PTA-Forum online
Kaffee

Weit mehr als braune Bohnen

23.02.2010  11:16 Uhr

Kaffee

Weit mehr als braune Bohnen

von Karl Enk

Weltweit schätzen Menschen aller Kulturen den Kaffeeals belebendes Getränk. Er wird hauptsächlich aus gerösteten »Bohnen« von Coffea arabica L. hergestellt. Der mehrjährige Kaffeestrauch stammt wahrscheinlich aus Äthiopien, wird aber heute in vielen tropischen Ländern angebaut und gehört dort zu den wichtigsten Einnahmequellen des Agrarsektors.

Schon weit vor dem Jahr 1000 kannten die Bewohner der tropischen Regionen Afrikas die anregende Wirkung des Kaffees. Während sie zunächst die Bohnen kauten, wurde ab dem 13. Jahrhundert Kaffee als Getränk zubereitet. Vor allem im islamischen Raum tranken die Menschen Kaffee, beispielsweise um bei mystischen Feiern leichter nächtelang durchtanzen zu können. Wandernde Derwische haben daher stark zur Verbreitung des Kaffees beigetragen. 

Noch heute pflegen die islamisch geprägten Kulturen im Orient und in der Türkei das Kaffeetrinken als besonderes Ritual. Auch in Europa hat die belebende Wirkung des Kaffees Geschichte geschrieben: 1675 wurde schon am Hof von Friedrich Wilhelm I. in Berlin Kaffee getrunken, in Hamburg entstand im Jahr 1687 ein Kaffeehaus, in Leipzig 1694. Die beiden Komponisten Georg Philipp Telemann und Johann Sebastian Bach waren Deutschlands erste »Kaffeehaus-Musiker«. Die Kaffeekantate von Bach ist der Höhepunkt der sächsischen Kaffeemusiken und gehört zum Weltmusikerbe. 

Bis heute geht der Status des Kaffees weit über den reinen Konsum eines Getränkes hinaus, beispielsweise in der Kaffeehaus-Tradition in Wien. Trotz starker Konkurrenz durch den Tee behauptet sich der Kaffee nach wie vor als meistverwendetes Getränk mit anregender Wirkung.

Weiße Blüten, rote Früchte

Der Kaffeestrauch gehört zur Familie der Rubiaceae, einer großen Pflanzenfamilie, zu der in Europa unter anderem der Waldmeister zählt. Viele tropische Rubiaceen enthalten pharmakologisch wirksame Substanzen, zum Beispiel Alkaloide. Der immergrüne kleine Kaffeebaum oder -strauch erreicht Höhen von vier bis sieben Metern, in Kulturen wird er allerdings wegen der leichteren Ernte kleiner gehalten. Seine glänzenden Blätter verbleiben bis zu drei Jahre am Strauch. Er treibt das ganze Jahr über weiße, duftende Blüten, die charakteristisch in Bündeln von 10 bis 15 zusammen in den Blattachseln sitzen.

Wegen ihrer leuchtend roten Farbe werden die reifen Früchte auch als Kaffeekirschen bezeichnet. Unter einer dicken Fruchtschale enthalten sie zwei Samen. Nach der Ernte werden die Früchte zunächst an der Sonne getrocknet und danach von der Schale befreit. Die trockenen Samen sind sehr lange haltbar. Aber erst nach dem Rösten der Samen entsteht das charakteristische Kaffee-Aroma.

Stimulans für lange Zeremonien

Die grünen Samen des Kaffeestrauchs enthalten größere Mengen an Purinalkaloiden, neben 0,58 bis 1,7 Prozent Coffein in geringeren Konzentrationen auch Theobromin, Theophyllin, Theacrin, 5,5 bis 7,6 Prozent Chlorogensäure sowie 16 Prozent Kaffeeöl mit Diterpenalkoholen. Ein Teil des Coffeins ist an Chlorogensäure gebunden. Eine häufige Nebenwirkung des Kaffees, das Sodbrennen, wird durch Chlorogensäure hervorgerufen.

Beim Röstvorgang entstehen neue Stoffe, die für die dunkle Farbe und das charakteristische Aroma verantwortlich sind. Das Coffein wird beim Röstvorgang erstaunlicherweise kaum zerstört. 

Die frühe Verwendung von Kaffee als Stimulans, speziell bei lang andauernden rituellen Handlungen, kann durchaus als medizinische Anwendung gelten, nutzten die Menschen damit bereits die psychoaktive Potenz der Pflanze. Der belebende Effekt des Kaffees ist vor allem durch das enthaltene Coffein bedingt.

Inzwischen haben Wissenschaftler die Wirkung des Coffeins im Körper gut erforscht: Die Effekte werden durch die kompetitive Hemmung von Adenosinrezeptoren erklärt. Coffein steigert die Kontraktionskraft des Herzens, wirkt also positiv inotrop, und verringert gleichzeitig in niedrigen Dosierungen die Schlagfrequenz, wirkt also negativ chronotrop. Dadurch wird die Auswurfleistung des Herzens gefördert. Allerdings führen höhere Dosierungen zur schnelleren Schlagfrequenz des Herzens und verstärkter Schweißbildung. Auch steigert Coffein die Diurese und erweitert die Blutgefäße – außer im Gehirn.

