PTA-Forum online
Obstipation

Problem für ältere Patienten

25.01.2013
Datenschutz

Von Gudrun Heyn / Menschen mit chronischer Verstopfung leiden unter einer ernstzunehmenden Erkrankung, die sich deutlich auf ihre Lebensqualität auswirkt. Vor allem ältere Patienten klagen über Darmentleerungsstörungen, wenn diese ihnen ständig Probleme bereiten. Doch gerade bei dieser Altersgruppe ist eine sonst übliche Therapie nicht immer sinnvoll.

Chronische Stuhlverstopfung (Obstipation) ist ein weit verbreitetes Leiden, besonders bei älteren Menschen. Während im Durchschnitt rund 15 Prozent der Bevölkerung unter den Beschwerden einer chronischen Obstipation leiden, liegt der Anteil der Betroffenen bei den über 80-jährigen bei etwa 30 Prozent und steigt bei Bewohnern von Pflegeheimen sogar auf 80 Prozent an.

»Vor allem bei denjenigen, die mehrere Arzneimittel gleichzeitig nehmen müssen, ist das Erkrankungsrisiko hoch«, sagte Professor Dr. Martin Wehling, Direktor der Klinischen Pharmakologie Mannheim der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, auf einem Symposium der Firma Shire im Rahmen der 67. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) in Hamburg. Die Behandlung der chronischen Obstipation erfolge zwar nach einem Stufenschema, doch gerade bei älteren Patienten sei Vorsicht geboten, denn nicht alle Laxanzien seien im Alter sicher und effektiv.

Anspruch auf eine Therapie

Viele der Betroffenen leiden erheblich unter den Beschwerden. Oft plagt sie ein geblähter Bauch oder ein unangenehmes Völlegefühl, das selbst nach dem Stuhlgang bestehen bleibt. Und auch die »Toilettensitzung« erleben die Patienten meist als sehr mühsam und zeitaufwendig.

Von einer Obstipation gehen Mediziner dann aus, wenn Menschen seltener als dreimal in der Woche ihren Stuhl entleeren können. Mit der neuen, derzeit noch nicht veröffentlichten Leitlinie zur chronischen Obstipation soll sich diese Definition zukünftig ändern. »Sie stellt die Beschwerden der Patienten in den Mittelpunkt«, sagte Dr. Viola Andresen vom Israelitischen Krankenhaus Hamburg, einem Lehrkrankenhaus der Universität Hamburg, auf der Veranstaltung. Nun gelten auch das Gefühl einer unvollständigen Entleerung, einer Verstopfung, starkes Pressen sowie klumpiger oder harter Stuhl als Leitsymptome der Obstipation. Weitere Diagnosekriterien sind manuelle Manöver bei rund einem Viertel der Stuhlgänge, um die Entleerung zu erleichtern. Weniger als drei Stühle pro Woche wurden als Kriterium beibehalten. Berichtet ein Kunde in der Apotheke, er könne den Stuhl nur unbefriedigend entleeren und schildert er mindestens zwei der genannten Symptome, die seit mindestens drei Monaten bestehen, liegt eindeutig eine chronische Obstipation vor.

»Mit der neuen Leitlinie erkennen die deutschen Fachgesellschaften außerdem an, dass die chronische Obstipation eine ernstzunehmende Erkrankung ist«, erklärte Andresen, die als Mitglied der Konsensusgruppe an der Ausarbeitung der Leitlinie beteiligt ist. Die Leitlinie tritt damit einem weit verbreiteten Vorurteil entgegen, wonach die chronische Obstipation zu den Befindlichkeits­störungen gehört. Für die Versorgung der Patienten hat diese Zuordnung Konsequenzen. So haben Betroffene Anspruch auf eine medikamentöse Therapie, wenn andere Maßnahmen nicht ausreichen.

