigung und Desinfektion in der Regel ein Pflaster als Wundauflage. Kleinere Schürfwunden heilen sogar ohne Auflage. Pflaster mit einer aluminium- oder silberbedampften Oberfläche bieten den Vorteil, dass sie nicht mit der Wunde verkleben. Eine weitere Möglichkeit, gerade bei Kindern, sind Sprühpflaster. Das »flüssige Pflaster« darf jedoch nicht auf schmutzige, blutige Wunden gesprüht werden; auch bei Verbrennungen ist es ungeeignet. Nachteilig ist, dass die Lösung auf der Haut brennt. Großflächigere Wunden erfordern eine Kompresse, die mit einer elastischen Binde oder einer Mullbinde fixiert werden muss. 

Um den Heilungsprozess bei großflächigen Schürfwunden zu fördern, eignen sich moderne Gelverbände und -auflagen. Sie unterstützen das Prinzip der feuchten Wundbehandlung. Auch das Infektionsrisiko wird durch ein feuchtes Wundmilieu gesenkt. Eingesetzt werden Alginate, Hydrokolloide und Hydrogele. Sie nehmen Wundsekret auf und verhindern das Austrocknen der Wunde. Ihr weiterer Vorteil: Die Auflagen können mehrere Tage auf den Wunden verbleiben. Mit diesen Wundauflagen kann durchaus eine bis zu 50 Prozent schnellere Wundheilung erzielt werden.

Beratung in der Apotheke

Eine ältere, etwa 60-jährige Dame betritt die Apotheke und klagt über eine Wunde am Fuß. Sie erzählt der PTA, dass sie sich gestern beim Nägelschneiden verletzt hat. Die Stelle sei jetzt gerötet und schmerze beim Laufen. Die Frau bittet die PTA um eine Salbe gegen die Entzündung.

Fragen Kunden in der Apotheke nach einer Wundsalbe, müssen PTA oder Apotheker zunächst abklären, ob es sich um eine banale Verletzung handelt, die der Patient selbst behandeln darf. Geeignete Fragen enthält der Kasten.

Fragen für das Beratungsgespräch

  • Welche Wunde wollen Sie behandeln: eine Schürfwunde, Schnittwunde oder Stichwunde?
  • Wie ist es zu der Verletzung gekommen? Im Haushalt, beim Sport?
  • Wo liegt die Wunde?
  • Wann haben Sie sich verletzt? 
  • Wie sieht die Wunde aus? Hat es stark geblutet?Ist das Gewebe angeschwollen?
  • Wie sehen die Wundränder aus, gequetscht, scharfrandig oder gerötet?
  • Haben Sie starke oder anhaltende Schmerzen oder spüren Sie ein Stechen?
  • Wie haben Sie die Wunde bisher behandelt?
  • Sind Sie gegen Tetanus geimpft?

Quelle: Braun, Schulz, "Selbstbehandlung, Beratung in der Apotheke", Govi-Verlag

Selbst bei völlig harmlos aussehenden Wunden besteht die Gefahr des Wundstarrkrampfs (Tetanus) infolge einer Infektion. Daher sollte jeder für eine Grundimmunisierung sorgen und den Impfschutz alle 10 Jahre auffrischen. Verneint der Patient die Frage nach dem Impfschutz, verweisen ihn PTA oder Apotheker an einen Arzt. Die ältere Dame aus dem Fallbeispiel versichert der PTA, dass sie im letzten Jahr ihren Impfschutz auffrischen ließ.

Daraufhin klärt die PTA ab, ob die Frau an Diabetes oder einer Durchblutungsstörung leidet oder ob sie ein Immunsuppressivum einnimmt. Die Frau verneint und berichtet weiter, dass sie ihren Fuß in lauwarmem Wasser gebadet und dann ein Pflaster auf die Wunde geklebt hat. Auf der Grundlage aller Informationen entscheidet die PTA, dass die Frau die Wunde selbst behandeln kann, und überlegt, welches antientzündliche und wundheilungsfördernde Präparat sie ihr empfehlen soll.

