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Weihrauch

Mit Gold aufgewogen

24.01.2014
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Von Gerhard Gensthaler / In der Heilkunde alter Kulturen galt Weihrauch als wichtiges Heilmittel gegen Infektionen und Entzündungen aller Art. Als entzündungshemmende und schmerzstillende Inhaltsstoffe konnten Wissenschaftler die im Harz enthaltenen Boswelliasäuren identifizieren. Doch möglicherweise birgt Weihrauch weitere wirksame Komponenten, denn die Forschungsarbeiten sind noch nicht abgeschlossen.

Bei Weihrauch denkt sicher jeder an die Heiligen Drei Könige, die neben Myrrhe und Gold dem neugeborenen Christuskind Weihrauch als kostbares Geschenk brachten. Das Harz war seit dem vierten Jahrtausend vor Christus in den Ländern des gesamten Orients ein hoch angesehener Luxus.

Den Weihrauchduft schätzten viele Kulturen als den edelsten aller Wohlgerüche, der meist den Königen und Göttern vorbehalten war. Schon allein die Tatsache, dass Rauch stets nach oben steigt, machte den Weihrauch in vielen Kulturkreisen zum Vermittler der Gebete zu Gott oder den Göttern. Weihrauch zu verbrennen begleitete viele Opferrituale. Einer Legende nach erhielt Adam bei der Vertreibung aus dem Paradies die Erlaubnis, einen Weihrauchbaum mit zu nehmen.

Am Totentempel der Pharaonin Hatschepsut (Regierungszeit etwa 1479 bis 1458 v. Chr.) in Theben finden sich die ersten Darstellungen von Weihrauchbäumen. Hatschepsut führte die Bäume aus dem Lande Punt ein und ließ sie anpflanzen, um künftig auch in Theben Weihrauch gewinnen zu können. Die Völker in Mesopotamien, Ägypten, Griechenland ebenso wie die Römer kannten und schätzten den Weihrauch seit Langem. Vor mehreren tausend Jahren existierten bereits feste Handelswege, sogenannte Weihrauchstraßen, auf denen das kostbare Gut zum einen aus Somalia und Äthiopien, zum anderen aus Indien und den Ländern am Roten Meer nach Mesopotamien und Ägypten und später in das römische Reich gebracht wurde. An seinem Ziel wurde das Harz dann mit Gold aufgewogen.

Seit Urzeiten verwendeten die Menschen vieler Kulturen und Religionen Weihrauch zum Schutz vor dem Bösen und zu dessen Abwehr. Im Alpengebiet hat sich diese Tradition bis heute erhalten. In den sogenannten Rauhnächten sollen die bösen Geister Macht über Mensch und Tier haben. Sie dauern 12 Tage: vom 25. Dezember bis zum 6. Januar.

Die alten Ägypter verwendeten Weihrauch zur Mumifizierung bedeutender Personen oder auch als Liebeszauber. Die ersten Christen lehnten anfänglich ab, Weihrauch in der Liturgie zu verwenden. Im frühen Mittelalter wurde er dann zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Heiligen Messe..

Wo sonst nichts wächst

Der Weihrauchbaum, Boswellia sacra Flueckiger oder Boswellia serrata Roxb., gehört zur Familie der Balsamgewäsche (Burseraceae). Er wird bis zu 8 Meter hoch, ist stark verzweigt, bildet dicke Äste und eine papierähnliche Rinde. Seine Blätter sind gefiedert, die Blüten klein und sternförmig blassgelb. Boswellia sacra wächst in der Hauptsache an trockenen, wüstenartigen Orten, weil er wenig Wasser braucht. Daher ist er vor allem im südlichen Teil der arabischen Halbinsel (Oman), im Nordosten Afrikas (Somalia, Äthiopien, Kenia) und in Nord-Indien zu finden. Im Oman wird versucht, ihn in Plantagen zu kul­tivieren.

Es gibt insgesamt etwa 24 verschiedene Boswellia-Arten. Verwendet werden in der Hauptsache die Harze von vier verschiedenen Arten: Boswellia frereana, Boswellia papyrifera, Boswellia neglecta und Boswellia sacra oder Boswellia serrata.

