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Kopfläuse

Knock-out durch Dimeticon

27.02.2008
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Kopfläuse

Knock-out durch Dimeticon 

Christiane Berg, Hamburg

Das synthetische Silikonöl Dimeticon wird zur Therapie von Kopflausbefall eingesetzt. Es gilt als gesundheitlich unbedenklich – auch für Kinder. Jetzt wurde der Wirkmechanismus bewiesen.

Kopflausbefall ist die häufigste Parasitose bei Kindern und nach Erkältungskrankheiten die zweithäufigste ansteckende Erkrankung. Unabhängig vom sozialen Status sind Vor- und Grundschulkinder im Alter zwischen drei und elf Jahren am meisten und hier Mädchen mehr als Jungen betroffen, da sie öfter »die Köpfe zusammenstecken«. Geschätzt wird, dass jedes dritte Kind bis zum 18. Lebensjahr mindestens einmal an Kopflausbefall erkrankt. 

Kritische Diskussion 

Da ihre Hautbarriere noch nicht vollständig entwickelt ist, reagieren Kinder besonders empfindlich auf neurotoxische insektizidhaltige Pedikulozide wie Pyrethrum als Extrakt der Chrysanthemenblüte oder Permethrin und Allethrin als synthetische Pyrethroide. Doch auch aus anderen Gründen würden insektizidhaltige Pedikulozide zunehmend kritisch diskutiert, machte Dr. Michaela Gorath, Hohenlockstedt, auf einer Veranstaltung von Pohl-Boskamp deutlich.

So könne die Anwendung insektizidhaltiger Läusemittel generell mit allergischen und toxischen Nebenwirkungen wie Allergien, Hautirritationen, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Atembeschwerden verbunden sein. Zudem, so Gorath, würden Kopfläuse aufgrund des massenhaften Einsatzes der Insektizide weltweit zunehmend resistent. So ergaben Studien, dass in Dänemark bereits 70 Prozent der Kopfläuse unempfindlich auf Permethrin reagieren. Die Resistenzraten in England sind noch höher. Aufgrund der Resistenzproblematik rate das Robert-Koch-Institut auch in Deutschland zu erhöhter Aufmerksamkeit. 

Neben den genannten chemischen insektizidhaltigen sowie pflanzlichen Pedikuloziden mit Soja- und Kokos-, Anis-, Ylang-Ylang-, Andiroba- oder Rapsöl wurde 2006 mit Nyda L® auf Dimeticonbasis ein physikalisch wirkendes Pedikulozid zugelassen, das als gesundheitlich unbedenklich gilt. Bisher vermutete man als Wirkprinzip, dass die Dimeticonlösung die Läuse mit einem wasserundurchlässigen Film überzieht. Dadurch würden die Atemöffnungen verschlossen, der Wasserhaushalt gestört, was letztendlich die Parasiten töte. Diese Annahme, so Gorath, sei obsolet. 

Wirkmechanismus bewiesen

»Unsere Untersuchungen unter dem Stereomikroskop an zunächst noch lebenden Läusen zeigen, dass die Dimeticonlösung aufgrund ihrer besonderen Kriech- und Spreitfähigkeit über die Atemöffnungen tief bis in die feinsten Verästelungen des Tracheensystems der Parasiten eindringt. Durch die Verdrängung der gesamten Sauerstoffvorräte werden die wesentlichen Funktionen des Zentralnervensystems der Laus blockiert. Die Läuse werden erstickt. Innerhalb einer Minute sind sie bewegungslos und zeigen keine Lebenszeichen mehr«, bestätigten Dr. Ira Richling und Privatdozent Dr. Wolfgang Böckeler von der Universität Kiel.

