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VITA-Studie

Patienten profitieren von der Beratung

27.02.2008  10:17 Uhr

VITA-Studie

Patienten profitieren von der Beratung

Ursula Sellerberg, Berlin

10 Prozent der Kinder und 5 Prozent der Erwachsenen in Deutschland leiden an Asthma. Meist werden sie mit inhalativen Arzneimitteln behandelt. Das hat viele Vorteile, birgt aber auch Tücken: Die Inhalation ist schwieriger als die Einnahme einer Tablette und hängt zudem vom verwendeten Arzneimittel ab. Kein Wunder, dass viele Patienten damit Schwierigkeiten haben und Fehler machen. Eine aktuelle Studie der ABDA-Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände hat untersucht, ob die Beratung von Menschen mit Asthma oder COPD notwendig und sinnvoll ist. 

In Deutschland werden mehr als drei Millionen Menschen gegen Asthma oder chronisch-obstruktive Lungenerkrankungen (COPD = Chronic Obstructive Pulmonary Disease) behandelt. In der Regel erhalten diese Patienten inhalative Arzneimittel, erst in schweren Stadien kommen perorale Medikamente hinzu. 

Die Inhalation hat einige Vorteile: In der Lunge wird eine hohe Wirkstoffkonzentration aufgebaut, gleichzeitig ist die systemische Belastung gering. Im Unterschied zu einer Tablette reichen geringere Wirkstoffmengen aus, Nebenwirkungen sind seltener, und die Wirkung in der Lunge setzt schneller ein. Aber die Inhalation hat einen entscheidenden Nachteil: Sie ist anfällig für Fehler, deshalb muss sie geübt werden. Die richtige Inhalationstechnik hängt auch vom Gerätetyp ab. Auf dem deutschen Markt gibt es etwa 20 verschiedene Inhalationssysteme. Sie lassen sich in drei Klassen einteilen: Dosieraerosole mit Treibgas, Pulverinhalatoren, bei denen der Wirkstoff mit dem Atemstrom in die Lunge gelangt, und Vernebler (zum Beispiel Pari Boy®). 

Die richtige Anwendung eines inhalativen Arzneimittels entscheidet darüber, ob und wie es wirkt und ob Nebenwirkungen auftreten. Die Fehlerquote liegt bei Asthmasprays zwischen 50 und 80 Prozent. Die falsche Anwendung verschlechtert die Wirksamkeit und beeinträchtigt die Lebensqualität des Patienten. 

VITA-Studie in Apotheken

Eine einmalige Beratung in der Apotheke kann den Anteil der Patienten, denen bei der Anwendung eines Inhalationsarzneimittels Fehler unterlaufen, um 65 Prozent reduzieren. Das ist das wichtigste Ergebnis der VITA-Studie (Verbesserung der Inhalationstechnik von Menschen mit Asthma und COPD in Apotheken) der ABDA. 

Untersucht wurde die Inhalationstechnik von 750 erwachsenen Patienten in 55 Apotheken. Die Apotheken wählten die potenziellen Projektteilnehmer aus vorliegenden Patientendaten aus. Einbezogen wurden diejenigen, die seit circa elf Jahren ein oder mehrere Dosieraerosole oder Pulverinhalatoren anwendeten, hingegen keine Nutzer von Verneblern.

Das Durchschnittsalter betrug 61 Jahre. Etwa die Hälfte der Teilnehmer litt an Asthma, ein Viertel an COPD, die anderen waren an Mischformen der beiden Krankheiten erkrankt oder wandten die Arzneimittel gegen sonstige Krankheiten an. 39 Prozent der Teilnehmer benutzten nur ein inhalatives Arzneimittel, etwa 44 Prozent zwei und 17 Prozent drei oder mehr Medikamente.

Die Teilnahme an der Studie war für die Patienten kostenlos und freiwillig. Sie wurden zu einem ersten Beratungsgespräch eingeladen, bei dem sie dem Apotheker eine Inhalation des eigenen Medikaments vorführten. Der Apotheker dokumentierte die individuellen Fehler, demonstrierte die richtige Inhalationstechnik und übte sie mit dem Patienten ein. Dieses Gespräch dauerte durchschnittlich eine Viertelstunde. Etwa vier bis sechs Wochen später kam der Patient zu einem weiteren Beratungsgespräch in die Apotheke und führte erneut eine Inhalation vor. Die Qualität der Durchführung wurde in einem Vorher-Nachher-Vergleich dokumentiert. 