Das Weihrauchharz ist ein natürliches Vielstoffgemisch mit den üblichen Schwankungen je nach Standort und Art. Das Harz von Boswellia sacra ist unter den Bezeichnungen Oman-­Weihrauch, Arabischer Weihrauch, Somalischer Weihrauch oder Olibanum sacra im Handel. Boswellia serrata, Harz aus Nord-Indien ist dagegen unter den Namen Indischer Weihrauch, Sallaki/Salakhi, Loban oder Lobhan und Luban bekannt. Nur für den Indischen Weihrauch von Boswellia serrata, der in Deutschland auch Olibanum Indicum heißt, existiert eine Monographie im Europäischen Arzneibuch. Daher darf nur das Gummiharz von Boswellia serrata Roxb. Ex Colebr. pharmazeutisch verwendet werden.

Kostbarkeit aus der Wüste

Weihrauch ist das getrocknete Harz, das aus den angeschnittenen Stellen von Stamm oder Ästen als weißlicher Milchsaft austritt. In der Hitze verdunstet das Wasser und der Saft wird schnell fest. Es bilden sich tropfenartige, elfenbeinfarbene bis bräunliche perlige Strukturen, die von einem weißen Staub überzogen sind. Die Harzausbeute pro Baum beträgt bei einer Ernte bis zu 1 Kilogramm. Geerntet werden kann nur bis zum Blattaustrieb und zur Blüte. Danach braucht der Baum Schonung.

Die Qualität des Olibanum Indicum wird im 6. Nachtrag zur 7. Ausgabe des Europäischen Arzneibuchs festgelegt. In dieser Monographie ist zur Identität des Harzes eine Dünnschichtchromatographie vorgeschrieben. Zugelassene Fertigarzneimittel mit Olibanum Indicum gibt es in den EU-Ländern nicht, nur homöopathische Zubereitungen.

Da für andere Weihrauchsorten wie den Afrikanischen Weihrauch von Boswellia sacra keine Monographien vorliegen, können diese Sorten hinsichtlich ihrer Eignung für die arzneiliche Verwendung nicht untersucht werden. Auch liegen zu diesem Harz keine Beurteilungen der Kommission E oder des zuständigen Ausschusses der Europäischen Arzneimittel­agentur vor.

Komplexe Boswellia-Sorten

Weihrauch enthält 5 bis 9 Prozent ätherisches Öl mit a-Pinen und etlichen anderen Monoterpenen und Diterpenen, zusätzlich etwa 60 Prozent Harze (überwiegend pentacyclische Triterpene) sowie noch circa 20 Prozent Schleimstoffe. Die wohl bekannteste Inhaltsstoffgruppe, die Boswelliasäuren, kommt nur in Boswellia-Arten vor. Chemisch gesehen gehören sie in die Gruppe der pentacyclischen Triterpene und werden je nach der Stellung der Methylengruppen in aß- und ß-Isomeren unterschieden. Alle Boswelliasäuren machen zusammen etwa 50 Prozent der Harzsäuren aus.

Da die Synthese der Boswelliasäuren sehr schwierig ist, muss auf den natürlichen Weg der Harzgewinnung zurückgegriffen werden, was wiederum den Bestand der Weihrauchbäume stark gefährdet.

Heilsame Wirkungen

Weihrauchharz schmeckt bitter und ist praktisch geruchlos. Traditionell kauten die Menschen das Harz. Dadurch wird es weich und zerfließt im Mund. Der bekannte typische Geruch entsteht erst, wenn Weihrauchkörner auf glühende Kohle gestreut werden.

In der Heilkunde vieler alter Kulturen hatte Weihrauch eine feste Stellung. Weihrauch war in der traditionellen, arabischen, ägyptischen, chinesischen, griechisch-römischen und indischen Medizin ein wichtiges Heilmittel gegen entzündliche Zustände aller Art und Infektionen. Heute ist bekannt, dass die in den Harzen enthaltenen Boswelliasäuren für die entzündungshemmende, schmerzstillende, expektorierende und antimikrobielle Wirkung verantwortlich sind.

Die Volksmedizin schätzt schon lange den Einsatz von Weihrauch beziehungsweise der Trockenextrakte bei Rheuma und Arthritis und den Symptomen von Morbus Crohn. Äußerlich wird Weihrauch bei entzündlichen Haut­erkrankungen eingesetzt.

