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Ernährung für Senioren

Gut würzen und reichlich trinken

22.02.2010  12:49 Uhr

Ernährung für Gut würzen und reichlich trinken

von Ursula Sellerberg

Damit der Mensch »fit bis ins hohe Alter« bleibt, muss er auch Wert auf seine Ernährung legen. Nur qualitativ hochwertige und bedarfsorientierte Lebensmittel tragen dazu bei, dass Ältere ausreichend mit Nährstoffen versorgt sind und nicht über- oder untergewichtig werden.

Nach Ratschlägen zum Thema Ernährung im Alter erkundigen sich Senioren unter anderem in der Apotheke. Auch pflegende Angehörige oder Pflegekräfte fragen bei PTA oder Apotheker nach. Grundsätzlich gelten für Senioren die gleichen Ernährungsempfehlungen wie für jüngere Erwachsene. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat dazu zehn Regeln aufgestellt (siehe Kasten). Wer sie beachtet, ist optimal ernährt. 

Zehn Regeln der DGE

Vielseitige Kost, das heißt eine angemessene Kombination aus nährstoffreichen und energiearmen Lebensmitteln:

  • Reichlich Getreideprodukte und Kartoffeln 
  • Viel frisches Gemüse und Obst 
  • Täglich Milch und Milchprodukte, ein- bis zweimal in der Woche Fisch 
  • Fleisch, Wurstwaren sowie Eier in Maßen 
  • Wenig Fett und fettreiche Lebensmittel 
  • Zucker und Salz in Maßen 
  • Viel trinken 
  • Essen schmackhaft und schonend zubereiten 
  • Langsam essen
  • Auf das Gewicht achten und in Bewegung bleiben

Ein anderes Phänomen ist für das Alter typisch. Während der Nährstoffbedarf weitgehend gleich bleibt, sinkt der Energiebedarf immer mehr ab. Ursache dafür ist der Verlust an Skelettmuskulatur, weil sich ältere Menschen meist weniger bewegen und häufig unausgewogen ernähren. Da die Muskulatur jedoch der größte »Energieabnehmer« ist, sinkt mit Abnahme der Muskelmasse auch der Grundumsatz. Über 60-Jährige verbrauchen deshalb im Durchschnitt weniger Energie als 20-Jährige. Zur Orientierung: Frauen über 65 Jahre mit mittlerer körperlicher Aktivität benötigen am Tag durchschnittlich circa 1800 kcal, Männer im selben Alter 2300 kcal.

Wie immer bestätigen Ausnahmen die Regel. Bleibt jemand im Alter körperlich sehr aktiv und hält seine Muskelmasse konstant, sinkt sein Energiebedarf nicht. Auch erhöhen bestimmte chronische Erkrankungen wie COPD, Dekubitus oder Rheuma den Grundumsatz. 

Kalorienbedarf sinkt

Die meisten Senioren müssen mit den Jahren immer kalorienärmer essen, um nicht übermäßig zuzunehmen. Dagegen bleibt ihr Bedarf an essentiellen Nährstoffen erhalten. Um beidem gerecht zu werden, müssen ältere Menschen Lebensmittel mit einer hohen Nährstoffdichte auswählen, das heißt: Diese müssen besonders reich an Vitaminen, Mineralstoffen, ungesättigten Fettsäuren und anderen wichtigen Nährstoffen und gleichzeitig möglichst kalorienarm sein. Des Weiteren müssen ältere Menschen die Lebensmittel schonend zubereiten, damit die Vitamine erhalten bleiben. Am besten verarbeiten sie alles möglichst frisch, dünsten Gemüse nur kurz in wenig Wasser und halten Speisen nicht zu lange warm.

Abnehmen müssen nur stark übergewichtige Senioren, wobei die Kalorienaufnahme nie 1200 kcal pro Tag unterschreiten soll, damit der Bedarf an Eiweiß und Spurenelementen gedeckt bleibt. Früher mussten Patienten mit Magen- oder Gallebeschwerden eine Schonkost einhalten, das ist heute obsolet. Sie können alles essen, was sie vertragen. 

Abgesehen vom abnehmenden Grundumsatz verändern sich beim Altern noch viele weitere Prozesse im Körper, auch mit Folgen für die Ernährung. Zum Beispiel lässt sich folgendes beobachten: 

  • Die Nieren scheiden Stoffwechselprodukte langsamer aus und sie resorbieren weniger Wasser zurück. 
  • Die Magenschleimhaut bildet weniger Säure, Pepsin und Intrinsic-Faktor, was die Verdauung im Magen beeinträchtigt, aber auch die Vitamin-B12-Aufnahme und damit die Blutbildung.
  • Viele ältere Menschen nehmen zu wenig Ballaststoffe zu sich, was eine Verstopfung begünstigt.
  • Weil Regulationsmechanismen im Gehirn und die Geschmacks- und Geruchsnerven nachlassen, empfinden ältere Menschen weniger Durst, Hunger oder Sättigung.
  • Fehlende oder schmerzende Zähne, Zahnfleischentzündungen, nicht richtig angepasste Zahnprothesen oder Folgen eines Schlaganfalls oder einer Parkinsonlähmung: Das löst Probleme beim Kauen und Schlucken aus. In der Konsequenz essen Betroffene nicht genug.
  • Schmerzen und psychische Probleme, etwa Trauer oder soziale Isolation, mindern den Appetit, ebenso wie einige Krankheiten, zum Beispiel Demenz oder Depressionen.

