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Pflanzen des Jahres 2014

Kleine Stars im Rampenlicht

24.01.2014
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Von Michael van den Heuvel / In jedem Jahr wählen Vereine, Stiftungen oder Fachgesellschaften eine Art der heimischen Flora aus und küren diese zur »Pflanze des Jahres«. Damit möchten die Wissenschaftler mehr Aufmerksamkeit auf weniger bekannte Spezies lenken. Die jeweilige Heil-, Arznei- und Giftpflanze ist auch im Apothekenalltag von Bedeutung.

Anis (Pimpinella anisum) ist zur Heilpflanze des Jahres 2014 gekürt worden. Der Verein zur Förderung der natur­gemäßen Heilweise nach Theophrastus Bombastus von Hohenheim (NHV Theophrastus) begründet seine Entscheidung mit den vielfältigen Wirkungen der Anissamen: Wer unter Magen-­Darm-Beschwerden leidet, profitiert von ihren krampflösenden Eigenschaften.

Wässrige Auszüge helfen gegen Blähungen, oftmals in Kombination mit Fenchel und Kümmel. Einen Rat sollte jeder vor Zubereitung des Tees beherzigen: Die Samen vorher anstoßen, damit die etherischen Öle besser freigesetzt werden. Erkältete schätzen heiße Aufgüsse aufgrund ihrer sekretolytischen und expektorierenden Wirkung. Die Inhaltsstoffe des etherischen Öls verstärken die Bewegungen des Flimmerepi­thels, sodass das Abhusten zähen Schleims leichter fällt.

Die Anispflanze ist ein einjähriges Kraut aus der Familie der Apiaceen und erreicht eine Höhe von bis zu 60 Zentimetern. Die graubräunlichen Früchte entwickeln sich im August bis September aus den doldigen Blütenständen. Die Droge Anisi fructus besteht aus den reifen getrockneten Früchten.

Traditionsreiche Art

Mitglieder des Studienkreises »Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde« an der Universität Würzburg nominierten die Arzneipflanze 2014. Ihr Votum fiel auf Spitzwegerich (Plantago lanceolata), eine Wegerich-Art, die schon seit Jahrtausenden in der Heilkunde genutzt wird. Die ausdauernde Pflanze wird bis zu 50 Zentimeter hoch.

Sie gedeiht an trockenen Wegesrändern beziehungsweise auf Wiesen und übersteht selbst Tritte von Wanderern. Mit ihren spitzen, lanzettartigen Blättern fällt auch Laien die Unterscheidung vom Breitwegerich leicht. In den Monaten Mai bis September erhebt sich aus der grundständigen Rosette ein walzenförmiger, ähriger Blütenstand. Die Teedroge (Plantaginis lanceolatae herba) besteht aus den zur Blütezeit geernteten oberirdischen Teilen des Spitzwegerich, also aus Blättern, Stängeln und Blüten.

Die enthaltenen Schleimstoffe überziehen die Schleimhäute in Mund und Rachen mit einem schützenden Film. Die mit 6,5 Prozent größte Inhaltsstoffgruppe der Gerbstoffe wirkt adstringierend und blutstillend, sodass Extrakte die Wundheilung beschleunigen. Bereits William Shakespeare erwähnte diese Effekte von Spitzwegerich («plantain«) in seinen Werken. So galt das Stillen von Blutungen bei Wunden seit der Antike als wichtigstes Einsatzgebiet des Spitzwegerichs. Laut Überlieferungen sollte die Pflanze auch bei Tierbissen und Insektenstichen helfen, sowie bei starken Menstruationsblutungen. Als verantwortliche Substanzgruppe für die antibakterielle Wirkung werden die Iridoidglycoside angenommen, etwa Aucubin oder Catalpol. Aufgüsse und Extrakte aus Plantago lanceolata lindern effektiv Katharre der oberen Atemwege, Entzündungen im Mund- und Rachenraum. Das Österreichische Arzneibuch (ÖAB) führt auch einen Spitzwegerichsirup (Plantaginis sirupus) auf. Zur Herstellung werden die getrockneten Blätter mit heißem Wasser extrahiert und Saccharose zugegeben. Durch vorsichtiges Einkochen entsteht daraus ein Sirup, der sich mit Parabenen konserviert lässt.