Die VITA-Studie zeigt eindeutig, dass bereits die einmalige Beratung in der Apotheke erfolgreich ist. Vor dem Beratungsgespräch inhalierten 79 Prozent der Patienten nicht korrekt, nach der Beratung machten nur noch 28 Prozent Fehler. Das entspricht einem Rückgang der Fehlanwendungen um 65 Prozent. »Alle Patienten profitieren von einer Nachschulung und lernen, besser mit ihrer Krankheit umzugehen. Die Beratung in der Apotheke ist notwendig und effektiv – nicht nur bei inhalativen Arzneimitteln«, so Magdalene Linz, Präsidentin der Bundesapothekerkammer. 

Häufige Fehlerquellen

Der häufigste Fehler, den die Patienten inder VITA-Studie machten: Sie neigten ihren Kopf bei der Inhalation nicht nach hinten. Durch die Neigung nach hinten begradigen sich jedoch die Atemwege und die Inhalation wird tiefer.

Wer ein Dosieraerosol benutzt, muss unbedingt beachten: Damit die Wirkstoffe in die Lunge gelangen, sollen die Patienten bei Dosieraerosolen langsam und tief einatmen. Direkt im Anschluss sollen sie den Atem etwa zehn Sekunden lang anhalten und dann rasch ausatmen. Bei Pulverinhalatoren sollen sie hingegen nicht langsam, sondern schnell inhalieren, damit die sehr kleinen Pulverpartikel mit dem Atemstrom in die Lunge gelangen. Die korrekte Anwendung eines Pulverinhalators ist zudem von Gerätetyp zu Gerätetyp anders. Beim Hersteller der meisten Pulverinhalatoren können Patienten und auch die Apotheke Placebo-Geräte anfordern, mit denen die Inhalation geübt werden kann. 

Ein Dosieraerosol muss der Patient unmittelbar vor der Inhalation schütteln, damit sich das Treibgas und die Wirkstofflösung mischen. Ungeschüttelt kann es dazu kommen, dass zu wenig Wirkstoff inhaliert wird. Pulverinhalatoren hingegen sind teilweise empfindlich gegen Erschütterungen, sie sollten nicht geschüttelt werden. Wenn das Mundstück nicht regelmäßig gereinigt wird, kann das Ventil verkleben. Weisen Apotheker im Beratungsgespräch den Patienten auf diese leicht vermeidbaren Fehler hin, kann er mit wenig Aufwand seine Inhalationstechnik verbessern. 

Patienten begeistert

Ein neu diagnostizierter Asthmatiker oder COPD-Patient wird normalerweise vom Arzt über die richtige Inhalationstechnik informiert. Dennoch zeigt die Erfahrung, dass sich im Lauf der Jahre Fehler einschleichen. Von einer Schulung in der Apotheke profitieren alle Patienten – unabhängig davon, wie lange sie schon behandelt werden. Das ist für Beratungsgespräche mit älteren Apothekenkunden interessant, denn viele Ältere sind der Meinung, durch ihre jahrelange Erfahrung mit einem Asthmamedikament beherrschten sie die Anwendung perfekt.

Neben der langen Behandlungsdauer gibt es einen weiteren Grund, warum besonders Ältere von einer intensiven Beratung in der Apotheke profitieren: Sie leiden häufiger an schwereren Formen einer Lungenerkrankung und wenden mehrere Arzneimittel gleichzeitig ein. Etwa jeder fünfte Patient zwischen 61 und 80 Jahren braucht drei oder mehr inhalative Arzneimittel. Zum Vergleich: Etwa jeder zweite Patient unter 40 Jahren kommt mit einem einzigen Asthma-Medikament aus.

Die an der Studie beteiligten Patienten nahmen die Effekte der verbesserten Inhalation deutlich wahr, etwa durch eine stärkere Wirkung des Arzneimittels oder durch eine höhere Leistungsfähigkeit. Außerdem benötigten sie weniger häufig schnell wirksame Asthmasprays als Notfallmedikation. Nebenwirkungen wie die Pilzinfektion nach einem Glukokortikoid-haltigen Spray verschwanden. Aufgrund dieser Erfahrungen nahmen die meisten Patienten, die inhalative Arzneimittel anwenden, die Beratung in der Apotheke dankbar an.

 

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
u.sellerberg(at)abda.aponet.de 

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