Darreichungsform wichtig

Bei der Auswahl des geeigneten Mittels ist auch die Darreichungsform für die Wundheilung von Bedeutung. Die Betroffenen sollten Wundbehandlungsmittel grundsätzlich nie auf offene Wunden auftragen und bei geschlossenen Wunden erst dann, wenn die Wunde nicht mehr stark nässt. Vorher reicht ein steriler trockener Verband. Puder sind obsolet, weil diese mit der Wunde verkleben, Rückstände schwer zu entfernen sind und im Extremfall die Wunde austrocknet. Salben hingegen sind gute Wirkstoffträger. Die Salbengrundlage kann dafür sorgen, dass die Wundränder »geschmeidig« bleiben und der Verband nicht mit der Wunde verklebt. Ein Nachteil von Salben ist der direkte Wundkontakt. Salben mit einem hohen Fettanteil hemmen außerdem den Abfluss von Wundsekret. Unter der Fettschicht kann sich eine feuchte Kammer bilden, die Infektionen begünstigt.

Zur Behandlung von Bagatellverletzungen stehen etliche Substanzen zur Auswahl: Dexpanthenol/Panthenol unterstützt die Heilung von Haut- und Schleimhautläsionen. Der Wirkstoffanteil beträgt in der Regel 5 Prozent. Je nach Produkt muss der Patient die Zubereitung ein- bis mehrmals täglich auf die betroffene Hautstelle auftragen. Für Pinselungen, Spülungen oder Umschläge ist eine Lösung im Handel.

Zinkpaste und weiche Zinkpaste (DAB 10) enthalten einen hohen Anteil an Zinkoxid (Zinkpaste: 23,5 bis 26,5 Prozent; weiche Zinkpaste: 28 bis 32 Prozent). Sie werden bei nässenden Ausschlägen, infizierten Wunden und Geschwüren sowie Windeldermatitis mehrmals täglich angewendet. Die Zubereitung wirkt abdeckend und sekretaufsaugend.

In Kombination mit Hyaluronsäure werden Zinkionen auch in Form eines Wundgels eingesetzt. Als Bestandteil des Bindegewebes erhält Hyaluronsäure die Elastizität der Haut und sorgt durch seine hohe Wasserbindungskapazität für ein optimal feuchtes Wundmilieu.

Lassen sich kleine Wunden nicht komplett von Schmutzresten befreien, schützen antiseptische Zusätze in den Cremes vor der Infektion. Daher wird Polyvidon-Iod auch zur Wundbehandlung als PVP-Iod-Komplexzubereitung mit 10 Prozent -verfügbarem Iod in Form von Lösungen, Salben beziehungsweise Salbengaze/ Wundvlies, eingesetzt. 

An Pflanzenextrakte denken

Auch Phytopharmaka mit Extrakten aus Kamille (Matricaria chamomilla), Zaubernuss (Hamamelis virginia) oder Ringelblumenblüten (Calendula officinalis) sind als Salben und Tinkturen zur Wundbehandlung im Handel. Kamillenblüten wirken antientzündlich und wundheilungsfördernd und werden topisch bei Haut- und Schleimhautentzündungen sowie bakteriellen Hauterkrankungen (einschließlich Mundhöhle und Zahnfleisch) eingesetzt. In Form von Bädern und Spülungen benutzt man sie bei Erkrankungen im Anal- und Genitalbereich. Die Zubereitungen enthalten eine Wirkstoffkonzentration von 3 bis 10 Prozent Droge. Extrakte aus Ringelblumenblüten eignen sich äußerlich bei Wunden, auch mit schlechter Heilungstendenz, sowie bei entzündlichen Veränderungen der Mund- und Rachenschleimhaut. Sie wirken entzündungshemmend und granulationsfördernd. Die Wirkstoffkonzentration der Zubereitungen beträgt 2 bis 5 Prozent Droge.

Hamamelis oder Zaubernuss wirkt entzündungshemmend und wundheilungsfördernd. Eingesetzt werden Extrakte aus Rinde und Blättern in Salben und Cremes vor allem bei akuten und chronischen entzündlichen Hauterkrankungen mit Juckreiz, sie eignen sich auch zur Wund-heilung bei leichten Hautverletzungen.

Der Kundin aus dem Fallbeispiel empfiehlt die PTA eine Wund- und Heilsalbe mit einem Kamilleextrakt, damit sich die Entzündung nicht weiter ausbreitet. Außerdem kann die Frau ihren Fuß in einem Kamille-Fußbad baden; auch das beschleunige die Wundheilung. Als Wundauflage rät sie der Dame zu einer aluminiumbeschichteten Wundauflage, weil dieses Pflaster nicht mit der Wunde verklebt und zusätzlich entzündungshemmend wirkt. Zum Abschluss des Beratungsgesprächs weist sie die Frau darauf hin, dass sie den Entzündungsprozess gut beobachten und einen Arzt aufsuchen muss, wenn sie nach drei bis vier Tagen keine Besserung erkennt.

 

 

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
andrea(at)gerdemann.info