 

Nicht immer fällt es der Umgebung sofort auf, wenn ein alternder Mensch langsam an Gewicht verliert. Gerade wer jemanden täglich sieht, bemerkt oft nicht, dass der andere peu à peu abmagert. Ein Tipp zur Vorbeugung: Jeder ältere Mensch sollte sich einmal pro Woche wiegen oder gewogen werden. 

Wer zur Gewichtskontrolle den Body-Mass-Index (BMI) zugrunde legt, muss wissen: Für ältere Menschen gelten andere Grenzen als für jüngere. Der wünschenswerte BMI liegt für ältere zwischen 25 bis 29, für jüngere Erwachsene zwischen 20 bis 25.

Das Risiko für Untergewicht nimmt im Alter deutlich zu. Etwa jede 10. Frau und jeder 30. Mann über 65 Jahren sind untergewichtig. 40 Prozent der über 85-jährigen Frauen, die zu Hause leben, haben einen BMI von unter 24. Obwohl Werte zwischen 20 und 24 gesundheitlich unbedenklich sind, kann sich das Blatt rasch wenden, sobald die ältere Frau oder der Mann ernsthaft erkrankt. 

Mangelernährung unterschätzt

In Deutschland sind derzeit schätzungsweise 1,6 Millionen Menschen mangelernährt, die meisten davon sind Senioren. Die ErnSTES-Studie aus dem Jahr 2009 zeigte, dass durchschnittlich 11 Prozent der Bewohner von Alten- und Pflegeheimen mangelernährt sind. Bei weiteren 50 Prozent bestand die Gefahr einer Mangelernährung, denn mehr als die Hälfte der Senioren nimmt mit der Nahrung zu wenig Energie auf. Auch Armut im Alter kann dazu führen, dass  Menschen sich schlecht ernähren.

Mit unterschiedlichen Screening- und Messmethoden lässt  eine Mangelernährung aufdecken. Ein einfacher Test, auch für die Apotheke, ist der Mini-MNA-Test .

Mangelernährung erkennen

Der Mini-MNA-Test hilft bei der Einschätzung des Ernährungszustands eines Menschen. MNA ist die Abkürzung für Minimal Nutritional Assessment. Darunter verstehen Profis ein aufwändiges Screeningverfahren, mit dem sie routinemäßig den Ernährungszustand älterer Menschen beurteilen können. Der Mini-MNA-Test gibt nur eine Vorabeinschätzung und einen Hinweis darauf, ob anschließend ein Arzt den Ernährungszustand genauer überprüfen sollte.

Kriterien Antworten Punkte
Hat der Patient einen während der letzten drei Monate wegen Appetitverlust, Verdauungsproblemen, Schwierigkeiten beim Kauen oder Schlucken weniger gegessen = Anorexie schwere Anorexie
leichte Anorexie 1
keine Anorexie 2
Gewichtsverlust in den letzten drei Monaten von über 3 kg
weiß es nicht 1
von 1 bis 3 kg 2
kein Gewichtsverlust 3
Mobilität/Beweglichkeit nur noch von Bett zu Stuhl
in der Wohnung mobil 1
verlässt die Wohung 2
Akute Krankheiten oder psychischer Stress während der letzten drei Monate ja
nein 2
Psychische Situation schwere Demenz oder Depression
leichte Demenz oder Depression 1
keine Probleme 2
Body Mass Index (BMI) unter 19
von 19 bis unter 21 1
von 21 bis unter 23 2
über 23 3
Gesamtpunktzahl

Auswertung

  • 12 bis 14 Punkte: normaler Ernährungszustand
  • unter 12 Punkten: Gefahr der Mangelernährung, Untersuchung des Ernährungszustands durch einen Arzt erforderlich

Mangelernährung entwickelt sich schleichend über Monate und Jahre hinweg. Isst ein Mensch zu wenig Eiweiß oder zu viele Lebensmittel mit leeren Kalorien, baut sein Körper Muskelmasse ab. Das schwächt und schränkt die Aktivität weiter ein. Ein Teufelskreis kommt in Gang: Der alte Mensch geht nicht mehr gerne vor die Tür, auch nicht zum Einkaufen. Der Appetit lässt nach, weil die Bewegung fehlt. Ein weiterer Verlust von Muskelmasse stellt sich ein. Schließlich verschlechtert sich die Lebensqualität dramatisch.

