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Alfred Brehm

Der deutsche Tiervater

25.01.2013
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Von Ralf Daute / Alfred Edmund Brehm wurde am 2. Februar 1829 in dem thüringischen Renthendorf geboren. Dort starb er auch, im Haus seiner Mutter, am 11. November 1884 im Alter von nur 55 Jahren. Doch was auf den ersten Blick wie ein unspektakuläres Dasein im Abseits der Provinz scheint, war in Wahrheit ein selbst für heutige Verhältnisse schillerndes Leben. Es führte Brehm auf vier Kontinente und er hinterließ ein Werk, das untrennbar mit seinem Namen verbunden bleibt: Brehms Tierleben.

Ein Blick auf sein Elternhaus könnte zu der Auffassung verleiten, der Drang Tiere zu studieren und deren Verhalten zu beschreiben, sei Brehm in die Wiege gelegt worden. Sein Vater Christian Ludwig Brehm war zwar hauptberuflich Pfarrer, aber Besucher des Pfarrhauses in Unterrenthendorf merkten schnell, dass die wahre Leidenschaft des Mannes dem Tierreich galt: Im Haus hortete er eine Sammlung von mehr als 9000 ausgestopften Vögeln.

Der Sohn zeigte zwar Interesse an der Zoologie, aber auf die Idee, daraus einen Beruf oder gar ein Lebenswerk zu machen, kam er zunächst nicht. Im Alter von 15 Jahren lernte er das Maurerhandwerk, im Jahr 1846 begann er in Dresden ein Architekturstudium. Doch das brach er nach wenigen Monaten ab. als er die Chance erhielt, an einer Afrika-Expedition des Barons und Vogelkundlers Johann Wilhelm von Müller teilzunehmen. Als dessen Assistent verließ er am 31. Mai 1847 erstmals deutschen und europäischen Boden. Fünf Jahre war er in Begleitung Müllers in Ägypten, im Sudan und auf der Sinai-Halbinsel unterwegs.

 

Nach ihrer Rückkehr wurde Brehm, gerade 20 Jahre alt, in die Akademie der Naturforscher aufgenommen – obwohl er noch nicht einmal studiert hatte. Das Studium holte er in Jena nach, und nach dem Abschluss seiner Doktorarbeit, begann er mit dem, was ihn berühmt machen sollte: Reisen und Tiere beschreiben. Dazu unternahm er Expeditionen nach Spanien, Skandinavien, Sibirien und mehrmals nach Afrika.

 

Von diesen Expeditionen brachten die Forscher damals immer reichlich Beute mit, mit denen die naturwissenschaftlichen Abteilungen in den Museen bestückt wurden. Von einer Reise nach Sibirien kehrte Brehm beispielsweise mit 150 erlegten Säugetieren, 550 Vögeln, 150 Reptilien, 1000 Insekten, in 13 große Holzkisten verpackt, nach Deutschland zurück.

 

Über seine Begegnungen mit allem, was da kreuchte und fleuchte, verfasste er Aufsätze, die beispielsweise in der Zeitschrift »Gartenlaube« erschienen. Schon damals waren seine Schilderungen in der Wissenschaft umstritten, weil er den Tieren menschliche Charakterzüge andichtete. Gleichwohl stießen sie im Bildungsbürgertum auf großen Anklang, sodass ein Verleger mit gutem Geschäftssinn bei ihm das Großprojekt »Illustrirtes Thierleben« in Auftrag gab. Das Werk erlangte später als »Brehms Tierleben« Weltberühmtheit. Ein Teil des Werkes schrieb Brehm, als er von 1863 bis 1866 den Hamburger Zoo leitete. In Berlin entstand nach Brehms Vorstellungen das Aquarium, dessen Direktor er bis 1878 war.

Brehms Texte lassen den Leser staunen und faszinieren Freunde schöner Prosa bis heute. Über den Löwen berichtete er: »Mit gewaltigem Satze überspringt der Mächtige die Dornenmauer, um sich ein Opfer auszuwählen. Ein einziger Schlag seiner furchtbaren Pranken fällt ein zweijähriges Rind; das kräftige Gebiß zerbricht dem widerstandslosen Thiere die Wirbelknochen des Halses. Dumpf­grollend liegt der Räuber auf seiner Beute; die lebhaften Augen funkeln hell vor Siegeslust und Raubbegier; mit dem Schwanze peitscht er die Luft. Er läßt das verendende Thier auf Augenblicke los und faßt es mit seinem zermalmenden Gebisse von neuem, bis es sich endlich nicht mehr regt. Dann tritt er seinen Rückzug an.«

 

Privaten Rückhalt bei seiner umtriebigen und lange währenden Reisetätigkeit fand Brehm bei seiner Cousine Mathilde Reiz, die er 1861 geheiratet hatte und die ihm organisatorisch den Rücken freihielt. Doch 1878 starb Mathilde bei der Geburt des fünften Kindes – der erste von mehreren privaten Rückschlägen, die die letzten Lebensjahre des Forschers kennzeichnen.

 

Im Jahr 1883 verpflichtete sich Brehm beispielsweise, eine Vortragsreise durch die Vereinigten Staaten zu unternehmen. Kurz vor Reiseantritt erkrankten seine Kinder an Diphtherie. Doch da sein Arzt ihm versicherte, dass sie genesen werden, fuhr er ab – auch aus Angst vor einer Vertragsstrafe. In den USA erreichte ihn dann die Nachricht, dass sein jüngster Sohn Alfred gestorben war. Die 50 vereinbarten Vorträge musste er dennoch halten.

 

Nach Deutschland heimgekehrt, löste er seine Wohnung in Berlin auf und kehrte zurück in seine thüringische Heimat. Dort starb er sechs Monate später. Heute erinnert in dem Dorf die Brehm-Gedenkstätte an ihren größten Sohn, den »Tiervater Brehm«. /

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