PTA-Forum online
Apothekenketten

Sieg der Handelskonzerne fraglich

27.02.2008  16:04 Uhr

Apothekenketten

Sieg der Handelskonzerne fraglich

Daniel Rücker, Eschborn

Schlecker, Rossmann oder Rewe schielen auf den Arzneimittelmarkt. Doch selbst wenn das Fremdbesitzverbot tatsächlich fallen würde, ist es noch ein weiter Weg bis zur Schlecker-Apotheke.

Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs über das deutsche Fremdbesitzverbot wird noch einige Zeit auf sich warten lassen. Trotzdem sind die Tageszeitungen voll von Informationen oder Spekulationen darüber, welche Handelskonzerne eine Apothekenkette aufbauen möchten. Immer wieder genannt wird der Drogeriemarkt Schlecker. Er will noch im Februar über eine niederländische Versandapotheke Selbstmedikationsarzneimittel an deutsche Kunden schicken. Der Schlecker-Konkurrent dm-Drogeriemarkt tut dies bereits seit einiger Zeit als Partner der ebenfalls niederländischen Europa-Apotheek. Der dritte im Bunde ist Rossmann. Das Unternehmen verweist bislang allerdings nur von seiner Website auf die Deutsche Internet Apotheke. Dort kann der Kunde dann bestellen. Darüber hinaus sollen auch einige Lebensmittelketten wie Rewe und Edeka über einen Einstieg in den Arzneimittelmarkt nachdenken, sollte das Fremdbesitzverbot fallen. Die genannten Unternehmen geben sich in Stellungnahmen in der Regel recht zurückhaltend und sprechen nur von vagen Plänen.

Sie tun sicher gut daran, sich nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen, denn ob sich die Rahmenbedingungen tatsächlich verändern und in welchem Umfang, ist noch längst nicht ausgemachte Sache. Selbst bei einer möglichen, aber keinesfalls sicheren Entscheidung des EuGH gegen das deutsche Fremdbesitzverbot bleiben zahlreiche weitere Regulierungen im Apothekenmarkt bestehen. 

Als erstes ist hier das Mehrbesitzverbot zu nennen, über das der EuGH in diesem Verfahren nicht entscheidet. Fällt nur das Fremdbesitzverbot dürften Rewe, Schlecker oder Rossmann exakt eine Apotheke betreiben. Daran dürften sie wenig Spaß haben. Allerdings sind sich die Experten weitgehend einig, dass es nach einer Erlaubnis des Fremdbesitzes nur noch eine Frage der Zeit ist, bis auch der Mehrbesitz erlaubt würde. Theoretisch dürften damit Handelskonzerne Ketten betreiben.

Die Frage ist, zu welchen Konditionen. So gibt es zahlreiche weitere Regelungen, die den Betrieb einer Apotheke für die Verbraucher sicher, gleichzeitig aber für den Betreiber teuer machen. So schreibt die Apothekenbetriebsordnung vor, wie groß eine Apotheke mindestens sein muss und welche Ausstattung vonnöten ist. Dazu zählen so kostenintensive Posten wie das Labor. Zurzeit gibt es keinen Hinweis darauf, dass die Bundesregierung ernsthaft darüber nachdenkt, diese Regelungen abzuschaffen, falls der EuGH den Fremdbesitz erlaubt. Im Gegenteil: Das Bundesgesundheitsministerium arbeitet gerade an einer Neufassung der Apothekenbetriebsordnung. Nach Informationen aus dem Ministerium soll es bei Mindestgröße und Laborpflicht bleiben.

Außerdem dürfen apotheken- und rezeptpflichtige Arzneimittel in Deutschland nur in Apotheken verkauft werden. Zumindest bei den rezeptpflichtigen wird sich daran auf absehbare Zeit nichts ändern. Damit wäre es ausgeschlossen, dass die Handelskonzerne in ihren Märkten ein paar Regale ausräumen und dort Aspirin®, Sinupret® oder ein Statin anbieten. Das würde ohnehin gegen das Selbstbedienungsverbot bei diesen Arzneimittelgruppen verstoßen.

Außerdem kommen auf die Handelskonzerne so lästige Kostenfaktoren wie regelmäßige Nacht- und Notdienste, Präsenzpflicht eines Apothekers, die Umsetzung von Rabattverträgen und viele weitere Vorschriften hinzu, die vor allem den Schleckers, Rossmanns und Rewes einen guten Teil des von ihnen so geschätzten Profits gleich wieder wegnehmen.

Natürlich bedeutet das nicht zwangsläufig, dass sich der Handel mit Grausen vom Apothekenmarkt abwendet. Zumindest Celesio/Gehe sind die Rahmenbedingungen ja nicht fremd.

Es wird aber deutlich, warum sich die Unternehmensvertreter in den Medien so zurückhaltend äußern. Vorstellungen, wie sie in manchen Berichten geäußert werden, nach denen Schlecker in allen Filialen Arzneimittel verkaufen will, sind realitätsfern. Selbst diese großen Handelskonzerne müssten angesichts der strengen gesetzlichen Vorgaben über ihre ökonomische Schmerzgrenze hinausgehen, wollten sie aus dem Nichts heraus eine bundesweite Apothekenkette mit einer vierstelligen Zahl von Filialen aufbauen.

Das bedeutet nicht, dass der Apothekenmarkt unverändert bliebe, sollte der EuGH Ende dieses oder Anfang des nächsten Jahres das Fremdbesitzverbot für nicht EU-konform erklären. Natürlich würde sich die Apothekenlandschaft wandeln. Vom Großhandel initiierte Ketten kämen sicherlich schnell. Die branchenfremden Interessenten würden wahrscheinlich versuchen, nach dem Fremdbesitzverbot weitere Regulierungen zu kippen. Das Ausmaß ihres Erfolges dürfte maßgeblich darüber entscheiden, wie schnell sie einen Fuß in den Arzneimittelmarkt bekommen.

Die zentrale Voraussetzung für dieses Szenario bleibt jedoch das Urteil aus Luxemburg. Zurzeit sind unzählige Interessenvertreter unterwegs, die in jedes Mikrofon verkünden, die Entscheidung des EuGH gegen das Fremdbesitzverbot sei längst gefallen. Das ist ungefähr so vertrauenswürdig wie die Behauptung, der Gewinner der Fußball-Europameisterschaft im Juni dieses Jahres stehe bereits fest. Seriöse Experten halten die EuGH-Entscheidung für vollkommen offen.

E-Mail-Adresse des Verfassers:
ruecker(at)govi.de