Körperliche Anzeichen einer Mangelernährung sind unter anderem: ein eingefallenes Gesicht, hervorstehende Knochen und knochige Hände. Da die Muskelkraft nachlässt, stürzen mangelernährte Menschen leichter. Zudem arbeitet ihre Immunabwehr schlechter, und Wunden oder Knochenbrüche heilen langsamer.

Mangelernährte Menschen können ihre Ernährung verbessern, indem sie zusätzlich pro Tag ein bis zwei bilanzierte Trinknahrungen als Zwischen- oder Nachtmahlzeit zu sich nehmen. Der Arzt kann diese Konzentrate im Rahmen einer Ernährungstherapie zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnen. Reicht diese Zusatzkost nicht aus, muss der behandelnde Arzt eine künstliche Ernährung in Erwägung ziehen, zum Beispiel über eine Magensonde. 

Der Durst vergeht

Ältere Menschen haben kaum noch Durst und können deshalb leicht austrocknen. Anzeichen dafür sind Mundtrockenheit, Brennen im Mund, Verstopfung, dunkler Urin oder Verwirrtheit. Um dem vorzubeugen, sollten ältere Menschen immer mehr trinken, als sie eigentlich möchten, das heißt zu jeder Mahlzeit und regelmäßig zwischendurch. Außerdem sollten sie flüssigkeitsreiche Mahlzeiten wie Suppen essen. Kaffee und schwarzer Tee sind übrigens genauso effektive Flüssigkeitsspender wie Mineralwasser und Saft. 

Ältere Menschen überschätzen meist, wie viel Flüssigkeit sie über den Tag verteilt trinken. Ein Trinkprotokoll hilft, die tägliche Flüssigkeitszufuhr zu kontrollieren, einfach für jedes Glas oder jede Tasse einen Strich machen. Regelmäßiges Trinken trainiert auch das Durstgefühl. Außerdem nützen Rituale, sich ans Trinken zu erinnern, zum Beispiel beim abendlichen Fernsehen eine Flasche Mineralwasser leeren. Niemand sollte Senioren moderate Mengen alkoholhaltiger Getränke verbieten. Diese fördern zudem oft den Appetit.

Ein Mangel an Vitaminen und Mineralien entwickelt sich oft über lange Zeit und ist viel weniger offensichtlich als der Mangel an Makronährstoffen und Kalorien. Vor allem bei folgenden Mineralstoffen ist die ausreichende Versorgung wichtig: Eisen, Zink, Iod, Magnesium, Calcium und Selen. Außerdem kann bei Vitaminen die Versorgung im Alter kritisch werden, so bei Folsäure. Vitamin B12 und anderen Vitaminen des B-Komplexes. Zu wenig Folsäure in der Ernährung erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten und für Gedächtnisstörungen. Die DGE empfiehlt täglich 400 mg Folsäure. Das Vitamin ist vor allem in grünem Blattgemüse, verschiedenen Kohlarten, Spargel, Tomaten, Erbsen, Bohnen, Getreide und Nüssen enthalten.

Um dem Knochenabbau entgegenzuwirken, ist die ausreichende Versorgung mit Calcium und Vitamin D nötig. Täglich sollten Senioren 1000 mg Calcium über die Nahrung zuführen. Viel Calcium liefern Milch, Käse, calciumreiches Mineralwasser oder mit Calcium angereicherte Fruchtsäfte. Außerdem nimmt im Alter die Fähigkeit zur Vitamin-D-Produktion ab, das mittels UV-Licht in der Haut gebildet wird. Manche Senioren verlassen zu selten ihre gewohnten vier Wände, andere sind so immobil, dass sie sich nur noch in der Wohnung oder sogar im Bett aufhalten. Die Nahrung kann die empfohlene Vitamin-D-Zufuhr von 10 mg pro Tag oft nicht ausgleichen. Die besten Vitamin-D-Quellen sind Lebertran, fetter Fisch, Eier, Leber und Milchprodukte. 

Wenn der Nährstoffbedarf nicht mehr über die Ernährung zu decken ist, sollten PTA oder Apotheker ein entsprechendes Präparat zur Substitution empfehlen. Oft sind auch Kombinationspräparate aus Vitaminen und Mineralstoffen sinnvoll.

Die Beratung über die gesunde Ernährung im Alter ist ein besonders wichtiges Thema für die Apotheken, da die meisten Patienten oder Kunden älter als 50 Jahre sind. Dieses Klientel wird das Ernährungswissen der PTA schätzen – und mit den guten Tipps hoffentlich noch lange fit bleiben.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
u.sellerberg(at)abda.aponet.de