Dimeticon ist nicht Dimeticon: Im Gegensatz zu anderen handelsüblichen Dimeticon-Präparaten wie Itax® als Silikonöl-Gemisch, EtoPril® als 4-prozentige Dimeticonlösung, Paramitex® (Dimeticon und Kokosöl) und Jacutin® Pedicul (100 Prozent Dimeticon) enthält Nyda® L zwei unterschiedliche Dimeticone, ein dünnflüssiges, auch bei Raumtemperatur leicht flüchtiges und ein viskoses, schwer flüchtiges Dimeticon, erläuterte Godath. Das viskose Dimeticon verleihe dem Läusemittel die geringe Oberflächenspannung und damit besonders hohe Kriech- und Spreiteigenschaften, sodass es tief über die Atemöffnungen in das Tracheensystem der Parasiten eindringt, während das flüchtige Dimeticon verdampft. Durch Verdunsten des flüchtigeren Anteils dicke diese spezielle Dimeticon-Lösung ein, und der irreversible »Knock-out« der Läuse durch gänzlichen Verschluss des Atemsystems sei gewährleistet. 

Godath betonte, dass die Dimeticon-Lösung in kontrollierten, randomisierten, klinischen Studien zu einer Heilungsrate von 97,2 Prozent geführt habe im Vergleich zu 67,6 Prozent bei Anwendung 1-prozentiger Permethrin-Lösung. In-vitro-Untersuchungen an Kopfläusen und Lauseiern hätten zudem belegt, dass das Zwei-Komponenten-Dimeticon-Gemisch auch eine hohe ovizide, also eiabtötende Wirkung besitzt. Die Therapie ist nur dann erfolgreich, wenn die Pedikulozide korrekt angewendet sowie die Nissen konsequent ausgekämmt werden und anschließend die Kopfhaut sorgfältig nachkontrolliert wird. 

Kopfläuse sind Klammergreifer, die sich mit Hilfe ihrer Klammerbeine sehr effektiv im Haar verankern. Ihre Stiche können zu hochroten urtikariellen Papeln und zum Leitsymptom Juckreiz führen. Durch bakterielle Superinfektionen ensteht das klinische Bild eines Ekzems zumeist hinter den Ohren, am Hinterkopf und im Nacken. Darüberhinaus können die regionalen Lymphknoten anschwellen. Das Merkblatt »Kopflausbefall« des Robert-Koch-Institutes (www.rki.de ) gibt detaillierte Therapie-Hinweise. 

Wiederholung am neunten Tag

Nach heutiger Auffassung besteht eine optimale Behandlung in der Kombination mechanischer, chemischer und physikalischer Wirkprinzipien zur Nutzung der Synergieeffekte. Mögliche Fehler in der Behandlung, die das Überleben nicht nur der Eier, sondern auch der Larven oder Läuse begünstigen, sind zu kurze Einwirkzeiten, zu sparsames Auftragen, die ungleichmäßige Verteilung beziehungsweise die zu starke Verdünnung des jeweiligen Mittels in triefend nassem Haar oder das Unterlassen der Wiederholungsbehandlung.

Da Kopflausmittel möglicherweise nicht alle Eier abtöten und in Abhängigkeit vom Mittel und dessen Anwendung Larven nach der Erstbehandlung nachschlüpfen können, müsse innerhalb eines engen Zeitfensters unbedingt eine Wiederholungsbehandlung durchgeführt werden, optimalerweise am neunten oder zehnten Tag, betonte Godath. Dieser enge zeitliche Rahmen ergibt sich, weil bis zum siebten beziehungsweise achten Tag noch Larven nachschlüpfen und ab dem elften Tag junge Weibchen bereits neue Eierablegen können. Experten empfehlen, Kämme, Haarbürsten, Haarspangen und -gummis in heißer Seifenlösung zu reinigen. Dieses soll eventuelle Reinfektionen verhindern helfen. Schlafanzüge und Bettwäsche, Handtücher und Leibwäsche sollten regelmäßig gewechselt werden. Kopfbedeckungen, Schals und weitere Gegenstände, auf die Kopfläuse gelangt sein könnten, sollten für drei Tage in einer Plastiktüte verpackt aufbewahrt werden. Diese Prozedur überlebt keine Laus.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
chris-berg(at)t-online.de