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Medical Wellness

Vorsorge mit Wohlfühleffekt

27.02.2008  15:35 Uhr

Medical Wellness

Vorsorge mit Wohlfühleffekt 

Gudrun Heyn, Berlin

Medical Wellness ist mehr als nur ein neuer Trend. Ausgewogene Ernährung, Bewegung, Wohlfühlen und Entspannen könnten in Zukunft zum wesentlichen Bestandteil eines neuen Gesundheits-konzepts werden, in dessen Mittelpunkt die Vorsorge steht. 

Hotelprospekte, die nicht mit einem besonderen Wellnessangebot werben, gibt es kaum noch. Dasselbe gilt für Reiseveranstalter. Geboten werden Verwöhnprogramme, Saunalandschaften mit Whirlpool, spezielle Duftoasen und meist auch ein luxuriöses Ambiente. Doch die Besitzer eines Hotels oder Betreiber eines Spa wollen meist nur die Grundstimmung derjenigen nutzen, die sich in ihrer Freizeit mehr für ihre Gesundheit engagieren möchten und auch bereit sind, dafür ihr privates Geld zu investieren. Der Gedanke der Medical Wellness ist dagegen etwas völlig anderes, so die Veranstalter des zweiten Medical-Wellness-Kongresses im Januar in der Messe Berlin.

Eigenverantwortung fördern

Was ist unter Medical Wellness zu verstehen? Das Thema des diesjährigen Kongresses lautete: »Ernährung, Bewegung, Entspannung – besser Leben durch Medical Wellness?« Die Veranstalter wollen die Eigenverantwortung der Menschen für ihre Gesundheit fördern sowie zum gesundheitsbewussten Lebensstil motivieren. Das Konzept beinhalte wissenschaftlich begleitete Maßnahmen zur nachhaltigen Verbesserung der Lebensqualität und des subjektiven Gesundheitsempfindens, so Dr. Thomas Wessinghage, ärztlicher Direktor des Medical Park Bad Wiessee. Hinter der sperrigen Definition verbergen sich Maßnahmen und Angebote mit einem wissenschaftlich nachgewiesenen Effekt auf die Gesundheit. Doch trotz Anlehnung an die evidenzbasierte Medizin richten sich alle Maßnahmen immer an gesunde Gäste und nicht an Patienten. Nach dem Prinzip: Jeder soll mit Spaß und Genuss etwas für die eigene Gesundheit tun, bietet Medical Wellness sehr unterschiedliche Angebote zur Vorsorge, die alle Bereiche eines gesunden Lebens umfassen. Wie das Motto des Kongresses deutlich macht, stehen dabei vor allem Bewegung, Ernährung und Entspannung im Mittelpunkt. 

»In Deutschland haben wir ein Gesundheitswesen, in dem viel zu wenig auf Prävention gesetzt wird«, sagte der Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit Dr. Klaus Theo Schröder auf dem Kongress. So ergaben neueste Studien schon bei den Jüngsten einen erheblichen Bewegungsmangel und eine massive Fehlernährung: 20 Prozent der Kinder sind übergewichtig, bis zu 8 Prozent adipös. Doch auch die Erwachsenen werden immer dicker, inzwischen gilt jeder fünfte als adipös. Zunehmend steigt daher in der Bevölkerung das Risiko für Folgeerkrankungen des Übergewichts und der Fehlernährung wie Diabetes mellitus Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder gefäßbedingte Demenz. 

Für die in diesem Jahrhundert geborenen Kinder könnte dies sogar bedeuten, dass ihre Lebenserwartung unter der ihrer Eltern oder Großeltern liegt. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine neue amerikanische Studie. Ihre Prognose: Die Anfang dieses Jahrhunderts Geborenen müssten mit einer deutlich verkürzten Lebensspanne rechnen. 