Bereits ab 1871 führte die erste Aus­gabe des Deutschen Arzneibuchs, das ­ DAB 1, Weihrauch auf. Doch nahm seine therapeutische Bedeutung seit dieser Zeit stetig ab. Schließlich verschwand der Weihrauch 1941 aus dem Deutschen Arzneibuch.

Der europäische Dachverband der nationalen Gesellschaften für Phythotherapie (ESCOP) befürwortet die Anwendung von Weihrauch »bei Colitis ulcerosa und Osteoarthritis«. Er nennt in einer entsprechenden ESCOP-Monographie als Dosis für den alkoholischen Trockenextrakt aus Indischem Weihrauch 250 bis 1200 Milligramm pro Tag zur Behandlung der schmerzhaften Arthrose und 900 bis 3600 Milligramm täglich zur Therapie chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen (zur Rechtslage siehe Kasten).

Gerichtsurteile zu Weihrauch

Das erste Urteil zu Weihrauch stammt vom Oberverwaltungsgericht (OVG) in Saarlouis. Am 14. Februar 2006 entschied das OVG, dass es sich bei Weihrauchextrakt »nach Auffassung des Gerichts um ein Funktionsarzneimittel« handelt, »da der Extrakt pharmakologisch wirksam sei.«

Am 30. April 2009 folgte ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) zu H15 Weihrauch-Tabletten. Der EuGH entschied, »dass ein Erzeugnis, das einen Stoff enthält, der in einer bestimmten Dosierung eine physiologische Wirkung hat, kein Funktionsarzneimittel ist, wenn es in Anbetracht seiner Wirkstoffdosierung bei normalem Gebrauch gesundheitsgefährdend ist, ohne jedoch die mensch­lichen physiologischen Funktionen wiederherstellen, korrigieren oder beeinflussen zu können.«

Die positive Wirkung bei Arthritis geht offensichtlich auf die Hemmung der 5-Lipoxygenase durch Acetyl-11-keto-ß-boswelliasäure zurück. Dadurch wird die Bildung von Leukotrienen verhindert. Aus einer 2012 erschienenen Studie des Arbeitskreises von Professor Dr. Oliver Werz (Universität Jena) geht hervor, dass Boswelliasäuren Entzündungsreaktionen verringern, indem sie die Synthese von Prostaglandin E2 unterbinden. Boswelliasäuren hemmen das für dessen Synthese zuständige Enzym. Die im ätherischen Öl enthaltenen Verbindungen wirken abschwellend und antibiotisch. Das ätherische Öl wird durch Wasserdampf-Destillation aus dem Harz gewonnen. Es enthält zu 75 Prozent Monoterpene, Sesquiterpene, Monoterpanol, Sesquiterpanol und Ketone. Dabei unterscheidet sich das Arabische Weihrauchöl durch seinen balsamischen und süßen Duft von dem Indischen Weihrauchöl, das zitronig frisch duftet. Anhänger der Aromatherapie nutzen das durch Wasserdampf-Destillation aus dem Gummi­harz gewonnene ätherische Öl bei Angst- und Spannungszuständen.

Eine israelische Forschergruppe beschäftigt sich mit Incensol, einem weiteren Inhaltsstoff des Harzes, das im Weihrauch zu circa 2,7 Prozent enthalten ist. Dabei ergaben In-Vitro- und Tierversuche, dass diese Substanz sowohl Entzündungen hemmt als auch psychoaktiv wirkt.

Patienten sollten Weihrauch immer nur nach Rücksprache und unter Aufsicht ihres Arztes einnehmen. Weitere klinische Studien und Berichte aus der Erfahrungsmedizin sollten die bisher bekannten Effekte wissenschaftlich bestätigen, eventuell sogar zu neuen Erkenntnissen führen.

Nebenwirkungen

Bisher sind keine Wechselwirkungen mit Weihrauch bekannt. Da Weihrauch jedoch einige Cytochrom-P450-Enzyme hemmt, dürfte das den Abbau verschiedener Medikamente verlangsamen. Gelegentlich führte Weihrauch zu Magen- und Darmbeschwerden, Durchfall, Bauchschmerzen und allergischen Reaktionen. Aufgrund fehlender Daten sollten Schwangere und Stillende sowie Kinder auf Weihrauch verzichten. /

E-Mail-Adresse des Verfassers
gerhard.gensthaler(at)t-online.de