Hohe Lebenserwartung

Ein weiterer Star des neuen Jahres: Ende Oktober wurde die Trauben-Eiche (Quercus petraea) vom Kuratorium der Dr.-­Silvius-Wodarz-Stiftung zum Baum des Jahres 2014 gekürt. Die bekanntere Eichen-Art, die Stiel-Eiche, war 1989 der erste Baum des Jahres. Vor 25 Jahren rief Dr. Silvius Wodarz, der heutige Präsident der Baum des Jahres-Stiftung, diese Umweltschutz-Initiative ins Leben.

Die Trauben-Eiche wird auch Winter-­Eiche genannt, denn ihre Blätter verbleiben oft bis zum Frühjahr am Baum. Manche Exemplare erreichen eine Höhe von 40 Metern und werden bis zu 1000 Jahre alt. Im Unterschied zur Stiel-Eiche wächst Quercus petraea auch noch auf trockenen nährstoff­armen Böden recht gut. Aufgrund ihrer tief reichenden Pfahlwurzeln über­stehen Trauben-Eichen selbst heftige Stürme. Im Alter von 20 bis 40 Jahren bilden sie erstmals Blüten und Früchte. Die Eicheln sitzen traubenartig beieinander, was dem Baum seinen Namen gab. Die Früchte – botanisch handelt es sich um Nüsse – reifen im September bis Oktober. Über diese Nahrung freuen sich viele Waldtiere. In Notzeiten dienten geröstete Eicheln den Menschen als Kaffee­ersatz. Das Holz wird zur Herstellung von Möbeln, Dielen oder Fässern verwendet.

Im westlichen Mittelengland steht die dickste Trauben-Eiche der Welt mit einem Umfang von 13 Metern. Die dickste deutsche Trauben-Eiche, die Dunie-Eiche bei Uslar, ist rund 500 Jahre alt, der Umfang ihres Stammes beträgt mehr als 8 Meter.

Aus pharmazeutischer Sicht ist vor allem die Rinde mit einem Gerbstoff­gehalt zwischen 8 und 20 Prozent in der Trockensubstanz erwähnenswert. Die Hauptinhaltsstoffe sind Catechin-­Gerbstoffe und Proanthocyanidine. Die Droge Quercus cortex enthält getrocknete Rindenstücke der Trauben-Eiche (Quercus petraea), der Stiel-Eiche (Quercus robur) und/oder der Flaum-­Eiche (Quercus pubescens). Auszüge wirken adstringierend, blutstillend und lindern Juckreiz der Haut. Sitzbäder eignen sich für Patienten mit Analfissuren oder Hämorrhoiden. Bei Entzündungen im Mund- und Rachenbereich bringt das Gurgeln mit einem Aufguss rasche Besserung.

Lebensraum bedroht

Doch zurück zu handlicheren Pflanzenvertretern: Die Loki-Schmidt-Stiftung kürt regelmäßig eine Blume des Jahres. 2014 will die Stiftung die Schwanenblume (Butomus umbellatus) und ihren Lebensraum mehr ins öffentliche Bewusstsein rücken. Diese Wahl soll gleichzeitig auch an Loki Schmidt (1919–2010) erinnern, Naturschützerin der ersten Stunde und Ehefrau des Altkanzlers Helmut Schmidt.

Die Schwanenblume wächst in Fluss­auen beziehungsweise Marschgebieten von Elbe, Rhein und Oder. Sie hat sich perfekt ihrem feuchten Lebensraum angepasst. Sie trotzt nicht nur immer wiederkehrenden Überflutungen, sondern benötigt diese sogar: Das Hochwasser trägt mit den abgestor­benen Pflanzenteilen auch Nährstoffe heran. Die Schwanenblume blüht von Juni bis August in verschiedenen Rot- und Weißtönen und verdankt ihren Namen dem schwanenhalsartig gebogenen Griffel der Blüte. Neben den dort heranwachsenden Samen vermehren sich Schwanenblumen auch vegetativ über Brutknospen, die sich im Herbst von der Mutterpflanze lösen, im Wasser davon treiben und im Schlamm Wurzeln schlagen. Deiche und Entwässerungsmaßnahmen gefährden den Lebensraum der attraktiven Pflanze. Daher steht die Schwanenblume auf der Vorwarnliste der bedrohten Arten.

Früher wurden Rhizom und Samen der Schwanenblume unter dem Namen »radix und semina Junici floridi« äußerlich zur Erweichung verhärteter Hautstellen sowie innerlich gegen die Wassersucht genutzt. Heute ist ihre Anwendung als Heilpflanze lange obsolet.