Mehr Risiko für Ältere

Bei älteren Patienten sind sehr häufig Arzneimittel an der Entstehung einer chronischen Verstopfung beteiligt. Nach einer amerikanischen Studie nimmt rund die Hälfte aller Patienten über 65 Jahre mindestens fünf Arzneimittel ein. Berechnungen gehen davon aus, dass in Deutschland über 80-jährige Patienten bei einer Leitlinien- gerechten Versorgung im Schnitt sogar rund zehn Arzneimittel einnehmen. »Viele dieser Arzneimittel können eine Obstipation fördern«, sagte Wehling. Dazu gehören nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR), Diuretika, Anticholinergika und Opiate.

Aber auch Erkrankungen wie Diabetes mellitus, Herzinsuffizienz oder eine Neuropathie können chronische Obstipation zur Folge haben. Durch ihre Erkrankung und die Therapie gleich doppelt gefährdet sind Patienten mit neurologischen Erkrankungen wie Schlaganfall, Morbus Parkinson oder Demenz. Als weitere Risikofaktoren gelten Mangel- und Fehlernährung im Alter. Oft tragen ein reduziertes Durstgefühl sowie Bewegungs­mangel oder Immobilität mit dazu bei, dass ältere Menschen deutlich häufiger betroffen sind als jüngere.

Nicht alle sind geeignet

Die Therapie der chronischen Obstipation richtet sich nach einem Stufenkonzept. Bei milden Formen der Erkrankung stehen Allgemeinmaßnahmen im Vordergrund. Bereits durch Steigerung der Trinkmenge auf 1,5 Liter pro Tag und Umstellung der Ernährung auf eine faserreichere Kost mit reichlich Obst und Gemüse bessert sich das Krankheitsbild bei einigen Patienten. Diese Maßnahmen wirken jedoch nur dann, wenn sich die Patienten außerdem deutlich mehr bewegen. Bleibt der Erfolg aus, ist die Gabe von wasserlöslichen Quellmitteln wie Psyllium aus Indischen Flohsamenschalen oder Lignin aus Weizenkleie empfehlenswert. In der nächsten Stufe kommen konventionelle Laxanzien zum Einsatz, erst danach sind Prokinetika wie das verschreibungspflichtige Prucaloprid (Resolor®) Mittel der Wahl.

Doch nicht alle konventionellen Laxanzien eignen sich für Patienten höheren Alters. »Salinische Abführmittel wie Glaubersalz und Magnesiumsulfat sind für ältere Patienten sogar völlig ungeeignet«, sagte Wehling. Auch Bisacodyl, Natriumpicosulfat und Senna-haltige Laxanzien gehören zu den problematischen Substanzen. Ihre Langzeitanwendung kann zu einer Elektrolytverschiebung führen, die sich auch auf das Herz auswirken kann. Vor allem eine Hypokaliämie belastet ältere geschwächte Herzen und kann im Ex-­tremfall sogar zu Todesfällen führen. Bei Patienten mit Muskelschwund wirkt sich der Kaliummangel negativ auf die Skelettmuskulatur aus und kann zur Folge haben, dass ältere Patienten nicht mehr aufstehen können.

Wirksam und sicher

Dagegen erwiesen sich einige Laxan­zien in Studien auch bei älteren Patienten als wirksam und sicher. Dazu gehören Psyllium und Kleie sowie die konventionellen Laxanzien Macrogol, Lactulose und Sorbitol. Das Prokinetikum Prucaloprid ist bislang nur für die Anwendung bei Frauen mit schwerer chronischer Verstopfung zugelassen, wenn andere Laxanzien zuvor keine Wirkung erzielt haben. Mehrere Stu­dien, darunter eine mit ausschließlich älteren Patienten, bescheinigten dem Wirkstoff eine effektive Wirkung und ein gutes Sicherheitsprofil. Der selek­tive Serotonin-Rezeptoragonist unterstützt direkt die Bewegungsfähigkeit des Darmes. Dadurch verbesserte er bei den meisten, schwer zu behandelnden älteren Patienten die Symptome der Obstipation deutlich. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

gheyn(at)gmx.de