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Arzneimitteltherapie

Neue Arzneistoffe im Februar 2008

27.02.2008  10:22 Uhr

Arzneimitteltherapie

Neue Arzneistoffe im Februar 2008

Sven Siebenand, Eschborn

Raltegravir, Abarelix und Colesevelam: Drei Wirkstoffe mit drei unterschiedlichen Anwendungsgebieten sind im Februar auf den Markt gekommen. Während die beiden ersten Hoffnungsträger in der HIV- beziehungsweise der Krebstherapie sind, senkt Colesevelam unter anderem das LDL-Cholesterol und verringert so das Risiko für Herzerkrankungen.

Seit mehr als zehn Jahren gibt es die hochaktive antiretrovirale Therapie (HAART), insgesamt stehen mehr als 20 Medikamente für die HIV-Therapie zur Verfügung. Trotzdem besteht weiter der Bedarf für Substanzen mit neuen Wirkmechanismen, denn HI-Viren sind äußerst wandlungsfähig und entwickeln Resistenzen. Damit wird es immer schwieriger, Kombinationen zusammenzustellen, die noch gegen resistente Viren wirksam sind. Gegenwärtig zählen Therapien, die an unterschiedlichen Stellen des Virus und der Zielzellen gleichzeitig ansetzen, zu den Hoffnungsträgern. Ein Angriffspunkt, für den es bisher noch keinen Hemmstoff auf dem Markt gab, ist das Enzym Integrase.

Raltegravir

Mit Raltegravir (Isentress®, MSD) ist seit Februar der erste HIV-Integrasehemmer verfügbar. Dieser bindet ein Enzym, das die Viren für ihre Vermehrung benötigen. Das können andere antiretrovirale Wirkstoffe auch. Ziel der meisten auf dem Markt befindlichen Substanzen ist jedoch entweder die HIV-Protease oder die Reverse Transkriptase. Raltegravir dagegen bindet an die HIV-Integrase, einem Enzym, mit dem die Viren ihr genetisches Material in das ihrer Zielzellen einbauen. Sobald Raltegravir an das Enzym angedockt hat, ist dessen Funktion blockiert, und die Viren können sich nicht mehr vermehren. Die Folge: Die Ausbreitung der Infektion wird verlangsamt.

Der Integrase-Hemmstoff ist als Tablette mit 400 mg erhältlich und wird in Kombination mit anderen antiviralen Arzneimitteln zur Behandlung von Erwachsenen angewendet, die mit dem Immundefizienzvirus HIV-1 infiziert sind. Das Mittel kommt dann zum Einsatz, wenn sich die Viren trotz einer bestehenden HIV-Therapie im Blut vermehren. Die Patienten können die Tagesdosis von zweimal 400 mg zu den Mahlzeiten oder unabhängig davon einnehmen. Vorsicht ist bei alten Patienten und bei Patienten mit schweren Lebererkrankungen geboten.

Zu den häufigsten Nebenwirkungen unter Raltegravir zählen Benommenheit, Schwin-del, Juckreiz, Magen-Darm-Beschwer-den, Schwitzen, Müdigkeit und Schwäche.

Der Ausschuss für Humanarzneimittel der europäischen Zulassungsbehörde EMEA gelangte zu dem Schluss, dass die Vorteile von Raltegravir gegenüber den Risiken überwiegen. Das Medikament wurde unter »außergewöhnlichen Umständen« zugelassen, das heißt, dass weitere Nachweise für das Arzneimittel erwartet werden. Der Hersteller bereitet unter anderem Studien vor, um die Resistenz gegen Raltegravir zu überwachen.

Abarelix

Jährlich erkranken in Deutschland etwa 48 000 Männer an Prostatakrebs. Neben Operation und Strahlentherapie ist vor allem im fortgeschrittenen Erkrankungsstadium eine Hormontherapie Mittel der Wahl. Ziel dabei ist die medikamentöse beziehungsweise hormonelle Kastration, die durch die Senkung des Testosteronspiegels erreicht wird. 

Die Hormontherapie basiert hauptsächlich auf der Gabe von LHRH-Agonisten wie Leuprorelin, Buserelin oder Goserelin entweder als Monotherapie oder in Kombination mit Antiandrogenen. Diese greifen in den entsprechenden Hormonregelkreis ein und stoppen so die Produktion von Testosteron in den Hoden. Nach der Einnahme von LHRH-Agonisten steigt zu Beginn der Behandlung zunächst der Testosteronspiegel an. 

Mit Abarelix (Plenaxis®, Speciality European Pharma) steht nun eine Alternative zur Verfügung, bei der das nicht passiert. Der Wirkstoff ist ein sogenannter Gonadotropin-Releasing-Hormon-Antagonist (GnRH-Antagonist). Er senkt rasch den Serumspiegel des luteinisierenden Hormons (LH), des follikelstimulierenden Hormon (FSH) und als Folge davon des Testosterons. Abarelix 100 mg wird als intramuskuläre Injektion zu Beginn dreimal im vierzehntägigen Abstand und danach alle vier Wochen verabreicht. Bereits nach der ersten Injektion fällt der Testo-steronspiegel bei 70 Prozent der Männer bis zum Ende der ersten Woche auf Kastrationsniveau (≤ 50 ng/dl) ab, nach der zweiten Gabe bei 94 Prozent. Wichtig für die Beratung: Die Wirkung ist bei Beendigung der Therapie reversibel.

Der erniedrigte Testosteronspiegel kann – unabhängig davon, ob die Kastration operativ oder medikamentös erfolgt – zu unangenehmen Begleiterscheinungen führen: Nebenwirkungen unter Abarelix wie Hitzewallungen, Impotenz, Kraftlosigkeit sowie Gewichtszunahme sind damit keine Überraschung.

Colesevelam

Der neue Wirkstoff Colesevelam (Cholestagel®, Genzyme) senkt bei Patienten mit primärer Hypercholesterolämie das Gesamtcholesterol und das »schlechte« LDL-Cholesterol. Die Substanz wird –  zusätzlich zu einer Diät – bei Patienten eingesetzt, die keine Statine vertragen. Patienten, bei denen ein Statin das Cholesterol allein nicht ausreichend senkt, können Colesevelam auch in Kombination mit Diät und dem Statin einnehmen. Die empfohlene Tagesdosis Colesevelam beträgt vier bis sechs 625-mg-Tabletten, die zu den Mahlzeiten mit Flüssigkeit eingenommen werden sollten. Colesevelam wird nicht resorbiert, bindet Gallensäuren im Darm und transportiert diese mit dem Stuhl aus dem Körper. Das führt dazu, dass die Leber neue Gallensäuren bilden muss. Dazu verwendet sie Cholesterol aus dem Blut. Die Folge: Der Cholesterolspiegel sinkt. 

Da Gallensäure-Komplexbildner wie Colesevelam sowohl die Resorption von Vitamin K als auch die von oralen Antikoagulanzien wie Warfarin beeinträchtigen, muss die Therapie mit Gerinnungshemmern überwacht werden. Gleiches gilt aufgrund der Resorptionsbeeinträchtigung von Thyroxin für die Schilddrüsenhormonersatztherapie. Zudem können diese Wirkstoffe auch die Wirkung von oralen Kontrazeptiva verringern.

Die häufigsten Nebenwirkungen unter Colesevelam sind Verstopfung und Verdauungsstörungen. Bei Patienten mit Darm- oder Gallenwegsverschluss sollte der Wirkstoff nicht zum Einsatz kommen.

 

E-Mail des Verfassers:
S.Siebenand(at)govi.de 

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