Coffein wird schnell im Darm resorbiert und erreicht nach etwa 30 Minuten die maximale Konzentration im Blut. Die Wirkung lässt meist nach circa zwei Stunden nach, wobei es starke individuelle Schwankungen gibt. Coffein passiert schnell die Blut-Hirn-Schranke sowie die Plazenta-Schranke und geht in die Muttermilch über. 

Im Gehirn steigert Coffein die geistige Leistungs- und Aufnahmefähigkeit und verringert die Müdigkeit. Daher wird Coffein zu Recht zu den psychoaktiven Substanzen gezählt. Übermäßiger Kaffeegenuss kann zu psychischer und physischer Abhängigkeit führen. Zu den Entzugssymptomen gehören unter anderem Kopfschmerzen und Schlafstörungen. 

Als Tablette oder in der Tasse

In Tablettenform ist Coffein für die Indikation »Kurzfristige Beseitigung von Ermüdungserscheinungen« im Handel. Die Dosierung pro Tablette beträgt 200 mg (wie in Coffeinum N 0,2 g von Mylan Dura). Da 200 mg die Herzfrequenz steigern können, enthält der Beipackzettel verschiedene Warnhinweise, zum Beispiel: Vorsicht bei Tachykardien und Herzarrhythmien. Zum Vergleich: Eine Tasse Kaffee enthält zwischen 80 und 160 mg Coffein. Fünf Tassen über den Tag verteilt getrunken, liefern also 400 bis 800 mg. Circa 500 mg sehen Toxikologen für gesunde, an den Kaffeegenuss gewöhnte Erwachsene als unbedenklich an.

Eine interessante weitere Anwendung ist der Zusatz von Coffein zu Schmerzmitteln, speziell zu Präparaten mit Paracetamol und Acetylsalicylsäure. In einer Dosis von 50 mg verstärkt Coffein den analgetischen Effekt um den Faktor 1,3 bis 1,7. In der Praxis wirken also zwei Tabletten Schmerzmittel mit Coffein so stark wie drei Tabletten des gleichen Schmerzmittels ohne Coffein. Das ermöglicht den Herstellern von Kombinationspräparaten, die Dosis des eigentlichen Analgetikums zu reduzieren. Eine übliche Kombination ist 200 mg Paracetamol, 250 mg Acetylsalicylsäure und 50 mg Coffein (wie in Thomapyrin® oder Spalt® plus Coffein N).

Wissenschaftler konnten durch klinische Untersuchungen Erklärungen liefern, warum Coffein die Wirkung der Analgektika verstärkt: Da das Coffein im Gehirn die Rezeptoren des Neurotransmitters Adenosin blockiert, und Adenosin unter anderem Schmerzen verstärkt, könnte Coffein über die Rezeptorblockade Schmerz lindernd wirken. Auch andere Mechanismen, wie der Einfluss auf die Serotonin-Freisetzung, tragen zentral und peripher zur Schmerzlinderung bei. Ob der Zusatz von Coffein das Abhängigkeitspotenzial der Schmerzmittel erhöht, wurde mehrfach kontrovers diskutiert, konnte aber nicht nachgewiesen werden.

Homöopathischer Schlafverbesserer

Eine dritte Anwendung von Kaffee findet man in der homöopathischen Medizin. Homöopathen setzen getrocknete, ungeröstete Kaffeesamen ein und potenzieren diese nach den Vorschriften des Homöopathischen Arzneibuchs. Nach der Lehre Samuel Hahnemanns wirken derart potenzierte Stoffe genau umgekehrt wie die bei der in der Allopathie üblichen hohen Dosierungen.

Daher setzen Homöopathen Coffea-Präparate gegen nervöse Erregung und Schlaflosigkeit, unter anderem als Folge von Gedankenflut, ein. Die homöopathischen Coffea-Zubereitungen werden als Einzelmittel (zum Beispiel Coffea D6 Globuli, DHU) oder in Kombinationsmitteln (zum Beispiel Hevert-Dorm Complex Tropfen) angeboten.

Auch als Kohle wirksam

Neben der Verwendung von getrocknenten Kaffeesamen hat auch der Einsatz von gerösteten und gemahlenen Bohnen medizinische Tradition: Gegen unspezifische, akute Durchfallerkrankungen, bei Reizdarmsyndrom und äußerlich bei Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut werden unter dem Begriff Kaffeekohle (Coffea carbo) geröstete und gemahlene Kaffeebohnen in einer mittleren Tagesdosis von 8 Gramm als Pulver oder in Form von Zubereitungen eingesetzt. Diese Indikation erhielt 1988 eine positive Beurteilung der ehemaligen Kommission E beim Bundesgesundheitsamt. Die Wirkungen der Kaffeekohle sind auf deren adstringierenden und absorbierenden Effekt zurückzuführen. Durch die große Oberfläche der gemahlenen Bohnen werden organische Verbindungen, Gärungsprodukte sowie Toxine aus dem Darm aufgenommen und die Beschwerden verschwinden.

E-Mail-Adresse des Verfassers:
k.enk(at)gmx.de