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Computersucht

Von der Medienkompetenz zur Abhängigkeit

27.02.2008  15:48 Uhr

Computersucht

Von der Medienkompetenz zur Abhängigkeit 

Gudrun Heyn, Berlin

Computer bestimmen heute die Arbeitswelt und dominieren häufig auch die Freizeit vieler Menschen. Zahlreiche Eltern sind stolz, wenn ihre Kinder mit den neuen Medien gut umzugehen wissen. Doch die Gefahr ist groß, von den Parallelwelten abhängig zu werden. Aus dieser Situation finden manche ohne professionelle Hilfe nicht wieder heraus.

Bis zu 9 Prozent der Internetnutzer in Deutschland zeigen bereits suchtartiges Verhalten. Viele Stunden verbringen sie täglich vor dem Computer. Nur noch per Handy, E-Mail oder in den Foren und Chaträumen des Internets treffen sie sich mit ihren Freunden. Selbst die gemeinsamen Mahlzeiten mit der Familie fallen der Sucht zum Opfer. Dabei kann das Verlangen so groß werden, dass sogar der tägliche Gang zur Schule oder zur Arbeit zur Nebensache wird.

Jugendliche spielen in ihrer Computerwelt lieber den Helden. Unter Erwachsenen trifft man eher exzessive Chatter, die sich stundenlang im Chat-Raum mit anderen Nutzern austauschen, oder Menschen, die am Cybersex Gefallen finden. Doch nicht jeder, dem es Spaß macht, scheinbare Abenteuer in Parallelwelten zu erleben und seiner Fantasie freien Lauf zu lassen, ist psychisch krank. »Ein Problem entsteht immer dann, wenn die virtuelle Welt attraktiver wird als das wirkliche Leben«, sagte der Züricher Psychotherapeut Franz Eidenbenz auf der Mediensucht-Konferenz des Gesamtverbandes für Suchtkrankenhilfe und der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz in Berlin.

Reale Welt wird verdrängt

In den Traumwelten des Computers stellen sich Erfolgserlebnisse sehr viel schneller ein als in der Schule oder am Arbeitsplatz. Mit einem Mausklick lassen sich gefährliche Situationen in Sekunden überwinden, mit jedem Lösen von Aufgaben Glücksgefühle erzeugen. Frustrationen, Unsicherheiten und Ängste aus der realen Welt werden so schnell verdrängt. Außerdem ist es sehr viel attraktiver und verführerischer, mit einer Maus Elfen, nackte Schönheiten oder kraftstrotzende Mons-ter zu steuern, als sein Zimmer gründlich aufzuräumen. 

Oft geschieht der Einstieg in die Parallelwelt langsam und schleichend. Vor allem Rollenspiele im Internet fördern ausschweifendes Computerspielverhalten. Fachleute bezeichnen solche Spiele auch als MMORPGs (Massen-Mehrspieler-Online-Rollenspiele, engl: Massive Multiplayer Online Role Play Games). Zu ihnen gehören World of Warcraft oder EveOne. Rund um die Uhr kann man die Spielplattformen betreten und gemeinsam mit Tausenden anderer Internetnutzer in fantastischen Umgebungen das Böse bekämpfen. Zur Belohnung erhält jeder Spieler mehr Fähigkeiten oder darf in ein höheres Spiel-Level aufsteigen. Desto mehr Zeit er investiert, desto größer ist sein Erfolg. 

Die Suchtgefahr steigt nicht zuletzt auch deshalb, weil das Prestige innerhalb der Spielergemeinschaft (Gilde) stetig zunimmt. Einige dieser Programme zielen sogar bewusst auf die Kooperation ihrer zahlenden Mitglieder, denn bestimmte Aufgaben lassen sich nur dann meistern, wenn mehrere Spieler einer Gilde über das Internet zusammenarbeiten. So mancher Cyberweltenbewohner stellt daher den Wecker, um sich nachts mit anderen zu treffen. 

Süchtige steigern die Dosis

Die Abhängigkeit zeigt sich dann in Symptomen, die man auch von Drogen- oder Alkoholsüchtigen kennt. So braucht ein exzessiver Spieler immer mehr Zeit, um die angestrebte positive Stimmung zu erreichen. Außerdem scheitert jeder gute Vorsatz, weniger Stunden vor dem PC zu verbringen. 14 bis 18 Stunden sind keine Seltenheit, die Betroffene über Monate täglich vor ihrem Rechner sitzen. Erhebliche Leistungseinbußen in der Schule oder bei der Arbeit sind die Folge. Exzessive Computernutzer und deren Angehörige berichten zudem von Entzugserscheinungen wie Zittern, Schweißausbrüchen, Nervosität, großer Unruhe oder aggressivem Verhalten. Selbst mittels moderner Bildgebung lässt sich zeigen, dass das Gehirn von Mediensüchtigen deutlich anders auf entsprechende Reize reagiert als das von Kontrollpersonen. 

Dennoch gibt es in Deutschland bislang noch keine eigenständige Definition für exzessiven Medienkonsum in den Klassifikationssystemen psychischer Störungen. In der Folge haben es Kliniken, niedergelassene Praxen und Suchthilfeeinrichtungen immer noch schwer, ihre Leistungen mit gesetzlichen oder privaten Krankenkassen abzurechnen. Aufgrund der fehlenden allgemein anerkannten Diagnosekriterien ist außerdem so mancher Arzt nicht in der Lage, das Krankheitsbild richtig einzuordnen. Einige Patienten haben daher einen jahrelangen Leidensweg hinter sich, bevor die richtige Diagnose gestellt und ihnen geholfen wirden. So berichtete Professor Dr. Manfred Beutel vom Universitätsklinikum Mainz von einem 16-jährigen Schüler, der über Jahre wegen seiner Kopfschmerzen von Arzt zu Arzt geschickt wurde. Sogar am Schulunterricht konnte er lange Zeit nicht mehr teilnehmen, bis ein Psychiater auf seine ausschweifenden Computersitzungen aufmerksam wurde. Mit dem Rechnerverbot verschwanden auch die Kopfschmerzen. 

Kontrollierten Umgang lernen

Doch ein Totalverbot ist für viele Nutzer keine praktikable Lösung. In den meisten modernen Berufen setzt man heute voraus, dass Bewerber mit Handy und Computer gut umgehen können. Weltweit gehören schnelle Kommunikation und rasche Informationsgewinnung inzwischen zum Alltag. Teil der Therapie ist es daher, den Patienten einen kontrollierten Umgang mit den neuen Medien beizubringen. Außerdem versuchen Psychologen oder Psychiater zu ergründen, welche Defizite dem Suchtverhalten zugunde liegen, denn bis zu 70 Prozent der Mediensüchtigen leiden unter Depressionen, sozialen Phobien oder Selbstwertstörungen. Auf Internetsites wie www.onlinesucht.de können sich Interessierte ausführlich über die Mediensucht informieren. Hilfe für Abhängige und ihre Angehörigen bietet zudem die Suchtforschungsgruppe der Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz, montags bis freitags von 12 bis 17 Uhr unter der Telefonnummer 01801 529529. Auch Menschen, die wissen wollen, ob sie gefährdet sind, können die Telefonberatung der Experten in Anspruch nehmen.

 

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