Elegante Schönheit

In deutschen Gärten hat die Elfenblume (Epimedium) einen festen Platz erobert. Ihr Name soll auf die zarte, elfengleiche Blüte hinweisen. Viele der rund 60 immergrünen Arten und der zahllosen Hybriden wachsen im Halbschatten. Alle Elfenblumen haben dieselbe charakteristische Blütenform aus vier inneren und vier äußeren Blütenblättern. Die äußeren Blütenblätter sind teilweise als Sporne ausgebildet. Dies verleiht den Blüten noch mehr Anmut. Die Farb­palette der Epidemium-Arten reicht von Goldgelb über Hellgelb, Weiß, Rosa, Rot bis hin zu Violett, etliche sind auch zweifarbig.

Der anspruchslose Bodendecker breitet sich durch Ausläufer aus und verträgt auch Trockenheit gut. Elfenblumen sind eine der pflegeleichtesten und langlebigsten Pflanzen im Garten. Sie eignen sich gut zur Unterpflanzung von Gehölzen. Grund genug für den Bund deutscher Staudengärtner, Elfenblumen wegen ihrer Schönheit und Robustheit mit dem Titel »Staude des Jahres 2014« auszuzeichnen.

In der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) setzen Ärzte Epime­dium-Arten bei Hypertonie, Rheuma sowie bei Frauen in der Menopause ein. Das chinesische Arzneibuch erwähnt fünf Arten. Nachdem Wissenschaftler herausfanden, dass ein Naturstoff namens Icariin im Tierversuch das Enzym Phosphodiesterase-5 hemmt, erschienen kurz darauf erste Getränke mit Epimedium-Extrakten auf dem Markt. Vor deren Genuss warnen Experten allerdings eindringlich. Wie Icariin auf den menschlichen Körper wirkt, ist noch weitgehend unbekannt. Toxische Langzeiteffekte lassen sich nach aktuellem Kenntnisstand nicht ausschließen.

Schön und giftig

Apropos Gifte: Pflanzen mit toxischen Inhaltstoffen sind seit Jahrhunderten auch für Pharmazie und Medizin von großer Bedeutung. Grund genug für den Botanischen Garten Wandsbek, die »Giftpflanze des Jahres« zu wählen. Über den Favoriten können Interessierte per Internet abstimmen. Zu den diesjährigen Kandidaten zählten Tomaten (Solanum lycopersicum), Engelstrompeten (Brugmansia), Maiglöckchen (Convallaria majalis) und Blauregen (Wisteria sinensis). Inzwischen ist die Abstimmung beendet: Auf Platz 1 steht das Maiglöckchen mit 36,5 Prozent der Stimmen, gefolgt von der Engelstrompete (32,2 Prozent), dem Blauregen (20,8 Prozent) und der Tomate (10,5 Prozent).

Convallaria majalis gehört zu der artenreichen Familie der Spargelgewächse, der Asparagaceae. Die Pflanze überdauert den Winter mit einem Rhizom und treibt im Frühjahr erste Blätter aus. Ab April und Juni bildet sich ein Blütenstand mit bis zu zehn Blüten. Später entwickeln sich leuchtend rote Beeren.

Alle Pflanzenteile gelten als sehr giftig. Jedes Jahr warnt das Bundesins­titut für Risikobewertung (BfR) vor Verwechslungen, sollten ungeübte Sammler statt des schmackhaften Bärlauchs ähnlich aussehende Maiglöckchenblätter ernten. Als wichtigste Inhaltsstoffe enthält Convallaria majalis die herz­wirksamen Glykoside Convallatoxin, Convallatoxol, Convallosid und Desglucocheirotoxin. Nach oraler Aufnahme kommt es zu Übelkeit, Durchfall, Herzrhythmusstörungen und Schwindel.

Als Notfallmaßnahme spülen Ärzte den Magen der Betroffenen, um eine weitere Resorption zu verhindern. Aktivkohle kommt ebenfalls zum Einsatz. Bei dem anschließenden Vorgehen orientieren sie sich an den Symptomen. Haben sich Patienten mit Maiglöckchenblättern vergiftet, hilft ihnen auch ein Digitalis-Antidot mit Fab-Antikörperfragmenten. Es bindet und inak­tiviert die toxischen Substanzen. /

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