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Diabetes

Wundermittel Insulin

27.02.2008  10:12 Uhr

Diabetes

Wundermittel Insulin

Sven Siebenand, Frankfurt am Main

»Diabetes ist eine rätselhafte Erkrankung«, schrieb bereits im Jahr 100 nach Christus der griechische Arzt Aretaios von Kappadokien. Aber erst seitdem Patienten mit Insulin behandelt werden können, ist die Diagnose »zuckerkrank« kein Todesurteil mehr. Anfang 1922 rettete das Hormon zum ersten Mal einem Menschen das Leben.

Insgesamt sieben Wunder in Zusammenhang mit dem Bauchspeicheldrüsenhormon Insulin schilderte Professor Dr. Hellmut Mehnert im Verlaufe seines Vortrags auf einer Presseveranstaltung des Unternehmens Sanofi-Aventis in Frankfurt-Höchst. Erstes Wunder war die bahnbrechende Entdeckung der kanadischen Wissenschaftler Frederick Grant Banting und Charles Best im Jahre 1921. Aus der Bauchspeicheldrüse eines Hundes isolierten sie einen Stoff, mit dem sie kurz darauf ein an Diabetes erkranktes Tier erfolgreich behandelten – Insulin. Um das Hormon beim Menschen einzusetzen, musste es in größeren Mengen verfügbar sein. Die Forscher beschafften sich daher große Mengen Bauchspeicheldrüsengewebe von Schlachttieren und entwickelten zusammen mit einem Biochemiker ein neues Extraktionsverfahren, das eine besonders reine Form des Hormons ergeben sollte.

Das zweite Wunder, so Mehnert, ist die Tatsache, dass es nur fünf Monate bis zur ersten Insulin-Behandlung am Menschen dauerte. Anfang 1922 rettete das Hormon dem kleinen Leonard Thompson das Leben. Der Junge war nach der damals üblichen Hungerkur für Diabetiker bis auf die Knochen abgemagert und ins diabetische Koma gefallen. Ohne die Insulininjektion hätte er nur noch wenige Tage gelebt. 

Kurze Zeit später kam auch in Deutschland das erste Insulinpräparat, Insulin Hoechst, auf den Markt. Am 31. Oktober 1923 berichtete die Pharmazeutische Zeitung über die Einführung des Mittels.

Insulin aus Bakterien und Hefen

»Das dritte Wunder stellt die Entwicklung von Depot-Insulinen dar«, informierte der Mediziner. Wunder vier und fünf revolutionierten die Insulin-Therapie erneut. Dem Chemiker Frederick Sanger war es in den 1950er-Jahren gelungen, die chemische Struktur des Insulins zu entschlüsseln. Aufgrund seiner Forschungsarbeit wurde es möglich, Insulin synthetisch herzustellen. Ende der 1970er-Jahre entwickelten Forscher dann ein Verfahren zur biotechnologischen Synthese von Humaninsulin aus Escherichia-coli-Bakterien. Auch die gentechnische Insulinherstellung in Zellkulturen verschiedener Hefen gelang. Diese biotechnologischen Fortschritte machten die Insulinproduktion unabhängig von Bauchspeicheldrüsen aus Schlachttieren. Ein Glück: Denn Studien sagten voraus, dass der weltweiteInsulinbedarf auf dem bisherigen »Schlachthof-Weg« bis zum Jahr 2000 nicht mehr zu decken sein würde.

Gentechnische Produktion

Die Entwicklung der Insulin-Analoga bezeichnete Mehnert als das sechste Wunder. Durch wenige Änderungen in der Aminosäuresequenz entwickelten die Wissenschaftler Insuline, die monomer vorliegen und daher sehr schnell wirken. Gelungen ist das bei den Insulin-Analoga Insulinglulisin (Apidra®), Insulinaspart (NovoRapid®) und Insulinlispro (wie Humalog®). Als lang wirksame Analoga entstanden Insulinglargin (Lantus®) und Insulindetemir (Levemir®). 

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist der Anteil der Patienten, die Analoga spritzen, in Deutschland deutlich unterrepräsentiert. Mehnert informierte, dass noch etwa zwei Drittel der Diabetiker hierzulande Humaninsulin injizieren.

Seit der Entdeckung des Insulins hat dessen Bedeutung nicht abgenommen. Im Gegenteil: Sie hat zugenommen. Für Mehnert ein weiteres Wunder. »Insulin ist das Wundermittel Nummer eins in der Diabetes-Behandlung«, fasste der Mediziner zusammen.

 

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