Kostensteigerung erwartet

Nach Schätzungen sollen aktuell in der Bundesrepublik für die Behandlung zivilisationsbedingte Krankheiten 75 Milliarden Euro pro Jahr ausgegeben werden, im Jahr 2020 sollen es laut Hochrechnungen 450 Milliarden Euro sein. »Dies ist für das deutsche Gesundheitssystem kaum zu schultern«, sagte Dr. Johannes Vöcking, Vorstandsvorsitzender der Barmer Ersatzkasse. Wie viele andere gesetzliche Krankenkassen setzt daher auch die Barmer verstärkt auf die Gesundheitsvorsorge. »Um rund acht Beitragssatzpunkte könnten die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung gesenkt werden, wenn die Versicherten mehr Prävention betrieben«, so Vöcking. Obwohl derzeit per Gesetz die Patienten individuelle Vorsorgeleistungen selbst zahlen müssen, sucht die Barmer nun nach Wegen, sich auf diesem Gebiet stärker zu engagieren.

Bewusstsein wächst

Die Referenten des Kongresses waren sich einig, dass sich das Bewusstsein der deutschen Bevölkerung wandelt und immer mehr Bundesbürger erkennen, wie wichtig ein gesunder und nachhaltiger Lebensstil ist. Rund 40 Prozent befürworten die Lebenseinstellung, die Marketingstrategen als LOHAS (Lifestyle of health and sustainability) bezeichnen. 

Auf den boomenden Wellnessmarkt reagieren viele Anbieter schon jetzt mit ausgefallenen Ideen. So gibt es etwa im flachen Mecklenburg-Vorpommern für Urlauber ein Hotel (Hotel Bornmühle), in dem der Gast ein Höhentraining absolvieren kann, wie ein Sportler im hochgelegenen Mexiko. Derzeit einzigartig in Europa lässt sich in dem Fitnessraum, aber auch in einzelnen Hotelzimmern stufenlos die Sauerstoffsättigung der Luft einstellen und damit jede beliebige und gewünschte Höhenlage simulieren. 

Bereits auf 2500 Metern Höhe schlägt das Herz eines Gesunden sechs- bis zehnmal mehr pro Minute. So wird das Herz auch bei einer niedrigen Belastung von Knochen und Muskeln im Training voll gefordert. Um den geringeren Sauerstoffgehalt der Luft auszugleichen, produziert der Körper zudem mehr rote Blutkörperchen. Davon profitieren Menschen mit Bluthochdruck ebenso wie Reisende, die sich auf die Besteigung des Kilimandscharo vorbereiten wollen, oder Hochleistungssportler vor ihrer Abreise zu den Olympischen Spielen. 

Aber nicht die Hochtechnologie macht Wellness zur Medical Wellness. In der Regel kann jeder durch sehr viel einfachere Mittel seine Gesundheit sinnvoll erhalten oder fördern. Beispielsweise bieten viele Fitnesscenter ihren neuen Gästen vor Trainingsbeginn einen ärztlichen Eingangscheck an, gute Einrichtungen kontrollieren den Gesundheitszustand – falls gewünscht – zudem immer wieder zwischendurch. In enger Zusammenarbeit mit den Fitnesstrainern können die Ärzte dann ein Training empfehlen, das für den Einzelnen individuell angepasst ist. 

Qualitätsstandards geplant

Angesichts der Flut von Wellness-Angeboten fällt es allerdings oft nicht leicht, qualitativ hochwertige von unseriösen Offerten zu unterscheiden. Um den Versicherten diese Beurteilung zu erleichtern, entwickelt die Barmer Ersatzkasse gemeinsam mit dem TÜV-Rheinland derzeit Qualitätsstandards für gute Medical-Wellness-Leistungen und -Produkte.

Doch ein Hotelaufenthalt oder ein Abonnement im Fitnesscenter kosten Geld, und es fehlt an Konzepten, wie man sinnvolle Maßnahmen auch Menschen mit geringem Einkommen oder Sozialhilfeempfängern verfügbar machen kann.

 

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
gheyn(at)gmx.de